4.

In seinen Augen spiegelte sich Wiedererkennung ab. Ich war mir sicher, dass meine Augen genauso aussahen. Nur nicht so schön. Wie konnte man hellblau auch mit diesem grün-grau vergleichen? Gar nicht!

Ein paar Sekunden später schüttelte er meine Hand ab und drehte sich um, sodass er mich nicht mehr sehen konnte. Autsch. Aber ich konnte ja wohl auch nicht erwarten, dass er mir seine Probleme anvertraute. Wir hatten gerade mal zehn Wörter gewechselt. Und wenn ein Junge sich weinend in einem Wald unter einen Baum setzt, wollte er alleine sein. Ja, soweit konnte auch ich schlussfolgern.

Ich setzte mich neben ihn und legte meine Arme um meine Knie. Den Kopf hatte ich zur Seite geneigt und beobachtete ihn. Als das Schluchzen auch nach einigen Minuten nicht aufhörte, geschweige denn weniger wurde, legte ich meinen Arm um seine Schulter. Dass meine Haut dabei kribbelte, ignorierte ich geflissentlich. Das half weder ihm noch mir weiter. Überrascht sah er mich an. So etwas hatte er wohl nicht erwartet.

Nachdem sich seine Überraschung wieder gelegt hatte, lehnte er sich an mich. Er roch irgendwie nach Zitrone. Ich liebte Zitrone, manchmal fragte ich mich, warum manche Zitronen nicht mögen. Dieser saure Saft war mein Lieblings Geschmack. Mein "Lieblingsessen". Direkt hinter Crêpe.

Ich bemerkte, wie er (und somit auch ich) aufhörte zu beben. Anscheinend hatte er sich wieder beruhigt. Puh! Ich hatte nämlich keine Ahnung, was ich tun sollte. Tränen waren nicht wirklich mit mir befreundet. Ich weinte nicht oft und konnte nicht damit umgehen, wenn jemand vor meinen Augen weinte. Ich fühlte mich dann einfach so überfordert.

Er löste meinen Arm von seiner Schulter und drehte sich zu mir um. Und schon wieder sah ich seine Augen. Sie waren so wunderschön. Ich könnte sie mir tagelang ansehen, es würde mir reichen, um zu überleben. Allerdings fiel mir auf, dass sie sich verändert hatte. Sie wirkten stumpf und glanzlos, tiefe Augenringe prägten sein Gesicht und vom Weinen waren seine Augen etwas angeschwollen. Er schien diese Nacht gar nicht geschlafen zu haben, ich fragte mich, warum. Gestern war er doch noch so gut gelaunt.

" Ich dachte, ich wäre der einzige, der hierher kommt", meinte er schließlich.
"Der einzige bist du immer noch", erwiderte ich, bevor ich es zurück halten konnte. Wie bescheuert muss man eigentlich sein? Mental schlug ich mir gegen die Stirn. Jetzt hält er mich bestimmt für so eine Spießerin.
- Bist du das denn nicht? - Klappe!  Meine alten Freunde und ich hatten das immer gemacht. Auch bei Blödmann hatten wir uns gegenseitig mit Blödfrau verbessert. Sogar Kevin hatte immer sich selbst als Blödfrau bezeichnet, nur so als Spaß.

Ganz gegen meine Erwartungen, fing er an zu lachen. "Stimmt." Er lachte immer noch. Das stand ihm schon deutlich besser. Ich musste ebebfalls ein wenig lachen. Ich wusste gar nicht, wann ich das letzte mal ehrlich gelacht hatte. Schien mir schon eine Ewigkeit her zu sein.

Nachdem wir uns wieder beruhigt hatten, legten wir uns auf den Rücken und sahen in den Himmel. "Danke!", sagte er plötzlich. Ich drehte mich zu ihm um und betrachtete ihn. Er sah immer noch nach oben. "Wofür?"
"Dafür, dass du mich in den Arm genommen hast, wie man es normalerweise nur unter Freunden tut. Bei Jungs ist das ja nicht einmal dann üblich. Und dafür, dass du mich zum lachen gebracht hast. Ich hätte nie gedacht, dass das heute passieren würde." Inzwischen hatte er sich zu mir umgedreht und sah mir in die Augen. Ich lächelte. "Kein Problem. Ich blamiere mich gerne, wenn es dir gute Laune bereitet", scherzte ich und schon wieder lachten wir.

Irgendwann setzte ich mich in den Schneidersitz und fragte: "Was ist passiert? Du musst mir nicht antworten, ich würde es nur gerne wissen." Erwartungsvoll sah ich ihn an. Er setzte sich ebenfalls auf und betrachtete seine Hände. Er schien unentschlossen, ob er mir vertrauen konnte. Immerhin hatten wir uns gestern zum ersten Mal gesehen.

"Es war gestern. Nachdem wir uns im Park getrennt hatten, bin ich zu einem Freund gefahren, er hatte Geburtstag gehabt und wir wollten mal einen richtigen Männerabend machen. Es war kurz nach Mitternacht, als meine Schwester angerufen hatte. Lily hatte sich von ihrem Freund getrennt und wollte nach Hause gehen. Sie weigerte sich aber so weit zu gehen, da es schon spät war und sie nicht alleine im Dunkeln laufen wollte. Ich habe mich ebenfalls geweigert, sie abzuholen, da ich überhaupt keine Lust hatte, noch mal irgendwohin zu fahren. Dann war sie eingeschnappt und hat aufgelegt. Meinen Anruf hatte sie nicht angenommen, also bin ich doch irgendwann losgefahren und habe sie gesucht. Auf dem ganzen Weg bin ich ihr nicht begegnet, auch als ich einen andern Weg genommen hatte, habe ich sie nicht gesehen. Nur durch Zufall bin ich auf sie gestoßen. Mein Auto ist über irgendetwas gefahren und ich habe den Wagen angehalten, da ich neugierig war.
Es war ihre Tasche, meine Reifen hatte sie zwar ein bisschen verschmutzt, aber ich hatte sie trotzdem erkannt. Ich bin an den Straßenrand gelaufen und habe mich dort umgesehen.
Sie... sie lag auf dem Boden, überall war... Blut, eine Menge Blut. Und dann habe ich sie hoch gehoben und in meinem Auto ins Krankenhaus gefahren. Die ganze Nacht über war ich da..., habe meine Freunde, die gleichzeitig auch Lilys... Freunde waren, und unsere Eltern darüber informiert, dass sie... operiert wurde. Vor etwa zwei Stunden bin ich da abgehauen. Ich... konnte das einfach nicht mehr! "

Das alles sprudelte aus ihm heraus, am Ende hin erzählte er immer schneller, wurde aber durch ein paar Schluchzern seinerseits unterbrochen. Ich hatte ebenfalls Tränen in den Augen, aber ich weinte nicht. Tat ich schon lange nicht mehr.
In meiner Tasche wühlte ich nach einem Taschentuch, fand aber keins. Typisch. Das hatte ich mal wieder vergessen.

"Ich weiß nicht, warum ich dir das überhaupt anvertraut habe. Ich meine, ich habe dich gestern zum ersten Mal gesehen." Ich holte gerade Luft, um etwas zu erwidern, aber er ließ mir dafür keine Zeit.

"Oh Gott, ich bin so ein schlechter Bruder. Ich hätte sie einfach abholen sollen. Dann hätte sie auf mich gewartet und wäre nicht von einem Auto angefahren worden. Was hab ich nur getan?" Verzweifelt fuhr er sich durch die Haare. Wie kann es sein, dass er sogar dabei gut aussah?, fragte ich mich und verbesserte mich in Gedanken. Unpassend. Es gibt keinen schlechteren Zeitpunkt, um das zu denken.

Kurz darauf stand ich entschlossen auf und reichte ihm meine Hand. Verwundert starrte er sie an. "Was hast du vor?"
Wir werden deine Schwester im Krankenhaus besuchen!", meine Stimme klang fest, aber ich fühlte mich nicht halb so stark.
Panik erschien in seinen Augen. Er schüttelte den Kopf. "Nein, ich will da nicht hin! Ich kann da nicht hin."

"Ich verstehe dich, aber deine Schwester braucht dich. Was meinst du, was du dir für Vorwürfe machen würdest, wenn du sie nicht unterstützt, zu der Zeit, als sie dich am meisten braucht?"

Zögernd ergriff er meine Hand und wir liefen zurück, bis wir am Waldrand angekommen waren. Er zog mich zu dem schwarzen Auto und öffnete die Tür auf der Fahrerseite. Behutsam legte ich meine Hand auf seine und schob ihn ein Stück zurück.

"Was soll das?", fragte er genervt. "Ich denke nicht, dass du in diesem Zustand fahren solltest." Meine Stimme klang immer noch entschlossen. Nicht mal ich hätte daran erkannt, wie sehr ich mich dagegen sträubte, ins Krankenhaus zu fahren.

Langsam überreichte er mir die Schlüssel und ging zum Beifahrersitz. Als wir beide saßen, drehte ich mich nochmal zu ihm um und fragte: "Wie heißt du eigentlich?" Er musste lachen.

"Alex. Ich heiße Alex."


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