Kapitel 14

Die Uhr tickte unerbittlich in das tiefe Schweigen des Büros hinein, nur unterbrochen vom leisen Klicken einer Computertastatur. Misaki saß konzentriert an ihrem Schreibtisch, den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet. Der Entwurf für die neue Nebenquest, an welcher sie arbeitete, war fast fertig – nur ein letzter Dialog fehlte noch. Sie wollte diese Quest unbedingt heute abschließen, auch wenn die Dunkelheit längst über Tokio hereingebrochen war.

Das Büro von Yugen Games war um diese späte Stunde in mysteriöses Halbdunkel gehüllt, die Deckenlampen in den Ecken warfen schummrige Lichtinseln auf die Arbeitsplätze. Normalerweise war Misaki nie allein hier – das Büro war oft bis spät in die Nacht mit engagierten Entwicklern und Autoren gefüllt. Doch heute schien sie die einzige zu sein – bis auf Yuma.

Er saß einige Schreibtische weiter, die Beine lässig auf dem Tisch ausgestreckt, während er auf seinem Laptop arbeitete. Der Lichtschein des Monitors spiegelte sich auf seinem platinblonden Haar, das selbst im Dunkeln zu leuchten schien. Sein konzentrierter Ausdruck war selten zu sehen – normalerweise war Yuma die Verkörperung von Lockerheit und Humor.

Misaki erlaubte sich einen kurzen Moment, ihn zu beobachten. Es war seltsam beruhigend, ihn in der Nähe zu wissen, selbst in der Stille. Bevor sie sich jedoch in ihren Gedanken verlieren konnte, sprach Yuma plötzlich, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden:

„Wenn du mich weiter so anstarrst, werde ich noch rot.“

Misaki zuckte erschrocken zusammen „Was?! Ich... ich hab dich nicht angestarrt!“

Yuma grinste breit und hob schließlich den Kopf. Seine Augen schienen die junge Halbjapanerin zu fixieren „Schon klar, hast du natürlich nicht. Naja, ich bin nur froh, dass ich heute nicht allein hier bin. Du weißt, wie unheimlich es in diesem alten Gebäude nach Mitternacht werden kann. Es bleiben zwar noch zwei Stunden bis Mitternacht, aber man weiß ja nie.“

Misaki schüttelte den Kopf und lächelte: „Moment also, erstens ist dieses Gebäude ja wohl alles andere als alt, und zweitens… kann es sein, dass du Angst hast? Ausgerechnet du? Das glaube ich kaum, dass ich diesen Moment nochmal erleben darf.“

„Vielleicht habe ich wirklich Angst, vielleicht werde ich mich aber auch als Retter aufspielen, falls dich plötzlich etwas aus dem Hinterhalt attackieren würde“, erwiderte Yuma und lehnte sich nach vorne „Aber… wenn ich ehrlich bin, ich würde es trotzdem bevorzugen, wenn du nicht plötzlich von einem rachsüchtigen Geisterentwickler verschleppt werden würdest.“

Misaki lachte leise „Dann pass lieber auf, sonst bist du der Nächste, der verschleppt wird.“

Ihre Blicke trafen sich. Für einen Moment schien die Dunkelheit des Büros zu verschwinden. Es war einer dieser seltenen Augenblicke, in denen weder Worte noch Witze nötig waren.

„Wie wär's mit einer Pause?“ Schlug Yuma schließlich vor und stand auf: „Ich hole uns was aus der Teeküche. Du kannst dir in der Zwischenzeit überlegen, wie deine Quest endet.“

Misaki nickte dankbar und sah ihm nach, während er in Richtung der kleinen Küche verschwand. Sie lehnte sich zurück und atmete tief durch. Der Abend fühlte sich plötzlich weniger einsam an.

Misaki tippte mit dem Stift gegen ihre Unterlippe, während sie angestrengt überlegte, wie sie den entscheidenden Wendepunkt ihrer Quest gestalten sollte. Die Worte wollten einfach nicht fließen – als hätte jemand die kreative Leitung in ihrem Kopf auf „Pause“ gesetzt. Vielleicht lag es daran, dass ihre Gedanken ständig abschweiften. Sie schob die Schuld auf Yuma. Schließlich hatte er das Wort „Pause" erwähnt. Misaki lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen, um ihre Gedanken schweifen zu lassen.

Drei Monate war sie nun in Tokio und Teil des Teams von Yugen Games. Es fühlte sich unwirklich an, wie schnell sich alles verändert hatte. Aus Kollegen wie Yuma und Aoi waren Freunde geworden – ihre ersten echten Freunde in dieser riesigen, fremden Stadt. Sie hatte sich erstaunlich gut eingelebt – abgesehen von ein paar kleineren Zwischenfällen, die wie verfluchte Quest-Events schienen.

Da war zum Beispiel der Tag, an dem sie versehentlich ihren heißen Kaffee über ein ganzes Notizenpaket gekippt hatte – ausgerechnet über Yumas mühsam ausgearbeitete Quest-Ideen.

„Spezialeffekte für ein Feuer-Element, oder?“ hatte er trocken kommentiert, während Aoi sich vor Lachen nicht mehr halten konnte.

Oder das Desaster, als sie eine ihrer selbst geschriebenen Quests, welche ihre bisher längste Nebenquest war, versehentlich vom Server gelöscht hatte. Panisch war sie damals zu Yuma gerannt, schließlich wusste er immer, was zu tun war.

„Du hast was?!“ hatte er geschrien – nur um danach mit einem schelmischen Grinsen hinzuzufügen: „Na ja, ein echter Held liebt Herausforderungen. Ich rette das schon.“

Misaki schüttelte lächelnd den Kopf bei der Erinnerung. So chaotisch ihre ersten Monate gewesen waren, es fühlte sich endlich wie ein Zuhause an – zumindest, wenn man das ständige Sticheln von Ayaka und Miko ignorierte. Doch selbst das konnte sie dank Yuma und Aoi inzwischen mit einem Lächeln abtun.

Ein leises Geräusch ließ sie aufhorchen. Schritte näherten sich, gefolgt von einem vertrauten, spielerischen Ruf: „Na, träumst du schon von deinem nächsten literarischen Meisterwerk?“

Misaki drehte sich um und sah Yuma, der mit zwei dampfenden Bechern Kaffee auf sie zukam „Ich dachte, du könntest eine kreative Energiequelle gebrauchen – oder willst du wieder unsere gesamte Story versehentlich löschen?“

Sie lachte, nahm einen der Becher entgegen und spürte, wie sich die Spannung des langen Arbeitstages langsam löste. Mit einem Hauch von Aufmunterung in der Stimme antwortete sie: „Danke… Und keine Sorge, heute bleibt die Story unversehrt. Wahrscheinlich. Außerdem war es NICHT die gesamte Story… nur die Nebenquest von Gerald.“

Yuma zwinkerte und setzte sich lässig auf die Tischkante „Ja, aber seine Quest war relativ lang und wichtig um einen Teil der Lore zu verstehen. Also, dann mal los. Schreib Geschichte – bevor die Quest dich besiegt. Erneut.“

Misaki nahm einen Schluck und spürte die Wärme des Kaffees – und die ihrer neuen Realität. Vielleicht war das größte Abenteuer ihres Lebens nicht die Quest, die sie schrieb, sondern das, was gerade vor ihr lag.

Misaki zögerte kurz, bevor sie die Frage stellte, die ihr schon seit Wochen durch den Kopf geisterte. „Du, Yuma…“, begann sie vorsichtig und sah ihn mit einem sanften Lächeln an „Wieso hast du eigentlich so ein seltsames Verhältnis zu Takahashi-san? Ich meine… Ich weiß, dass er schwierig sein kann, aber bei dir ist es irgendwie… extremer. Er wirkt Dir gegenüber fast schon feindselig. Du tust das Ganze zwar immer mit einem Lächeln ab, aber… stört es dich wirklich nicht? “

Yuma, der sonst immer ein entspanntes Grinsen auf den Lippen hatte, erstarrte für einen Moment. Die fröhliche Gelassenheit, die ihn normalerweise umgab, schien wie weggeblasen. Seine Augen verengten sich einen Sekundenbruchteil, fast als würde er überlegen, wie viel er preisgeben sollte.

Dann setzte er wieder sein gewohntes Lächeln auf – doch diesmal schien es seltsam gezwungen, wie eine mühsam aufrechterhaltene Maske „Tja… er scheint mich einfach nicht zu mögen. Vielleicht bin ich ihm zu laut, zu direkt… zu sehr ich. Aber ich kann damit leben.“

Seine Worte klangen leicht, aber Misaki spürte die unterschwellige Bitterkeit, die darin mitschwang. Da war etwas, das er nicht sagte – etwas, das viel tiefer ging, als er zugeben wollte.

Bevor sie nachhaken konnte, stand Yuma plötzlich auf und streckte sich übertrieben lässig „Aber Hey, nicht jeder kann mein unvergleichliches Charisma ertragen, oder?“ Er zwinkerte ihr zu, doch sein Blick wirkte flüchtig, fast als würde er einer unsichtbaren Last entkommen wollen.

Misaki ließ ihn gewähren, spürte jedoch, dass unter seiner lockeren Fassade eine Geschichte schlummerte, die er um jeden Preis verbergen wollte. Eine Geschichte, die vielleicht mehr mit Takahashi Shouta zu tun hatte, als sie je geahnt hätte.

Der jungen Frau war klar, dass Yuma nicht weiter über das Thema sprechen wollte. Sein Lächeln war zu geübt, seine Worte zu leicht dahingesagt. Also beschloss sie, es dabei zu belassen – zumindest für den Moment. Sie schenkte ihm ein kurzes, verständnisvolles Nicken, bevor sie sich wieder ihrem Bildschirm zuwandte.

Doch die Quest, an der sie arbeitete, wollte einfach nicht so gelingen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Misaki fuhr sich seufzend durch ihre pastellrosanen Haare und starrte frustriert auf den Text, den sie gerade geschrieben hatte. Die Dialoge wirkten steif, die Motivation des Charakters flach.

„Probleme?“ Yumas Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Bevor sie antworten konnte, stand er bereits hinter ihr und beugte sich leicht vor, um auf Ihren Bildschirm zu schauen.

„Ich komme einfach nicht weiter…“, gestand sie und lehnte sich seufzend zurück „Der Questgeber soll verzweifelt, aber nicht bemitleidenswert wirken, und ich kriege den emotionalen Kern nicht richtig hin.Sonst fällt mir das nicht so schwer, aber heute… Vielleicht ist 22:30 einfach keine gute Zeit, um zu arbeiten.“

Yuma lachte leise „Lass mich mal sehen.“ Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich direkt neben sie.

Ihre Schultern berührten sich beinahe, und Misaki konnte seinen dezenten, warmen Duft wahrnehmen – eine Mischung aus Holz und etwas Frischem, das sie nicht genau definieren konnte. Vielleicht eine Art Minze? Was auch immer es war, sie mochte diesen Duft sehr. Vielleicht etwas zu sehr, denn während Yuma etwas vor sich hin murmelte versuchte Misaki nur eifrig herauszufinden, was das für ein Duft war.

Kurz schüttelte sie ihren Kopf, um ihre Gedanken wieder von Yuma wegzubekommen, und starrte dann auf den Bildschirm.

„Versuch's mal so…“ schlug Yuma vor und begann, mit seiner tiefen, sanften Stimme alternative Dialogzeilen vorzuschlagen. Misaki nickte immer wieder, während sie seine Ideen eintippte.

Nach einer Weile legte Yuma eine Hand auf die Lehne ihres Stuhls, um sich besser vorbeugen zu können, und kam dabei Misaki unabsichtlich noch näher. Sie spürte die Wärme seiner Nähe, was sie ein wenig nervös machte, doch es war ein angenehmes Kribbeln, das sie nicht abschütteln konnte.

„Und wenn der Charakter am Ende seine Entscheidung bereut, aber es zu spät ist?“ Schlug Yuma vor, seine Stimme nun leiser, fast flüsternd.

Die junge Frau mit dem pastellrosafarbenen Haar drehte sich leicht zu ihm um, nur um festzustellen, dass ihre Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt waren. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Ihre Blicke trafen sich – ein stiller, unausgesprochener Moment, der sich wie ein flüchtiger Funke zwischen ihnen anfühlte. Beide konnten nicht genau benennen, was es war, doch irgendwas lag in der Luft. Es war eine Anspannung, von welcher beide nicht genau wussten, was es war. Misaki war wie gebannt von Yumas Augen. Ihr war es noch nie wirklich aufgefallen, aber Yumas Augen waren noch um einiges schöner, wenn man sie länger von solch einer Nähe beobachtete. Die Stille, welche beide umgab, war eine angenehme und wohltuhende Stille, keine von denen, welche Misaki normalerweise unangenehm gewesen wären, aber dennoch hatte sie das Gefühl, dass sie etwas sagen wollte. Yuma ging es nicht anders. Doch bevor einer von ihnen etwas sagen konnte, vibrierte Misakis Handy laut auf dem Tisch und riss sie abrupt aus der magischen Stille.

Verlegen lachte sie und griff nach ihrem Handy „Ähm… Entschuldige.“

Yuma lehnte sich mit einem amüsierten Lächeln zurück „Vielleicht ein Zeichen, dass wir einen kleinen Snack zum Kaffee und der Quest brauchen?“

Misaki nickte leicht und spürte, wie ihre Wangen noch immer warm glühten. Der Moment war vorbei – aber das leise Knistern in der Luft blieb bestehen.

Während Yuma sich auf den Weg machte, um einen Snack zu holen, rutschte Misaki unruhig in ihren Stuhl, die Hände fest um ihre Tasse geklammert. Ihre Wangen brannten heiß, ein warmer Strom von Verlegenheit lief ihr den Nacken hinunter. Sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, doch der Moment, der sich zwischen ihnen abgespielt hatte, war zu stark, zu unerwartet gewesen. Die Nähe, die gespannte Stille – sie konnte sich nicht entziehen. Immer wieder musste sie daran denken, wie Nah Yuma ihr war, wie schön seine Augen im Licht der Bildschirme funkelten und ihr kurzer, aber flüchtiger Gedanke, dass auch seine Lippen wunderschön waren – so wie der Rest von ihm.

Mit einem leisen Seufzen starrte sie auf den Bildschirm undersuchte, sich wieder auf die Quest zu konzentrieren, aber es war, als hätte sich alles in ihrem Kopf verwirrt. Die Worte, die sie zuvor so leicht getippt hatte, schienen jetzt plötzlich fremd, als wären sie nicht mehr ihre eigenen. Lag es daran, dass es Yumas Worte waren und nicht ihre eigenen?

Was war das gerade gewesen? Warum fühlte sich selbst der Gedanke daran wie ein elektrischer Schlag durch ihre Adern an?

Eine halbe Stunde später arbeiteten sie schweigend weiter, die Tastaturen klapperten leise im Rhythmus ihrer Gedanken. Doch die Gespräche, die früher so locker und unbeschwert gewesen waren, hatten nun eine Schwere, die Misaki nicht genau benennen konnte. Etwas in der Luft hatte sich verändert, als ob ein unsichtbarer Vorhang gefallen war, der alles zwischen ihnen neu definierte.

„Misaki.“

Yumas Stimme schnitt durch die Stille, und sie zuckte zusammen, als sie ihn ansah. Sein Kopf ruhte auf seiner Hand, und seine Augen hatten diesen durchdringenden, nachdenklichen Blick, der sie unwillkürlich innehalten ließ. Ein kleines, fast unmerkliches Lächeln spielte um seine Lippen, doch irgendwie wirkte es anders als sonst.

„Wieso hast du eigentlich keinen Freund?“

Misaki erstarrte. Die Frage traf sie wie ein Schlag, und sofort schossen ihre Wangen in ein tiefes Rot. Warum fragte er das plötzlich? Es war so persönlich. So ungewohnt. Sie kannte Yuma als jemanden, der charmant und offen war, doch nie war er in diese Richtung gegangen. Sie hatte nie darüber nachgedacht, was er über ihr Privatleben wusste – oder eben nicht wusste.

Verwirrt starrte sie auf ihren Bildschirm und versuchte, die Worte in ihrem Kopf zu ordnen, doch sie drängten sich einfach nicht zusammen. Ein nervöses Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, als sie versuchte, der Situation zu entkommen.

„Warum fragst du das?“, sagte sie schließlich, ihre Stimme etwas unsicherer als gewollt.

Yuma starrte sie einen Moment lang schweigend an, als würde er abwägen, wie er weitermachen sollte. Dann senkte er den Blick und zuckte mit den Schultern, als wäre es nicht weiter von Bedeutung. Doch Misaki konnte das leicht angespannte Lächeln nicht übersehen, das ihm nach wie vor auf den Lippen lag.

„Weil du irgendwie… anders bist als die anderen“, sagte er schließlich leise, „Und ich dachte, vielleicht willst du ja irgendwann mal jemanden finden, der dich genauso schätzt, wie du es verdienst.“

Misaki war sprachlos. War das ein Kompliment? Oder versuchte er, etwas Anderes zu sagen?

Misaki hielt einen Moment inne, ihre Gedanken wirbelten. Sie hatte Aoi und Yuma nie von Marco erzählt, nicht wirklich. Er war ein Teil ihrer Vergangenheit, von dem sie nie so richtig losgekommen war, und jetzt, wo Yuma sie mit dieser unerwarteten Frage konfrontierte, spürte sie, dass es vielleicht endlich an der Zeit war, sich ihrer Geschichte zu stellen. Irgendetwas in seinem Blick, die Art, wie er sie fragte, ließ sie glauben, dass er zuhören würde – wirklich zuhören würde.

„Weißt du…“, begann sie leise, ihre Stimme fast ein Flüstern, „Ich hatte die letzten sieben Jahre einen Freund.“ Er war meine erste große Liebe, und ich dachte wirklich, wir würden zusammen alt werden. Ich dachte, wir würden irgendwann heiraten und Kinder haben… Alles. Doch… kurz bevor ich nach Tokio aufgebrochen bin, hat er mit mir Schluss gemacht. „Ein paar Wochen vor meinem Abflug.“

Misaki starrte auf den Bildschirm vor sich. Die Worte kämpften sich nur mühsam ihren Weg durch die Schwere ihrer Gedanken. Sie konnte das Bild von Marco wieder vor sich sehen, wie er ihr diesen letzten, vernichtenden Blick zugeworfen hatte, als er ihr sagte, dass er sie nicht mehr liebte. Dass er sie nicht brauchte.

„Er war… einer der Gründe, warum ich nach Tokio gegangen bin“, fuhr sie fort, ihre Stimme jetzt etwas fester: „Er hat mich so sehr verletzt. Ich habe nie so einen Schmerz gespürt, so einen… Verrat. Ich hatte das Gefühl, als wäre alles, was ich für ihn getan habe, bedeutungslos gewesen. Wie ein Schatten, der einfach verschwindet.“

Yuma sagte nichts, doch seine Augen waren fest auf sie gerichtet, als würde er jedes einzelne Wort in sich aufnehmen. Misaki fühlte sich verletzlich, als würde sie gerade all ihre Mauern niederreißen, um Yuma einen Blick in ihre tiefsten Wunden zu gewähren. Es war schwer, so viel von sich selbst preiszugeben, vor allem gegenüber jemandem, den sie erst seit ein paar Monaten kannte. Doch es war anders. Irgendwie vertrauter. Vielleicht lag es an der Art, wie Yuma sie ansah – nicht mit Mitleid, sondern mit Verständnis.

„Es tut mir leid“, sagte Yuma schließlich, seine Stimme ruhig, doch in ihr lag eine ungewohnte Sanftheit. Es klingt, als hättest du wirklich viel durchgemacht.“

Misaki nickte, ein Hauch von Traurigkeit spiegelte sich in ihren Augen. Sie atmete tief durch, als ob sie damit auch den letzten Rest der Last aus ihren Schultern entlassen wollte.

„Ich wollte einfach weg“, flüsterte sie, „aus allem raus. Und Tokio… Es fühlte sich an, als könnte ich hier neu anfangen, als ob ich meine Vergangenheit hinter mir lassen könnte. Aber manchmal… manchmal holt sie mich trotzdem noch ein.“

Yuma nickte, als würde er sie verstehen. „Manchmal ist es schwer, von der Vergangenheit loszukommen“, sagte er leise, „besonders, wenn die Wunden so tief sitzen.“

Misaki sah ihn an, überrascht über die Ehrlichkeit seiner Worte. Sie wusste nicht, warum sie plötzlich das Gefühl hatte, ihm all das zu erzählen, aber in diesem Moment fühlte es sich richtig an. Vielleicht war es die Wärme in seiner Stimme oder die stille Beständigkeit, die er ausstrahlte. Vielleicht war es einfach, weil er ihr in all der Zeit als Freund zur Seite gestanden hatte – ohne Fragen, ohne zu urteilen.

„Liebst du ihn noch?“, fragte Yuma plötzlich, seine Stimme so ruhig, dass sie fast unbemerkt in die Stille der Nacht hineinschlüpfte.

Misaki erstarrte für einen Moment. Die Frage war unerwartet, und doch schien sie irgendwie richtig, als ob sie unausgesprochen in der Luft gehangen hatte, seitdem sie begonnen hatte, über Marco zu sprechen. Sie dachte nach, tief in ihrem Inneren, und spürte das Gewicht der Frage.

„Ich… Ich weiß nicht“, begann sie schließlich leise, ihre Worte suchend, als ob sie sich selbst besser verstehen wollte. „Ich denke schon. Es ist schwer zu sagen. Ich habe nie solche Gefühle für jemanden gehabt wie für ihn. Und selbst jetzt, nach all der Zeit ohne Kontakt, ist er immer noch da, irgendwie. Manchmal sehe ich ihn noch vor mir – sein Lächeln, die Momente, die wir zusammen hatten. Ich… Ich kann nicht einfach alles vergessen, was wir geteilt haben. Ihre Stimme wurde leiser, fast schüchtern, als sie fortfuhr: „Er fehlt mir noch immer, Yuma. Mehr, als ich zugeben möchte.“

Es war, als ob Misaki diese Worte das erste Mal wirklich aussprach – als ob sie sich selbst zum ersten Mal die Erlaubnis gab, ihre Gefühle anzuerkennen, welche sie zu verstecken versuchte, seitdem sie in Japan war. Der Schmerz war immer noch da, auch wenn er sich mittlerweile in eine leise, beinahe vergessene Ecke ihres Herzens zurückgezogen hatte. Aber er war da, er blieb. Und die Erinnerung an Marco verblasste nicht.

Yuma schwiege einen Moment, als würde er die Bedeutung ihrer Worte in sich aufnehmen. Dann sah er sie an, seine Augen weicher als zuvor. „Das ist verständlich. Es ist schwer, einen Teil von sich selbst loszulassen, der so viel bedeutet hat. Aber du musst auch verstehen, dass du nicht in der Vergangenheit leben kannst. Du hast jetzt dein eigenes Leben hier in Tokio, Misaki. Du hast die Möglichkeit, etwas Neues zu schaffen.“

Misaki sah ihm in die Augen, und für einen Augenblick schien die Welt um sie herum stillzustehen. Irgendetwas in Yumas Blick, seine ruhige und verständnisvolle Art, ließ sie für einen Moment das Gefühl haben, als ob sie wirklich anfangen könnte, den alten Schmerz hinter sich zu lassen. Sie hatte nicht erwartet, dass dieser Abend so ein Wendepunkt sein würde – aber irgendwie, in diesem Gespräch, schien es, als könnte sie einen ersten Schritt in eine neue Richtung machen.

„Ich weiß…“, flüsterte sie schließlich, „aber manchmal fühlt es sich an, als würde ein Teil von mir immer in der Vergangenheit stecken bleiben.“

Yuma nickte, und in seinem Blick lag eine Mischung aus Mitgefühl und einer unausgesprochenen Weisheit, die Misaki nicht ganz fassen konnte „Es ist okay, so zu fühlen. Aber du bist nicht allein. Und du musst nicht alles alleine tragen .Ich bin da für dich – immer.“

Misaki war überrascht von seiner Antwort. Es war, als ob seine Worte genau das aussprachen, was sie gerade am meisten brauchte – das Gefühl, dass sie nicht für alles, was sie durchgemacht hatte, verantwortlich war, dass es in Ordnung war, sich noch verletzt zu fühlen, ohne sich schuldig dafür zu machen.

Sie senkte den Blick und nickte langsam „Danke, Yuma“, sagte sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihm.

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