20

„Warum bist du stehengeblieben?" Cristal hatte mich eingeholt. Kurz wandte ich mich ihr zu, aber dann fixierte ich wieder die Laterne, die so selbstverständlich auf der Lichtung stand, als wäre sie von alleine hier gewachsen.

„Siehst du das denn nicht?"

„Offensichtlich nicht", grummelte sie ungeduldig. „Was soll da sein?"

Ich wusste nicht, ob mich das beruhigen oder verunsichern sollte. Dass nur ich dieses Ding sehen konnte, hieß entweder, dass ich den Verstand verloren hatte oder dass es tatsächlich ein übernatürliches Objekt war. Konnte es so einfach sein, den Weg nach Enem zu finden? Mit einem Mal begannen meine Knie schwach zu werden und mein Herz schlug etwas schneller. Ich wollte dort nicht hin. Das konnte doch nicht wahr sein.

„Da vorne steht eine Laterne."

„Hm." Plötzlich setzte sich Cristal in Bewegung und schritt durch das Gras direkt darauf zu.

„Pass auf", zischte ich und stolperte ihr hinterher. Bei den ersten Schritten zitterten meine Beine unter meinem Gewicht. „Du weißt ja gar nicht, ob so ein Portal gefährlich ist oder nicht. Falls es überhaupt ein Portal ist! Es könnte ja auch sonst was sein."

„Ich pass schon auf." Sie klang alles andere als nervös und ich verstand nicht, wie sie so ruhig bleiben konnte. „Wo ist die Laterne denn?"

„Wenn du die Arme jetzt nach links ausstreckst, solltest du sie berühren können."

Sie blieb wie angewurzelt stehen. Ich hielt den Atem an, als sie es versuchte. Doch ihre Finger fuhren durch die Luft und dort, wo sie das schwarze Metall berührte, bildeten sich kleine dunkle Rauchschwaden die langsam emporstiegen wie von einer brennenden Kerze. Als sie die Hände nach ein paar Sekunden wieder sinken ließ, löste sich der Rauch auf und die Laterne fand ihre ursprüngliche Form wieder, so als sei nie etwas gewesen.

„Warum schaust du mich so an, als würden mir gleich Kiemen wachsen?" Cristals Stimme war nun weicher und ließ Zweifel hinter ihrer Entschlossenheit erkennen.

„Du hast gerade durch die Laterne gegriffen. Als wäre sie gar nicht da."

Langsam sah sie von mir zu ihren Fingern und wieder zurück. „Versuch du, sie zu berühren."

„Warum?" Mein Herzschlag pochte bis in meinen Kopf hinauf, ich spürte ihn als Druck auf meinen Ohren und an den Schläfen.

„Damit wir sehen, ob das das Portal ist."

„Glaubst du, ich berühre sie und werde weggebeamt? Und was dann?" Cristals Selbstverständlichkeit nervte mich mittlerweile. Ich hatte keine Ahnung, was ich erwartet hatte. Wahrscheinlich hätte ich mich nicht wundern sollen, dass sie mich wirklich ganz alleine ins Unbekannte schicken wollte, aber bisher hatte ich es für so unwahrscheinlich gehalten, dass wir überhaupt irgendetwas finden würden, dass ich mir darüber wenig Gedanken gemacht hatte.

„Jetzt komm schon." Sie legte die Stirn in Falten. „Es geht hier weder um dich noch um mich."

„Sondern um Connor", ergänzte ich und spürte abrupt das schlechte Gewissen in mir aufkeimen.

Konnte eine einzelne Person so viel auf einmal fühlen? Meine Angst vermischte sich mit der aufkeimenden Wut auf Cristal, mit Wut auf mich selbst, und wurde mit dem schlechten Gewissen und all den träumerischen Emotionen, die in mir aufblühten, wenn ich an Connor dachte, zu einem undefinierbaren Brei. Am liebsten hätte ich hier im Nationalpark losgeheult.

Ich war nicht besonders mutig. Das war ich noch nie.

Aber welche Wahl hatten wir denn? So ungern ich es auch zugeben wollte, Cristals Plan war derweil der einzige, der mir vielversprechend vorkam. Um zu verstehen, wie die Regeln des Übernatürlichen funktionierten und wie wir die Infektion durch Instinktjäger heilen konnten, mussten wir erst einmal in die Welt des Übernatürlichen eintauchen.

„Es wird alles gut gehen, Xenia."

Gute drei Meter trennten mich von der Straßenlaterne. Als hätte sie nun selbst die Geduld verloren, begann die Lampe kurz zu flackern und das Vibrieren ihrer Energie wurde für einen Moment stärker. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich gemeint, Cristal steckte mit dem Ding unter einer Decke.

„Denk einfach nicht zu viel darüber nach", schlug Cristal vor. Also versuchte ich es.

Meine Muskeln sträubten sich dagegen, mein Oberkörper verkrampfte und meine Beine fühlten sich immer noch zu schwach an, um mich zu tragen, doch ich bewegte mich auf die Laterne zu.

„Falls ich gleich verschwinden sollte, dann sag bitte-"

Abrupt wurde der Sauerstoff aus meinen Lungen gepresst und meine Worte erstarben. Noch nie hatte mich ein Blitz getroffen, doch nun war ich mir sicher, dass mir jemand einen Stromschlag verpasste. Ein brennender Schmerz fraß sich in meine Zellen und selbst wenn ich gewollt hätte, konnte ich mich nicht bewegen. Reflexartig hatte ich die Augen geschlossen und sofort jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren.

Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, hörte diese Folter auf und während ich gierig nach Luft schnappte, fiel ich nach vorne, landete auf den Knien und konnte mit meinen Händen gerade noch den Sturz abfangen. Der Zustand hatte maximal zwei Sekunden lang angehalten, doch auch das war zu lange. Keuchend krallte ich mich mit den Fingern im Gras fest, um nicht den Halt zu verlieren und blinzelte um mich herum. Alles in mir pochte, kribbelte und zuckte.

Direkt hinter mir stand die Straßenlaterne, so unschuldig, als hätte sie mich nicht gerade durch die Hölle geschickt. Miststück.

Ich rappelte mich auf, saß nun mit dem Hintern auf der Erde und starrte perplex geradeaus. Cristal war weg. Oder ich war weg. So wie es aussah, hatte es tatsächlich funktioniert. Ich befand mich auf einer kleinen Lichtung, so wie gerade eben noch, doch diese hier war anders. Der Himmel hier war wolkenverhangen und tauchte alles in düsteres Licht, das nur durch das Orange der Laterne erhellt wurde. Trotzdem war es warm. So warm, dass ich meinen Wintermantel öffnete. Ein paar Bäume ragten dort vorne empor und zwischen ihnen erspähte ich einige flache Steine am Boden, die wie der Beginn eines Weges aussahen. Ich saß bestimmt eine Minute lang so da, versuchte zu verstehen, dass ich wohl tatsächlich durch ein Portal gereist war, und schnaubte vor mir hin. Als ich meinen Atem wiederfand, stand ich auf, klopfte meine Hose ab und zog den Mantel ganz aus.

„Hallo", sprach mich plötzlich eine kratzige Stimme an.

Ich hörte auf zu atmen und drehte mich langsam um, bevor ich die Luft durch die Lungen entweichen ließ. Ein kleiner Junge klammerte sich an der Spitze der Straßenlaterne fest und rutschte nun zu mir herab wie an einer Feuerwehrstange.

„Hallo." Ich versuchte, meine Angst hinunterzuschlucken und mir nichts anmerken zu lassen. „Wo kommst du denn her?"

„Das will ich dich fragen. Du bist einfach so durch das Tor hereingeplumpst. Ich bin schon vorher da oben gesessen." Er zeigte auf die verschnörkelte Metallkonstruktion.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie dieser Sitzplatz bequem sein konnte und fragte mich gleichzeitig, warum ich ihn nicht bemerkt hatte. Hatte mich die Lampe zu sehr geblendet? Das Ding schien mir nur Probleme machen zu wollen.

Der Anblick des Jungen versetzte mir im ersten Moment einen Stich. Als ich ihn so sah, stieg mir der Geruch des feuchten Kellers in die Nase, in dem ich mit elf Jahren die fremde Frau überwältigt hatte und der Instinkt schoss durch meinen Körper. Meine Fingerknöchel juckten bereits, doch dann spürte ich, dass etwas fehlte.

Der Junge trug keine Wärme in sich. Es war als hätte er gar keine Energie. Sobald ich das begriffen hatte, verrauchte der Drang ihn zu verletzen so wie das Metall der Laterne, die Cristal berührt hatte.

Wahrscheinlich war es alles andere als klug, mich deshalb sicher zu fühlen, aber ich spürte, wie ich mich entspannte. Dieser Knirps kam mir viel zu harmlos vor, um zu einem Problem zu werden. Vielleicht konnte er mir sogar weiterhelfen. Aber wahrscheinlich war es besser, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Ich sollte meine Worte lieber vorsichtig wählen und Connor aus dem Spiel lassen, so wie Cristal es vorgeschlagen hatte.

„Ich war im Victoria Forest", antwortete ich. Wenn ich wollte, dass der Kleine mir half, sollte ich erst mal sein Vertrauen gewinnen.

Mit einem Mal wurden seine Augen groß. „Ehrlich? Da wollte ich schon immer mal hin. Und zum Kieferstrand. Und in die graue Stadt, vielleicht auch in das Zentrum – ich hab gehört, dort gibt es richtige Autos. Eigentlich will ich einmal überall dort draußen hin."

„Warst du noch nie dort?" Ich runzelte die Stirn, als er den Kopf schüttelte. 

„Ich darf noch nicht."

„Wie alt bist du denn?"

„Sieben", verkündete er stolz und stellte sich sofort etwas aufrechter hin. „Wie alt bist du?"

„Achtzehn."

Jetzt wurden seine Augen noch größer. „Cool. Dann hast du sicher schon viel gesehen. Warst du schon mal in so einem Geschäft, wo es das gute Kalte gibt? Meine Schwester hat mir davon erzählt. Seit sie es da draußen gegessen hat, versucht sie, es nachzumachen. Aber derweil hat sie das noch nicht geschafft." Er grinste, als würde er das aus irgendeinem Grund witzig finden. „Derweil kann sie nur so einen harten Klotz machen."

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich dort schon war", gestand ich etwas verwirrt. „Aber da, wo wir jetzt sind – ist das hier Enem?"

„Ja, sicher. Weißt du das denn nicht? Wie bist du hierhergekommen, wenn du das nicht weißt?"

„Ich habe nur Gerüchte davon gehört, dass man durch den Victoria Forest hierherkommen kann. Aber ich dachte nicht, dass es so einfach ist, Enem zu finden." Kaum zu glauben, dass das hier real war. Vielleicht lag ich ja noch im Bett und träumte das bloß? Cristal würde mich bestimmt gleich aufwecken und in den Nationalpark mitschleifen, um nach einem Portal zu suchen, das nicht existierte. Ja, ganz bestimmt.

„Warum sollte es schwierig sein?"

Darauf fiel mir nichts ein. Ich war davon ausgegangen, dass die Vollkommenen im Verborgenen lebten. Aber wenn Menschen die Tore, die nach Enem führten, weder sehen noch durch sie hindurchschreiten konnten, war es eigentlich überflüssig, sich allzu aufwendig zu verstecken. Das Einzige, wovor sie sich schützen mussten, war wohl, dass ein fremder Vollkommener ungewollt hier eindrang. Oder eine Instinktjägerin.

„Sag mal, was ist in dem Ding?" Der Junge deutete auf meinen Rucksack.

„Nicht besonders viel. Ich habe nur ein bisschen was zu essen und zum Anziehen mitgenommen", erklärte ich schulterzuckend. „Wo führt dieser Weg denn hin?"

„Na ins Zentrum. Eigentlich sollte ich jetzt eh dorthin zurück. Meine Mama mag es nicht, wenn ich zu lange bei den Laternen herumhänge."

„Was hast du denn hier gemacht?"

„Ich hab auf Caelum gewartet. Der ist wahrscheinlich noch länger weg. Ist aber nicht schlimm." Der Kleine verriet mir nicht, wer dieser Caelum war und ich beschloss, derweil nicht nachzufragen.

„Würdest du mir vielleicht den Weg ins Zentrum zeigen?", bat ich ihn stattdessen. Es wäre bestimmt mal gut, mir dort einen Überblick zu schaffen. Dann traf ich hoffentlich auch jemanden, der mir helfen konnte, ein Gegengift zu finden.

„Ja, klar." Stolz streckte er erneut die Brust raus. „Niemand kennt den Weg besser als ich."

Ich musste schmunzeln, als er sich entschlossen umdrehte und auf den Steinpfad zusteuerte. Erleichtert und nervös zugleich folgte ich ihm. Meine erste Begegnung mit jemandem in dieser fremden Welt hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Aber vielleicht war das ja nur die Ruhe vor dem Sturm. Ich trottete ihm hinterher, umgeben von Laubbäumen, die dunkelgrüne Blätter trugen, was mich irritierte, als ich es bemerkte. Im Februar waren die meisten Bäume völlig kahl.

„He, wie heißt du eigentlich?"

„Nia." Meinen ganzen Namen musste er nicht kennen.

„Schön. Ich bin Mico. Wie der Blitz!"

„Erzählst du wieder Halbwahrheiten?", drang plötzlich eine Stimme von irgendwo her.

Ich blieb sofort stehen, meine Füße klebten an den Steinen fest und ich konnte mich nicht rühren. Doch mein Herz schlug in einem gefährlich schnellen Takt.

„Mico heißt Zucken", erklärte die Stimme.

„Und du bist eine Zicke, Merula." Jetzt war auch Mico stehengeblieben, wandte sich einem Baum links von uns zu und streckte ihm die Zunge entgegen.

Aber er hatte gar nicht den Baum gemeint. Jetzt erkannte auch ich, dass auf einem breiten Ast ein Mädchen saß. Es drehte sich in unsere Richtung und ließ die Füße herunterbaumelt, bevor es sich abstieß und elegant im Gras landete, ohne das Buch fallen zu lassen, das es in der Hand hielt. Der Ast wuchs nicht besonders hoch, aber es waren doch ungefähr zwei Meter, die Merula herabgesprungen war. Sie musterte mich mit einer Neugier, die anders war als Micos kindliches Interesse. Vorsichtig. Berechnend. Merula war deutlich älter als er. Sie trug einen auffälligen, scharfkantigen Lidstrich, der sie trotz ihres zierlichen Körpers erwachsener aussehen ließ. Vielleicht war sie sogar in meinem Alter.

Diesmal war mein Instinkt bereits darauf eingestellt. Er schien sich nicht im Geringsten für das Mädchen zu interessieren. Es strahlte nicht einmal Kälte aus. Da war absolut gar nichts. Könnte ich meine Klauen benutzen, wenn es gefährlich werden sollte? 

Ich hatte keine Ahnung, wie ich das machen sollte. So viel dazu, dass mich mein Instinkt schon beschützen würde.

„Interessant", murmelte Merula. „Mico, weißt du, was diese Instinktjägerin hier sucht?"

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Es macht richtig Spaß, endlich über Enem zu schreiben :3

Falls euch das alles aber zu schnell geht oder euch irgendwas unlogisch vorkommt, lasst es mich bitte wissen! Das ist das, was ich durch Instinktjäger vor allem lernen will: Wie erzähle ich eine fantastische Geschichte, ohne dass Lesende sie (zu) unrealistisch finden? Wie können meine Charaktere auf unlogische Ereignisse logisch reagieren?

Das ist echt nicht so einfach, denke ich :) Immer her mit Tipps, Tricks und Feedback!

Danke <3

- knownastheunknown -

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