Kapitel 16

Misaki saß konzentriert an ihrem Schreibtisch, ihre Finger glitten wie von selbst über die Tastatur, während sie sich tief in die Welt ihrer Nebenquest vertiefte. Die Gedanken an den Abend zuvor ließen sie immer wieder schmunzeln. Yumas unerwartete Hilfestellung hatte nicht nur ihren Fortschritt erleichtert, sondern auch eine seltsame Leichtigkeit in ihre Arbeit gebracht. Selbst als sie nachts im Bett lag, hatten sich die Ideen wie von Zauberhand entfaltet.

Sie hatte sich verschiedene Plottwists überlegt, Szenarien ausgemalt und Dialoge in Gedanken geführt – so lebendig, dass sie fast glaubte, die Charaktere würden neben ihr stehen. Nun ging sie diese Möglichkeiten Stück für Stück durch, ihre Augen leuchteten vor Begeisterung, wenn ein neuer Gedanke aufblitzte.

Doch während sie arbeitete, schlich sich ein anderer Gedanke in ihren Kopf: Yuma. Wie er sie in der Nacht zuvor angesehen hatte – dieses Lächeln, das ein bisschen zu weich war, um nur kollegial zu sein. Die Art, wie er sich nah zu ihr gelehnt hatte, um ihre Ideen zu betrachten, die Wärme seiner Stimme, als er ihr ermutigende Worte schenkte. Misaki schüttelte leicht den Kopf und versuchte, den Moment abzuschütteln. Sie wollte sich auf die Arbeit konzentrieren, doch es fiel ihr schwer.

„Verdammt, Misaki“, murmelte sie leise vor sich hin, ihre Wangen wurden unwillkürlich warm.

Ein tiefer Atemzug später zwang sie sich, ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm zu richten. Die Quest nahm langsam Gestalt an, aber sie wusste, dass sie ohne Yumas Vorschläge nicht so weit gekommen wäre. Ob er wohl selbst bemerkte, wie viel er ihr bedeutete – nicht nur als Kollege?

Misaki biss sich leicht auf die Unterlippe und lachte über sich selbst. „Konzentrier dich, sonst wird das hier nie fertig.“ Doch selbst, während sie weitertippte, verweilte ein kleiner Teil ihrer Gedanken bei Yuma und dieser seltsamen, ungreifbaren Verbindung zwischen ihnen, die sie noch nicht ganz verstand – aber zunehmend spürte.

„Wow, das nimmt ja wirklich Gestalt an“, sagte Yuma hinter ihr, seine Stimme überraschend nah, sodass Misaki zusammenzuckte. Sie drehte sich abrupt um und sah in sein grinsendes Gesicht. Etwas an seinem Grinsen löste ein Unbehagen in ihr aus, sodass sie sich sofort wieder ihrem Bildschirm zuwandte „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken,“ sagte er und lachte leise. „Aber echt, was du aus meinen Ideen gemacht hast, ist beeindruckend.“

Misaki lächelte, doch ihre Augen blieben fest auf den Bildschirm gerichtet, als wolle sie die Wärme, die seine Worte in ihr auslösten, verbergen. „Danke, aber ohne dich wäre mir das nicht gelungen. Asgards Geschichte wäre sonst wirklich komplex, aber irgendwie langweilig geworden.“

Yuma zog einen Stuhl zu sich heran und ließ sich darauf nieder, seine Arme lässig über die Rückenlehne gelegt. „Das glaube ich nicht. Du hattest schon großartige Ansätze, ich hab sie nur... ein bisschen aufpoliert.“ Seine Stimme klang warm, und Misaki spürte seinen Blick auf sich.

„Wenn ihr zwei fertig seid, euch gegenseitig anzuschleimen, könnten wir vielleicht auch in die Pause gehen.“ Aois spöttischer Kommentar riss die beiden aus ihrer kleinen Blase. Sie saß entspannt an ihrem Platz, ein amüsiertes Funkeln in den Augen, während sie beide mit einem vielsagenden Blick musterte.

Misaki spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, während sie versuchte, nicht allzu offensichtlich rot zu werden. Yuma hingegen reagierte mit einem frechen Grinsen, das er Aoi zuwarf. „Ach, komm schon, Aoi. Manche von uns sind eben echte Teamplayer.“

„Teamplayer, ja klar“, entgegnete Aoi trocken. „Ich glaube, Misaki hat gerade die ganze Arbeit gemacht, während du nur deine glänzende Aura beigesteuert hast.“

Yuma tat, als würde er über ihre Worte nachdenken, und lehnte sich dann gespielt dramatisch zurück. „Tja, was soll ich sagen? Manchmal reicht es, einfach da zu sein.“

Misaki konnte nicht anders, als zu kichern. „Eure Dynamik ist wirklich einzigartig, wisst ihr das?“

„Und du wirst langsam ein Teil davon“, erwiderte Aoi, bevor sie aufstand und sich streckte. „Also los, Leute. Mittagspause ruft. Oder wollt ihr weiter in eurer kleinen Welt bleiben?“

Yuma lachte leise und stand ebenfalls auf, dann sah er zu Misaki hinunter. „Was meinst du? Pause oder weitermachen?“

Misaki schüttelte den Kopf und griff nach ihrer Tasche. „Pause klingt gut. Bevor ihr beiden noch komplett abhebt.“

Während die drei durch die breiten Flure von Yugen Games in Richtung der großen Mensa schlenderten, sah Aoi ihre beiden Kollegen mit einem Blick an, der sowohl Neugier als auch ein Hauch von Schalk verriet. „Also“, begann sie, ihre Stimme beinahe beiläufig, während sie ihre Hände hinter dem Kopf verschränkte, „wie war eure kleine Nachtschicht gestern? Ganz allein im Büro... klingt fast wie der Anfang einer dieser kitschigen Liebesdramen, oder?“

Misaki, die gerade an ihrem Handy tippte, stolperte beinahe über ihre eigenen Füße. „Was? Nein! Es war nichts Besonderes. Wir haben nur an unseren Quests gearbeitet. Ganz normal!“ Ihre Stimme klang einen Hauch zu hoch, was Aois spitzbübisches Lächeln nur noch breiter machte.

„Oh, ganz normal, ja?“ Aoi schob sich zwischen die beiden und legte ihre Arme jeweils auf Misakis und Yumas Schultern. „Weißt du, Misaki, ich habe das perfekte Radar für solche Dinge. Und ich sage dir, da war was.“

Yuma hingegen schien völlig unbeeindruckt. Er steckte seine Hände in die Taschen seiner Jeans und schüttelte mit einem amüsierten Lächeln den Kopf. „Aoi, dein Radar muss mal neu justiert werden. Wir haben gearbeitet, mehr nicht. Außerdem...“ Er warf Misaki einen kurzen Seitenblick zu, der sie erneut erröten ließ. „... war es eher Misaki, die gestern den Laden gerockt hat.“

Aoi hielt inne und blinzelte zu Misaki hinüber, ihre Augen funkelten neugierig. „Wirklich? Jetzt bin ich noch neugieriger. Also, was genau ist passiert? Irgendeine tiefgründige nächtliche Unterhaltung? Ein romantischer Moment zwischen Tastaturen und Monitoren?“

Misaki seufzte und warf Aoi einen hilflosen Blick zu. „Es war wirklich nichts Besonderes! Yuma hat mir nur bei meiner Quest geholfen, und wir haben ein bisschen geredet. Ende der Geschichte.“

Doch Aoi ließ nicht locker. „Ach, Misaki, du bist einfach zu süß, wenn du versuchst, mich abzuwimmeln. Aber keine Sorge, ich gebe dir noch ein paar Tage. Früher oder später wirst du mir alles erzählen.“

„Was ist mit mir?“, fragte Yuma trocken. „Könnte ich vielleicht auch mal erfahren, was genau Aoi in meinem Leben sieht, was ich nicht sehe?“

„Natürlich nicht“, antwortete Aoi grinsend, während sie in Richtung Mensa vorausging. „Das ist mein kleines Geheimnis. Aber keine Sorge, Yuma. Du wirst es irgendwann schon merken. Wahrscheinlich als Letzter, aber hey – besser spät als nie.“

Misaki schüttelte nur den Kopf und folgte Aoi, während Yuma hinter ihr herging. Doch obwohl sie Aois Neckereien abzutun versuchte, spürte sie noch immer das leise Kribbeln, das Yumas Seitenblick in ihr ausgelöst hatte. Was, wenn Aoi doch recht hatte?

Misaki schüttelte diesen kleinen, flüchtigen Gedanken ab, fast so, als könnte sie ihn mit einer einzigen Bewegung aus ihrem Kopf vertreiben. Schließlich war ihr Herz noch immer an Marco vergeben, auch wenn sie sich selbst nicht eingestehen wollte, wie tief diese Wunde tatsächlich noch war. Sieben Jahre – sieben Jahre voller Lachen, Träumen und Plänen für eine gemeinsame Zukunft. Solche Erinnerungen verschwanden nicht einfach, nur weil man sich entschied, jemand Neues zu sein oder in ein anderes Land zu ziehen.

Selbst jetzt, nach etwas mehr als drei Monaten ohne jeglichen Kontakt, war Marco wie ein Schatten, der immer wieder in ihre Gedanken zurückkehrte. Es war nicht nur schwer, ihn zu vergessen – manchmal schien es unmöglich. Und ja, sie wusste, dass es eine schlechte Angewohnheit war, fast schon masochistisch, doch sie konnte nicht anders, als ab und zu auf seinem Instagram-Profil zu landen.

Jedes neue Foto von ihm mit seiner neuen Freundin war wie ein Messerstich, tief und brennend. Besonders die lächelnden Pärchenbilder, aufgenommen an Orten, die Misaki und er früher gemeinsam besucht hatten. Sie fragte sich oft, ob er sich an sie erinnerte, wenn er dort war. Oder hatte er sie einfach ersetzt, so mühelos wie einen alten Gegenstand, den man nicht mehr brauchte?

Einmal hatte sie sogar ein Bild gesehen, auf dem er sie hielt – seine neue Freundin, ihr Lächeln strahlend und makellos. Es hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Nicht, weil sie ihm dieses Glück nicht gönnte, sondern weil es ihr zeigte, wie leicht er weitergezogen war. Wie leicht er sie hinter sich gelassen hatte.

Sie schloss die Augen und atmete tief durch. „Es ist vorbei, Misaki“, flüsterte sie leise zu sich selbst, fast wie ein Mantra. Doch selbst diese Worte fühlten sich leer an, ein Hauch von Verzweiflung schwang mit. Vielleicht war es nicht nur Marco, den sie loslassen musste – es war die Vorstellung von dem Leben, das sie mit ihm hätte führen können.

Und doch... als sie Yumas lockeres Lachen aus der Mensa hörte und einen kurzen Blick auf ihn warf, wie er mit Aoi scherzte, fragte sie sich, ob es nicht doch möglich wäre, eines Tages jemand Neues in ihr Herz zu lassen. Nur vielleicht – wenn sie den Mut dazu aufbringen könnte.

Während Misaki noch in ihren Gedanken versunken war, bemerkte sie nicht, wie Yuma sich langsam zu ihr hinüberlehnte. Erst als sie ein leises Kichern hörte und seine Hand aus dem Augenwinkel sah, wurde sie aus ihrer Trance gerissen. Mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen hatte Yuma es geschafft, eines der kleinen Würstchen aus ihrer Bento-Box zu stibitzen – eines dieser kunstvoll geschnitzten, die wie winzige Oktopusse aussahen.

„Hey!“ Misaki sah ihn mit gespielter Empörung an und zog ihre Bento-Box schützend an sich. „Du hast dein eigenes Essen, mein Lieber!“

Yuma kaute seelenruhig auf dem Würstchen herum und zuckte lässig mit den Schultern. „Deins sieht besser aus,“ erklärte er mit dieser unverschämt entspannten Haltung, die ihn so schwer aus der Fassung zu bringen machte.

„Weißt du, Tante Himeko würde dir das nie verzeihen, wenn sie wüsste, dass du dich an ihrem Meisterwerk vergreifst,“ drohte Misaki spielerisch, doch ein Lächeln schlich sich unweigerlich auf ihre Lippen.

„Dann verrat mich nicht,“ erwiderte Yuma und beugte sich verschwörerisch näher zu ihr, als wollte er sie mit seinem Charme zum Schweigen bringen. „Oder ich muss dafür sorgen, dass du nichts mehr übrig hast.“

Misaki schnappte entrüstet nach Luft und deckte ihre Bento-Box wie einen Schatz zu. „Wage es nicht!“

Yuma lachte laut, ein warmer, ehrlicher Klang, der die Anspannung in ihrer Brust, die sie seit dem Morgen gespürt hatte, wie weggeblasen erscheinen ließ. „Na gut, ich geb mich geschlagen. Aber vielleicht lässt du mich morgen probieren, ohne dass ich stehlen muss?“

„Ich sollte meiner Tante sagen, dass sie auch eine nur für dich machen soll, aber dafür schuldest du mir was“ neckte sie zurück.

Yuma lehnte sich in seinem Stuhl zurück, immer noch mit diesem unverschämten Grinsen, das Misakis Herz ein wenig schneller schlagen ließ. „Deal,“ sagte er und zwinkerte.

Aoi saß zurückgelehnt auf ihrem Stuhl und beobachtete das Treiben zwischen Misaki und Yuma mit einem breiten Grinsen – zumindest äußerlich. Doch in ihrem Inneren regte sich ein seltsames Gefühl, das sie nur schwer einordnen konnte. Sie freute sich wirklich für Misaki. Seit sie bei Yugen Games angefangen hatte, war sie wie ein frischer Wind, hatte das Team belebt und war innerhalb kürzester Zeit zu einer ihrer engsten Freundinnen geworden. Und doch …

Aoi biss sich nachdenklich auf die Unterlippe, während sie sah, wie Yuma sich wieder zu Misaki beugte, um etwas zu sagen. Sein Lachen war ungezwungen, seine Augen leuchteten – und es war nicht das erste Mal, dass Aoi das bemerkte.

Seit wann sieht er jemanden so an? fragte sie sich insgeheim.

Es war nicht so, dass sie etwas gegen die beiden hatte. Im Gegenteil: Die Chemie zwischen ihnen war unbestreitbar, und es war schön zu sehen, wie Misaki in Yumas Nähe aufblühte. Aber irgendetwas nagte an ihr, ein kleines Ziehen in der Brust, das sie nicht ganz ignorieren konnte.

Yuma war immer Yuma – locker, charmant, der Klassenclown des Büros. Doch in Misakis Nähe schien er … anders. Entspannter, ja, aber auch konzentrierter. Fast so, als hätte er nur Augen für sie. Und diese winzigen, fast unmerklichen Gesten – wie er sich unwillkürlich näher beugte, seinen Ton sanfter werden ließ, wenn er mit ihr sprach. Es war nicht zu übersehen. Zumindest nicht für Aoi.

Sie schnaubte leise und schüttelte den Kopf über sich selbst. Was sollte das überhaupt? War sie etwa … eifersüchtig? Nein, das wäre lächerlich. Sie und Yuma waren seit Jahren Freunde, er war wie ein großer Bruder für sie – ein sehr nerviger großer Bruder, der manchmal zu charmant für sein eigenes Wohl war. Aber trotzdem.

„Aoi?“ Misakis Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie blinzelte und stellte fest, dass beide – Misaki und Yuma – sie anblickten. Yumas Augenbraue war leicht hochgezogen, und er grinste sie auf diese typisch unverschämte Weise an.

„Hm?“ Sie setzte ein breites Lächeln auf und schnappte sich ihre Cola. „Sorry, war gerade in Gedanken. Was gibt’s?“

„Du warst irgendwie … abwesend,“ bemerkte Misaki und musterte sie besorgt.

„Alles gut,“ winkte Aoi ab, nahm einen tiefen Schluck und setzte ihr gewohnt schelmisches Grinsen auf. „Ich dachte nur, wie süß ihr beide miteinander seid. Wenn ihr schon so weitermacht, könnte man glatt denken, ihr seid ein Paar.“

Misakis Wangen wurden augenblicklich rot, und sie begann, hektisch zu gestikulieren. „Was? Nein! Das ist doch völliger Quatsch, Aoi!“

Yuma hingegen lachte nur leise, steckte die Hände in die Taschen und warf Aoi einen Blick zu, der fast so wirkte, als würde er sagen: Was weißt du, was sie noch nicht weiß?

„Klar, klar,“ sagte Aoi gespielt unschuldig und hob abwehrend die Hände. Doch als sie sich wieder in ihren Stuhl zurücklehnte, ließ sie ihren Blick kurz auf Yuma ruhen – und fragte sich, warum sich dieses Ziehen in ihrer Brust einfach nicht vertreiben ließ.

Misaki beobachtete Aoi aus den Augenwinkeln, während sie versuchte, sich auf ihr Bento zu konzentrieren. Doch die angespannte Haltung ihrer Kollegin war kaum zu übersehen. Aoi, die sonst immer so lebhaft und sorglos wirkte, schien plötzlich ungewohnt still. Ihre Augen waren auf Yuma gerichtet, und etwas in ihrem Blick ließ Misaki innehalten.

Was geht nur in ihr vor? fragte sich Misaki, während sie einen Bissen von ihrem Essen nahm. Sie wollte nichts überinterpretieren, doch das Gefühl, dass Aoi von irgendetwas belastet wurde, ließ sie nicht los. Es war nicht das erste Mal, dass sie dieses seltsame Funkeln in ihren Augen bemerkte, wenn Yuma in der Nähe war – eine Mischung aus Melancholie und vielleicht etwas mehr, das Misaki nicht ganz greifen konnte.

Ein leiser Stich durchzog ihre Brust, als ihr plötzlich ein Gedanke kam. Könnte es sein, dass Aoi mehr für Yuma empfindet?

Misaki schob den Gedanken schnell beiseite, doch er ließ sich nicht so leicht abschütteln. Es würde so vieles erklären – die kleinen Seitenblicke, die Aoi manchmal auf Yuma warf, die Art, wie sie gelegentlich versuchte, ihre Bemerkungen zu überspielen, wenn es um ihn ging. Misaki spürte, wie sich ein Knoten in ihrem Magen bildete. Sie mochte Aoi wirklich, sie war wie eine große Schwester für sie geworden, jemand, auf den sie sich immer verlassen konnte. Der Gedanke, dass Aoi sich möglicherweise in Yuma verliebt haben könnte, machte sie nervös – nicht weil sie sich selbst sicher war, wie sie zu ihm stand, sondern weil sie das Gefühl hatte, in etwas hineingezogen zu werden, das sie nicht ganz verstand.

Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, beruhigte sie sich selbst. Doch der Blick, den Aoi Yuma gerade zuwarf, sagte etwas anderes. Es war ein Blick, der tiefer ging, als sie zunächst vermutet hatte.

„Alles okay, Misaki?“ Yumas Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie blinzelte und sah ihn an, sein Kopf leicht geneigt, mit diesem warmen, fast spielerischen Ausdruck, den er so oft hatte.

„Ja, klar,“ sagte sie schnell und setzte ein Lächeln auf. „Alles bestens.“

„Gut,“ antwortete Yuma und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, seine Aufmerksamkeit jedoch noch immer auf sie gerichtet. Misaki spürte, wie ihre Wangen leicht heiß wurden.

Aoi lachte plötzlich, doch es klang ein wenig gezwungen. „Ihr zwei seid echt seltsam heute. Habt ihr etwa gestern zu wenig geschlafen? Oder … zu viel geredet?“

Der Unterton in ihrer Stimme war schwer zu überhören, doch bevor Misaki etwas sagen konnte, war es Yuma, der den Ball aufnahm. „Ach, Aoi, eifersüchtig, dass du nicht dabei warst? Keine Sorge, beim nächsten Mal bleibst du einfach länger, dann kannst du uns bis spät in die Nacht nerven.“

Aoi verdrehte die Augen, doch das Lächeln, das sie ihm zuwarf, war echt – auch wenn Misaki das Gefühl nicht loswurde, dass hinter diesem Lächeln mehr steckte, als Aoi preisgeben wollte.

Misaki beobachtete Aoi noch einen Moment, bevor ein schrilles Lachen ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war unverkennbar – Miko und Ayaka. Ihre „Lieblingskolleginnen“ schritten mit übertriebenem Hüftschwung auf die drei zu, die Schadenfreude in ihren Gesichtern leuchtend wie ein Neonlicht. Wo sie sonst immer nur in sicherer Entfernung lästerten und Yuma mit träumerischen Blicken ansahen, hatten sie sich diesmal offenbar entschieden, direkt anzugreifen.

„Misaki, Schätzchen,“ begann Miko mit zuckersüßer Stimme, die vor Ironie nur so triefte, „Takahashi-San verlangt, dass du sofort in sein Büro kommst.“

Misaki runzelte die Stirn. „Was? Warum?“

Ayaka zuckte mit den Schultern, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen. „Wer weiß? Vielleicht wirst du ja endlich gefeuert. Er sah jedenfalls ziemlich angespannt aus.“

Das schrille Gelächter der beiden hallte durch die Mensa, doch bevor Misaki in Panik verfallen konnte, hörte sie Yuma leise lachen. „Angespannt?“ wiederholte er trocken, während er sich lässig in seinem Stuhl zurücklehnte. „Das ist doch sein Standard-Gesichtsausdruck.“

Miko warf Yuma einen beleidigten Blick zu, doch sie hielt den Mund, was selten genug war. Misaki konnte sich jedoch nicht wirklich entspannen. Ihre Gedanken rasten. Hatte sie etwas falsch gemacht? Etwas übersehen? Sie hatte in den letzten Monaten hart gearbeitet, doch sie wusste, dass Takahashi-san ein strenger Chef war. Das flaue Gefühl in ihrem Magen wurde stärker.

„Keine Sorge, Misaki,“ sagte Aoi plötzlich und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Takahashi-san ruft niemanden einfach so in sein Büro. Es wird bestimmt nichts Schlimmes sein.“

Yuma grinste schief. „Und wenn doch, sag einfach, dass ich schuld bin. Das lenkt ihn ab.“

Misaki konnte nicht anders, als zu lächeln, auch wenn ihre Nervosität dadurch nicht völlig verschwand. Sie nickte ihren beiden Freunden dankbar zu, stand auf und griff nach ihrer Tasche. „Ich hoffe, ihr habt recht,“ murmelte sie.

Als sie die Mensa verließ, konnte sie das Gelächter von Miko und Ayaka hinter sich hören, und es ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Doch sie richtete ihre Schultern auf und ging weiter. Was auch immer Takahashi-san von ihr wollte, sie würde dem mit so viel Professionalität begegnen wie möglich. Auch wenn ihr Herz dabei ein wenig schneller schlug als gewöhnlich.

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