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KAPITEL 9
Hades betrat wieder den Raum, in dem sein Team auf ihn wartete. Die Stimmung dort war deutlich lockerer als draußen auf dem Gang, doch kaum erschien er in der Tür, richteten sich mehrere Blicke sofort auf ihn.
Kai, seine rechte Hand, löste sich von der Wand und kam auf ihn zu. „Wieso hast du so lange gebraucht?", fragte er verwirrt. Noch bevor Hades antworten konnte, mischte sich Atila mit einem breiten Grinsen ein.
„Die Kleine von vorhin war dort." Sofort wurde das Grinsen auf mehreren Gesichtern breiter.
„Ach wirklich?", fragte Kai und lachte leise auf.
„Und? Habt ihr euch wieder fast umgebracht oder nur angestarrt?" Atila ließ sich auf eine Bank fallen und verschränkte die Arme.
„Die beiden haben sich ein richtiges Blickduell geliefert. Ich dachte kurz, die küssen sich gleich oder bringen sich gegenseitig um." Mehrere Männer lachten. Nur Hades nicht.
Er lehnte sich schweigend gegen die Wand und zog langsam seine Jacke aus. Nach außen wirkte er ruhig, fast gelangweilt, doch seine Gedanken waren längst nicht mehr bei seinem Team.
Sie waren wieder bei Dahlia. Bei der Art, wie sie ihn angesehen hatte. Direkt. Herausfordernd. Ohne diese Angst, die er sonst von Menschen gewohnt war. Oder zumindest fast ohne Angst. Und genau das brachte ihn langsam um den Verstand. Er hasste sie. Wirklich. Diese sture Art.
Dieses ständige Widersprechen. Dieses „Ich-bin-stark-und-brauche-niemanden"-Getue ging ihm gewaltig auf die Nerven. Und trotzdem bekam er sie nicht aus seinem Kopf. Immer wenn er die Augen schloss, sah er ihre braunen Augen direkt vor sich. Sah, wie sie trotzig das Kinn hob, obwohl sie genau wusste, wie gefährlich er war. Hades zog genervt an seiner Zigarette. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm.
Normalerweise interessierten ihn Menschen nicht. Schon gar keine Frauen. Doch Dahlia schaffte es jedes Mal, ihn aus der Fassung zu bringen, und allein das reichte, damit er sie noch mehr verachtete.
„Wie bekommen wir Ares endlich zu uns?", fragte Kai plötzlich und riss Hades aus seinen Gedanken. Hades blickte kurz auf. „Ich weiß es nicht." Atila musterte ihn aufmerksam. „Du willst ihn wirklich unbedingt im Team haben, hm?" Hades nickte leicht und zog erneut an seiner Zigarette. „Er ist stark." Und das stimmte. Ares kämpfte gut, dachte schnell und war loyal bis zum Tod. Genau solche Leute brauchten sie.
Nicht nur wegen seiner Waffe, sondern wegen der Art, wie er führte. Menschen hörten auf ihn, auch wenn er nicht viel sagte. Das machte ihn wertvoll.
„Ich hätte da eine Idee." Einer der Männer, der bisher still gewesen war, trat langsam näher. Hades hob fragend eine Augenbraue. „Wir holen einfach alle zu uns." Sofort wurde Hades' Blick kalt. „Nie im Leben kommen Frauen in mein Team." Seine Stimme war ernst, doch der Mann schüttelte nur den Kopf.
„Lass mich ausreden." Jetzt hörten alle aufmerksam zu. „Wir holen sie alle zu uns... und wenn es ernst wird, retten wir die Frauen einfach nicht." Stille breitete sich im Raum aus. Selbst Kai hörte auf zu grinsen.
„Die schaffen es niemals ohne Ares", sprach der Mann weiter. „Und wenn etwas passiert, sieht es eben wie ein Unfall aus."
Atila runzelte leicht die Stirn. „Du willst ernsthaft, dass wir sie mitnehmen und sterben lassen?" Der Mann nickte.
Atila lehnte sich schweigend zurück. Er machte oft dumme Sprüche über Frauen, ja, aber so herzlos war selbst er nicht. Zumindest nicht so offen. Sein Blick wanderte kurz zur Tür, als könnte er durch die Wände hindurch Liliana sehen. Dieses Mädchen mit den Locken, das ihn jedes Mal ansah, als wäre er das Letzte. Aus irgendeinem Grund gefiel ihm genau das. Und der Gedanke, dass sie sterben könnte, gefiel ihm gar nicht. Trotzdem sagte er nichts.
Hades schwieg ebenfalls. Er blickte einfach ins Leere und dachte nach. Eigentlich hätte ihm die Idee gefallen müssen. Praktisch. Effektiv. Keine Schwachstellen mehr. Keine Frauen, die seine Männer langsamer machten. Kein unnötiges Risiko.
Und trotzdem tauchte plötzlich Dahlia in seinem Kopf auf. Daran, wie sie ihn angesehen hatte.
Wie ihre Augen voller Hass gewesen waren und trotzdem etwas darin lag, das ihn reizte. Er stellte sich vor, wie sie stirbt. Wie diese braunen Augen leer wurden. Und zu seiner eigenen Überraschung störte ihn der Gedanke. Nicht genug, um Mitleid zu empfinden. Nicht einmal nah dran. Aber genug, um ihn wütend zu machen, weil sie selbst in seinen Plänen noch störte.
Hades zog langsam an seiner Zigarette. „So machen wir das." Mehrere Männer nickten sofort zustimmend. Doch sein Blick wurde danach nur noch dunkler. Tief in seinem Inneren verstand er selbst nicht mehr, warum ihn ausgerechnet Dahlia so beschäftigte. Und weil er es nicht verstand, hasste er sie noch mehr.
Die Nacht verging schließlich und langsam brach der Morgen an. Die schrecklichen Geräusche der Kreaturen verstummten wieder und die Straßen Wiens lagen erneut gespenstisch still da.
Ares und sein Team hatten zwar oft gegen diese Wesen gekämpft, doch trotzdem wollten sie nichts unnötig herausfordern. Deshalb packten sie bereits früh ihre Sachen zusammen, um weiterzuziehen. Als Hades und sein Team schließlich ebenfalls die verlassene Schule verließen, blieben mehrere seiner Männer abrupt stehen.
Draußen standen Ares und Violet. Es war gerade einmal acht Uhr morgens und trotzdem wirkten die beiden, als wären sie komplett allein auf der Welt.
Sie hielten Händchen und küssten sich, während etwas weiter entfernt Dorothy und Liliana zusammenstanden und leise miteinander sprachen. Hades blieb vorne stehen und beobachtete die Szene schweigend. Kurz fragte er sich, wie es sich wohl anfühlte, jemanden so anzusehen wie Ares Violet ansah.
So offen. So sicher. So dumm verletzlich. Sofort verdrängte er den Gedanken wieder.
Plötzlich wurde er hart an der Schulter angerempelt.
„Aus dem Weg, ihr Hohlköpfe."
Die weibliche Stimme ließ mehrere Männer sofort aufblicken. Hades senkte den Blick und sah direkt in Dahlias Gesicht. Sie war einfach an ihm vorbeigelaufen, als wäre er Luft. Nicht einmal stehen geblieben war sie. Langsam drehte er sich zu ihr um. „Du traust dich aber was." Seine Stimme klang kalt.
Dahlia blieb stehen und drehte sich langsam zu ihm zurück.
„Was willst du tun?", fragte sie genervt.
Sofort trafen sich ihre Blicke. Wieder zu lange. Wieder zu intensiv. Kai bemerkte es sofort und auch Atila zog leicht die Augenbrauen hoch. Zwischen diesen beiden passierte etwas Seltsames, selbst wenn keiner von ihnen es zugeben würde. Dahlia hasste diesen Blickkontakt mittlerweile. Jedes Mal, wenn Hades sie so ansah, hatte sie das Gefühl, dass ihr Körper sie verriet. Ihr Herz schlug schneller, obwohl sie ihn nicht ausstehen konnte.
„Dahlia!", rief Liliana plötzlich von hinten. „Alles okay?" Doch Dahlia antwortete nicht sofort. Ihr Blick hing noch immer an Hades. „Dahlia also", sagte er ruhig, fast nachdenklich. Und sie bemerkte sofort, dass ihr Name anders klang, wenn er ihn aussprach. Kälter. Schwerer. Als würde er ihn testen. „Nimm meinen Namen nicht in den Mund", sagte sie scharf. Dann musterte sie ihn von oben bis unten. Hades bemerkte es natürlich. Sein Blick wurde einen Hauch härter, doch sein Gesicht blieb unbewegt.
Ares und die anderen kamen jetzt ebenfalls näher. Sofort legte Violet ihre Hand auf den Bogen, während Ares automatisch nach seiner Glock griff. „Sucht ihr Probleme?", fragte Ares ernst. „Wir wollen nur vorbei", sagte Kai ruhig, dann grinste er leicht. „Eure Zicke rempelt hier halt einfach Leute an."
Dahlia antwortete sofort:
„Liegt vielleicht daran, dass ihr überall im Weg steht."
Einer der Männer trat wütend nach vorne. „Hör mal zu, du kleine Göre—" Doch Atila hielt ihn sofort zurück. Ein einziger Blick reichte und der Mann blieb stehen.
Dahlia bemerkte das sofort. „Braver Hund." Ihre Stimme war ruhig, aber voller Spott. Mehrere Männer wurden sichtbar wütend, doch Dahlia interessierte das nicht. Und genau das faszinierte Hades mehr, als ihm lieb war. Jeder andere hätte inzwischen Angst gezeigt. Aber Dahlia provozierte sie absichtlich weiter. Sie wich nicht zurück. Nicht vor Waffen. Nicht vor Männern. Nicht vor ihm. Und genau das machte ihn aggressiv.
„Wir sollten gemeinsam weiterziehen", sagte Atila plötzlich. Ares blickte ihn sofort misstrauisch an. „Und wie kommst du darauf, dass wir das wollen?" Kai trat leicht nach vorne. „Du willst deine Freunde beschützen. Wir wollen dich im Team." Er zeigte kurz auf die Mädchen. „Wenn das bedeutet, dass wir die vier mitschleppen müssen, dann machen wir das eben." Dahlia bekam sofort ein ungutes Gefühl.
Zu plötzlich. Zu einfach. Und Hades machte die Sache nicht besser, weil er sie währenddessen ununterbrochen ansah.
„Meine Männer würden gut auf euch aufpassen", sagte Hades schließlich ruhig. Seine Stimme blieb kalt, doch sein Blick auf Dahlia war viel zu intensiv. Ares' Gesichtsausdruck wurde härter.
Er mochte diese ganze Situation überhaupt nicht. „Ich muss das mit ihr besprechen", sagte er schließlich und blickte zu Dahlia. Er wusste, dass er nicht immer gleichzeitig auf alle aufpassen konnte.
Eine größere Gruppe bedeutete bessere Überlebenschancen. Zumindest theoretisch.
Doch Dahlia spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht lag es daran, dass Hades plötzlich seine eigenen Prinzipien aufgab. Vielleicht daran, dass seine Männer viel zu interessiert wirkten. Oder daran, dass Hades sie ansah, als würde er selbst nicht verstehen, warum er seinen Blick nicht von ihr lösen konnte.
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