❉ 03 ❉
Taehyung
„Es ist schrecklich, mein Sohn. Jetzt muss ich jedes Mal Angst um dich haben, wenn du ins Kino gehen willst."
Mein Vater legt die Zeitung zur Seite und auf seiner Stirn ist eine Sorgenfalte zu sehen, die meiner Meinung nach viel zu tief ist. Auch noch drei Wochen nach dem Vorfall stürzen sich die Medien wie verrückt auf die Geschichte.
„Mach dir doch keine Sorgen, Papa. Nur weil diesem Mädchen so etwas Schreckliches passiert ist, heißt es nicht, dass es mir genauso ergeht."
Ich sage ihm nicht, dass ich dabei war, als sie einen Herzinfarkt hatte. Und ich sage ihm auch nicht, dass ich keinerlei Zivilcourage gezeigt habe, weil ich viel zu fasziniert von dem hübschen Mann war. Und ich sage ihm auch nicht, dass im Café praktisch genau das Selbe geschehen ist, mit dem Unterschied, dass das Opfer dort überlebt hat - und ich das Gefühl nicht los werde, dass das mein Verdienst ist, da ich den mysteriösen Mann abgelenkt habe.
Fuck, das klingt so krank. Ich glaube ich sollte mich einfach einweisen lassen.
„Du hast Recht, Taehyung. Ich bin vielleicht einfach zu überängstlich. Du weißt schon."
Mein Vater nimmt unwohl einen Schluck aus seiner Teetasse und ich sehe seufzend auf mein Frühstück. Ja, ich weiß schon. Ich weiß, dass er von Mama redet. Und ich weiß auch, dass wir das beide eigentlich verdrängen wollen. Aber das klappt nicht ganz so gut.
„Und? Was machst du heute noch?"
„Hoseok kommt später vorbei und wir gehen eine neue Hose für mich kaufen. Meine eine Schwarze ist kaputt und ich brauche sie im Café. Und ansonsten bereite ich nur meine Präsentation für Mittwoch vor."
Mein Vater nickt. „Bitte räum noch die Küche auf, ich mache mich gleich auf den Weg zur Arbeit. Wenn du heute noch die Zeit findest, kannst du ja vielleicht auch einkaufen gehen."
Ich bekomme einen kleinen Schmatzer auf die Wange als mein Vater aufsteht und schnell mache ich mich daran, das Frühstück abzuräumen.
Als es an der Haustür klingelt, habe ich bereits einen kleinen Einkaufszettel geschrieben und die Küche glänzt vor sich hin. Seit meine Mutter nicht mehr ist, kann ich einfach viel zu gut putzen.
„Na du Schnecke mit dem Engelsgesicht - bereit deinen Knackarsch in zwanzig Tausend verschiedene Hosen zu stecken?"
Hoseok lehnt lässig an meiner Hauswand und lässt seinen Blick einmal über mein Erscheinungsbild wandern. Ich trage - wie so oft - eine einfache Jeans und ein weißes Hemd, welches vielleicht ein bisschen zu stark aufgeknöpft ist.
„Mensch, die steht dieser farblose Look total", schmollt Hoseok, dessen Oufit mich ein bisschen an einen Kanarienvogel erinnert. Aber ein stylischer Kanarienvogel.
„Ich brauche sowieso noch Oberteile, da kannst du mir ja ein paar buntere raussuchen", biete ich an, während ich die Haustür hinter mir zuziehe. Das stimmt zwar nicht, aber Hoseok ist jedes Mal verdammt glücklich, wenn er für mich Klamotten shoppen kann.
Das einzig Negative ist, dass ich sehr wenig Mitspracherecht habe und alles selber bezahlen muss. Aber gut, immerhin hat mein Kumpel einen guten Geschmack und weiß, was mir auch gefällt.
„Du, ich hab Jungkook und Yoongi eben noch geschrieben, die beiden sind heute auch in der Stadt. Wollen wir nicht alle danach zusammen Essen gehen? Namjoon und seine Familie sind da, und ich will nicht nach Hause - seine kleinen Gören ziehen nur wieder an meinen Haaren!"
„Ja, klingt gut", schmunzele ich und knuffe ihn dann in die Seite. „Aber du bist echt der schlechteste Onkel den die beiden haben können!"
„Gar nicht!" Beleidigt schnauft Hoseok und macht sich auf den Weg zur Bushaltestelle, während ich ihm brav hinterherdackele.
Eigentlich liebt Hobi seine Familie sehr, aber mit den kleinen Kindern seines Bruders kann er nur herzlich wenig anfangen, deswegen versucht er viel Abstand zu halten. Das letzte Mal haben sie einen Erdbeermilchshake auf ihm verteilt und seine weißen Schuhe mit Herzen bemalt.
„Aber die Schuhe sehen richtig gut aus, ein bisschen wie so ein Exklusivstück."
Ich bekomme einen genervten Blick ab und dann stehen wir auch schon an der Bushaltestelle. Leider ertappe ich mich dabei, wie ich immer wieder die Straßen und Gehwege abscanne, wobei ich nicht einmal weiß wonach ich suche. Auch während der kurzen Fahrt in das Stadtzentrum klebt meine Nase förmlich an der Scheibe und ich beobachte meine Umgebung ganz genau.
„Sag mal, wen suchst du eigentlich?"
„W-Was?", stammele ich, als wir endlich aus dem Bus aussteigen und wieder frische Luft einatmen können.
„Du siehst dich doch schon die ganze Zeit um. Gibt es da wen, den ich kennen sollte? Hast du vor die Person in der Stadt zu treffen? Ist es ein er oder eine sie? Älter oder jünger als du? Gutaussehend?"
Sofort schießt mir das Bild von dem hübschen Mann durch den Kopf, der einfach nicht aus meinen Gedanken verschwinden will. Vielleicht bin ich wirklich so dämlich, nach ihm Ausschau zu halten.
„Ach Quatsch, ich suche niemanden. Aber ich sag dir Bescheid, wenn mir jemand ins Auge fällt. Lass uns jetzt shoppen", sage ich nur und dirigiere Hoseok unter leisem Protest in den ersten Laden. Wenn er eines mehr liebt als Shoppen, dann sind das Liebesdramen.
Als ich ihm am Anfang unserer Studienzeit eröffnet habe, dass ich Bisexuell bin, wäre er am liebsten vor Freude aus dem Fenster gesprungen. Er hat sich damals alle möglichen Dreiecksbeziehungen und Liebesverwicklungen ausgemalt und jede Person in unserem Umkreis war mein potenzieller Partner.
„Den probierst du an. Und die hier auch", Hoseok drückt mir einen roten Pulli und eine dunkle Jeans in die Hand, während er weiterhin mit kritischem Blick durch die Gänge eines kleinen Ladens eilt. Ansonsten scheint ihm nichts auch nur ansatzweise zu gefallen.
„Das ist mir hier alles zu 08/15. Das trägt jeder und fühlt sich auch noch cool damit", lästert er und beleidigt damit quasi jeden in diesem Geschäft.
„Warum stehst du hier noch? Hopp hopp in die Umkleidekabine, damit wir weitersuchen können!"
Er scheucht mich von dannen und Augenrollend komme ich der mehr oder weniger freundlichen Aufforderung nach.
„Kaufe ich", beschließe ich, als ich aus der Kabine trete und Hoseok beide Teile vorführe.
„Langweilig, aber steht dir. Du gleichst das mit deinem Gesicht aus", befindet er und ich schmunzele etwas, bevor ich mir wieder meine alte Kleidung anziehe und wir uns dann auf den Weg zur Kasse machen.
Kurz bevor wir uns aber in die Schlange stellen können, bleibe ich erschrocken stehen und atme einmal tief ein, während mein Herz einen irre großen Satz macht.
In einem hellen Mantel gekleidet und mit zwei blauen Hemden auf dem Arm, steht der mysteriöse Mann ganz entspannt an der Kasse um zu zahlen.
Ich sehe sein Gesicht nur von der Seite - aber bei Gott, dieses Gesicht würde ich immer erkennen. Er steht hier wie ein ganz normaler, etwas zu hübsch geratener Bürger und bezahlt seine Klamotten mit einem verdammten Bargeldbündel.
„Sag mal, was glotzt du den Typen denn so an? Ist das etwa der Kerl, nach dem du Ausschau hälst?", reißt mich Hoseok auf einmal aus meinen Gedanken und fahrig lenke ich meinen Blick auf ihn.
„W-Was? Natürlich nicht!", protestiere ich, als mir etwas einfällt.
„Warte, du siehst ihn auch?!"
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