5.

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"Und wie heißt du?", fragte Alex.Immer noch lächelnd beantwortete ich seine Frage: "Ich heiße Ana." Ich startete den Wagen und fuhr in Richtung Innenstadt. Ich wusste instinktiv, in welchem Krankenhaus sie lag.

Die Fahrt verlief schweigend, es war keine peinliche Stille, sie war eher mehr oder weniger angenehm. Jedenfalls so angenehm wie sie unter solch schrecklichen Umständen sein konnte.
Je näher wir unseren Ziel kamen, desto unruhiger wurden wir. Meine Hände umklammerten das Lenkrad, als wäre es mein einziger Halt  und ich merkte, wie sich mein Körper anspannte.

"Hey, Ana, lass mein Lenkrad am Leben, ich brauche es noch!", witzelte Alex. Ich lockerte meine Hände ein wenig und rang mir ein nicht wirklich überzeugendes Lächeln ab. Aber er kaufte es mir ab und rutschte weiterhin nervös auf seinem Sitz herum.

Ich suchte einen Parkplatz und schrottete beim Einparken fast einen anderen Wagen. Ich hatte ihn nur haarscharf verfehlt. Einen Zentimeter weiter, und ich müsste zwei Reparaturen bezahlen. Das war natürlich genau das, was ich wollte. Oder auch nicht. Ich saß noch immer auf meinem Platz und auch Alex machte keine Anstalten, den Beifahrersitz zu verlassen. Wir mussten erstmal noch den Schock verarbeiten, dass wir fast einen Unfall gebaut hatten (oder besser gesagt, ich einen Unfall gebaut hätte). Außerdem hatte er Angst zu erfahren, was mit seiner Schwester los ist und ich hatte Angst vor dem Krankenhaus allgemein.

Er schien meinen Widerwillen auch bemerkt zu haben, denn er sagte: "Auf drei?" Ich nickte und er zählte langsam bis drei. Dann stiegen wir gleichzeitig aus und ich schloss das Auto ab.

Am Empfang sagte uns eine freundliche junge Frau, dass seine Schwester aus dem Op raus ist und nun auf der Intensivstation liegt. Wir bedankten uns und gingen in den zweiten Stock.

***

Wir standen jetzt schon seit zwanzig Minuten vor ihrer Tür und warteten. Ich lehnte ein wenig gelangweilt am Türrahmen und starrte ihn an. Schon seit zwanzig Minuten standen wir so, schon seit zwanzig Minuten hatte er die hand an der Türklinke und traute sich nicht, sie runter zudrücken. Ich verstand ihn, er wusste nicht, was ihn erwarten würde, aber langsam verlor ich die Geduld.

Ich öffnete meinen Mund, doch bevor auch nur ein Laut meine Lippen verließ, wurde die Tür von innen geöffnet. Alex stieß einen erstickten Laut aus. Zwei Hände griffen nach ihm und rissen ihn in das Zimmer. Eine Sekunde danach wurde mir die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Völlig verdattert stand ich davor und starrte sie an. Nur langsam sickerte in meinen Kopf, was da gerade passiert war. Ich hob meine Hand, um an zu klopfen, doch dann zögerte ich. Wenn ihn jemand in das Zimmer seiner Schwester gezogen hatte, wollten sie vielleicht alleine sein. Nebenbei bemerkte ich, dass ich mich in der selben Position befand wie Alex vorhin.

Was solls!, dachte ich uns klopfte an die Tür. Es öffnete niemand, also klopfte ich nach einer Weile ein weiteres Mal. Nach einiger Zeit wurde die Tür schlagartig aufgerissen und ein Mädchen starrte mich an. Ich starrte ebenso zurück.

Es dauerte eine kurze Zeit, bis ich meine Stimme wieder fand. "Ehm... ist das hier" wie hieß sie nochmal? Lilly? Ja, oder? "Ist das hier Lillys Zimmer?" Sie gab keine Antwort. Langsam trat ich einen Schritt zurück und drehte mich um. Dieses Mädchen war unheimlich.

Ich war gerade mal zwei Schritte gegangen, als ich durch einen festen Griff am Arm zurückgezogen wurde. Erst, als ich losgelassen wurde, bemerkte ich, dass wir uns in dem Zimmer befanden, an dessen Tür ich geklopft hatte. Das Zimmer war eigentlich wie jedes andere Krankenhauszimmer hier. Weiße Wände, ein Schrank und weiße Vorhänge. Dann fiel mein Blick auf das Bett. Darin lag ein Mädchen. Obwohl sie sehr blass war und sehr mitgenommen wirkte, konnte ich sehen, dass sie sehr hübsch gewesen war. War. Sie war hübsch. 'Gewesen war' würde bedeuten, dass ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, obwohl ich sie gar nicht kannte. Das klang irgendwie komisch. Ich machte mir Sorgen um ein Mädchen, das ich gar nicht kannte. Vielleicht lag es auch an Alex. Tatsache war, ich wusste es nicht, aber als ich mir Lilly ein bisschen genauer ansah, bemerkte ich, dass sie etwas ansich hatte, was es unmöglich machte, sie nicht zu mögen.

Danach bemerkte ich, dass an ihrem Bett ein Junge saß, der ihre Hand hielt. Erst auf den zweiten Blick sah ich, dass es Alex war. Er sah irgendwie verändert aus. Trotzdem konnte man die Ähnlichkeit zwischen ihnen nicht übersehen. Die gleichen Haare und auch schienen sie gleich groß zu sein. Hatte Alex nicht einmal gesagt, dass sie Zwillinge sind?

Ich ging einen Schritt auf die beiden zu, doch schon wieder hielt mich dieses seltsame Mädchen auf. Direkt vor mich stellte sie sich in meinen Weg und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Woher kennst du Lily?", fragte sie mich. Mit fiel auf, dass sie nicht fragte, wer ich war oder warum ich hier war.

"Ich kenne sie nicht", beantwortete ich ihre Frage und trat einen Schritt zurück, um sie genauer zu betrachten.

Sie hatte tiefe Augenringe. Außerdem hatte sie eine dunkle Hautfarbe und ihre schwarzen Locken standen wild von ihrem Kopf ab. Jeder könnte auf den ersten Blick sehen, dass dieses Mädchen verrückt war. Nicht psychisch verrückt sondern normal verrückt. Okay, ich verstand mich gerade selber nicht mehr.

"Wenn du sie nicht kennst, warum bist du dann hier?" Ihre Verwirrung war deutlich spürbar.

"Sie gehört zu mir." Eine fremde, tiefe und raue Stimme ertönte und ließen das Mädchen und mich herumfahren. Ich blickte mich um, doch außer Alex und uns war niemand im Raum. Irgendwann dämmerte mir, dass Alex doch gesprochen hatte, nur klang seine Stimme halt anders. Vielleicht lag es an der Anwesenheit seiner Schwester. Seine Haltung hatte sich aber nicht verändert, er sah immer noch seine Schwester an und hielt ihre Hand. Ich wünschte, ich hätte auch so einen Bruder.

Bevor Alex oder ich antworten konnten, öffnete sich die Tür und Dr. Hope kam herein. Woher ich seinen Namen kannte? Tja, er ist mein Behandelnder Arzt, seit der Diagnose und inzwischen hatte sein Name jede Bedeutung für mich verloren. Hoffnung hatte ich schon lange keine mehr.

Mitten im Raum blieb er stehen und sah mich mit einem völlig verwirrten Gesichtsausdruck an. "Ana? Was machst du denn hier? Hast du nicht erst morgen deinen Termin?" Ich nickte und ging langsam in Richtung Tür. Ich hatte die letzten paar Minuten völlig verdrängt, dass ich in einem Krankenhaus war. Jetzt kam alles wieder hoch und ich wollte nur noch weg. Sobald ich aus Dr. Hopes Sichtfeld verschwunden war, rannte ich los in Richtung Toilette.

*

Ich beugte mich erneut über eine Kloschüssel und würgte. Jemand hielt mir die Haare hoch, sodass sie nicht ins Klo fielen. Normalerweise würde mir so etwas peinlich sein, aber im Moment war ich einfach nur dankbar. Nach ein paar Minuten hatte ich mich beruhigt und stand auf. Mit Beinen, die sich anfühlten wie Wackelpudding, lief ich zum Waschbecken und wusch mir das Gesicht. Als ich meinen Kopf hob, sah ich im Spiegelbild das Mädchen, das mich besorgt musterte. "Geht es wieder? Oder soll ich einen Arzt holen? Wieso hast du nicht gesagt, dass du krank bist?" Krank. Du hast ja keine Ahnung, wie krank ich bin, dachte ich und nickte. "Ja, mir geht es wieder besser. Du brauchst keinen Arzt zu holen. Nein, ich bin nicht... ich habe jedenfalls keine Erkältung oder Grippe oder Magendarmvirus oder was weiß ich was."

Ich straffte meine Schultern, doch nach auch nur einem Schritt knickten meine Beine weg und ich fiel auf das Mädchen rauf. Zum Glück fing sie mich auf (es war nicht wirklich verwunderlich, da ich sehr wenig wog) und legte mich vorsichtig auf den Boden. "Warte kurz, ich hole einen Arzt!"
"Nein!", rief ich ihr hinterher, aber ich war mir nicht sicher, ob sie mich gehört hatte. Seufzend richtete ich meine Oberkörper auf und lehnte ihn gegen die Wand. Mit geschlossen Augen saß ich so und wartete.

Als ich eine Tür aufgehen hörte, riss ich meine Augen ruckartig auf. Aber es war kein Arzt, der sich besorgt über mich beugte, es war Alex. Er setzte sich neben mich und nahm mich in den Arm. Ich genoss dieses Gefühl. Wie lange war es schon her, dass mich jemand umarmt hatte? Vier oder fünf Monate? Keine Ahnung, aber erst jetzt fiel mir auf, wie sehr mir so etwas gefehlt hatte. "Cara hat mich geholt. Sie meinte, dir geht es nicht so gut. Also wollte ich fragen, was los ist. Und was hatte Dr. Hope gemeint, als er sagte, du hättest erst morgen einen Termin?" Ich robbte ein bisschen zur Seite, sodass sein Arm von mir eine fiel und betrachtete in von der Seite. Seine halblangen Haare waren ziemlich zerstrubbelt, nicht so wie gestern. Dann richtete ich meinen Blick auf einen Punkt vor mir und holte Luft. "Dr. Hope ist mein Arzt. Schon seit einer ganzen Weile. Schon seit dem Tag, an dem er mir gesagt hat, dass ich Krebs habe und innerhalb eines dreiviertel Jahres sterben werde."

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