2.
➰
Erschöpft schlug ich meine Zimmertür zu und warf mich auf mein weiches Bett. Am liebsten würde ich mich jetzt in meine Bettdecke kuscheln und in einen tiefen Schlaf fallen, doch das ging nicht.
Also erhob ich mich und ging in mein Bad. Als erstes nahm ich meine Medikamente und spülte sie mit einem Glas Wasser runter. Dann zog ich meine Klamotten aus und stieg unter die Dusche. Ich genoss das Gefühl der kalten Wassertropfen, die auf meine Haut prasselten. Trotzdem wollten mir die grün-grauen Augen nicht aus dem Kopf gehen.
Fünf Minuten später lief ich mit einem Handtuch bekleidet wieder in mein Zimmer und holte mir Unterwäsche mit einer Jogginghose und einem T-Shirt raus.
Wo sind denn jetzt meine Wollsocken?
Ich verlor sie immer, jeden Tag musste ich sie suchen, obwohl sie jeden Tag unter meinem Bett lagen. So auch heute.
Nachdem ich sie angezogen hatte, lief ich die Treppe runter in die Küche. Dort machte ich den Herd an und kochte eine Tomatensuppe. Das war die einzige Suppe, die ich konnte. Insgesamt konnte ich weder backen noch kochen. Früher war immer alles bei mir angebrannt oder nicht durch. Doch seitdem ich weiß, dass ich Krebs habe, kochte ich regelmäßig für meine Familie, wenn auch eher schlecht als recht.
Während die Suppe vor sich hin kochte, schnitt ich Brot in Scheiben und tat etwas Käse darauf. Dann legte ich die Brote in den Toaster und füllte einen Teller mit Suppe. Zusammen mit einem Stück getoasteten Brot legte ich das auf ein Tablett und stieg die Treppe wieder hoch, diesmal jedoch nur in den ersten Stock. Den zweiten Stock hatten meine Eltern mir überlassen.
Ich klopfte mit meinem Kopf an die Tür und öffnete sie mit meinem Ellenbogen. Auf ein 'Herein' brauchte ich sowieso nicht zu warten, das kam nie.
Vorsichtig stellte ich das Tablett auf dem kleinen Tisch ab und lief zum Fenster. Dort stellte ich mich neben meine Mutter und legte ihr meine Hand auf die Schulter. Sie ignorierte meine Berührung, wie immer, trotzdem konnte ich nicht verhindern, dass sich mein Herz zusammen zog. "Mum?", flüsterte ich und rüttelte sie leicht. "Mum, ich habe dir was zu essen gebracht." Zögernd erhob sie sich aus ihrem Sessel und wankte zu dem Tisch herüber. Auf halber Strecke legte ich ihr meine Hand auf die Hüfte und stützte sie.
Beim Tisch angekommen, ließ Mum sich auf einen Stuhl nieder und ich schob ihr das Tablett hin.
Fuck! Ich hatte einen Löffel vergessen. Gerade als ich aus dem Zimmer gehen wollte, hörte ich ein schlürfendes Geräusch. Ich drehte mich um und sah meine Mutter, wie sie die Suppe schale in der Hand hielt und sie hinstellte. Der Ihnhalt war verschwunden. Überrascht sah ich sie an. Sie aß seit langem nichts mehr und wenn doch, dann nur ganz wenig. Erst jetzt viel mir auf, dass sie viel zu dünn war. Sie wiegte wahrscheinlich weniger als ich, obwohl sie einen Kopf größer war. Und ich war auch nicht gerade klein, 1.65 m war sogar ziemlich groß, wenn ich mir die restlichen (leider schon verstorbenen) Frauen in der Familie anguckte.
Ich merkte, wie sich Wärme in mir ausbreitete. Vielleicht hatte unsere Familie ja doch noch eine Chance, jedenfalls bis ich in meinem Grab liegen würde.
"Geh jetzt", hauchte meine Mutter und setzte sich wieder in ihren Sessel vor dem Fenster. (Ich wusste gar nicht, warum sie dahin sah, aus diesem Fester konnte man nur die Hauswand unseres Nachbarhauses sehen. Aus meinem Fenster hatte man jedoch eine wunderbare Aussicht.)
Und Pufff. Jetzt war die Wärme verschwunden. Was hatte ich mir auch Hoffnungen gemacht? Zu dieser Familie gehörte auch noch mein Vater und was er von Normalität hielt, konnte ich mir vorstellen.
Ich akzeptierte ihren Wunsch, verließ das Zimmer und schloss die Tür leise hinter mir. Dann ging ich zurück in die Küche und nahm mir selbst etwas zu essen. Die Suppe war inzwischen lauwarm geworden, es schmeckte also nicht mehr so gut.
Jetzt hallten seine Worte in meinem Kopf wieder.
"Du musst das essen, solange es noch warm ist. Sonst schmeckt es nicht mehr." Er hatte vollkommen Recht. Kalter Crêpe schmeckt nicht so gut. Oder heißt es das Crêpe? Keine Ahnung, nicht so wichtig.
Gedankenverloren tunkte ich meinen Toast in die Suppe und biss ab. Seine Augen wollten mir einfach nicht aus dem Kopf gehen.
Ich wurde aus meinem Gedanken (schöne, grün-graue Augen) geholt, als ein pech schwarzes etwas auf meinen Schoß hüpfte und sich schnurrend an mich schmiegte.
"Ach Merlin. Dich habe ich ja total vergessen. Tut mir leid, ich hole dir dein Futter. Warte bitte noch kurz." Ich setzte den Kater auf dem Küchentisch ab und öffnete einen der oberen Schränke. Schnell holte ich das Katzenfutter raus und wollte es gerade in den Futternapf schütten, als ich einen Schlüssel hörte, der im Schloss ungedreht wurde. Meine Hand verkrampfte sich und auch der Rest meines Körpers wurde steif. Doch dieser Moment hielt gerade mal eine halbe Sekunde, danach reagierte ich blitzschnell und lief die Treppe wieder hoch. Auf halber Strecke fiel mir auf, dass Merlin noch unten war. Zögernd blieb ich stehen und überlegte. Entweder ich ging zurück und holte gleich Merlin, oder ich lief weiter und versteckte mich vor meinem Vater. Einen Augenblick war ich über meine eigenen Gedanken erschrocken, doch das Gefühl verdrängte ich wieder.
"Verdammt!", murmelte ich und lief dieselben Stufen runter, die ich gerade hochgekommen war. Ich war kurz davor, die Küchentür zu öffnen, als sie aufgerissen wurde und ich ein wütendes Gesicht erblickte. Erschrocken wich ich zurück, doch er beachtete mich nicht. Ich weiß nicht, ob ich dankbar oder enttäuscht sein sollte.
Glücklicherweise wurden mir meine Überlegungen abgenommen, als Dad mir ein schwarzes Bündel vor die Füße warf. "Scheiß Vieh!", schrie er und schlug die Tür zwischen uns zu.
Ich hob das schwarze Bündel, das sich als Merlin entpuppte, hoch und trug es in mein Zimmer. Der arme Kater war ganz verängstigt und sträubte sich den ganzen Weg über.
Kaum, dass ich Merlin runter gelassen habe, sprang er an der Tür hoch und versuchte, sich mit seinen Krallen einen Weg auf den Flur frei zu kämpfen. Ich nahm ihn wieder hoch und legte ihn in mein Bett. Dann streichelte ich ihm beruhigend seinen Kopf. Nach einer Weile hatte er sich wieder beruhigt und fiel in einen leichten Schlaf. Eigentlich sollte ich mir jetzt die Zähne putzen gehen, aber es gab zwei Gründe, die mich davob anhielten: Ich hatte Angst, meinem Vater zu begegnen, was eigentlich völlig sinnlos ist, warum sollte er in den zweiten Stock laufen, wenn es für ihn sogar anstrengend genug war, in den ersten zu laufen? Aber so müde wie ich war, konnte ich diesen Gedanken nicht zu Ende führen. Damit wären wir auch schon beim zweiten Punkt angekommen: Müdigkeit.
Ich rollte mich auf meiner schwarzen Bettwäsche zusammen. Nach ein paar Minuten vielen mir die Augen zu. Bevor ich endgültig in das Land der Träume driftete, bemerkte ich drei Dinge. 1. Mein Vater ließ irgendetwas Gläsernes auf den Boden fallen. 2. Meine Katze schmiegte sich im Schlaf eng an mich. Und 3. ich hatte immernoch das Katzenfutter in der Hand.
➰
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top