39.

Die restlichen Sommerferien verliefen den Umständen entsprechend gut. Lilys Zustand veränderte sich nicht, man könnte fast sagen, sie läge noch genau so auf ihrem Bett wie vor fast 6 Monaten. Ein halbes Jahr. Aber das stimmte natürlich nicht, denn die Krankenpfleger änderten ihre Position oft.
Die Schule hatte wieder angefangen, was besonders für mich ein großes Problem darstellte. Mir war schon seit dem ersten Schultag klar, dass ich dieses Schuljahr wiederholen müsste, mein Kopf war zu voll von wichtigeren Sachen. Meine Schwester schwirrte in jeder Minute des Tages in meinem Gehirn herum und wenn ich es schaffte, sie aus meinen Gedanken zu vertreiben, nahmen Ana und Louis ihren Platz ein. Meine Gefühle für Louis waren immer noch vorhanden, aber ein wenig schwächer geworden. Allerdings konnte ich mir das auch nur einbilden. Cara und Louis sprachen nur das nötigste miteinander, doch man merkte, dass er seine Entscheidung, sich von ihr zu trennen, mit jedem Tag mehr bereute. Warum er allerdings nichts tat, fragte ich mich immer noch.
Ana war in der letzten Monaten eine gute Freundin geworden, zu meiner großen Freude und Erleichterung hatte sie sich auch nicht anders benommen, nachdem sie mein größtes Geheimnis erfahren hatte. Noch etwa drei Monate und eine Woche hatte sie Zeit. Hatten wir Zeit. Es war unvorstellbar für mich, dass sie dann für immer weg sein würde. Aber die restliche Zeit mussten wir genießen, das nahm ich mir vor.

Ich schlenderte direkt nach der Schule zum Krankenhaus, mein Auto benutzte ich nur noch selten. Ich begrüßte den Mann am Empfang und lief zu Lilys Zimmer. Als ich es betrat, wunderte ich mich, warum meine Schwester alleine war. Normalerweise war mindestens eine weitere Person, nämlich Ana, schon da, sprach mit Lily oder zeichnete in ihrem Block.

Ich setzte mich auf einen der Besucherstühle und redete sinnloses Zeug daher. Bis mir etwas wichtiges einfiel. "Wir haben nächste Woche Geburtstag! Bitte, Lil, tu mir den Gefallen und wach auf. Bitte! Ich brauche dich. Ohne dich möchte ich meinen, unseren, Geburtstag nicht feiern!"

Danach schwieg ich. Nach und nach trudelten meine Freunde ein, Kevin zählte ich mittlerweile dazu. Er war ein guter Freund, kam jeden Tag ins Krankenhaus, obwohl er Lily nicht kannte, nur um uns zu unterstützen. Auch er hatte mir versprochen, niemandem etwas zu sagen und soweit ich es wusste, hatte er sein Versprechen nicht gebrochen. Ana auch nicht. Apropos, wo blieb sie denn. Ich fing an, mir ernsthaft Sorgen zu machen.

Als der Doktor herein kam, stellte ich meine Frage noch vor einer Begrüßung in den Raum. "Haben Sie Ana heute gesehen?"

"Dir auch einen guten Tag Alex", schmunzelte Dr. Hope. "Ja, Ana liegt in ihrem Zimmer, Nr. 287."

"Ihr Zimmer!?", riefen wir alle gleichzeitig überrascht und besorgt aus.

"Sie wurde heute morgen eingewiesen", erklärte der Arzt verwundert. "Hat sie euch das denn nicht erzählt? Es steht schon seit Tagen fest."

Geschockt starrten wir uns an, bevor wir uns von Dr. Hope verabschiedeten und lossprinteten in Richtung Zimmer 287. Ohne zu klopfen, traten wir ein. Etwas überrumpelt richtete Ana ihren Blick auf uns. "Hi", sagte sie mit einem unsicheren, kleinen Lächeln.

"Wieso hast du uns nichts gesagt?", verlangte Cara zu wissen. Ihr wütender Unterton sollte nur ihre Angst um ihre Freundin verbergen.

"Die Ärzte meinten, es wäre für mich in einem Krankenhaus sicherer als außerhalb. Ich wollte euch nur nicht beunruhigen", versuchte sie zu erklären.

"Aber wieso jetzt? Du hast doch noch drei Monate Zeit?" Marc war ebenso besorgt wie wir anderen.

"Drei Monate?", riefen Kevin und Ana aus. Verwirrt warfen sie sich einen Blick zu. Was geht hier vor?, fragte ich mich.

"Oh nein!", rief Ana hysterisch. "Oh nein, nein, nein!"

"Was ist los?", fragte Cara, ich merkte, wie meine Besorgnis von Sekunde zu Sekunde stieg. Cara versuchte Ana zu beruhigen, indem sie ihr sachte über den Rücken strich und ihr etwas zu trinken gab.

"Hat denn niemand richtig zugehört?", Anas Stimme klang verzweifelt, so stellte ich mir meine vor, wenn ich jetzt was sagen würde. Aber ich konnte nur dasitzen und schweigen.

Louis meldete sich zu Wort: "Du sagtest, du hättest noch ein Dreivierteljahr zu leben. Aber davon sind erst 5 Monate und drei Wochen um."

Ana schüttelte den Kopf. "Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich sagte, dass man mir ein Dreivierteljahr versprochen hat, als ich meine Diagnose erhielt. Das war fast drei ganze Monate, bevor ich euch getroffen habe.

"Also...", krächzte ich mit brüchiger Stimme. "Also hast du noch etwas mehr als eine Woche?!"

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