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Ich fragte mich, warum er die Maske nicht abnahm. Sie machte aus seiner Haut weißes Porzellan, versteckte seinen Mund, seine Nase, nur die Augen blinzelten hinter kleinen Schlitzen hervor. Sie verlieh ihm etwas Unmenschliches. War das sein Ziel?

Als ich vor ein paar Minuten hier aufgewacht war, freute ich mich im ersten Moment darüber, dass ich Connors Energie spürte. Inmitten der fünf Menschen, die als eine kleine Gruppe beisammenstanden, erkannte ich ihn sofort, obwohl sie alle schwarz gekleidet waren und mit Kapuzen und diesen Masken ihre Gesichter verdeckten. Dann begriff ich erst, was das hieß. Irgendetwas stimmte hier absolut nicht.

Meine Augen brannten und mein Hals war trocken, meine Schultern taten weh und das Seil, das hinter dem Stuhl um meine Handgelenke gebunden war, wetzte mir die Haut auf. Aber am schlimmsten war das Loch in meiner Brust. Obwohl ich wusste, dass mein Körper immer noch erfolgreich Blut durch meine Arterien pumpte, fühlte ich mich, als würde ich nicht mehr funktionieren.

Connor hätte genauso gut einen Vorschlaghammer nehmen und mir mein Herz herausschlagen können.

Vielleicht hing dieses seltsame Gefühl aber auch mit den krummen Zeichnungen auf den Fliesen zusammen. Weiße Striche bildeten ein Muster auf dem dunklen Boden, eine Linie verlief direkt unter meinen Füßen – möglicherweise sorgte das zusätzlich dafür, dass ich mich krank fühlte. Als wäre irgendein Parasit in mir, ein Virus, der alle Tatkraft und alle rationalen Emotionen in sich aufsog und diese drückende Leere zurückließ.

„Wenn du mit uns zusammenarbeitest, haben wir alle was davon", ergriff der stämmige Kerl, der links von Connor stand, das Wort. Er war mir sofort unsympathisch, aber vermutlich hätte ich über jeden so geurteilt, der mich entführte und an einen Stuhl fesselte. Auch über Connor? Ich dachte kurz darüber nach, aber ich wusste nicht mehr, was ich für ihn empfinden sollte.

„Wer seid ihr überhaupt?" Bisher hatte kaum jemand etwas gesagt und ich verstand immer noch nicht, was genau ich hier machte. „Was wollt ihr von mir, warum habt ihr mich hierhergebracht?"

„Zu deiner eigenen Sicherheit."

„Wovor denn? Ihr fesselt mich, haltet mich hier versteckt und-" Ich wollte aufbrausend und selbstbewusst klingen, aber bevor ich mich in Rage reden konnte, fiel mir der Stämmige ins Wort.

„Und wir wollen verhindern, dass du einfach so von den Vollkommenen gefunden wirst. So wie ich es verstanden habe, hast du deine Rolle derweil ganz gut gespielt. Du hast einen Weg gefunden, eine Medizin gegen das Gift der Instinktjäger zu bekommen, oder?"

„Wer seid ihr?", wiederholte ich meine Frage, ohne auf seine einzugehen.

Ich reckte ihm das Kinn entgegen und bemühte mich, entschlossen auszusehen. Die fünf Augenpaare, die auf mir ruhten, machten mich nervös, doch ich wollte mir nichts anmerken lassen. Sie würden mir nichts tun. Wenn sie mich verletzen wollten, hätten sie das schon getan – das versuchte ich mir zumindest einzureden. Aber wenn ich mit mir selbst ehrlich war, machte es mir Angst, dass sie darüber Bescheid wussten, was ich in den letzten paar Tagen erlebt hatte.

„Wir nennen uns Schützen."

Jetzt merkte ich, dass doch noch ein Herz in meiner Brust saß, wie ein Eichhörnchen in einem hohlen Baum. Es begann flatterhaft zu klopfen, als es Connors Stimme hörte. Ich bekam den Eindruck, dass mich alle hier durchschauten – bestimmt konnten sie mir aus dem Gesicht ablesen, wie verwirrt ich war und wie sehr Connor die Zügel meiner Emotionen festhielt.

„Können wir kurz zu zweit miteinander reden und du erklärst mir, was das alles hier soll?" Ein Knoten lag in meinem Hals, ich schluckte, verhedderte mich fast darin. Er sah von einem Kollegen zum anderen. „Ich weiß, dass du das bist, Connor."

Blicke wurden ausgetauscht, dann nickte jemand. Eine Hand legte sich auf seine Schulter und ich fand es beinahe ungewohnt, nackte Finger zu sehen, die aus den schwarzen Ärmeln hervorlugten. „Wir geben euch ein paar Minuten", murmelte eine raue Frauenstimme. Dann gingen die vier mir Unbekannten nach draußen und ließen uns tatsächlich allein. Die Tür fiel ins Schloss und Stille legte sich um uns wie ein feiner Nebel.

„Kannst du die Maske bitte abnehmen?"

Er zögerte und ich bekam seine sonst so angenehme Ruhe nicht zu fassen. Er war weit weg, distanziert, wie hinter einer gläsernen Wand. „Warum?"

„Weil ich will, dass du mir dein Gesicht zeigst. Und dann hätte ich gerne, dass du mir die Wahrheit sagst. Was weißt du über Instinktjäger, wie lange weißt du schon Bescheid und was habt ihr... Schützen vor?"

„Ich schulde dir gar nichts. Ich nehme die Maske hier nicht ab", machte er klar. In seinen Worten lag eine Strenge, die ich ihm nie zugetraut hätte. Ich hatte Connor als eher zurückhaltenden, aber sehr offenen Menschen kennengelernt, der sich für mich und mein Leben interessierte. Jetzt versteckte er sich hinter diesem weißen Ding und machte keine Anstalten, auf mich zuzukommen.

„Okay", presste ich zwischen meinen Lippen hervor. Meine Augen kribbelten, aber ich versuchte, das Gefühl zurückzudrängen. Auf keinen Fall wollte ich jetzt zu weinen beginnen. „Du hast aber mitbekommen, dass ich deinetwegen dieses Gegengift finden wollte, oder? Weil Cristal mir weißgemacht hat, dass du infiziert bist."

Er nickte. „Das war der Plan. Wir wollten wissen, ob du durch das Tor im Victoria Forest reisen kannst. Wie weit du mit dem Gegengift kommst, war spannend, aber weniger dringend."

„Also warst du nie wirklich infiziert? Und-und-und Cristal wusste die ganze Zeit Bescheid?" Connor dachte wohl, dass sich meine Fragen selbst beantworteten, wenn er mir keine Antwort gab. Wenn all das inszeniert war, war es wohl nie eine Schwierigkeit, das Portal nach Enem zu finden. Anscheinend hatte Cristal genau gewusst, wo sie mich hinführen musste. „Ist sie auch eine von euch?"

„Nicht ganz. Sie würde sich uns gern anschließen, aber wir sind uns noch nicht sicher, ob das so gut für sie wäre."

„Wer seid ihr? Was wollt ihr?"

„Wir beschützen Menschen, behalten Instinktjäger im Auge und sammeln Informationen. Zurzeit gibt es noch ein kleines Ungleichgewicht, aber wir sind den Vollkommenen auf den Fersen. Sie haben ihre kleinen Zaubertricks  wir arbeiten daran, uns zu wehren."

Mein Blick verrutschte und fiel auf die Zeichnung unter meinen Schuhsohlen. Bildete ich mir nur ein, dass sie auf mich wirkte und mich an diesen Ort klammerte, oder konnte es wirklich sein, dass ein Mensch zu so etwas in der Lage war? Dieses Zeichen fühlte sich anders an als Umrias Rune auf meinem Arm. Wenn das hier ein Kühlschrankmagnet war, dann war Umrias Macht eher mit der Anziehungskraft der Erde zu vergleichen.

„Also dachtet ihr, ihr redet mir ein, dass du in Gefahr bist, und schickt mich wie ein Expresspaket durch ein Portal – und dann? Was wäre gewesen, wenn ich nicht zurückgekommen wäre? Wer denkt sich so einen Plan aus? Hätten wir darüber nicht einfach reden können? Du hättest mir erklären können, was ihr wissen wollt, und vielleicht hätte ich euch dann freiwillig geholfen."

„Es war Cristals Idee. Wir haben mitbekommen, dass du bei den Aarens einziehst, aber die anderen hier wollten das eher vorsichtig angehen und waren nicht überzeugt davon, dass du uns nützlich sein könntest. Also haben Cristal und ich das selbst in die Hand genommen", erklärte er, die Hände in den Jackentaschen versteckt. „Wir wollten dich nicht von Anfang an einweihen. Du hättest uns und den anderen Schützen ziemliche Probleme machen können. Also haben wir irgendeinen Weg gesucht, um dich dorthin zu lenken, wo du uns neue Informationen bringen kannst. Jetzt wo wir wissen, dass du direkt in die Welt der Vollkommenen reisen kannst, macht es Sinn, einen offiziellen Deal mit dir auszuhandeln. Nicht alle Instinktjäger schaffen es, nach Enem zu kommen."

Der Mensch, der vor mir stand, war nicht mehr der Connor, in den ich mich langsam verliebt hatte. Trotzdem hatte er dieselbe Stimme, dieselben grauen Augen und dieselbe Aura. Ich fühlte mich so unfassbar dumm. Wie eine Marionette hatte ich ihm meine Fäden bereitwillig in die Hände gelegt, damit er meine Schritte steuern konnte.

„Deshalb hast du dich mit mir angefreundet. Du wolltest, dass ich mir Sorgen um dich mache." Meine Kehle schnürte sich noch fester zu und meine Stimme brach ab. Ich versuchte tief einzuatmen, aber in meine Lungen floss nicht genug Sauerstoff.

Vermutlich war es erst ein paar Stunden her, seit wir nebeneinander auf der Couch gesessen waren und ich mir ausgemalt hatte, wie es wohl wäre, sich an Connors Schulter zu kuscheln. Sogar jetzt noch erzeugte er dieses aufgeregte Flattern in mir – und ich glaubte, dass er es wusste. Aber ich würde mir nicht die Blöße geben und ihn danach fragen. Auf keinen Fall würde ich zugeben, dass ich Gefühle für ihn entwickelt hatte. Wie konnte er absichtlich so eine Wirkung auf mich ausüben, mich, ohne mit der Wimper zu zucken, manipulieren?

Hätte ich misstrauisch sein sollen? War sein Interesse zu verdächtig, zu direkt gewesen, um ehrlich zu sein? Er hatte nach meinen Zielen gefragt, mich ermutigt, mir Komplimente gemacht und mich zu sich nach Hause eingeladen. Bei Cristals Geburtstagsfeier wollte er mich dabeihaben, er hatte sich um mich gekümmert, als ich von all den fremden Energien überfordert zusammengebrochen war und hatte meinetwegen verpasst, wie Cristal beschenkt wurde. Irgendjemand muss ja auf dich aufpassen, hatte er gesagt. Erst jetzt wurde mir klar, dass dieser Satz auch eine ganz andere Bedeutung haben könnte.

„Wie gesagt, es war Cristals Idee. Am Anfang war ich nicht so überzeugt davon, aber dann kam es mir blöd vor, es nicht zu versuchen. Es kommt nicht oft vor, dass man eine Instinktjägerin so aus der Nähe sieht. Wir kennen mittlerweile zwar einige von euch, aber grundsätzlich geben sich nur wenige gerne zu erkennen."

Ich schnaubte und musste die Bitterkeit in mir irgendwie loswerden, weshalb ich so viel wie möglich in meine Worte legte. „Und wie war dein Experiment? Hat es sich gelohnt?"

„Das kommt ganz darauf an, wie es weitergeht", begann er sachlich. „Falls dieses Heilmittel wirklich existiert, dann wäre das natürlich ein riesiger Fortschritt für uns. Cristal hat gesagt, jemand wird es dir bringen, sobald es fertig ist. Wie bist du darangekommen?"

„Das ist meine Sache." Das letzte, was ich wollte, war ihm jetzt von Merula, Umria und den anderen zu erzählen.

„Okay, Xenia." Connor holte laut hörbar Luft. „Uns geht es nicht darum, irgendjemandem zu schaden. Wir wollen nur Gerechtigkeit. So viele Menschen sterben, weil diese Wesen sich nicht beherrschen können. Eine Zeit lang hatten sie sich besser im Griff, aber jetzt werden es immer mehr Leichen, die wir einsammeln, nur um dann festzustellen, dass Vollkommene am Werk waren. Wir wollen besser verstehen, wie ihre Zauber funktionieren, um uns beschützen zu können."

„Sie bringen doch nicht absichtlich Menschen um", widersprach ich zuerst entschlossen, doch Connors verwunderter Blick machte mich stutzig.

„Ich bin genug Vollkommenen begegnet, die es tun."

„Schön für dich. Wenn du mich davon überzeugen willst, solltest du mich vielleicht beim nächsten Mal, wenn du mich kennenlernst, weniger anlügen. Vielleicht glaube ich dir dann, dass du zu den Guten gehörst."

„Ich habe dich nicht direkt angelogen", warf er ein.

„Super. Du hast nur so getan, als würdest du dich für mich interessieren, damit ich dich sympathisch finde und versuche, dir das Leben zu retten", meinte ich und ärgerte mich, dass ich mich so weinerlich anhörte.

„Es ist ja nicht so, dass ich dich hasse. Eigentlich war es ziemlich angenehm, Zeit mit dir zu verbringen."

Ich nickte, wusste nicht, was ich darauf noch erwidern sollte. Der Kloß in meinem Hals sagte mir bereits, dass ich kein weiteres Wort herausbrachte, ohne doch noch in Tränen auszubrechen. Ich schniefte leise, biss die Zähne zusammen und fragte mich, wie zur Hölle ich hier gelandet war.

Mein Vater hatte mich zu den Aarens gebracht, damit ich nicht allein sein musste und in Sicherheit war, während er etwas zu erledigen hatte. Aber er hatte seine Rechnung ohne Cristal und Connor gemacht. Sie hatten die Rollen vergeben und mich zu einer der Hauptfiguren in einer Geschichte gemacht, die anscheinend viel größer war, als ich anfangs angenommen hatte.

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Endlich ist es raus xD Diese Wendung trage ich schon so lange mit mir rum, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich darüber denken soll. Und ob ihr dieses Kapitel gerecht wird, ist eine andere Frage, auf die ich aktuell keine Antwort habe - aber das zerdenke ich jetzt einfach mal nicht zu sehr.

Schönen Sonntag noch. Ich hoffe, ihr wart zumindest ein bisschen überrascht (:

- knownastheunknown -  

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