❉ 02 ❉
Taehyung
Entspannt sauge ich an meinem Metallstrohhalm und sehe auf meine Notizen. Man könnte mich einen kleinen Streber nennen, aber ich schreibe während meiner Vorlesungen grundsätzlich mit. Dann muss ich zuhause nicht mehr so viel lernen und habe mehr Zeit um zum Beispiel ins Kino zu gehen.
„Wie kann man nur so süchtig nach Smoothies sein?", jammert Jimin, der mir gegenüber in der Cafeteria sitzt. Er hat sich was zu Essen gekauft, denn anders als ich nimmt er sich meistens keine Sachen von zuhause mit. Aber da ich mein Geld meistens für Kinobesuche ausgebe, stecke ich da halt gerne mal zurück.
„Mein Vater macht halt die besten Smoothies der Welt. Tausendmal gesünder und leckerer als den Scheiss den du dir kaufst und besser für die Umwelt ohne das ganze Plastik", belehre ich ihn nur ohne aufzusehen.
„Die Früchte werden doch trotzdem eingeflogen, dein CO2 Abdruck ist damit nicht besser", kontert Jimin und ich zucke nur mit den Schultern.
„Deine ja auch."
Damit ist unsere Unterhaltung beendet und ich korrigiere noch meine letzten Notizen.
Es ist nicht so das ich nicht gerne mit Jimin rede, aber der Player geht mir manchmal einfach auf den Keks. Er ist fast genauso schlimm wie Sunshine Hoseok, der quasi durchgehend lächelt. Die beiden sind definitiv auf Platz eins meiner Nervigrangliste meiner Freunde.
Wie kann man so dermaßen gute Laune in Gegenwart anderer Menschen haben? Ich verstehe es nicht. Wenn ich mir unsere Gesellschaft anschaue, kann ich meistens einfach nur seufzend den Kopf schütteln. Versteht mich nicht falsch - einige Individuen liegen mir sehr am Herzen und ich verachte auch nicht den Einzelnen. Aber trotzdem denke ich mir meistens, dass unsere Spezies besser nie entstanden wäre. Wir schaden mehr, als das wir irgendeinen Nutzen hätten.
Naja, es sei denn, wir hätten im universalen Sinne eine Bestimmung. Wenn der Untergang der Erde, verursacht durch uns, Vorraussetzungen für eine weit aus entwickeltere, gütigere -
„Taehyung? Hörst du mir zu?"
Jimin wedelt mit seiner kleinen Hand vor meiner Nase herum und ich nicke. „Klar."
„Du Lügner. Was ich eigentlich erzählt habe: Was hälst du davon, wenn ich mir ein zweites Piercing stechen lasse? Hierhin?" Er deutet auf eine Stelle an seinem Ohr und ich zucke mit den Schultern.
„Ja, warum nicht. Sieht bestimmt hübsch aus", murmele ich und speichere schließlich meine Notizen, ehe ich den Laptop runterfahre.
„Ich muss jetzt los, hab gleich meine letzte Vorlesung für heute und muss dann noch arbeiten. Wünsch mir viel Glück, damit ich nicht schon wieder stolpere und heißen Kaffee auf den Gästen verteile."
Ich erhebe mich und Jimin zwinkert mir zu.
„Viel Spaß beim Bedienen, TaeTae. Du könntest ja auch anfangen nackt zu arbeiten, dann bekommst du bestimmt mehr Trinkge-"
Genervt gebe ich ihm einen Klaps auf den Hinterkopf und er hält endlich seinen Mund.
„Tschüss, ChimChim."
Mit langen Schritten verlasse ich die Mensa und mache mich auf den Weg zu meinem Hörsaal. „Ich habe wirklich absolut idiotische Freunde", murre ich und schüttele den Kopf. Mir ist durchaus bewusst, dass einige Menschen mich attraktiv finden, aber ich habe da nicht so viel für übrig. Gut, ein ästhetisches Äußeres ist schon anziehend, aber ich mache mir nichts daraus wenn andere mich bewundernd ansehen - und dann auch noch Geld dafür zahlen. Viel mehr warte ich darauf, dass ich endlich mal jemanden finde, den ich so schmachtend ansehen kann.
„Jemanden, der so hübsch ist, wie der seltsame Mann im Kino," flüstert eine gemeine Stimme in meinem Kopf und schnell versuche ich den Gedanken zu verbannen. Der Mann im Kino war... ja, was war er eigentlich? Absolut hübsch, unwiderstehlich und vermutlich nicht mal echt. Wahrscheinlich habe ich zu wenig geschlafen und zu viele Filme geguckt, denn scheinbar habe ich schon Wahnvorstellungen von gut aussehenden Männern.
Hallo ich bin Taehyung - bisexuell und verzweifelt.
Mit einem trockenen Lächeln auf den Lippen lasse ich mich auf einen Platz im Hörsaal fallen und hole meinen Block hervor. Vielleicht hat meine Psyche auch einfach nur einen Knacks - kein Wunder, wenn man bedenkt das ich vor kurzem einem Menschen beim Sterben zugesehen habe.
Danach habe ich mich zweimal mit dem Psychologen getroffen, der mir auch über den Tod meiner Mutter hinweg geholfen hat. Ich hatte wirklich keine Lust, dass ich an dem Tod einer Unbekannten anfange zu zerbrechen und wer weiß, wie gut ich das, was im Kino passiert war, alleine weggesteckt hätte. Ne ne, ich riskiere meine eh schon brüchige mentale Gesundheit nicht weiter.
„Na, Taehyungie? Die letzten neunzig Minuten schaffen wir auch noch", lacht Hoseok neben mir und ich nicke lächelnd, während ich beginne auf meinem Block rumzukritzeln.
Schlauer wäre es vermutlich, alles direkt am Laptop mitzuschreiben, aber das Klicken der Tastatur nervt mich und außerdem könnte ich sonst nirgendwo meine kleinen Strichmännchen verewigen.
Hoseok plappert fröhlich weiter und ich höre mit halbem Ohr zu, bis der Professor endlich reinkommt und mein Sitznachbar aufhört über die neusten Fashiontrends zu sprechen. Hobi ist bei sowas immer ganz vorne mit dabei und manchmal frage ich mich, warum er der Fashionindustrie überhaupt hinterherhetzt - sein Stil ist ein verdammtes Statement und er setzt die Trends selber. Er hat es nicht nötig irgendwas nachzukaufen, was tausende Menschen schon vor ihm hatten.
„Hoseok, du bist echt eines der wenigen Unikate auf diesem Planeten", murmele ich noch, ehe ich mich den Worten des Professors widme.
„Glaube mir, TaeTae, du auch."
Nachdem ich die Uni für heute überstanden habe, packe ich meine Sachen so schnell es geht zusammen und mache mich dann auf den Weg zu dem kleinen Café, in dem ich dreimal die Woche jobbe. Trotz das ich noch zuhause wohne, muss ich einige Dinge selber zahlen und außerdem will ich sparen, wer weiß was zukünftig ansteht.
„Taehyung, du bist spät dran! Los, mach dich schnell fertig", werde ich von Seonmi, meiner Chefin, empfangen.
„Ja, tut mir leid, ich habe den einen Bus verpasst", entschuldige ich mich und verbeuge mich anschließend etwas, aber Seonmi macht nur eine wegwerfende Handbewegung.
„Schon gut, sonst bist du ja immer überpünktlich. Aber jetzt beeil dich."
Sofort mache ich mich auf den Weg in den kleinen Hinterraum, in dem neben Unmengen an Küchenrollen und allem anderen Krempel auch die Spinde mit den Schürzen stehen. Glücklicherweise muss ich sonst nur eine schwarze Jeans tragen und die schwarzen Schürzen mit dem knallpinken Logo drauf sind auch nicht so schlimm.
Als ich mit meiner Schicht beginnen kann, verliere ich mich fast sofort in meiner Arbeit und mein Kopf wird gefüllt von Zahlen, Bestellungen und Extrawünschen. Es ist jedes Mal ein angenehmer Zeitraum, in dem all meine anderen Gedanken schweigen und mein Gehirn irgendwie durchatmen kann. Vielleicht genieße ich meinen kleinen Nebenjob deswegen auch ein bisschen zu sehr.
Nur leider wird heute meine Entspannung unterbrochen, als ich nach draußen gehe, um zwei Gäste zu bedienen.
Auf der anderen Straßenseite steht reglos der hübsche Mann aus dem Kino.
Und ich weiß nicht warum, aber während ich ihn fasziniert anstarre und meinem Blick nicht von ihm nehmen kann, beginnt hinter mir ein Chaos.
Irgendwer schreit um Hilfe, die Stimmen werden immer lauter, aber ich drehe mich nicht einmal um. Ich blicke nur zu dem Mann, der mich jetzt bemerkt hat und verwirrt seinen Kopf schieflegt, während er mich genauso intensiv anschaut wie ich ihn.
Mein Herz macht einen Satz und ist ihm in diesem Moment praktisch zugeflogen.
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