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Vor wenigen Tagen hatte ich mit Merula darüber diskutiert, ob es falsch oder richtig war, dass Vollkommene Menschen in den Suizid trieben, um selbst zu überleben. Ich war davon überzeugt, dass das nicht die einzige Lösung sein konnte. Es musste doch irgendeinen Weg geben – egal ob es ein Heiltrank für Infizierte oder eine Art Nikotinpflaster für Vollkommene war. So wissbegierig, wie sie sich meistens gaben, mussten diese Wesen doch in der Lage sein, etwas zu entwickeln, um ihre Energie zu beziehen, ohne damit jemandem zu schaden. Aber das schien zumindest Merula, Umria und Scuro nicht zu interessieren. Sie akzeptierten ihre Art. Sie verleugneten sich nicht – wie Merula sagen würde. Und genau da hatte ich mich querstellen wollen.

Doch jetzt erzählte mir Connor davon, dass Vollkommene absichtlich mordeten – etwas, das ich trotz allem nicht so formulieren würde. Ohne groß darüber nachzudenken, verteidigte ich die Bewohner von Enem in meinen Gedanken. Merula war nicht so. Unmöglich. Sie war meine Freundin, obwohl wir auf manche Fragen so unterschiedliche Antworten hatten. Hier, gefesselt in diesem fremden Gebäude, vermisste ich sie und die Unbeschwertheit, die sie besaß.

Mittlerweile saß Connor auf den Fliesen und sah zu mir auf, statt auf mich herabzublicken. „Letzte Woche haben wir im Krankenhaus ein Mädchen gefunden, dessen Energie so aus dem Gleichgewicht geraten war, dass sie sich von ihrem Balkon gestürzt hat. Es war ein unüberlegter Sprung – was vermutlich gut war. Sie war nur im zweiten Stock, ist in einer Wiese gelandet, die durch das Wetter aufgeweicht war und hat so überlebt. Mit einem gebrochenen Bein und geprellten Rippen", erzählte er mir. „Als ich mit ihr gesprochen habe, war sie mit den Gedanken so weit weg. Ihr hat irgendetwas gefehlt, das hab ich gespürt. Als wäre ein Teil von ihr schon in einer anderen Welt. Ich glaube, sie wird noch einmal versuchen zu springen. Weil sie spürt, dass sie nicht mehr ganz ist, wie ein Puzzle, bei dem ein Teil fehlt. Dem ein Teil gestohlen wurde."

Glaubte er, ich hatte mir noch nie Gedanken darüber gemacht, was aus Mädchen wie diesem wurde?

Vielleicht versuchte Connor bewusst, mich davon abzulenken, was zwischen uns war und mich stattdessen auf seine Seite zu ziehen. Ein Teil von mir wollte sich dem hingeben, ignorieren, dass er nur so nett gewesen war, um mich beeinflussen zu können, und einfach so tun als wären wir immer noch Freunde. Einfach so tun als könnten wir irgendwann mehr als das sein. Einfach so tun als wäre ich ein Mensch wie er, der eigentlich mit all den Dingen, von denen er sprach, nichts zu tun hatte.

Aber das konnte ich nicht. Eine Schwere drückte auf meine Brust und auf meinen Hals und erinnerte mich daran, dass er mich nur benutzt hatte.

„Mit deiner Hilfe könnten wir etwas dagegen tun, dass Menschen wie sie verletzt werden. Besonders dieses Heilmittel könnte ein riesiger Schritt in die richtige Richtung sein. Das verstehst du doch bestimmt. Immerhin bist du so weit gegangen, um es zu finden." Er suchte meinen Blick, doch ich wandte mich ab und stierte stattdessen bewusst auf den Boden. „Bitte, Xenia", raunte er eindringlich mit einer rauen Stimme, die mir Gänsehaut bereitete. Mein Herz hüpfte, als er meinen Namen sagte, und ich verfluchte es dafür. „Bitte, sag mir, wo es ist und was du darüber weißt. Wenn wir in der Lage wären, so etwas selbst herzustellen, könnten wir so vielen Leuten helfen."

Hatte ich nicht ähnliche Worte verwendet, als ich vor ein paar Tagen mit Caelum gesprochen hatte? Warum ließ mich das alles jetzt dann so kalt?

Ich kam mir stumpf vor, wie ein Bleistift, der mit breiter Mine übers Papier rutschte und dabei raue Striche hinterließ, die ohne jegliches Ziel, ohne jegliche Tatkraft waren und nur sinnlose Worte bildeten. Die Lust, Connor zu antworten, war verpufft. Falls ich überhaupt irgendetwas Sinnvolles zustande gebracht hätte, kam es mir nicht fair vor, die wenigen Infos, die ich hatte, mit ihm zu teilen. Ich schwieg also und für einige Sekunden tat er dasselbe.

„Ich lasse dir ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken. Das ist wahrscheinlich alles recht viel auf einmal, oder?" Etwas überrascht über seine plötzliche Empfindsamkeit und die Wärme in seinen Worten hob ich den Kopf. Als Connor wieder aufstand und sich Staub von der Hose klopfte, war seine Energie wieder so ruhig, dass ich mich am liebsten darin vergraben wollte. „Und ich werde die anderen fragen, ob ich die Seile um deine Hände lösen kann. Das fand ich schon immer lächerlich – außerdem ist es sicher nicht angenehm."

Kurz war ich versucht, mich zu bedanken, aber mein trockener Mund hielt mich davon ab und die Skepsis klopfte an mein Hirn. Konnte ich diesem Jungen noch irgendetwas glauben? Er nickte mir noch einmal zu, trottete auf die Tür zu, durch die auch seine Kollegen verschwunden waren, und das Brennen in meinen Augen kam zurück. Meine Atmung ging flach und schnell, als er den Raum verließ.

Es gab keinen direkten Auslöser, keine Granate, die meine Mauern niederriss. Er war still gegangen. Doch jetzt brachen die Tränen aus mir hervor und ich presste die Lippen aufeinander, um zu verhindern, dass ich dabei laut zu schluchzen begann. Ich zog den Rotz durch die Nase hoch und versuchte, dazwischen noch Luft zu bekommen. Mit geschlossenen Augen wartete ich, dass die Tränen verebbten.

Es kam mir vor als vergingen nur zwei Minuten, aber vermutlich dauerte es länger, bis ich durch meine Lider ein grelles Licht wahrnahm und sie aufriss, nur um sie gleich wieder zusammenzukneifen. Die Sonne. So oder so ähnlich musste es sein auf sie zuzufliegen.

„In welchen Schwierigkeiten steckst du diesmal, Nia? Hast du geweint?"

Ich blinzelte ein paarmal, bis ich Caelum entgegenblickte. Erleichterung überkam mich, doch ich versuchte, sie zurückzudrängen. Noch war ich hier. Keine Ahnung, was Caelum hier tat oder wie er mir aus dieser Situation heraushelfen sollte.

„Nein, ich habe Zwiebeln geschnitten", erwiderte ich trocken und fragte mich selbst, wie ich in meiner Lage so sarkastisch sein konnte. Meine Stimme klang gedämpft, weil meine Nase vom Weinen so verschleimt war, als hätte ich eine Erkältung. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein bekiffter Teenager mit Augen, die wie rotes Glas schimmerten.

Caelum wirkte im ersten Moment zu perplex, um zu antworten. Dann fragte er: „Ist alles in Ordnung?"

„Klar. Und was machst du hier?"

„Dich abholen", gab er zu und runzelte die Stirn. „Umria hat gespürt, wo du bist und mich hergeschickt. Sie braucht etwas von dir." Sein Blick wanderte durch den Raum und er schien jetzt erst so richtig zu begreifen, dass etwas gar nicht stimmte. „Was ist das für ein Runenzauber?"

„Ist das das Einzige, was dich irritiert?", schniefte ich und klang vorwurfsvoll, obwohl er eigentlich nichts damit zu tun hatte. „Ich wurde so zusagen entführt, gefesselt und diese Menschen, die sich Schützen nennen, haben irgendetwas auf den Boden gezeichnet, das verhindern soll, dass ich ihnen Schwierigkeiten mache." Ich starrte auf die Tür und sah schon vor meinem inneren Auge, dass sie sich bestimmt gleich öffnete. Gleich würden die Schützen zurück sein. Ich bezweifelte, dass sie mich allzu lange alleine ließen – falls sie nicht sogar irgendwo Überwachungskameras angebracht hatten und Caelum bereits sehen konnten. Hier wegzukommen, würde meine Probleme zwar nicht in Luft auflösen, aber ich wollte jetzt einfach nur raus. „Kannst du mich bitte schnell losmachen und durch ein Portal wegbringen, bevor sie zurückkommen?"

„Ist das dein Ernst?"

„Ja", fauchte ich und wurde immer nervöser. Das hier kam mir so absurd vor. „Denkst du, ich habe mich freiwillig hier anbinden lassen?"

Darauf sagte er nichts. „Ich glaube nicht, dass ich dich losbinden kann."

Mein Herz setzte aus und der Knoten in meinem Hals zog sich wieder fester zusammen. „Warum nicht?"

„Ich kann die Rune nicht übertreten. Da ist eine Art Kraftfeld."

Das Blut pochte in meinen Ohren und Caelums Worte wurden von dem Geräusch übertönt. Trotzdem sagten mir seine geweiteten Augen, dass es ihm leidtat, mir nicht helfen zu können. Ich glaubte sogar, den Ansatz von Caelums Energie spüren zu können, die unruhig wie eine kleine Flamme zu flackern schien. Hatte er Angst? Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein. Vollkommene hatten nicht dieselbe Energie wie Menschen oder Instinktjäger, eigentlich sollte ich sie nicht spüren können.

Er kramte in seiner Manteltasche herum und zog eine gläserne Kugel hervor. „Das Schlüsselportal funktioniert auch nicht."

„Kannst du nicht irgendeinen anderen Runenzauber verwendet, um den hier zu brechen?", bat ich ihn. „Und beeil dich, bitte."

„So einfach geht das nicht", murrte er frustriert. Rasch drehte er den Kopf zur Tür und seine Augen wurden noch größer. „Ich glaube, da kommt jemand."

Tatsächlich. Im nächsten Moment hörte ich es auch. Vor diesem Raum vermischten sich dumpf zwei Stimmen, wurden zu einem Strudel, der sich nicht entwirren ließ. Mein Puls schoss in die Höhe.

„Geh. Verschwinde. Los!", befahl ich ihm, leise und schroff zugleich.

Er sah sich recht hilflos um, bis er auf das Fenster zusteuerte, das hinter mir lag. Ich hatte es gar nicht bewusst wahrgenommen, sondern nur gemerkt, dass von dieser Seite Licht ins Zimmer hereinfiel.

„Beeil dich", drängte ich ihn, weil er mir viel zu langsam vorkam.

Ich konnte nicht sehen, was er tat, hörte nur ein metallisches Klicken, dann wieder Stille. „Es klemmt."

Dann öffnete jemand die Tür und alles ging rasend schnell. Einer der Maskierten schrie „Hey", ein kurzes helles Klirren verriet mir, dass das Glas brach, Caelum stöhnte und ich verrenkte meinen Hals, um zu sehen, wie er durch die Fensterfront sprang. Er hatte versucht, zuvor ein Loch hineinzuschlagen, doch es war nicht gleich gelungen und ihm blieb keine Zeit, es zu vergrößern. Deshalb blieb er an den scharfen Kanten hängen und sein Sprung wurde zu einer Mischung aus Stolpern und Flug. Doch immerhin war er draußen. Ich konnte nicht erkennen, wo er gelandet war, durch das Fenster sah ich nur ein paar Baumwipfel und eine Wiese in der Ferne, also nahm ich an, dass wir uns nicht im Erdgeschoss befanden. Hoffentlich war er nicht zu tief gefallen.

„Hinterher!", schrie jemand. Und bevor ich mir überlegen konnte, was sie von ihm wollten, stürmten zwei Personen an mir vorbei und stürzten sich ebenso aus dem Fenster. Ohne es zu merken, hielt ich die Luft an, bis sie auch aus meinem Sichtfeld verschwunden waren. Erst dann atmete ich aus und drehte meinen Kopf wieder nach vorne.

Einer von ihnen war noch hier.

Der durchdringende Ausdruck in seinen grauen Augen verpasste mir einen Stich. Connor wirkte verwirrt, misstrauisch und vorsichtig, das spürte ich. Fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn er mich so ansah.

Ich wollte etwas sagen, fragen, ob ich er jetzt sauer auf mich war. Aber ich brachte wieder kein Wort heraus, als ich Connors Blick erwiderte. Wir starrten einander nur an, beinahe hypnotisiert von diesem Moment und gleichzeitig so weit weg, dass ich nicht mehr wusste, ob das hier wirklich passierte.

„Ich verstehe nicht-", setzte er an.

Plötzlich schnitt etwas durch die Luft, wieder strahlte diese Magie heller als die Wintersonne, blendete diesmal auch Connor und sorgte dafür, dass er schützend die Hand davorhielt. Auch ich schloss die Augen und als ich sie wieder öffnete, zuckte ich erschrocken zusammen, weil Umrias Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt war. Sie grinste mich an und eine weiße Haarsträhne fiel über ihr Auge, als sie sich noch weiter vorbeugte.

Mit einem Pinsel zwischen den Fingern durchtrennte sie die Linie zwischen meinen Füßen. Es war merkwürdig. Mir war nicht einmal bewusst gewesen, dass mich diese Rune so sehr beeinflusst hatte, doch jetzt fühlte es sich an, als könne mein Blut nach langer Zeit endlich wieder normal durch meine Glieder fließen. Mein Körper war nicht mehr träge und ausgelaugt. Obwohl ich immer noch an dem Sessel festgebunden war, strotzte ich plötzlich vor Energie.

Dann sah Umria mich wieder direkt an. „Lust auf einen Ausflug?"

„Niemand geht irgendwo hin", behauptete Connor streng und richtete sich auf. „Ihr könnt hier nicht weg."

„Deine Kritzeleien sind ja ganz nett, Kleiner", begann sie und deutete auf die Rune unter uns. „Aber ich fürchte, sie zeigen nur auf Instinktjäger Wirkung. Und diese Instinktjägerin kann ich dir leider nicht hierlassen."

Auch wenn ich Umria wegen ihrer Selbstverständlichkeit anfangs absolut nicht leiden konnte und auch jetzt noch so viel Respekt vor ihr hatte wie vor einer Königin – einer unberechenbaren, viel zu mächtigen Königin – war ich  einfach nur erleichtert, als sie mir zulächelte.

Sie legte ihre rechte Hand auf meine Schulter und vergrub die andere in ihrer Manteltasche. Hätte ich mich bemüht, Connor noch einmal anzusehen, wäre es mir wahrscheinlich gelungen. Ich hätte nur den Kopf ein wenig zur Seite drehen und in die Höhe strecken müssen, um an der Vollkommenen mit dem weißen Haar vorbeizusehen, aber ich war zu feige. Lieber ließ ich mich von ihr in ein Portal hineinziehen, ohne mich zu verabschieden, auch wenn mein Herz so tonnenschwer wurde, dass ich daran zweifelte, dass mich Umria irgendwie von der Stelle bewegen konnte.

Sie schaffte es trotzdem. Ich verlor den Halt, spürte weder den Holzstuhl unter mir, noch das Seil um meine Handgelenke. Mein Körper löste sich auf, wurde flüssig – und jetzt gerade hatte ich nichts dagegen, in diesem Gefühl zu ertrinken.

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- knownastheunknown -

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