❉ 05 ❉
Taehyung
„Unglaublich. Wer macht denn sowas? Wieso müssen die Menschen so gewalttätig sein? Die Gesellschaft verkommt immer mehr!"
Mein Vater schimpft schon seit etwa zehn Minuten durchgehend wie ein Rohrspatz, er hat genau dann begonnen, als wir im Krankenhausparkhaus ins Auto gestiegen sind und er den Motor gestartet hat. Ich höre ihm bei seinem Gemecker aber gar nicht zu.
Einmal, weil es meine Kopfschmerzen nur verschlimmert und ich jetzt schon das Gefühl habe, dass mein Schädel jeden Moment platzt.
Und außerdem habe ich meinem Papa verschwiegen, dass ich gewissermaßen Schuld an meinem kleinen Unfall trage: Nämlich das ich den mysteriösen Mann so lange wie ein Irrer verfolgt habe, bis er keinen anderen Ausweg gesehen hat, als mir ein Brett über den Kopf zu ziehen.
So im Nachhinein schäme ich mich etwas für die unüberlegte Aktion, aber kann man es mir verübeln? Der Kerl wirkt auf mich nämlich alles andere als ein unschuldiger Mitbürger unserer Stadt! Und natürlich bin ich dann neugierig.
„Und du willst sicher nicht zur Polizei? Und hast auch wirklich keine Ahnung, wer das war?"
Ich verneine leise und starre dabei aus dem Fenster. Gelogen ist das nicht einmal, schließlich kenne ich den mysteriösen Mann nicht und weiß praktisch nichts über ihn. Außer das er ständig an Schauplätzen des Todes auftaucht, aber das kann ich ja niemandem glaubhaft erklären.
„Lass uns bitte einfach nach Hause, Papa. Ich möchte mich wirklich ausruhen und muss noch meine Freunde beruhigen."
Mein Vater nickt verstehend und blickt mich kurz liebevoll von der Seite an, ehe er sich wieder auf die Straße konzentriert.
Hoseok war nämlich außer sich, aber bisher habe ich einfach noch nicht die Motivation gefunden, meine Situation zu erklären. Diese ganze Aufregung bringt meinen Kopf sonst noch mehr dazu, jeden Moment zu platzen.
Und ich brauche meinen hübschen Schädel ja schließlich noch, um an den mysteriösen Mann zu denken.
„Ich mach dir jetzt erstmal etwas zu Essen und du ruhst dich aus. Freinehmen kann ich mir für morgen denke ich nicht, aber ich werde gleich noch einmal kurz einkaufen gehen, damit du dann wenigstens ein paar frische Lebensmittel und genug Ramen hast."
Mein Vater lächelt mich lieb an, nachdem er auf unserem kleinen Parkplatz gehalten hat. Wir haben den Luxus eines eigenen, kleinen Hauses und obwohl es nicht so zentral liegt wie einige der deutlich günstigeren Wohnungen, würde ich es nicht missen wollen. Lieber etwas mehr Fahrzeit jeden Tag, als mir konstant den Stadtlärm und die Leute geben zu müssen.
„Tut mir leid, dass ich nicht mehr einkaufen konnte", entschuldige ich mich leise, als wir unsere Haustür aufschließen und ich den Flur betrete, der so köstlich nach Heimat riecht. Dieses beruhigende Gefühl, wenn man angekommen ist und man sich einfach wohl fühlt.
Es riecht irgendwie nach meiner Mutter.
„Ach Taehyung, das ist nun wirklich nicht deine Schuld. Mach dir keine Gedanken und leg dich lieber hin, ja? Die Uni kommt auch ein paar Tage ohne dich aus und du bist ein schlauer Kopf und kriegst das schnell wieder aufgeholt. Und vielleicht kann ja jemand deine nächsten Schichten im Café übernehmen."
Zerknirscht lächele ich und mache mich dann auf den Weg in mein Zimmer.
Leider liegt mein Vater nicht ganz richtig, denn es ist sehr wohl meine Schuld. Warum muss ich auch so besessen sein von diesem Mann? Sonst interessieren mich andere Menschen doch auch nicht sonderlich.
Aber vermutlich liegt es daran, dass ich mir verflucht sicher bin, dass irgendetwas an diesem Kerl nicht stimmt. Und es mag mein Ehrgeiz sein, oder sein gutes Aussehen, aber ich will unbedingt mehr darüber herausfinden. Mehr erfahren über den Mann, der seit einigen Wochen konstant in meinen Gedanken herumschwirrt.
Oben angekommen wasche ich mir nur kurz das Gesicht, verteile etwas Creme auf meiner trockenen Haut und ziehe mir irgendein altes Shirt zum schlafen über, dass vermutlich mehr Löcher als die Ozonschicht hat.
Meine Klamotten von heute landen einfach in der Ecke, ich mache mir nicht einmal die Mühe das Hemd ordentlich weg zu hängen.
Als ich endlich in meinem Bett liege und ich nur kurz meine Freunde geupdatet und auf der Arbeit nach Ersatz gefragt habe, schließlich ich müde die Augen. Fast sofort beginnen hinter meinen geschlossenen Lidern kleine Lichter zu Flackern und es bereitet mir noch mehr Kopfschmerzen, mich darauf zu konzentrieren.
„Wie ätzend", murmele ich leise und schlage die Augen wieder auf. Das trübe weiß meiner Zimmerdecke beruhigt meine Sicht etwas und ich schaffe es, minutenlang einfach dazuliegen und an nichts zu denken, bis mein Vater verhalten an meiner Tür klopft und eintritt.
„Hier, eine Flasche Wasser und etwas zu Essen. Wenn dir schlecht ist, lass es lieber sein, aber trinken solltest du genug, ja?"
Besorgt sieht er mich an, während ich mich etwas aufsetze um die Sachen anzunehmen. Gott, mein Papa ist so ein lieber Mensch und ich bereite ihm nur Sorgen.
„Ich fahre dann jetzt noch eben und hole etwas zu Essen, morgen früh werde ich denke ich schon bei der Arbeit sein, wenn du aufwachst. Übernimm dich nicht und pass gut auf dich auf", weist mich mein Vater an und ich rolle etwas mit den Augen.
„Ich bin 20 und keine 12, ich weiß sehr wohl auf mich acht zu geben."
„Ja, das haben wir ja heute schon gesehen", schnaubt mein Vater nur und ich schmunzele etwas.
„Ausnahmen bestätigen die Regel!"
Nachdem mein Vater mir noch eine Gute Nacht gewünscht hat, obwohl es nicht mal acht Uhr ist, probiere ich ein bisschen was von dem, was er mir gegeben hat. Reis mit Gemüse, leicht verträglich und viel zu lecker. Natürlich schaffe ich es, alles zu essen, aber sowas tue ich egal ob mir schlecht ist oder nicht. Essen ist definitiv eines der Dinge, weshalb es sich zu leben lohnt.
Und weil ich ein absolut verantwortungsloser Sohn bin, wie man es heute ja so schön gesehen hat, trinke ich noch brav die Hälfte der Wasserflasche, ehe ich die kleinen Lichter in meinem Zimmer ausmache und mich unter meine warme Decke kuschele.
Gott, der Schlag auf die Stirn hat mich zum Kindergartenkind werden lassen, den ich fühle mich unfassbar müde.
Normalerweise erledige ich um diese Uhrzeit noch alle möglichen Dinge für die Uni oder mache etwas mit Freunden, aber jetzt kommt es mir so vor, als wäre es tiefste Nacht. Diese dämliche Gehirnerschütterung und das ganze Denken der letzten Wochen müssen mich echt müde machen.
„Schlaf gut, Taehyung. Auf eine weitere Nacht in dieser widerlichen Welt, der sich der nächste, nervige Tag anreisen würde", wünsche ich mir selber und schließe mehr oder weniger zufrieden meine Augen.
Tatsächlich dauert es nicht lange und der Schlaf übermannt mich. Während er mich mit seinen langen, dünnen Fingern in die willkommene Dunkelheit zieht, bekomme ich nichts mehr mit und gerade in einen absolut sorglosen Zustand. Erst wenn die Albträume aus ihren Löchern hervorgekrochen kommen, wird meine Nacht nur noch halb so erholsam. Aber dieses Mal bleiben sie sitzen und nerven mich nicht, sodass ich friedlich schlummern kann.
Vielleicht hätte ich diese Nacht aber lieber von einem meiner vielen Nachtmahre aufwachen sollen. Denn dann hätte ich die groß gewachsene Gestalt in meinem Zimmer gesehen und das hübsche, nachdenkliche Gesicht, welches mich mit Stirnrunzeln beobachtet.
„Kleiner Mensch, was ist an dir nur so anders?"
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top