38.

Alex POV

Zusammen mit Louis wartete ich schweigend auf die beiden Mädchen. Kevin würde später auf uns treffen, während Marc verreist war. Die Ferien hatten vor drei Wochen angefangen, aber nur er fuhr weg, die anderen konnten unsere Eltern überreden, hier zu bleiben, um meiner Schwester beizustehen. Meine Mutter wollte sowieso nicht wegfahren, ohne Lily. Bei ihr gab es keine Veränderung. Aber Marc unternahm schon lange kaum noch etwas mit uns, woran das lag, hat er mir aber nie verraten.
Auch ohne ihn anzusehen wusste ich, dass Louis neben mir unruhig auf der Bank saß. Im Gegensatz zu mir war er aber aus einem anderen Grund nervös, immerhin traf er gleich zum ersten Mal auf seine Ex-Freundin. Mich jedoch machte seine Nähe nervös, da ich meine Gefühle für ihn einfach nicht unterdrücken konnte, so sehr ich es auch wollte. Mich überraschte schon, dass niemand es gemerkt und mich darauf angesprochen hatte. Sollte ich ihm meine Gefühle gestehen?

Nach einer Weile der Stille nahm ich all meinen Mut zusammen und öffnete meinen Mund. Doch bevor ich etwas sagen konnte, wies mich Louis auf die Mädchen hin, die gerade auf uns zugelaufen kamen. Gemischte Gefühle breiteten sich in mir aus, sowohl Erleichterung, dass ich nichts falsches sagen konnte, was unsere Freundschaft zerstören würde, aber auch Frustration, weil mich mein Geheimnis von innen aufaß.
Ohne mir meine Gedanken anmerken zu lassen, stand ich auf, um Ana und Cara zu begrüßen.

"Hey!", rief ich, umarmte beide auf einmal, um meine Unsicherheit zu verbergen. Hoffentlich bemerkte Cara nichts.

Cara ignorierte Louis den ganzen Tag. Es herrschte insgesamt seltsame Stimmung, was zum Teil auch meine Schuld war. Aber als ich mir Ana mal genauer ansah, bekam ich einen Lachanfall, der eigentlich total unsinnig war. Irgendetwas stimmte mit mir nicht, da war ich mir sicher. Ana schaffte es aber, nur mit einem Schal, die Stimmung aufzulockern. Kevin stoß gerade zu uns, aber auch er musste lachen, weil ihm natürlich sofort aufgefallen war, wieso Ana dieses Tuch trug. Auch wenn ich mir sicher war, dass Kevin nicht wusste, dass der dünne Schal auch zum Teil auf mich bezogen war.

"Was ist denn los?", fragten Louis und Cara gleichzeitig. Ein Stich durchbohrte mein Herz. So ungern ich das zugab, die beiden waren ein süßes Paar. Gewesen. Das war auch ein gute Grund für Caras wütenden Blick, an Louis gerichtet, welcher ihn schuldbewusst erwiderte.

"Mein Schal", versuchte Ana zu erklären. "Er ist in Regenbogen Farben."

"Ja, und?", fragten die beiden frisch getrennten wieder unisono. Diesmal ließ Cara den wütenden Blick weg, die Neugierde war zu groß.

"Ach kommt schon, Leute!", mischte sich Kevin ein. "Wo bleibt euer Allgemeinwissen?"

Nachdem ich ihre ahnungslosen Blicke gesehen hatte, bekam ich Mitleid und erklärte so ausführlich, wie ich konnte. "Wenn z. B. eine Regenbogenfahne an einem Café oder einer Bar hängt, bedeutet das, dass Schwule oder Lesben dort 'Unterschlupf' finden können. Nehmen wir mal an, jemand hat ein Problem, dass eine Person X homosexuell ist und greift X an. Dann kann X in dieses Café oder die Bar gehen und bekommt Unterstützung. Außerdem werden sie nicht blöd angemacht, wenn sie rumknutschen. Es kommt ja doch ziemlich häufig vor, dass die Personen dann angeschrien ist fertig gemacht werden."

Meinen Freunden ging ein Licht auf, in den Comics würde jetzt über den beiden Köpfen eine Glühbirne strahlen.

"Und wieso trägst du das ausgerechnet heute?", fragte Louis neugierig.

Oh gott. Bloß nichts falsches sagen!, dachte ich angestrengt.

"Weil...", sagte Ana. "Weil ich mir das Tuch mir erst heute von Cara ausgeliehen habe."

Danke!, rief ich in meinem Kopf. Wenn sie mich das erste mal gehört hat, erreichen meine Gedanken sie vielleicht auch ein zweites mal telepathisch.

"Dann bedanke ich mich für deine Unterstützung!", alberte Kevin herum, während er mir zuzwinkerte. Geschockt starrte ich ihn an, jedoch fiel es niemandem auf, da wir gerade das Krankenhaus betraten. Die anderen gingen vor, Ana versuchte die eisige Stimmung zwischen Cara und Louis zu ignorieren, doch ich hielt Kevin an seinem Arm fest, sodass wir als einzige im Eingangsbereich stehen blieben.

"Woher weißt du das?", fragte ich, doch es hörte sich eher an wie ein Zischen. Wenn Ana was gesagt hatte...

"Nur so eine Vermutung", erwiderte er unbeeindruckt von meiner wütenden Tonlage. "Also stimmt es? Louis, würde ich raten. Obwohl du der Kellnerin, letztens im Café, länger auf den Arsch geschaut hast, als unbedingt nötig."

Meine Überraschung verhinderte, dass die Wut an die Oberhand kam. "Ich versteh das nicht. Die Kellnerin habe ich nicht angeguckt. Jedenfalls nicht mehr als die anderen. Und das mit Louis... wie... woher...urghghhhh!"

"Mir fällt sowas eben auf. Na ja, seit ich weiß, worauf ich achten muss, als ich es bei mir selbst gemerkt habe. Dann weiß man, welche die wichtigen Punkte sind, wie viele Sekunden man benötigt, um den Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe herauszufinden. Die Kellnerin fandest du attraktiv, aber Louis hat sich in dein Herz geschlichen, da reicht nur ein 'attraktiv' nicht!"
Nach Kevins Rede war ich baff. Ich musste echt aufpassen.

"Komm", meinte ich nur und machte mich auf den Weg zum Zimmer meiner Schwester. Ich konnte auf seine Worte nichts erwidern.

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