19
Der dunkelgraue Sitz unter mir fühlte sich surreal an. Viel zu hart war das Material, dafür, dass es so weich aussah. Aber das sollte mich wohl am wenigsten irritieren. Hätte man mir vor einem Monat gesagt, dass ich heute um acht Uhr morgens neben Cristal Aaren in einem Zug sitzen würde, der zum Victoria Forest fuhr, um dort nach einem Portal zu suchen, dass mich nach Enem brachte, wo ich wiederum einen Vollkommenen finden sollte, der uns helfen würde, Connors Infektion zu heilen, hätte ich mich wieder ins Bett gelegt und versucht, an einem anderen Tag aufzuwachen.
Aber jetzt saß ich bereits hier und konnte den Zug nicht mehr stoppen. Ich atmete tief durch und dachte daran, warum ich das hier tat. Das wichtigste war, dass es Connor gut ging.
Cristal und ich sprachen nicht miteinander, was mich ohnehin nicht wunderte, aber durch die frühe Uhrzeit wohl noch verstärkt wurde. Ich war einfach kein Morgenmensch, aber vielleicht war es gut, dass ich mich noch so schlaftrunken fühlte. Immerhin war mein Kopf noch nicht wach genug, um sich allzu viele Sorgen zu machen.
Nicht denken. Machen.
Müde widmete ich meine Aufmerksamkeit dem Fenster. Vor wenigen Minuten waren die Straßenlaternen erloschen und die Sonne aufgegangen, aber dicke Wolken füllten den Himmel. Nun war die Welt in ein gräuliches Licht getaucht. Die Geschwindigkeit des Zugs nahm ich kaum noch wahr und würde ich nicht sehen, wie wir Häuser um Häuser hinter uns ließen, könnte ich fast glauben, wir bewegten uns nicht von der Stelle. Außer uns war das Abteil leer, was mich nicht überraschte. Wer fuhr freiwillig an einem Sonntag so früh mit dem Zug?
„Was genau hast du Christopher gesagt?", begann ich nun doch ein Gespräch.
„Dass ich ihn für heute als Ausrede brauche." Cristal zuckte mit den Schultern. Leya und Jay waren gestern kurz vor Mitternacht nach Hause gekommen und sie hatte ihnen erzählt, dass Christopher mit uns zu einem neuen Kletterpark fahren wollte und dass wir früh losstarten würden, um den Tag auszunutzen. Scheinbar kam es öfter vor, dass Cristal den ganzen Tag mit den Jungs unterwegs war. Ihre Eltern waren nicht überrascht und würden wohl nicht damit rechnen, dass sie allzu bald nach Hause kam.
„Okay." Unruhig begann ich, mit meinen Fingerknöcheln zu knacksen und versuchte nicht darüber nachzudenken, wann ich Jay und Leya wohl wiedersehen würde.
„Hör auf damit", verlangte Cristal und kniff angewidert die Augen zu.
Abwehrend hob ich die Hände. „Warum findet das jeder so schlimm?"
„Weil es sich ekelhaft anhört."
Mir fiel kein Gegenargument ein, also schwiegen wir einander wieder an und warteten, bis die Zeit verging. Wir ließen die Stadt hinter uns, fuhren durch dünn besiedelte Vororte mit grünen Gärten und auch wenn der Übergang zur Natur hin schleichend kam, fühlte er sich doch abrupt an. Als gäbe es kein zurück. Ich ließ mich von einem Sprungbrett in diesen unbekannten See fallen und wusste, sobald ich dort ankam, war ich nicht mehr trocken.
Nach etwa anderthalb Stunden erreichten wir den Nationalpark und ich machte den ersten Schritt auf dem Waldboden. Ich hatte ihn mir weicher vorgestellt. Als würde er unter meinem Gewicht nachgeben, bis ich ganz darin versunken war. Aber die Erde musste bei den Temperaturen zugefroren sein. Auch die Luft war kühl, aber durch meine Winterjacke und einen dicken Schal erträglich und ich nahm fast schon gierig ein paar Atemzüge. So sauber schmeckte wohl nur Wald. Die Luftfeuchtigkeit war hier um einiges höher als in der Stadt und ich bildete mir bereits ein, dass sich meine Haare und Kleidung damit vollsogen, aber laut Wetterbericht würde es heute immerhin nicht regnen.
„Da sind wir also", murmelte ich.
Cristal blieb stumm, widmete sich einem Infoschild am Eingang und verglich bereits Jays Wanderkarte mit den dort eingezeichneten Pfaden. Mein Blick verfing sich in den hohen Nadelbäumen. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um die obersten Wipfel sehen zu können. Die Blondine setzte sich in Bewegung und schien genau zu wissen, wo es lang ging.
„Also wandern wir jetzt die ganze Route, die Jay vor zwanzig Jahren gegangen ist?", hakte ich nach, während ich ihr hinterher latschte und versuchte aufzuholen. Ich hoffte, dass wir nicht zu lange brauchen würden. Ich hatte nicht die beste Kondition und stellte mir eine solche Wanderung anstrengend vor, besonders, wenn man so naiv hier hineingestolpert war wie ich. Ich hatte nicht einmal richtige Wanderschuhe und hoffte, dass die Sohlen von meinen Winterstiefeln nicht abfallen würden.
„Nicht, wenn wir das Portal früher finden. Ich würde mich sowieso mal nach der Ostroute orientieren. Die andere Seite führt ins Moor und ich glaube nicht, dass mein Dad dort irgendjemandem hinterhergerannt ist. In dem Matschland muss man auf den Holzpfaden gehen, wenn man nicht riskieren will, stecken zu bleiben. Den Weg durchs Moor können wir also weglassen."
Ich nickte zustimmend und war froh, dass Cristal das ganze geplant hatte.
„Hast du Christopher auch gefragt, ob er derweil ein Auge auf Connor haben kann?"
Kurz bildete ich mir ein, dass sie zögerte, aber dann gab sie doch ein knappes „Ja" von sich. „Ihm kam Connors Verhalten in letzter Zeit auch komisch vor, also denke ich, er will ihn sowieso nicht viel allein lassen."
„Gut."
Seit Cristal mir von ihrem Verdacht erzählt hatte, waren alle Lichter in meinem Hirn, die Connor einen romantischen Glanz verliehen, ausgegangen. Aber jetzt, während ich durch diesen Wald spazierte, schlich sich ein Szenario in meinen Kopf, bei dem ich ihm in seiner Wohnung Gesellschaft leistete, damit er nicht allein sein musste. Wir redeten und lachten bis spät in die Nacht hinein, weil er nicht schlafen wollte. Irgendwann wurden wir doch müde und beinahe versehentlich rückten wir näher aneinander heran, sodass sich unsere Arme berührten, ich legte den Kopf auf seine Schulter und wir vergaßen die Probleme, die außerhalb dieser Wände existierten.
Was für ein Blödsinn.
Das Problem lag nicht irgendwo draußen, es war in Connor. Und egal, ob es eine Infektion durch Instinktjäger war oder sonstige psychische Probleme, eine Liebesgeschichte – egal ob mir mit oder mit jemand anderem – konnte nicht die Heilung dafür sein. Er war nicht Schneewittchen und ich war kein Prinz.
„Ist dir bewusst, wie seltsam es beim Schneewittchen-Märchen eigentlich ist, dass der Prinz eine Leiche küsst?", fragte ich Cristal nun, um mich irgendwie zu beschäftigen. Wir marschierten erst seit ein paar Minuten und so verging die Zeit hoffentlich etwas schneller.
„Ich bin mir nicht sicher, ob das das seltsamste an der Geschichte ist", begann sie. Doch zu meiner Enttäuschung führte sie den Kommentar nicht weiter aus.
„Stimmt. Außerdem fällt mir gerade ein, dass es den Kuss im Original gar nicht gab. Laut dem Grimm-Märchen stolpern irgendwelche Männer, die Schneewittchens Sarg tragen, und durch die Erschütterung fällt das Apfelstück heraus." Wenn nicht einmal hier die Liebe den bösen Fluch besiegte, dann würde das bei Connor sicher auch nicht helfen. Durch meinen Vater hatte ich viel über deutsche Märchen gelernt, aber dafür hatte ich mich nicht lange interessiert. Schon als Kind fand ich alle Geschichten, die mit Gottheiten zu tun hatten, viel spannender, aber auch das legte sich irgendwann.
„Hm. Wusste ich gar nicht", meinte Cristal mit monotoner Stimme. Sie sah immer wieder auf ihre Karte und hielt die Augen auf den Wald gerichtet, der uns einhüllte.
„Trotzdem sind diese Disney-Versionen immer etwas übergriffig", plapperte ich weiter. „Schneewittchen ist ja völlig machtlos in dem Moment. Die könnte nicht einmal sagen, dass sie nicht geküsst werden will."
„Seit wann redest du so viel? Und wie kommst du jetzt überhaupt auf Schneewittchen?" Mit zusammengezogenen Augenbrauen wandte sie sich mir nun doch zu.
Etwas ertappt spürte ich, wie mir warm in den Wangen wurde. Ich konnte Cristal nicht sagen, dass in meinem Kopfkino ein kitschiger Film mit Connor und mir als Hauptdarsteller an die Leinwand projiziert wurde. Eher würde ich im Victoria Forest nach den sieben Zwergen suchen, um mit ihnen in den Mienen zu arbeiten, bis mir selbst ein Bart wuchs.
„Ich wollte mich nur irgendwie ablenken", murmelte ich.
„Konzentrier dich lieber. Nicht, dass wir noch an diesem Portal vorbeirennen."
„Meinetwegen." Von da an hielt ich den Mund und versuchte, nach irgendeinem Tor oder etwas ähnlichem Ausschau zu halten. Aber wenn Jay wirklich recht hatte, war der Weg nach Enem sehr unscheinbar und nicht mehr als ein Hügel. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir ihn tatsächlich finden würden. Wahrscheinlich würden Cristal und ich heute Abend einfach nach Hause fahren und frustriert schlafen gehen. Dann könnten wir uns einen neuen Plan ausdenken, um Connor zu helfen.
Nachdem wir etwa eine dreiviertel Stunde durch den Nationalpark gewandert waren, fühlten sich meine Beine bereits träge an. Aber es war schön, in der Natur zu sein. Auch wenn ich nicht allzu sportlich war, gab mir die Weite des Waldes Kraft. Mein Instinkt lockerte sich, ließ mir mehr Raum und obwohl Cristal neben nur wenige Meter vor mir herging, war der Wunsch, ihr einen Teil ihrer Seele zu rauben, nicht mehr als eine heisere Stimme in meinem Ohr, die ich leicht überhören konnte. Ich musste meinen Körper nicht verkrampfen oder meinen Fokus bewusst von ihrer Energie weglenken, es passierte beinahe automatisch, durch diese Leere, die sich vor uns ausbreitete. Vermutlich hielt sich im Moment kein anderer Mensch in diesem Wald auf, zumindest nicht im Umkreis der nächsten paar Kilometer.
Wir machten eine kleine Pause bei einer Holzbank, die schon etwas verwittert aussah, tranken Wasser und aßen die Äpfel, die ich in meinen Rucksack gepackt hatte. Während wir uns bewegten, war es mir gar nicht aufgefallen, doch jetzt, als wir ein paar Minuten dasaßen, klammerte sich die Kälte an meinen Körper. Besonders mein Gesicht und meine Hände, die nicht von irgendeinem Stoff geschützt waren, kamen mir bald vor, als hätte jemand ihre Wärme mit einem Strohhalm ausgesaugt. Wir hielten uns nicht länger auf als nötig, sondern spazierten bald weiter.
Etwa zwanzig Minuten später fühlte ich es.
„Hey, warte kurz", rief ich Cristal zu, die unsere Zweiergruppe immer noch anführte. Sie hatte eindeutig mehr Ausdauer als ich und wanderte stets ein paar Meter vor mir her. Nun blieb sie allerdings stehen und drehte sich zu mir um.
„Du hättest doch vor zehn Minuten pinkeln gehen können, als wir sowieso Pause gemacht haben", meckerte sie bereits, aber ich hörte gar nicht richtig zu.
„Darum geht's nicht." Aufregung machte sich in mir breit und gab mir neuen Schwung und am liebsten wäre ich losgelaufen, aber mein Hirn hielt mich zurück. Und die Angst. Ich war mir ziemlich sicher, dass es eine blöde Frage war, aber ich musste sie trotzdem stellen: „Fühlst du das auch? Dieses Flattern?"
„Ein Flattern? Wie ein Insekt, oder was?"
„Nein, eher... Schwingungen. Energie", versuchte ich, es in Worte zu fassen. Zuerst konnte ich nicht sagen, warum, doch dieses Gefühl kam mir so bekannt vor. Dann fiel es mir ein und mit der Erinnerung gesellte sich auch eine große Portion Nervosität dazu. „Jays Buch hat dieselbe Energie. Ich glaube nicht, dass es ein Lebewesen ist, aber irgendwas ist da."
„Weißt du, wo es herkommt?" Ungeduldig sah Cristal mich an.
„Ich-ich denke schon." Etwas perplex setzte ich mich in Bewegung, konzentrierte mich darauf und kaum ließ ich es zu, führte mich mein Instinkt wie ein Kompass. Ohne es bewusst zu entscheiden, verließ ich den Wanderweg und ging direkt zwischen den Nadelbäumen hindurch. Ich konnte nicht sagen, woher ich diese Sicherheit nahm, aber ich zweifelte keine Sekunde lang daran, dass ich die Quelle dieser Energie finden würde.
Mindestens zehn weitere Minuten vergingen, aber nun waren wir fast da. Meine Schritte wurden schneller, obwohl meine Fußsohlen bereits wehtaten und die Nervosität füllte bald meinen ganzen Bauch aus. Gleich hatte ich es geschafft. Gleich würde ich ankommen. Ich sah eine Lichtung, etwa dreißig Meter vor mir und verlangsamte mein Tempo. Dort vorne bündelte sich das Flattern, wurde vielmehr zu einer Vibration, oder einem unruhigen, mächtigen Wasserstrudel.
Ich blieb neben dem letzten Nadelbaum stehen, am Rande der Lichtung und traute meinen Augen nicht. Mitten in der Wiese stand eine Straßenlaterne aus dunklem, verschnörkeltem Metall. Ihr orangefarbenes Licht sah aus wie ein Farbfleck, der unabsichtlich auf den matten Wald getropft war.
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Mal sehen, ob tatsächlich Enem auf die zwei wartet :)
Schönen Sonntag!
- knownastheunknown -
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