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Seit ich wusste, dass Greta und Caelum zusammen waren, fand ich es gar nicht mehr so abwegig, dass ich selbst irgendwann jemanden fand, der zu mir passte. Auch wenn Caelum selbst behauptete, dass seine Beziehung keine Zukunft hatte, kaufte ich ihm nicht ab, dass er so pessimistisch war. Immerhin hatte ihn das nicht davon abgehalten, sich in einen Menschen zu verlieben. Er ließ sich die schönen Momente mit Greta nicht nehmen, sondern versuchte, das Beste daraus zu machen. Vielleicht sollte ich mir daran ein Beispiel nehmen und mir selbst mehr erlauben?
Also hatte ich den Bus zu Connors Wohnhaus genommen, während mein Herz so heftig klopfte, dass mir mein Wintermantel zu eng vorkam. Als ich das letzte Stück zu Fuß ging, kribbelten meine Beine vor Aufregung – ich musste mich bemühen, ruhig zu gehen, statt zu laufen. War die Luft gestern auch so frisch gewesen wie heute? Das winterliche Wetter beherrschte den Februar immer noch und ich stapfte beinahe glücklich durch den Schnee, obwohl ich ihn normalerweise gar nicht so sehr leiden konnte.
Connor hatte mir von sich aus geschrieben, ob ich ihn besuchen wollte und ich hatte es nicht geschafft, abzusagen. Er schlug vor, einen Film anzusehen. Auch wenn ich davor noch nervös gewesen war und mir hauptsächlich Sorgen um ihn gemacht hatte, war der Gedanke gewachsen, dass es ihm vielleicht gar nicht so schlecht ging, wie ich befürchtet hatte. Möglicherweise hatte sich Cristal ja sogar geirrt und er war nie infiziert worden? Und selbst wenn, musste er nur noch ein paar Tage durchhalten, dann würden wir ein Gegenmittel bekommen und er wäre wieder gesund.
Vor ein paar Stunden hatte Cristal erwähnt, dass sie ihre beiden besten Freunde besuchen wollte, also rechnete ich damit, dass ich sie in wenigen Minuten dort antreffen würde. Obwohl Connor sie nicht erwähnt hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass sie jetzt bereits dort sein musste. Was hieß, dass er wahrscheinlich nicht vorhatte, mit mir allein einen Film zu sehen. Aber das war okay. Er hatte mir geschrieben und mich eingeladen.
So oder so wollte ich, dass sich die Barriere zwischen uns auflöste wie der Schnee unter meinen Stiefeln. Ich wollte mit diesem Jungen Zeit verbringen, das konnte ich nicht leugnen. Und falls es ihm doch schlechter ging, als es in seinen Nachrichten wirkte, dann würde ich versuchen für ihn da zu sein und mich dieses Mal nicht in den erstbesten Bus setzen, um zu verschwinden.
Ich atmete noch einmal tief durch und sah, wie mein Atem vor meinem Mund zu kleinen weißen Wölkchen wurde. Dann betätigte ich die Klingel. Ohne dass mich jemand begrüßt oder nachgefragt hatte, wer ich war, ertönte ein Surren und ich konnte die Tür öffnen.
„Du kommst gerade rechtzeitig", grinste Christopher mir entgegen. „Falls du dich endlich dazu entschieden hast, dich mit mir zu betrinken, dann ist jetzt deine Chance. Der Glühwein sollte jeden Moment fertig sein."
„Hi, Christopher." Etwas überfordert lächelte ich ihn an und trat, als er mir Platz machte, in die Wohnung. Der Geruch von Obst und Gewürzen kitzelte mich in der Nase und ich musste sofort daran denken, dass ich mir vor ein paar Jahren eingebildet hatte, unbedingt selbst Marmelade kochen zu müssen. An sich hatte es mir Spaß gemacht, aber dann war mir die Idee gekommen, Zimt dazuzugeben und verwendete versehentlich viel zu viel davon. Noch zwei Wochen später roch jedes unserer Zimmer so, als würden darin Weihnachtswichtel wohnen, die sich mit dem braunen Pulver geduscht hatten - ich vermutete, dass dieser Duft auch bei Christopher und Connor lange anhalten würde. „Tut mir leid, aber ich fürchte, ich muss dich auch heute enttäuschen. Glühwein ist auch nicht so mein Fall."
„Macht nichts." Er schloss gelassen die Tür hinter mir. „Ich kann dir aber gleich ein Wasser oder so aus der Küche mitnehmen, wenn du willst."
Ich nickte, bedankte mich und hörte Cristals Lachen aus dem Wohnzimmer, vermischt mit Fernsehgeräuschen und Musik. Sie war also wirklich hier. Während ich mich aus meinem Mantel schälte, war Christopher bereits in die Küche gegangen. Meine nassen Stiefel platzierte ich auf einer dafür vorgesehenen Plastikschale, da öffnete sich eine Tür neben mir und Connor trat heraus. Er lächelte mich an, doch bevor er irgendetwas sagen konnte, überfiel mich Paco, der aus dem Zimmer herausstürmte und mich von oben bis unten abschnüffelte.
„Wow, immer mit der Ruhe", lachte ich und hielt meine Hände vergeblich wie ein Schutzschild vor mich, um ihn zu streicheln. Das war neu. Die anderen Male, wo ich diesen Hund getroffen hatte, hatte er kaum Notiz von mir genommen. Jetzt wirkte er so neugierig, als sei ich unterwegs tausend Katzen begegnet, die er nun aufspüren wollte.
„Ich glaube, er hat dich vermisst." Ein warmes Gefühl machte sich in mir breit, als ich Connors Blick erwiderte.
Er sah gut aus. Seine Augenringe waren verblasst, er strahlte wieder eine angenehme Ruhe aus und wirkte nicht mehr so, als würde er verwirrt ans andere Ende der Stadt fahren, ohne sich nachher daran zu erinnern, wie er hierhergekommen war. Wie so oft trug er auch in seinen eigenen vier Wänden eine Mütze. Nur der Gipsarm fehlte.
„Irgendwie hab ich ihn auch vermisst", antwortete ich, während ich Paco streichelte und hörte dabei nicht auf, Connor anzusehen.
Als Christopher mit einem Glas und einer Tasse bewaffnet aus der Küche zurückkam, schlossen wir uns ihm an und gingen ins Wohnzimmer. Ich begrüßte Cristal, die nur kurz vom Fernsehbildschirm aufsah, mir zunickte und dann wieder die Unnahbare spielte. Trotzdem war ich mir ziemlich sicher, dass sie sich ebenso freute, heute wieder Zeit mit einem Connor zu verbringen, der so normal wirkte, wie es ein Mensch nur sein konnte. Connor und ich setzten uns zu ihr auf die Couch, während Christopher mein Glas auf einem kleinen Tischchen abstellte, sich auf einen Schreibtischsessel fallen ließ, an seiner Tasse nippte und mit der freien Hand Paco streichelte.
„Genau das Richtige bei dem Wetter – ein Filmnachmittag und Glühwein", seufzte er zufrieden.
„Wo ist meiner?" Cristal verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn auffordernd an.
„Keine Ahnung. Ich hab ihm gesagt, er kann gerne rüberkommen, aber anscheinend hatte er keine Lust auf dich."
„Danke. Du bist wie immer ganz der Gentleman", murrte sie und stand auf, um sich auch ein Getränk zu holen. Dann drehte sie sich noch einmal um und fragte um einiges sanfter: „Soll ich dir was mitbringen, Connor?"
„Das wäre echt nett."
„Ja, sie ist ein wahrer Gentleman", witzelte Christopher.
Die Blondine verdrehte die Augen, sagte aber nichts mehr und verließ das Wohnzimmer.
„Also, Xenia, was würdest du am liebsten anschauen? In der engeren Auswahl stehen derweil Fluch der Karibik und Jurassic Park. Aber du kannst gerne noch andere Filme nominieren."
Natürlich fielen mir als erstes nur Liebesfilme ein, also machte ich nur „Hm", als müsse ich länger überlegen und versuchte nicht auf Connors Hand zu schielen, die nur wenige Zentimeter von meiner eigenen entfernt auf dem Sofa ruhte. Mir wurde immer wärmer und ich hoffte, dass man es mir nicht schon wieder im Gesicht ablesen konnte. Ich hatte keine romantische Komödie mehr nötig – ich steigerte mich auch so schon genug in diese Situation hinein.
Also antwortete ich Christopher: „Dann bin ich für Fluch der Karibik. Weil es so gut zum Wetter passt."
Connor schnaubte amüsiert, während sein Cousin mich immer breiter angrinste. „Klasse, dann ist Cristal eindeutig überstimmt."
Es war so seltsam, dass all die Sorgen der letzten Tage mit einem Mal wie ausradiert waren. Wo waren meine Notizen zu Connors Problemen hin verschwunden? Es schien ihm so gut zu gehen, dass ich fast vergaß, jemals in Enem gewesen zu sein. Vielleicht hatte ich die ganze vergangene Woche nur geträumt. Wir saßen hier zu viert und ich fühlte mich, als wäre ich einen Monat in die Vergangenheit gereist, als ich die beiden Freunde von Cristal kennengelernt hatte.
Als Cristal nun mit zwei Tassen zurückkam, sah sie mich lange an. Es war schon komisch, dass dieser Nachmittag so friedlich und entspannt wirkte. Ob sie sich dasselbe dachte?
„Ich muss dich enttäuschen, Cris", plapperte Christopher bereits wieder mit seiner vorlauten Art darauf los. „Das Volk hat gewählt: Jack Sparrow ist unser neuer Captain."
„Okay." Sie löste ihren Blick von mir, zuckte lediglich mit den Schultern und setzte sich wieder ans andere Ende der Couch.
Während der erste Teil lief, war ich zwar recht entspannt, aber da ich den Film schon mehrmals gesehen hatte, wanderten meine Gedanken irgendwann im Kreis. Sie kreisten vor allem um Connor. Er war heute eher zurückhaltend, wie so oft, und kam neben seinem Cousin nicht oft zu Wort, aber er schien entspannt zu sein.
Oder er tat zumindest so.
Langsam wurde ich doch wieder skeptisch und dunkle Wolken schoben sich vor den Optimismus, den ich gerade noch verspürt hatte. Vielleicht bemühte er sich auch nur, sich nichts anmerken zu lassen. Ich hätte ihn gerne direkt gefragt, wie es ihm ging, um irgendeine Reaktion aus ihm herauszukitzeln, aber solange wir nicht unter vier Augen waren, kam mir das seltsam vor. Ich wollte nicht die Aufmerksamkeit auf mich ziehen und mich von Cristal und Christopher anstarren lassen. Auch wenn die beiden keine Vollkommenen waren, befürchtete ich, dass sie meine Gefühle durchschauen würden als könnten sie mich mit einer Taschenlampe durchleuchten. Ich fühlte mich durchsichtig, gläsern – genau das machte mich zerbrechlich.
Also blieb ich stumm, um mich nicht zu verplappern. Der einzige Kontakt, den ich zu Connor aufbaute, waren die verstohlenen Blicke, die ich ihm zuwarf, wenn er eine Szene lustig fand und leise in sich hineinlachte. Zweimal sahen wir einander dabei direkt in die Augen und ich spürte mein Herzklopfen bis in meinen Hals hinauf.
Nach dem Film war es draußen bereits dunkel, auch wenn es noch nicht allzu spät war. Da heute sowieso Samstag war, rannte uns die Zeit nicht weg. Christopher schlug vor, Pizza zu bestellen und gleich den zweiten Teil zu sehen. Ich genoss es, Teil dieser Gruppe zu sein, auch wenn ich Angst davor hatte, mich zu sehr zu entspannen. Mittlerweile konnte ich die Energien der drei halbwegs einschätzen und sie beinahe automatisch ausblenden. An diesem Tag war es nicht einmal besonders schwer für mich, sondern in etwa so, als würde ich den Bauch einziehen. Mit Merula konnte ich entspannter dasitzen, aber in diesem Rahmen war es auch okay, ein wenig unter Strom zu stehen. Wenn ich genug Übung darin hatte, würde es mir vielleicht wirklich irgendwann gelingen, eine Beziehung zu führen und einem Menschen nahe zu sein, so wie es bei Caelum anscheinend funktionierte.
Trotzdem genoss ich es jetzt, für zwei Minuten ganz allein im Badezimmer zu sein.
Als ich zurückkam, standen die anderen in der Küche herum und füllten ihre Tassen auf.
„Willst du statt dem Glühwein lieber einen Tee?", fragte Connor. Er stützte sich am Küchentresen ab und wirkte irgendwie kleiner als sonst. Ein wenig schüchtern sogar. Er schielte zu den beiden Blondschöpfen, doch sie saßen am Esstisch und waren so sehr in irgendeine Diskussion vertieft, dass sie nicht einmal zur Seite blickten.
„Ja, gern", antwortete ich und meine Lippen formten ein schmales Lächeln. Wenn es eine Möglichkeit gab, mich mit ihm zu unterhalten, dann war es diese. „Wie geht's dir?"
„Ganz okay – ich war ziemlich erkältet Anfang der Woche, aber jetzt ist es schon besser. Und ich bin froh, den Gips endlich los zu sein."
„Freut mich, dass du wieder gesund bist."
Seine Energie war genauso ruhig wie schon den ganzen Abend, also ging ich davon aus, dass er die Wahrheit sagte. Auch wenn ich nicht gut darin war, sie zu lesen, weil ich mir nicht erlaubte, mich ganz darauf zu fokussieren, war ich mir fast sicher, dass ich es bemerken würde, wenn er log. Aber vielleicht glaubte er selbst daran, dass das alles war. Woher sollte er auch wissen, dass ihn jemand angegriffen hatte? Instinktjäger ließen ihre Opfer ohne Erinnerungen an die Tat zurück.
Connor zupfte an seiner Mütze herum und musterte mich. Dann löste er sich vom Tresen, befüllte den Wasserkocher und nahm eine neue Tasse aus dem Wandschrank. „Was gibt's bei dir Neues?"
„Nicht besonders viel", murmelte ich reflexartig, auch wenn es eigentlich nicht stimmte.
Dann begann der Wasserkocher zu zischen, woraufhin Christopher vom Esstisch aufsprang und zu uns herüberkam. Anscheinend war ihm wieder eingefallen, dass wir auch noch da waren. Er drückte mir sein Handy in die Hand und ich konnte nicht anders, als es zu nehmen, um zu verhindern, dass es zu Boden fiel.
„Du musst dir noch eine Pizza aussuchen."
Nachdem ich das getan hatte und mein Tee auch fertig war, begannen wir mit dem zweiten Film. Diesen hatte ich nur vor mehreren Jahren gesehen, weshalb ich besser darin versinken und mich ablenken konnte. Ich rutschte auf meinem Platz am Sofa zurück, stellte die Knie auf und kuschelte mich gemütlich in die Ecke.
Doch obwohl ich wirklich sehen wollte, wie die Piraten vor den Kannibalen flohen und endlich wieder in See stachen, wurden meine Augenlider bald immer schwerer und schwerer. Ich blinzelte, um die Müdigkeit abzuschütteln. Gerade an diese Szene konnte ich mich kaum noch erinnern. Aber irgendwann war das Sofa zu weich, die Stimmung zu entspannt und die Dunkelheit zu verlockend, sodass ich nur mehr die Stimmen wahrnahm und versuchte, in meinem Kopf Bilder dazu zu malen.
Jack Sparrow, Will und Elizabeth konnte ich mir gut vorstellen, alle anderen Charaktere waren etwas vage. Sie vermischten sich zu einem einzigen Gesicht, das sich immer wieder verformte, unterschiedliche Größen annahm, mal mit einem spitzen, mal mit einem runden Kinn, mit buschigen und mit fast gar keinen Augenbrauen, mit einem Lächeln und einer bedrohlichen, verzerrten Fratze.
Selbst als es an der Tür klingelte, schaffte ich es irgendwie nicht mehr, zu blinzeln. Das musste der Pizzalieferant sein.
„Ja, sie ist hier", hörte ich dann eine Stimme sagen. War das jetzt Jack oder Will? Ich wusste es nicht mehr.
„Ich glaube, es hat funktioniert. Sieht aus, als würde sie schlafen."
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- knownastheunknown -
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