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Der Kuss ist drei Tage her und ich habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Nach der Annäherung haben wir den Film weitergeschaut und den restlichen Tag über ist nichts mehr passiert. Weder Leon oder ich haben eine weitere Annäherung gewagt und stattdessen so getan, als wäre nichts gewesen.

Allison hat mir versichert, dass die Anderen nichts von unserem Kuss mitbekommen haben. Darüber bin ich mehr als froh, denn erstmal müssen Leon und ich die Sache zwischen uns klären, bevor sich jemand einmischt. Aktuell herrscht Funkstille zwischen uns, was mich ziemlich verunsichert, was aber auch nichts bedeuten muss. Ich nehme mir ein Beispiel an meiner besten Freundin und gehe positiv an die Sache heran.

Ich weiß, dass Leon gerade viel um die Ohren hat. Er trainiert jeden Tag mehrere Stunden mit den Jungs, um für das College in bestmöglicher Form zu sein. Das Ziel ist die NFL und ich glaube fest daran, dass er das schafft. Nichtsdestotrotz bin ich unsicher, wie ich vorgehen soll.

Soll ich ihm schreiben? Nach einem Treffen fragen? Oder einfach so tun, als wäre der Kuss nie geschehen. Wobei sich das falsch anfühlen würde, immerhin war es ein wirklich guter Kuss. Ich bin der festen Überzeugung, dass Leon auch etwas für mich empfindet. Ansonsten hätte er weder meine Hand gehalten noch den Kuss erwidert. Er mag mich und das kann ich nicht ignorieren – ich muss die Chance ergreifen, die sich jetzt bietet. Vor wenigen Tagen hätte ich nie geglaubt, dass mein hoffnungsloser Crush auf Leon womöglich gar nicht so hoffnungslos ist.

Allison war eine große Hilfe und sie hat mir in vielerlei Dinge die Augen geöffnet. Leon ist eifersüchtig, sobald es um Jannis geht. Er sucht aktiv meine Nähe und er ist definitiv nicht hetero, ansonsten hätte er den Kuss nie erwidert.

Grübelnd fahre ich mir durch meine blonden Haare und beschließe ihm eine Nachricht zu schicken. Ich habe nichts zu verlieren.

Jacob: Hey, wie läuft das Training? Wollen wir heute noch etwas unternehmen?

Leon: Hi Jake. Kiyan quält uns ganz schön, ich bin fix und fertig. Soll ich dich um fünf abholen?

Mein Herzschlag erhöht sich und ich tippe grinsend eine Antwort.

Jacob: Gerne, ich freue mich.

Leon: *Herz Emoji*

Ich glaube, ich falle gleich in Ohnmacht. Er hat mir einen Herz Emoji gesendet! Na, wenn das kein Zeichen ist.

Optimistisch gestimmt wende ich mich erneut meinem Buch über das chinesische Kaiserreich zu, um die Zeit bis zu Leons Ankunft zu überbrücken. Geschichte interessiert mich schon seit ich ein Kind bin und ist neben der Formel 1 eine meiner Leidenschaften. Wenn alles glatt geht studiere ich bald Englisch und Geschichte auf Lehramt an der Brown University, ich kann es kaum erwarten.

„Hey, da bist du ja", begrüßt Leon mich, als ich in sein Auto steige und ich lächele zurück: „Hey, wie war dein Tag? Für das, dass Kiyan euch so gequält hat, siehst du relativ fit aus."

„Kiyan ist ein verdammter Drill-Coach. Der Typ gibt keine Ruhe, bis jeder Spielzug perfekt sitzt und jeder von uns komplett außer Atem ist. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so geschwitzt, wie unter Kiyans Kommando – und unser alter Coach war bei weitem kein Heiliger."

„Aber dafür seid ihr fit für's College."

„Das ist das Ziel. Wobei wir jeden Tag aufs Neue Dinge entdecken, die noch nicht perfekt sind. Wir haben alle großen Respekt vor dem Football am College, immerhin kommen dort alle großen Talente des Landes zusammen und wir sind nicht länger die unbesiegten Superstars, wie hier."

„Das schafft ihr locker. Verständlich, dass ihr unter Druck steht, aber ihr seid ja nicht die Einzigen, die dann frisch am College anfangen. Und so hart wie ihr derzeit trainiert, kann fast nichts mehr schief gehen", versichere ich Leon und werfe ihm einen beruhigenden Blick zu. Er steuert den Wagen lässig durch die Straßen und mir wird bewusst, dass ich gar nicht weiß, wohin wir fahren: „Sag Mal, wohin gehen wir eigentlich?"

„Ich habe hunger, deshalb hätte ich einen Stopp im Diner eingelegt, wenn es Okay ist? Ich bin direkt nach dem Training los zu dir und hatte noch keine Gelegenheit wieder Energie zu tanken."

„Klar, ich könnte auch was zu essen vertragen", stimme ich ihm zu.

Er ist direkt nach dem Training zu mir gekommen, das ist verdammt süß. Die Schmetterlinge in meinem Bauch schlagen bei diesem Gedanken Purzelbäume und ich kann ein glückliches Seufzen nur schwer unterdrücken. Zum Glück habe ich mich getraut ihm zu schreiben, ansonsten hätte ich das wahrscheinlich bereut.

„Na, dann ist das wohl perfekte Planung meinerseits", grinst Leon. Seine starken Hände liegen locker auf dem Lenkrad und ich komme nicht drumherum, die Adern zu bewundern, die sich an seinen Armen deutlich abzeichnen. Ich stehe auf starke Männer. Leon ist einfach das perfekte Gesamtpaket: Ein Charakter aus Gold und das Aussehen von einem griechischen Gott.

„Wie war dein Tag?", fragt Leon nach einer kurzen Stille.

„Relativ langweilig. Ich habe lange geschlafen, meiner Mutter kurz etwas in der Küche geholfen und die restliche Zeit eigentlich nur gelesen", meine ich schulterzuckend.

„Was für ein Buch hast du gelesen?"

„Ein Buch über das chinesische Kaiserreich", antworte ich und sehe, wie Leon anerkennend nickt: „Wow, spannend. Ich bewundere dich dafür, dass du Bücher lesen kannst. Für mich war es immer der absolute Albtraum, wenn wir in der Schule ein Buch lesen mussten. Da bin ich wohl der Klischee Sportler."

„Die Bücher aus der Schule waren aber auch scheiße", lache ich leise und Leon stimmt in mein Gelächter mit ein. Beim Klang seines tiefen Lachens läuft mir ein angenehmer Schauer über den Rücken und mein Blick ist an dem Schwarzhaarigen festgeklebt. Seine dunklen Augen leuchten amüsiert und seine strahlend weißen Zähne werden beim lachen entblößt. Unfair, dass jemand in jeglicher Hinsicht perfekt ist.

Leon lenkt das Auto auf den Parkplatz des Diners und ich bin froh, dass bisher noch nicht so viel los ist. Es muss nicht die halbe Stadt wissen, dass wir zu zweit essen gehen. Die Gerüchteküche in einer Kleinstadt ist durchgehend am brodeln und man ist nirgendwo sicher. Privatsphäre gibt es quasi nicht. Ich möchte nicht, dass Leon sich unwohl oder unter Druck gesetzt fühlt - vor allem, da er sich öffentlich nicht als bisexuell geoutet hat.

Wir steigen beide aus seinem Wagen aus und nachdem Leon das Auto umrundet hat kommt er an meine Seite und greift wie selbstverständlich nach meiner Hand. Überrascht ziehe ich den Atem ein und starre ihn sprachlos an. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Eine Gänsehaut bildet sich auf meinem Arm und ich spüre seine Berührung überdeutlich.

„Ich habe nichts zu verstecken, Jake. Du wirst nicht mein kleines, schmutziges Geheimnis bleiben", erklärt Leon und drückt bestätigend meine Hand, „Lass uns reingehen."

𐙚˙⋆.˚ ᡣ𐭩

Ich geb zu, hab kurz gekichert als ich den letzten Absatz geschrieben habe.

Denkt an den Stern! :)

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