3.

Am nächsten Morgen weckte mich ein komischer Geruch. Lustigerweise schien es mir nichts auszumachen. Statt, dass ich etwas dagegen unternahm, wie z.B. ein Fenster öffnen, kuschelte ich mich tiefer in mein Bett und versuchte, mich an meinen Traum zu erinnern. Ich hatte von ihm geträumt, na ja, ich erinnerte mich nur an seine grün-grauen Augen.

Dann erinnerte ich mich wieder daran, was mich geweckt hatte. Es war nicht der komische Geruch, wie ich anfangs vermutet hatte, sondern mein Wecker. Schlagartig sprang ich auf und rutschte aus. Ich war so überrascht, dass ich kaum noch Zeit hatte, mich abzufangen.
Autsch. Ich biss mir auf die Lippe, um dieses Wort nicht laut auszuschreien.
Meine Hand war ein bisschen aufgerissen und meine Schulter tat weh. Das würde einen schönen, blauen Fleck ergeben und meine Hand werde ich verbinden müssen.

Ich kniete mich hin und untersuchte den Boden, um zu gucken, weshalb ich ausgerutscht war. Dort lag überall Trockenfutter herum, typisch ich. Langsam rappelte ich mich auf, ich wollte nicht noch einmal hinfallen.

Apropos hinfallen. Von dem gestrigen Auffall tat mir die Hüfte weh. Das war mir vorher gar nicht aufgefallen, wahrscheinlich hatten mich seine Augen einfach zu sehr abgelenkt.

Auch auf dem Weg ins Bad lenkten mich seine Augen ab, was dazu führte, dass ich mit meiner Schulter gegen einen Türrahmen lief. Es war dieselbe Schulter, auf der ich heute aufgekommen war. Das bedeutete doppelte Schmerzen.

Im Bad vollführte ich meine Morgenroutine (Medikamente gehörten dazu) und betrachtete danach mein Spiegelbild. Blonde Haare, die mir in Wellen über die Schulter fielen. Hellblaue, fast graue Augen, die aufgrund ihrer Farbe herausstachen, obwohl ich keine Schminke benutzte. Warum sollte ich auch? In ein paar Monaten bin ich sowieso tot, also war es auch egal, wie ich aussah. Die Schminksachen, die ich früher immer benutzt hatte, hatte ich verschenkt. Es gab Leute, die wollten so etwas haben und konnten es sich nicht leisten und da ich sie nicht mehr brauchte, konnte ich sie ihnen doch geben.

***

Mittlerweile stand ich in der Küche und deckte den Tisch. Die Eier waren durch gekocht und die wichtigsten Sachen standen auf dem Küchentisch. Meine Eltern würden sich schon noch das holen, was ich vergessen hatte. Falls ich etwas vergessen hatte, doch ich bezweifelte es. Monatelange Erfahrungen sorgten dafür, dass man einen Instinkt entwickelte, wenn man etwas vergaß.

Mein Frühstück bestand aus einem Brötchen mit Frischkäse und Tomaten, ebenso einem Apfel. Das alles befand sich in einer Brotbox, die zusammen mit einem Liter Wasser in meiner Tasche verstaut war. Zweifelnd ging ich nochmal den Inhalt meiner Tasche durch. Irgendetwas hatte ich vergessen, doch was war es nur?
Medikamente: Check, Essen/Trinken: Check, Taschenmesser:Check, Verbandszeug zum wechseln/Pflaster: Check, Handy zum Musik hören: Check.
Eigentlich war das doch alles, was ich brauchte, oder?

Zur Sicherheit lief ich nochmal in den zweiten Stock und sah mich in meinem Zimmer um. Irgendetwas musste doch hier liegen, was ich unbedingt mitnehmen wollte oder vielleicht auch zwei oder drei irgendetwasse. Das klang irgendwie komisch. Ich bezweifelte, dass es überhaupt eine Mehrzahl von irgendetwas gibt, aber ist ja auch nicht wichtig.

Vorsichtig durchquerte ich mein Zimmer. Der Boden war noch etwas feucht, da ich das Katzenfutter erst weggeschmissen hatte, doch danach wollte ich ihn noch einmal wischen, da der Geruch immer noch nicht weg war. Tja, jetzt stank mein Zimmer nach Putzmittel. Eins war klar, ich schlafe nie wieder mit Katzenfutter.

In der Mitte blieb ich stehen und drehte mich im Kreis, um einen Überblick zu behalten. Schwarze Vorhänge, die im Wind wehten. Meine Fenster würde ich wohl den ganzen Tag offen lassen müssen. Ich kam erst am Abend wieder zurück und wollte nicht in einem intensiv riechendem Zimmer schlafen.

Lächelnd dachte ich an den mir bevorstehenden Tag. An meinem Ort, in einer netten Umgebung, wo keiner einen bemitleidete oder fertig machte, mit meinem Zeichenblock und schöner Musik... Mein Zeichenblock! Er lag zusammen mit meiner Federtasche und einem Notizbuch auf meinem Schreibtisch. Wie konnte ich ihn nur vergessen?, fragte ich mich und packte ihn in meine Tasche. Das war der wichtigste Grund, warum ich überhaupt dahin ging.

Ich lief die Treppenstufen wieder hinunter. Im ersten Stock zögerte ich. Ja oder Nein? Ja. Nein. Ja! Entschlossen schritt ich auf das Schlafzimmer meiner Eltern zu und trat ein. Ich tat einen tiefen Atemzug und öffnete meine Augen. Die Überraschung darüber, dass ich sie überhaupt geschlossen hatte, verwandelte sich in Überraschung darüber, welcher Anblick sich mir bot.

Auf dem Tisch lag noch das Tablett von gestern Abend, unter dem Tisch jedoch befanden sich Glasscherben. Diese Scherben stammten von mindestens zwei unterschiedlichen Alkohol Flaschen. Das war also das Geräusch, was ich gestern noch vernommen hatte. Erleichterung breitete sich in mir aus. Erleichterung darüber, dass Dad keine teure Vase oder ähnliches zerstört hatte. Doch die Erleichterung hielt nicht lange an, nur so lange, bis mir wieder einfiel, dass ich das sauber machen musste.

Seufzend nahm ich das Tablett und lief runter. In der Küche stellte ich es zusammen mit meiner Tasche ab und lief in die Kammer. Mit Handfeger und Müllschippe bewaffnet ging ich wieder zurück und kehrte die Scherben zusammen. Wenn ich ein normales Leben hätte, würden das meine Eltern übernehmen und ich wäre jetzt auf dem Weg in die Schule. Aber ich war kein normales Mädchen, also blieb diese Aufgabe an mir hängen. Allerdings würden in einem normalem Leben auch gar keine Glasscherben auf dem Boden liegen.
Ich rüttelte an Mums Schulter und versuchte sie aufzuwecken. Das gelang mir auch beim ersten Versuch, bei Dad könnte ein Hubschrauber neben ihm landen, er würde nicht aufwachen.

"Mum? Ich habe Frühstück vorbereitet. Zieh dir bitte deinen Morgenmantel an und komm runter." Während ich das sagte, half ich ihr beim Aufstehen und begleitete sie auf dem Weg in die Küche. Ohne meine Hilfe hätte sie es wahrscheinlich gar nicht geschafft. Sie nahm sich ein Ei und schälte es. Ihre Finger zitterten, das Ei fiel beinahe auf den Fliesenboden. Ich konnte es gerade noch auffangen, doch als ich es für sie schälen wollte riss sie es mir aus der Hand. Bestürzt sah ich sie an.

Als ich mich umdrehte und die Küche verließ, hörte ich sie noch murmeln: "Mein Ei kann ich mir ja noch selber machen."
Ja, dachte ich, vielleicht kannst du das, aber wenn nicht, dann lass mich dir helfen. Glaub mir, für mich ist es auch nicht leicht.

In der Abstellkammer holte ich einen Staubsauger, einen Eimer und einen Putzlappen. Im Zimmer meiner Eltern angekommen, machte ich mich auch gleich an die Arbeit.

***

Endlich! Ich schnappte mir meine Jacke, zog meine Turnschuhe an und schulterte meine Tasche. Gerade, als die Tür hinter mir ins Schloss fallen wollte, steckte ich meinen Fuß dazwischen. Ohne meine Schlüssel konnte ich ja wohl schlecht weggehen. Na ja, weggehen schon, aber das Zurückkommen würde problematisch werden. Ich war mir nicht so sicher, ob meine Eltern mir die Tür öffnen würden.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle kamen mir wieder diese atemberaubenden Augen in den Sinn. Die letzten Stunden hatte ich sie verdrängt, da ich arbeiten musste, aber jetzt, wo ich nichts zu tun hatte, fielen sie mir wieder ein. Vielleicht, überlegte ich, war das der Grund für meine Konzentrationslosigkeit. Gibt es das Wort überhaupt?

Nachdem ich im Schlafzimmer meiner Eltern gesaugt hatte (ich lag wahrscheinlich richtig, mein Dad wurde nicht mal von einem Hubschrauber aufwachen. Jedenfalls hatte ihn das laute Geräusch des Staubsaugers nicht gestört. Ich war froh drum, es war besser, wenn er seinen Rausch ausschlief.) und den Boden sauber gemacht hatte, hatte ich meine Mutter wieder in ihr Bett gelegt. Ich hatte sie nur geweckt, damit sie etwas aß und nicht von den Staubsaugerbgeräuschen gestört wurde. Ich hatte Merlin etwas zu essen und zu trinken gegeben, danach konnte ich mich fertig machen, um zu gehen. Der Morgen war nicht so verlaufen, wie es geplant war. Eigentlich wollte ich um halb sieben aufstehen, etwas zu essen vorbereiten und um halb acht an der Bushaltestelle stehen.

Jetzt war es neun Uhr und der Bus war doppelt so voll wie normalerweise. Im Laufe der Fahrt würden die Leute schon aussteigen.

***

Als der Bus über den Hügel fuhr und von meinem Standpunkt aus nicht mehr zu sehen war, entspannte sich mein Körper. Ich fühlte mich frei. Obwohl ich genau wusste, dass das passieren würde, war es doch wieder erstaunlich. Dieses Gefühl hatte ich nirgendwo sonst. Als würde das Leben perfekt sein, als hätte man keine Sorgen, als würden einen keine grün-grauen Augen verfolgen.

Aber irgendetwas war anders als normalerweise. Es war, als würde ich dieses Gefühl mit jemandem teilen müssen.

Ich drehte mich mehrmals im Kreis, bis ich es bemerkte. Ein schwarzes Auto am Waldrand, das im Schatten der Bäume versteckt war. Langsam lief ich darauf zu. Es gefiel mir nicht wirklich, diesen Ort zu teilen. Es war mein Ort, na ja, ich betrachtete es als meinen Ort, aber das war es leider nicht, was mir nun bewusst wurde.

Ich hatte das Auto erreicht, doch darin war niemand und auch sonst war nichts zu sehen. Jedenfalls keine Person, Vögel, Eichhörnchen und Fliegen gab es hier ne Menge. Ich verfolgte einen kleinen Pfad, der in den Wald führte und rief mehrmals: "Hallo? Ist da jemand?" Ich weiß, sehr originell.
Niemand hörte mich oder dieser jemand ignorierte mich. Es konnte aber auch sein, dass das Auto hier einfach abgeladen wurde.

Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass jemand hier war, ganz in der Nähe. Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Es klang so, als ob ein kleines Kind weinte. Ich folgte diesem Heulen und sah nach ein paar Minuten einen Jungen unter einem Baum sitzen, den Kopf auf die Arme gelegt, sodass seine Haare sein Gesicht verdeckten. Doch es war kein kleiner Junge, es war jemand in meinem Alter. Ich lief auf ihn zu und fragte (nein, nicht 'Ist alles in Ordnung?', ich meine, niemand weint ohne Grund!) "Hey, was ist los?"

Erschrocken blickte der Junge auf, meine hellblauen Augen trafen seine grün-grauen.
Es waren dieselben grün-grauen Augen, die mich seit gestern nicht mehr losließen.

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