6.

Eins, zwei, drei, vier,...in Gedanken zählte ich die Zeit, die er brauchte, um zu antworten, dreihundertelf, dreihundertzwölf, dreihundertdreizen.
"Jetzt sag doch endlich was!", fuhr ich ihn etwas zu harsch an. "Tut mir Leid", murmelte ich noch danach, doch ich war mir nicht sicher, ob er das gehört hatte.

"Warum sagst du mir das erst jetzt?" Seine Stimme klang zum einen wütend und zum anderen verletzt. Bei seinen Worten stiegen mir Tränen in die Augen. Ich wusste es. Hätte er es früher erfahren, hätte er sich nicht von mir helfen lassen oder sich ein wenig mit mir angefreundet. Niemand wollte sich mit einem Mädchen anfreunden, das in ein paar Monaten stirbt. Warum habe ich zugelassen, dass er mir etwas bedeutet? Ich hätte, nachdem wir im Park zusammengestoßen waren einfach gehen und auch heute hätte ich ihm nicht helfen sollen!

Die Tränen konnte ich mühelos zurück halten. Ich weinte nicht mehr um mich, es würde sich nicht lohnen, da ich eh bald tot sein würde. Ich hatte noch nie deswegen geweint. Manche würden sich in Selbstmitleid verkriechen, andere würden ihr ganzes Geld ausgeben, um den Rest ihres Lebens zu genießen. Ich jedoch wollte nur mein ganz normales Leben weiterführen mit Schule, Training, Familie, Fernsehen, Lernen, Musik, Zeichnen. Einfach ein normales Leben. Das würde für mich 'genießen' bedeuten.

Innerhalb von einer Sekunde sprang ich auf meine Beine und stieß die Tür auf. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir uns auf der Mädchentoillette im Krankenhaus befunden hatten. Krankenhaus. Die Panik überfiel mich und ich rannte Hals über Kopf ins Wartezimmer. Das war der kürzeste Weg, um diesem nach Desinfektionsmittel riechendem Gebäude zu entkommen. Ja, wenn man sehr oft im Krankenhaus war, kannte man viele Abkürzungen und Schleichwege. Gerade, als ich die Tür ausreißen wollte, wurde ich an meinem Handgelenk gepackt und herum gedreht. Entgegen meiner Erwartungen war es Dr. Hope. Fragend sah er mich an. Ich wiederum hob nur eine Augenbraue und warf ihm einen herausfordernden Blick zu. Wenn er wissen wollte, was los war, brauchte er mehr. Er war nur mein Arzt. Der beste Arzt, den man sich wünschen konnte, aber trotzdem. Dr. Hope war immer nett zu mir. Er hatte vollkommenes Verständnis für meine Angst vor Krankenhäusern. Deshalb war er auch so überrascht mich zu sehen, obwohl ich erst morgen wieder hier her musste.

"Ana?" Er wedelte mit seiner Hand vor meiner Nase herum. Ich löste mich aus meiner Starre und sagte: "Ja? Was ist denn?"
Er schüttelte tadelnd den Kopf. "Denkst du ich rede hier, nur um das nochmal wiederholen zu.müssen? Die Tür dort ist zu. Außerdem habe ich gefragt, ob alles in Ordnung ist und ob ich dir irgendwie helfen kann." Besorgt musterte er mich. Meinen Kopf schüttelte ich so heftig, dass meine blonden Haare ihn im Gesicht trafen. Ich war ihm ja wirklich dankbar, dass er sich Sorgen machte (da war er wahrscheinlich der einzige), aber ich wollte im Moment einfach nur weg. Und dabei half er mir gerade überhaupt nicht. Im Gegenteil. Je länger ich noch hier war, desto schlechter ging es mir. Aber das wusste Dr. Hope nicht.

Ich bemerkte, wie mir langsam die Luft weg blieb. Also riss ich meinen Arm aus seinem Griff und drehte mich um. Direkt vor mir stand das Mädchen, wahrscheinlich Alex Freundin, das mir den Weg versperrte und mich verwirrt ansah. Mir fiel auf, dass ich ihren verwirrten Blick heute schon oft abbekommen hatte. Doch darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Ich schubste sie zur Seite und rannte zu der Tür. Ich rüttelte an der Türklinke, doch sie öffnete sich nicht. Dr. Hope hatte doch gerade gesagt, dass sie zu ist. Wie blöd bist du eigentlich? - Sehr blöd, antwortete ich meiner inneren Stimme.

Ich kam mir echt bescheuert vor. Der einzige Vorteil, der dabei heraussprang, war, dass ich für einen Augenblick meine Angst vergaß und einfach drauf los lachte. Mir war es egal, ob mich jemand dabei beobachtet. Es musste einfach raus.

Ich spürte, wie zwei Hände nach mir griffen und mich in ein Zimmer zogen. Als ich mich wieder beruhigt hatte, sah ich mich in diesem Raum um. Es war ein Untersuchungszimmer. Neben mir war ein Schreibtisch mit einem Computer, die Fenster waren ziemlich groß und die Vorhänge waren weiß. Es war befreiend mal wieder zu lachen, obwohl es eigentlich ein nicht wirklich ernstes Lachen war.

Dann fiel mein Blick auf die Person neben mir. Ciara, dachte ich, ich erinnerte mich daran, Alex ihren Namen sagen gehört zu haben. "Du hast mich hier her gebracht, stimmts?", vermutete ich. Sie zuckte nur mit den Schultern und antwortete: "Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Die Leute haben schon angefangen zu gucken. Nicht, dass mir das peinlich wäre, aber in den nächsten paar Monaten werde ich wohl öfter hier sein und ich wollte nicht als das Mädchen mit der durchgeknallten Freundin abgestempelt werden." - "Wir sind keine Freu... paar Monaten? Warum das denn? Ich dachte, sobald Lilly entlassen wird, könnt ihr gehen?" Ich verstand die Welt nicht mehr.

Ciara sah die nächsten paar Minuten auf den Boden. Erst, als sie ihren Blick hob, bemerkte ich, dass ihre Augen ganz feucht waren. Sie stand so kurz vor dem Weinen, dass ich einfach nicht anders konnte, als sie in den Arm zu nehmen. Überrascht zuckte die zusammen, erwiderte die Umarmung nach ein paar Sekunden.

"Sie liegt im Koma." Die Stimme ließ Ciara und mich ruckartig umdrehen. Alex. Bei seinem Anblick schlug mein Herz schneller. Was macht er hier?, doch diese Frage konnte ich mir eine Sekunde später selbst beantworten. Ciara war seine Freundin. Er musste sie gesucht haben.
Seine Stimme zitterte, als er weiter sprach. "Der Arzt hat gesagt, er wisse nicht, wann und ob sie wieder aufwacht."

Einige Sekunden passierte gar nichts. Man konnte die Schritte der Menschen auf dem Flur hören, doch in diesem Raum war alles still. Ich stand immer noch genau so da wie gerade, als Ciara und ich uns aus unserer Umarmung gelöst hatten. Nur im Gegensatz dazu, war ich jetzt vor Mitleid und Entsetzen erstarrt. Koma. Das ist ja schlimmer als Krebs!, dachte ich. Jetzt mal ehrlich. Ich wusste, dass ich sterben würde, meine Familie und (ehemaligen) Freunde wussten das auch, daran konnte niemand was ändern. Wir hatten alle die ganze Hoffnung aufgegeben. Alex wiederum würde jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde hoffen, dass seine Schwester aufwachen wird. Doch falls nicht, wird er jeden Tag enttäuscht werden. Also war sein Zustand und der seiner Schwester (meiner Meinung nach) schlechter.

Danach rannte Ciara auf ihn zu und schmiss ihre Arme um Alex Hals. Beiden liefen die Tränen ihre Wangen runter und auch ich stand kurz vor dem Heulen. Dieser Anblick war so rührend, wie in einem dieser kitschigen Hollywood Filme. Jetzt verstand ich endlich, warum die Hauptdarsteller immer anfingen zu weinen. Trotzdem spürte ich einen Stich der Eifersucht. Wie gerne würde ich jetzt in seinen Armen liegen, doch das ging nicht. Ciara war seine Freundin, natürlich nahmen sie sich in den Arm und trösteten sich gegenseitig. Mit mir würde sowas gar nicht gehen, da ich, wie schon gesagt, keine Ahnung hatte, was man in so einer Situation tun sollte.

Langsam trat ich ein paar Schritte zurück, bis ich die Wand in meinem Rücken spürte. Dann ließ ich mich an ihr herunter gleiten. Währenddessen beobachtete ich die zwei weiter. Es tat mir wirklich leid, so etwas zu denken, aber die beiden passten nicht wirklich zusammen. Da fehlte dieses gewisse Etwas, ich hatte leider nur keine Ahnung, was dieses gewisse Etwas war. Vielleicht sagst du das auch nur, weil du eifersüchtig bist?, fragte mich meine innere Stimme. Manchmal konnte sie echt unnötige Kommentare abgeben, nur war ich mir nicht sicher, ob dieser unnötig war. Gar nicht. Ich betrachte alles objektiv, jedenfalls versuche ich das, gab ich zurück und wartete auf eine Antwort. Es kam keine. Na toll. Jetzt wusste ich nicht, wer von uns Recht hatte. Genauer gesagt waren beide ein und dieselbe Person, aber... ach egal, was solls. Konzentrier dich lieber auf die Personen, die vor dir stehen. Das ist nämlich viel interessanter.

Da hatte ich natürlich Recht, denn inzwischen hatten sich die beiden voneinander gelöst und Alex war auf mich zu gekommen. Vor mir blieb er stehen und sah auf mich herab. Ich musste meinen Kopf weit in den Nacken legen, um ihm in die Augen sehen zu können. Ach seine Augen. Am liebsten würde ich sie jeden Tag sehen, aber das würde er nicht wollen.

Er öffnete seinen Mund und fing an zu erklären: "Also, ich habe überhaupt keine Ahnung, warum du vorhin rausgerannt bist, aber ich möchte mich entschuldigen, falls ich etwas Falsches gemacht oder gesagt habe. Und im übrigen würde ich mich freuen, wenn du die nächsten Monate etwas mit mir und meinen Freunden unternimmst."

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