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KAPITEL 8

Es war merkwürdig, plötzlich mit einem anderen Team im selben Gebäude zu sein. Vor allem, wenn man bedachte, dass sie sich eigentlich hassen sollten. Vielleicht taten sie das auch. Zumindest redete Dahlia sich das ständig ein. Trotzdem schweiften ihre Gedanken immer wieder zu Hades. Zu seinen eisblauen Augen. Zu diesem kalten Blick. Zu der Art, wie er sie ansah, als könnte er direkt durch sie hindurchsehen. Sie hasste es. Wirklich. Denn egal wie sehr sie versuchte, ihn nicht zu beachten — jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen, zog sich etwas unangenehm in ihrer Brust zusammen.

„Erde an Dahlia."

Violets Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Dahlia blinzelte kurz und blickte zu ihr auf.

„Ja? Was gibt's?"

Violet musterte sie einige Sekunden aufmerksam, als hätte sie genau bemerkt, wo Dahlias Gedanken gerade gewesen waren.

„Können wir reden?"

Dahlia nickte sofort und stand langsam auf. „Wir sind gleich wieder da", sagte sie in die Runde, bevor sie automatisch nach Violets Hand griff und gemeinsam mit ihr den Raum verließ.

Mittlerweile hatten sie sich in einer Umkleide der Schule eingerichtet. Der Raum war klein, stickig und viel zu eng für so viele Menschen, aber wenigstens konnte man ihn absperren und es gab keine Fenster, durch die irgendetwas hineinsehen konnte.

Das Frauenbad lag am anderen Ende des Korridors. Obwohl direkt daneben das Männerbad war, entschieden sie sich trotzdem für den längeren Weg. Vielleicht einfach aus Gewohnheit. Oder weil sie beide gerade Abstand von allen brauchten.

„Worum geht's, Ivy?", fragte Dahlia schließlich ruhig, während sie neben Violet herlief.

Violet antwortete nicht sofort. Dahlia bemerkte direkt, wie nervös sie wirkte. Ihre Finger spielten unruhig mit dem Ärmel ihres Hoodies.

„Geht's um Ace?"

Sofort wurde Dahlias Blick weicher. Violet nickte leicht, schwieg jedoch weiterhin, bis sie schließlich das Badezimmer betraten. Erst dort sprach sie wieder.

„Ich hab Angst."

Dahlia runzelte leicht die Stirn. „Ja, das ist mir bewusst... aber wovor genau?"

Violet lehnte sich gegen eines der Waschbecken und verschränkte die Arme vor der Brust. „Vor allem", gab sie ehrlich zu. „Vor dem Neuen. Vor meinen Gefühlen. Vor diesem ganzen Chaos." Ihre Stimme wurde leiser. „Wir leben mitten im Weltuntergang und trotzdem denke ich ständig an ihn."

Dahlia musste leicht lächeln. Sie verstand genau, was Violet meinte. Denn sie selbst hatte momentan ebenfalls Gedanken, die sie lieber nicht hätte.

„Findest du nicht, dass das Leben mittlerweile viel zu kurz geworden ist, um ständig Angst vor Gefühlen zu haben?" Dahlia trat langsam näher zu Violet. „Schau uns doch an, Ivy. Wir haben keine Ahnung, ob wir morgen überhaupt noch leben." Ihre Stimme wurde weicher. „Wir kämpfen jeden Tag ums Überleben. Niemand weiß, wann sein letzter Tag kommt."

Kurz dachte Dahlia an die Kreaturen draußen. An die Schreie. An das Blut. Doch direkt danach tauchte Hades in ihren Gedanken auf. Seine Augen. Dieser leere Blick voller Kälte und Hass. Sofort verdrängte sie den Gedanken wieder und zwang sich, weiterzusprechen.

„Besonders jetzt solltest du das Beste daraus machen." Sie lächelte leicht. „Ace liebt dich. Das sieht wirklich jeder."

Und das stimmte. Man musste nur einen einzigen Blick auf Ares werfen, sobald Violet den Raum betrat. Sein Blick wurde jedes Mal sofort ruhiger. Wärmer.

Violet senkte leicht den Kopf, bevor sich langsam ein kleines Lächeln auf ihren Lippen bildete.

„Du hast recht." Ihre Stimme klang diesmal sicherer. „Ich liebe ihn doch auch." Sie lachte leise auf. „Ich hab Angst, ja... aber ich will versuchen, darüber hinwegzusehen."

Dahlia grinste sofort. „Glaub mir, wenn du neben Ace bist, brauchst du dich vor nichts zu fürchten."

Und das meinte sie ernst. Ares würde alles für die Menschen tun, die er liebte. Besonders für Violet.

Violet nickte langsam und begann plötzlich zu grinsen. „Er wird sich freuen."

Dahlia grinste ebenfalls.

„Wie süß."

Die kalte Stimme ließ beide sofort zusammenzucken.

Dahlia und Violet drehten sich augenblicklich zur Tür.

Und dort stand Hades.

Sofort spannte sich Dahlias Körper an. Instinktiv wollte sie nach ihrer Katana greifen, doch dann fiel ihr ein, dass sie diese im Raum gelassen hatte.

Verdammt.

„Was wird das hier?", fragte Dahlia sofort ernst.

Hades antwortete nicht direkt. Sein Blick lag bereits auf ihr. Wie immer.

Diese eisblauen Augen musterten sie schweigend, langsam und viel zu aufmerksam. Dahlia hasste es, wie ihr Herz jedes Mal schneller schlug, sobald er sie so ansah. Und noch mehr hasste sie, dass er es vermutlich bemerkte.

Violet stellte sich sofort neben Dahlia. „Geh raus. Das ist ein Frauenbad."

Ihre Stimme war deutlich genervt.

Noch bevor Hades antworten konnte, erschien plötzlich ein weiterer Mann hinter ihm.

„Hades, was machst du denn so la—" Er stoppte mitten im Satz. „Oh. Hallo, meine Damen."

Die gezwungene Freundlichkeit in seiner Stimme war kaum zu überhören.

„Deswegen hast du so lange gebraucht", sagte er belustigt und grinste leicht. Dann wanderte sein Blick zu Dahlia. „Deine Kleine also?"

Sofort wurde Dahlias Blick tödlich.

„Wo ist eigentlich meine Locke?", fügte er grinsend hinzu.

„Atila. Geh."

Hades' Stimme blieb ruhig, aber deutlich kälter.

„Ich komm gleich nach."

Trotzdem wich sein Blick keine einzige Sekunde von Dahlia ab. Und genau das bemerkten mittlerweile alle. Selbst Violet schaute irritiert zwischen den beiden hin und her.

Diese Spannung zwischen ihnen war kaum noch zu übersehen.

„Ihr könnt euch später noch anstarren", sagte Violet schließlich genervt und verzog angewidert das Gesicht in Hades' Richtung.

Dahlia reagierte nicht einmal darauf. Sie hob lediglich leicht eine Augenbraue.

„Geht aus dem Raum."

Ihre Stimme war ruhig, aber scharf.

„Und wenn nicht?"

Wieder dieser emotionslose Ton. Und wieder dieser intensive Blick.

Dahlia spürte förmlich, wie Hades darauf wartete, dass sie nachgab.

Tat sie aber nicht.

„Dann gehen wir eben", warf Violet plötzlich dazwischen.

Doch Dahlia schüttelte sofort den Kopf.

„Ich bleibe."

Ihr Blick blieb direkt auf Hades gerichtet.

„Wir waren zuerst hier."

Violet schaute sie ungläubig an. „Dahlia, wir sind fertig mit reden."

„Nein, sind wir nicht."

Violet trat sofort näher zu ihr und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

„Wir haben keine Waffen dabei." Sie deutete unauffällig auf Hades und Atila. „Die aber schon."

Doch Dahlia blieb trotzdem stehen. Stur wie immer.

„Wir können euch hören", unterbrach Atila trocken.

„Sieht es so aus, als würde mich das interessieren?", erwiderte Dahlia sofort.

Atila zog verwundert die Augenbrauen hoch.

„Warum bist du eigentlich so zickig?"

„Damit du fragst."

Sogar Violet musste kurz grinsen.

Hades hingegen trat langsam einen Schritt näher auf Dahlia zu.

Und sofort wurde es still.

„Hör mal zu", sagte er ruhig.

Seine blauen Augen durchbohrten ihre förmlich.

„Werd nicht frech."

Dahlia machte sofort ebenfalls einen Schritt auf ihn zu.

Jetzt standen sie gefährlich nah voreinander. Viel zu nah.

„Oder was?"

Keiner wich zurück.

Und genau das bemerkten die anderen sofort. Selbst Atila grinste mittlerweile belustigt, während Violet genervt zwischen beiden hin und her schaute.

Hades bemerkte jede einzelne Reaktion von Dahlia. Wie sie zwar ruhig dastand, ihre Finger sich aber minimal anspannten. Wie ihr Atem langsamer wurde, sobald er näher kam. Und genau das machte ihn wahnsinnig.

Sie hatte Angst vor ihm.

Aber sie weigerte sich konsequent, sie zu zeigen.

„Ja genau."

Plötzlich erklang eine Stimme von der Tür.

„Oder was?"

Sofort drehten sich alle um.

Ares stand dort. Man hörte deutlich das Geräusch, wie er seine Glock durchlud.

Dahlia legte leicht den Kopf schief und grinste frech.

„Siehst du?" Ihr Blick wanderte wieder zu Hades. „Wir sind auch nicht alleine hier."

Mit einer Hand hielt Ares die Glock direkt auf Hades gerichtet. Mit der anderen warf er Dahlia ihre Katana zu. Ohne zu zögern fing sie die Waffe auf und zog sofort die Klinge.

Dann hielt sie diese direkt an Hades' Hals.

Doch Hades wirkte vollkommen unbeeindruckt.

Und genau das machte Dahlia wahnsinnig.

Atila grinste plötzlich breit. „Pass auf, Kleine." Sein Blick wanderte zwischen Hades und Dahlia hin und her. „Hades steht auf sowas."

„Ew."

Violets angewiderter Blick sprach Bände.

„Ihr seid echt ekelhaft."

Sogar Dahlia verzog kurz das Gesicht. Doch ihr Blick blieb weiterhin auf Hades gerichtet. Und seiner auf ihr.

Dieses ewige Anstarren fühlte sich mittlerweile fast wie ein eigener Kampf an. Ein ständiges Kräftemessen ohne Waffen.

Hades wusste selbst nicht mehr, warum Dahlia ihn so reizte. Vielleicht war es ihre Art, ihn nie ernsthaft zu fürchten. Vielleicht dieses provozierende Mundwerk. Oder die Tatsache, dass sie ihn ansah, als würde sie ihn gleichzeitig hassen und verstehen wollen.

Und Dahlia wiederum hasste es, dass seine Nähe sie nicht kaltließ.

Atila legte schließlich seine Hand auf Hades' Schulter. „Komm. Die anderen warten."

Hades ließ Dahlia noch einige Sekunden nicht aus den Augen.

Dann drehte er sich langsam um und ging an Ares vorbei. Dabei rammte er ihm absichtlich die Schulter gegen den Arm.

Ares' Blick wurde sofort tödlich.

Doch kurz bevor Hades endgültig verschwand, blickte er noch einmal über die Schulter direkt zu Dahlia zurück.

Und wieder trafen sich ihre Augen.

Dieses Mal länger.

Intensiver.

Dahlia spürte sofort dieses unangenehme Ziehen in ihrer Brust.

„Idiot", murmelte sie schließlich leise.

Doch selbst sie wusste nicht mehr genau, ob sie damit wirklich nur Hass meinte.

„Was war das bitte?", kam es sofort genervt von Ares.

Doch bevor Dahlia antworten konnte, ging Ares direkt zu Violet und legte besorgt seine Hände auf ihre Schultern.

„Ivy, alles okay? Du bist voll rot."

Violet blickte zu ihm hoch.

Und plötzlich verstand sie Dahlias Worte von vorhin viel besser.

Egal, was passieren würde...

Ares würde immer kommen.

Immer.

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