Kapitel 20

Misakis Kopf pochte, als würde ein Presslufthammer in ihrem Schädel arbeiten. Ein leises Stöhnen verließ ihre Lippen, während sie sich mühsam aufrichtete.
„Nie wieder Alkohol …“, murmelte sie, während sie sich mit einer Hand an die Schläfen fasste.

Ihr Körper fühlte sich schwer an, als hätte sie in einem Strudel aus Müdigkeit und Restalkohol geschlafen. Doch kaum hatte sie sich aufgesetzt, ertönte ein leises Summen, gefolgt vom Geräusch sich bewegender Mechanik. Ehe sie sich versah, öffneten sich die Rollos an den großen Fenstern wie von Geisterhand, und die warme Morgensonne flutete den Raum. Misaki blinzelte überrascht und hob instinktiv eine Hand, um sich vor dem plötzlichen Licht zu schützen.

Aber etwas stimmte nicht. Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnten, nahm sie ihr Umfeld deutlicher wahr – und ihr Herz setzte für einen Moment aus. Das war nicht ihr Zimmer. Das Bett, in dem sie lag, war breiter als ihr eigenes, die Matratze weicher. Die Wände waren in einem eleganten Schwarz gehalten, während das moderne Mobiliar in kühlen Grautönen gehalten war. Alles wirkte makellos, als hätte sich hier noch nie jemand achtlos bewegt. Vor ihr erstreckten sich bodentiefe Fenster, die eine atemberaubende Aussicht auf die Skyline von Tokio boten. Die Stadt lag wie ein schlafender Riese unter dem sanften Morgenlicht, während vereinzelte Autos und Menschen bereits ihren Weg durch die Straßen bahnten.

Misakis Herz klopfte schneller. Wo bin ich? Ihr Blick wanderte hektisch durch das Zimmer. Ein minimalistisches Bücherregal an der Wand, ein schlichter schwarzer Schreibtisch mit nur wenigen Gegenständen darauf, eine Kommode aus dunklem Holz – alles wirkte viel zu edel, zu stilvoll, um zu ihrer eigenen Wohnung zu gehören. Dann fiel ihr Blick auf den kleinen Nachttisch neben ihr. Ein Glas Wasser und eine Tablette standen ordentlich darauf, daneben ein kleiner, handschriftlich verfasster Zettel.

Mit leicht zitternden Fingern nahm sie das Blatt Papier auf und überflog die Worte: „Sie werden Kopfschmerzen haben, wenn Sie aufwachen. Nehmen Sie die Tablette.“ Die Handschrift war akkurat, elegant und unverkennbar. Shouta.

Misaki hielt den Atem an. Also bin ich in seiner Wohnung? Die Erkenntnis traf sie mit voller Wucht, während Erinnerungsfetzen der letzten Nacht durch ihren Kopf geisterten. Das Geschäftsessen. Der Sake. Ihr peinlich lockeres Gerede.
Wie sie immer angetrunkener wurde … und dann? Sie schloss für einen Moment die Augen und versuchte, die Leere in ihrem Gedächtnis zu füllen. Doch alles, was sie fand, war ein vages Gefühl von Wärme – und das Echo seines tiefen Lachens.

Misaki nahm die Tablette mit einem Schluck Wasser und setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. Ihr Kopf pochte noch immer, und ihre Gedanken waren ein einziges Durcheinander. Langsam stand sie auf, als würde sie befürchten, etwas in diesem makellosen Raum zu beschädigen. Dann fiel ihr Blick auf sich selbst – und ihr Herz machte einen Sprung. Das elegante Kleid vom gestrigen Abend war verschwunden. Stattdessen schmiegte sich ein seidenweicher Stoff an ihre Haut, kühl und sanft zugleich. Der Schlafanzug war enganliegend, aus feinster Seide, in einem goldenen Schimmer, der bei jeder ihrer Bewegungen im Licht glänzte.

Die zarte Eleganz des Stoffs ließ keinen Zweifel daran, dass dieses Kleidungsstück für eine Frau bestimmt war. Misaki fuhr mit den Fingerspitzen über den glatten Stoff und schluckte schwer. Eine plötzliche Erkenntnis ließ sie innehalten. Hat Shouta mich umgezogen? Hitze stieg ihr ins Gesicht, als ihr Blick erneut durch das Zimmer wanderte, als könnte sie irgendwo eine Antwort auf ihre unausgesprochene Frage finden.

Sie erinnerte sich nicht daran, sich selbst umgezogen zu haben. Tatsächlich konnte sie sich an kaum etwas erinnern, nachdem sie zu viel getrunken hatte. Ein nervöses Ziehen machte sich in ihrer Brust breit. Was war letzte Nacht passiert? Und vor allem – wie viel hatte sie vor Shouta preisgegeben, ohne es zu wissen? Vorsichtig setzte Misaki einen Fuß vor den anderen, als würde sie befürchten, dass der Boden unter ihr nachgeben könnte. Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Tür – und hielt kurz den Atem an.

Vor ihr erstreckte sich ein beeindruckendes, modernes Wohnzimmer, das sich nahtlos mit einer offenen, hochmodernen Küche verband. Die großen Fenster, die fast die gesamte Wand einnahmen, ließen das Morgenlicht in sanften Strahlen in den Raum fluten, während die Skyline von Tokio sich in der Ferne erstreckte. Alles wirkte edel, stilvoll, aber dennoch unnahbar – genau wie sein Besitzer. Doch von Shouta selbst war keine Spur zu sehen. Zögernd trat Misaki weiter in das Apartment. Ihre bloßen Füße sanken in den weichen Teppich, während ihre Augen neugierig über die minimalistische Einrichtung glitten.

Ein dunkles Ledersofa, eine Vitrine mit edlen Spirituosen, ein Bücherregal, in dem sich Fachbücher und Romane mischten – überraschend persönlich für jemanden, der nach außen hin so distanziert wirkte. Ihr Blick wanderte weiter zur offenen Küche. Auf der Marmorarbeitsplatte stand eine einzelne Tasse, daneben ein frisch gebrühter Kaffee, aus dem noch leichter Dampf aufstieg. Ein nervöses Kribbeln breitete sich in ihr aus. War er noch hier? Hatte er absichtlich auf sie gewartet?

Gerade als sie sich der Tasse näherte, erklang hinter ihr eine tiefe, ruhige Stimme. „Sie sind endlich wach.“

„Shouta, du—“ begann Misaki, doch bevor sie den Satz beenden konnte, wurde sie von seiner kühlen Stimme unterbrochen.

„Nennen Sie mich Takahashi-san.“ Seine Worte waren ruhig, aber bestimmt, während er sich mit einer fast unnahbaren Gelassenheit an den Tisch setzte.

Der dampfende Kaffee in seiner Hand schien das Einzige zu sein, das ihm in diesem Moment Aufmerksamkeit abverlangte. „Das gestern war nur eine Ausnahme.“

Misaki blinzelte überrascht. Eben noch hatte sie geglaubt, eine Art Nähe zwischen ihnen gespürt zu haben – ein Moment, der fast zu intim gewirkt hatte, um einfach so beiseitegeschoben zu werden. Doch nun saß er da, wieder der undurchdringliche, distanzierte Mann, den sie aus dem Büro kannte. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. War das alles für ihn nur ein Geschäftstermin gewesen? Der Abend, das Gespräch, der Sake … Und dann, dass er sie hierher gebracht hatte?

Sie presste die Lippen aufeinander, kämpfte gegen das leichte Stechen in ihrem Inneren an und richtete sich etwas auf. „Verstehe“, sagte sie schließlich und zwang sich zu einem neutralen Tonfall. „Dann … danke, dass du—äh, dass Sie mich hergebracht haben.“

Er hob kaum merklich eine Augenbraue, sagte aber nichts weiter, sondern nahm einen Schluck seines Kaffees, als hätte sich die Atmosphäre im Raum nicht gerade schlagartig verändert. Misaki wusste nicht, ob es die Nachwirkungen des Alkohols oder einfach ihre eigenen widersprüchlichen Gefühle waren, aber plötzlich wollte sie nur noch so schnell wie möglich von hier verschwinden.

Shouta räusperte sich leicht, seine Stimme gewohnt ruhig, doch in seinem Blick lag ein Anflug von Unsicherheit. „Nun, ich dachte, es wäre Ihnen unangenehm, in Ihrem Zustand vor Ihre Familie zu treten. Also hielt ich es für besser, Sie hier herzubringen.“

Misaki nickte langsam, obwohl ihr Herz ein wenig schneller schlug. „Und … Haben Sie mich umgezogen?“

Er erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde, bevor seine Antwort fast zu hastig kam. „Um Gottes willen, nein!“ Misaki zog eine Augenbraue hoch. War das Nervosität in seiner Stimme? Doch bevor sie weiter nachhaken konnte, fuhr er fort: „Ich habe meine Haushälterin damit beauftragt. Dafür schulde ich ihr jetzt wohl einen kleinen Bonus – sie ist schließlich spät in der Nacht extra gekommen, nur um Ihnen zu helfen.“

„Ah … Na dann …“ Misaki entspannte sich etwas, doch eine neue Frage drängte sich auf. „Wo sind meine Sachen?“

Shouta sah sie an, als hätte sie etwas völlig Absurdes gefragt. „In der Reinigung.“

„In der Reinigung?“, wiederholte sie verwirrt.

„Sie hatten einen kleinen Unfall.“ Ein ungutes Gefühl beschlich sie.

„Unfall?“

Er nahm einen ruhigen Schluck von seinem Kaffee, bevor er mit unbeirrbarer Gelassenheit sagte: „Ich sage es mal so – ich hoffe, man bekommt die Flecken von Erbrochenem heraus. Das Kleid war teuer.“

Misaki spürte, wie ihr die Hitze in den Kopf schoss. Oh Gott. Sie hatte sich vor ihrem Chef übergeben. Auf das Kleid! Sie wünschte sich, im Erdboden zu versinken.

„Und … Was ziehe ich jetzt an?“ fragte sie kleinlaut.

Shouta seufzte leise und lehnte sich zurück. „Ich werde Ihnen etwas geben. Aber trinken Sie erst mal Ihren Kaffee, um richtig wach zu werden.“

Misaki murmelte ein leises „Danke“ und setzte sich mit der dampfenden Tasse an den Tisch. Als sie den ersten Schluck nahm, hielt sie überrascht inne. Der Kaffee schmeckte genauso, wie sie ihn liebte – süß, sehr süß. Sie sah ihn an und runzelte die Stirn. „Woher wissen Sie, wie ich meinen Kaffee trinke?“

Es war nur ein winziger Moment, kaum wahrnehmbar, aber Misaki hätte schwören können, dass die Mundwinkel ihres sonst so ernsten Chefs kurz zuckten. „Seitdem Sie bei uns arbeiten, verschwindet der Zucker auf mysteriöse Weise.“

Misaki musste sich eingestehen, dass ihr Zuckerkonsum beim Kaffee vielleicht etwas … Überdurchschnittlich war. Aber so schmeckte er eben am besten. Gerade als sie ansetzen wollte, etwas zu sagen, durchbrach das Klingeln eines Handys die Stille.

Shouta zog sein Smartphone aus der Tasche, warf einen Blick auf den Namen auf dem Display und seufzte tief. „Was will der denn jetzt?“, murmelte er genervt, bevor er widerwillig heranging. „Yuma. Es ist Samstag. Kann ich nicht mal am Wochenende Ruhe vor deinen Spinnereien haben? Außerdem bin ich beschäftigt. Hast du nicht irgendwas zu tun, deine komischen Animes schauen - oder Arbeiten, dass könnte dir mal gut tun.“

Misaki versuchte sich unauffällig mit ihrem Kaffee zu beschäftigen, tat so, als würde sie nichts hören, während sie sich weiter im Apartment umsah.

„Wie?“ Shoutas Stirn legte sich in Falten, und seine Miene wurde zunehmend genervter. „Ja, sie ist noch hier, aber warum—?“

Plötzlich hielt er inne und starrte ungläubig auf sein Handy. Yuma hatte einfach aufgelegt. Mit einem weiteren Seufzen fuhr er sich durch die Haare und sah Misaki mit kühler Gelassenheit an. „Nun, es scheint, als würden Sie Ihren ganz persönlichen Abholservice bekommen. Sie sollten sich fertig machen, bevor Yuma hier hereinstürmt und mir meine Möbel zerlegt, während er nach Ihnen sucht.“

Er stand auf, verschwand kurz im Schlafzimmer und kam dann mit einem sorgfältig gefalteten Outfit sowie ihrer Handtasche zurück. Das elegante Ensemble erinnerte an hochwertige Business-Kleidung – stilvoll, aber zurückhaltend. „Ziehen Sie das an. Im Bad finden Sie Make-up, falls Sie sich frisch machen möchten.“

Misaki nahm die Kleidung entgegen und warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Wieso haben Sie überhaupt Make-up hier?“

Shouta hob eine Augenbraue, sagte aber nichts dazu. Verwirrt zuckte Misaki mit den Schultern und begab sich ins Badezimmer.
Wie erwartet lag vor dem großen Spiegel eine sorgfältig arrangierte Auswahl an Schminkutensilien. Während sie sich das Gesicht wusch und dezent nachschminkte, betrachtete sie sich in dem Spiegelbild.

Das Outfit ließ sie fast nostalgisch werden – es erinnerte sie an die Zeit, als sie noch bei ihren Eltern gewohnt hatte und ständig gezwungen war, sich in förmliche Kleidung zu zwängen. Sie seufzte leise. „Ich hatte gehofft, in meiner Freizeit nie wieder so etwas tragen zu müssen …“, murmelte sie vor sich hin.

Nachdem sie fertig war, griff sie nach ihrem Handy – und ihr Herz setzte für einen Moment aus. Mehrere verpasste Anrufe von Aoi und Yuma. Unzählige Nachrichten. Aoi klang besorgt, fragte, wo sie steckte. Yuma hingegen … Ihr Blick glitt zur letzten Nachricht.

Yuma: Wenn Shouta dir auch nur ein Haar gekrümmt hat, reiß ich ihm eigenhändig den Arsch auf.

Misaki schluckte. Oje. Das konnte ja heiter werden.

Sie trat aus dem Bad zurück ins Wohnzimmer, wo Shouta mittlerweile konzentriert an seinem Laptop tippte. Selbst am Wochenende konnte er sich also nicht von der Arbeit trennen – wenig überraschend. Er schien ihre Anwesenheit kaum zu registrieren, warf nur einen kurzen Blick in ihre Richtung, bevor seine Finger wieder über die Tastatur flogen. „Das Outfit steht Ihnen.“

Misaki spürte, wie ihr leicht die Röte ins Gesicht stieg, und strich unbewusst über den glatten Stoff des Blazers. „Danke …“, murmelte sie und ließ sich auf einen der Barhocker an der Kücheninsel sinken.

Einen Moment lang zögerte sie, doch schließlich sprach sie die Frage aus, die ihr seit dem Telefonat mit Yuma auf der Seele brannte. „Takahashi-san … Wieso haben Sie und Yuma solche Probleme miteinander?“

Shouta hielt inne – nur für einen Sekundenbruchteil, doch Misaki bemerkte es. Dann hob er den Kopf und sah sie mit kühler Schärfe an. „Mischen Sie sich nicht in Dinge ein, die Sie nichts angehen.“ Seine Stimme war so messerscharf, dass Misaki unwillkürlich zusammenzuckte. Als er ihre Reaktion bemerkte, seufzte er leise, fuhr sich mit einer Hand durch das dunkle Haar. „Es gibt Dinge, die sind nun mal so, wie sie sind. Man kann sie nicht ändern.“
Sein Blick kehrte zum Bildschirm zurück, als wäre das Gespräch für ihn bereits beendet.
„Manchmal mag man Menschen einfach nicht, wenn man sie kennenlernt.“

Misaki runzelte die Stirn. „Aber so etwas hat doch immer einen Grund.“

Shouta schwieg für einen Moment, bevor er betont gleichgültig antwortete: „Misaki, es hat keinen Grund. Wir verstehen uns einfach nicht.“

Doch das glaubte sie ihm nicht. Sie spürte instinktiv, dass mehr dahintersteckte – etwas, das Shouta nicht aussprechen wollte. Doch sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass weiteres Nachbohren sinnlos war.

Trotzdem ließ ihr die Sache keine Ruhe. Yuma war nicht einfach nur irgendein Kollege. Er war ihr Freund. Nein – ihr bester Freund. Und auch wenn sie wusste, dass sie vorsichtig sein musste … Würde sie es dabei belassen? Wohl kaum. Am Ende siegte ihre Neugier immer.

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