❉ 01 ❉


Taehyung

Ich war schon immer jemand, der Schmerzen und Einsamkeit nicht ertragen konnte. Spätestens mit dem Tod meiner Mutter ist mein Drang, immer in Gesellschaft zu sein, unfassbar stark geworden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir die Anwesenheit anderer Menschen die schwere Last von meinen Schultern nimmt. Verrückt, oder? Und das, obwohl ich die Menschheit doch eigentlich verachte.

„Tae? Kommst du?"
Mein bester Freund Jungkook sieht zu mir herüber und lächelt mich mit seinen niedlichen Hasenzähnen an. Er und sein fester Freund Yoongi gehören mit zu den wenigen Menschen, die mich so akzeptieren wie ich bin. Deswegen schätze ich ihre Gesellschaft mehr wert als alles andere. Bei so vielen anderen muss ich mich verstellen und meine Gedanken für mich behalten, da sie sie nicht verstehen würden.

„Ja, komme schon." Mit langen Schritten schließe ich zu den beiden auf und Yoongi schüttelt den Kopf über mich.
„Warst du wieder in deinem eigenen Universum?", fragt er mich mit einem kleinen Lächeln auf den schmalen Lippen und ich zucke mit den Schultern.

Es passiert oft, dass meine Gedanken abdriften und ich meine Umgebung ausblende. Egal ob ich alleine zuhause im Bett liege oder mich gerade in einer Unterhaltung befinde - meine Gedanken gehen immer ihre eigenen Wege und irgendwie kann ich sie nicht steuern.

„Wenn wir uns nicht beeilen, hat der Film schon angefangen", hetzt Jungkook und ich umklammere das Popcorn in meinen Händen fester, während wir die Treppen hoch zum vierten Kinoraum laufen.
„Es läuft doch eh erst noch eine Viertelstunde Werbung", schnaubt Yoongi unbeeindruckt, aber Jungkook wirft nur entgeistert seine Hände in die Luft, wobei er beinahe seine Cola ausschüttet.

„Aber die Vorschau ist super wichtig! Das ist die Zeit, in der du das Popcorn essen kannst, ohne das alle anderen Menschen dich für die Knabbergeräusche hassen!"
Fast schon verzweifelt sieht er zu seinem festen Freund und ich stimme Jungkook zu.
„Kookie hat Recht, die Vorschau ist wichtig. Außerdem sehen wir da direkt, in welchen Film wir als nächstes gehen können."

„Gott, Taehyung, du bist echt Kinosüchtig", seufzt Yoongi, als wir den Saal betreten und unsere Plätze suchen. Wie so oft haben wir die Nummern fünf bis sieben, ich die sieben, Kookie in der Mitte und Yoongi rechts außen.
„Vielleicht. Aber ich liebe Filme, genauso wie Bücher. Sie geben einem zumindest für einen kleinen Zeitraum die Möglichkeit, dass fiktionale Leben eines anderen über das eigene zu stellen und sich selbst auszublenden."

Ich setze mich in den weichen Sessel und stelle mein Popcorn auf meinem Schoß ab. Jacke und Rucksack drapiere ich unter meinem Sitz, wobei ich heimlich eine Flasche Wasser aus meiner Tasche hole. Als ob ich für die überteuerten Getränke im Kino zahlen würde.

„Taehyung, du bist mir manchmal zu intelligent", äußert Jungkook und greift dabei nach dem zweiten Popcorn, welches Yoongi empört zur Seite hält.
„Kookie, du wolltest doch keins! Ich habe dich viermal gefragt, aber du bist bei deiner Cola geblieben und jetzt vergreifst du dich an meinem Essen!"

„Hab's mir halt anders überlegt", zuckt mein bester Freund mit den Schultern und stibitzt jetzt mir etwas.
„Ey!" Als Rache greife ich nach seiner Cola und nehme einen großen Schluck, was Jungkook dazu veranlasst mir auf die Schulter zu hauen.

„Ihr seid beide blöd und egoistisch. Nie könnt ihr teilen", schmollt er und sieht jetzt beleidigt auf die Leinwand, auf der irgendeine Autowerbung gezeigt wird.
„Armes Kookiebabyleinchen", stichele ich und kassiere einen zweiten, wesentlich festeren Schlag. „Maul!"

Ich reibe mir meine Schulter und beginne dann, geräuschvoll eine Handvoll Popcorn in meinem Mund zu versenken. Obwohl ich eine große Tüte genommen habe, braucht es nur zehn Minuten und fast alles ist aufgegessen. Warum bin ich nur so schrecklich süchtig nach dem Zeug?

„Der Film fängt an!", flüstert Jungkook begeistert und rammt mir seinen Ellbogen in die Seite, so als ob es mir selbst nicht auffallen würde, was sich auf der großen Leinwand abspielt. Wahrscheinlich habe ich wegen dem Idioten gleich einen blauen Fleck mehr.

Entspannt lehne ich mich zurück und genieße die dunkle und stille Atmosphäre im Saal. Irgendjemand hustet, von links kommt leises Getuschel, aber ich versuche alle Geräusche auszublenden. Nur der Film zählt, denn er nimmt mich für einige Zeit mit in eine fremde Welt, in der all das Leid in meiner eigenen nicht existiert.

„Oh mein Gott! Yerin! Fuck verdammt, atme doch! Krankenwagen! Wir brauchen scheisse nochmal nen verfluchten Krankenwagen!"

Ich brauche ein paar Sekunden bis ich realisierte, dass die hysterischen Schreie eines Mädchens nicht vom Film stammen, wo die Protagonistin sich gerade leidenschaftlich auf den bösen Antagonisten einlässt.

„Was ist da los?", murmelt Jungkook besorgt und raunend sehen wir zu den Reihen vor uns, wo die Menschen anfangen panisch zu telefonieren und sich um einen Platz zu scharren. Ich bezweifele stark, dass zwanzig Krankenwägen besser helfen als einer.
„Yerin!", brüllt schon wieder eine viel zu hohe Mädchenstimme und ich verziehe das Gesicht.

Ich kann Hysterie gar nicht leiden, es ist einer der wenigen Dinge die mich aggressiv machen. Stille Panik ist okay, aber sobald Leute anfangen laut zu schreien oder weinen, ist es bei mir vorbei. Hysterie ist unnötig und absolut nicht hilfreich und dabei klingelt dieser widerliche Klang von dem Versagen der Vernunft in meinen Ohren.

Immer mehr Menschen fangen an sich an einem Punkt zu drängen und jeder schreit, was er jetzt tun würde.
„Ich bin Krankenpfleger!"
„Ja und? Ich bin Tierarzt!"
Beginnen sich zwei Männer zu streiten, die scheinbar Verantwortung in dieser Situation tragen wollen.

„Oh Gott, guck mal!"
Die beiden Kinobesucher tragen einen viel zu schmalen Körper aus den Stuhlreihen und legen die Person ausgestreckt auf den Flur. Ein zitterndes, verheultes Mädchen kommt an, scheinbar um erste Hilfe leisten zu können, aber einer der Männer schiebt das nervliches Wrack beiseite und beginnt selbst mit einer Beatmung.

„Ich habe keine Ahnung was passiert ist, aber ich glaube... ich glaube, dass Mädchen dort...", Yoongi beendet seinen Satz nicht und presst sich stattdessen schockiert die Hand vor den Mund. Im Kinosaal wird es totenstill, jeder hier scheint unter Strom zu stehen und nicht wissen zu können, was er machen soll. Aber was sollen wir auch machen?

In der Ferne hören wir die Sirenen eines Krankenwagens, alle sehen gebannt auf den Mann, der rhythmisch auf die Brust des Mädchens drückt.
Jeder scheint nur noch darauf zu warten, dass endlich jemand kommt, der wirklich eine Ahnung hat.

Eine Bewegung in meinem Augenwinkel macht mich stutzig und als ich nach links sehe, erkenne ich dort einen dunkel gekleideten Mann, der viel zu gut dabei aussieht, so teilnahmslos auf den Tumult zu starten. Er wirft einen gelangweilten Blick auf seine Armbanduhr und scheint zu seufzen.

Ein weiterer Kinobesucher? Eigentlich tummeln sich alle um das Mädchen und ich habe ihn auch nicht reinkommen sehen. So jemand wie er wäre mir sicherlich aufgefallen.
„Schau mal, der ist voll komisch", stupse ich Jungkook leise an und deute unauffällig in Richtung des jungen Mannes.

Aber mein bester Freund zieht bloß verwirrt die Augenbrauen zusammen, schüttelt den Kopf und wendet sich dann wieder dem Mädchen zu. Zwei Sanitäter kommen in den Saal gerannt, aber es interessiert mich nicht.
Wieder sieht der junge Mann auf seine Armbanduhr, ehe er beginnt traurig zu Lächeln und anschließend mit den Fingern zu schnipsen. Dreimal.

„Schnell! Sie atmet nicht und ich fühle keinen Puls!"
Jemand ruft etwas, aber ich sehe nur mit offenem Mund zu dem Mann. Verwirrt hebt dieser seinen Blick von der Uhr und seine dunklen Augen bohren sich für eine Sekunde in meine, so als hätte er gespürt das ich ihn ansehe.

Verwirrt ziehen sich seine Augenbrauen zusammen.
Ich blinzele, aber als ich wieder hinsehe, ist der Mann verschwunden.

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