18
„Was ist mit Connor? Wenn du mir jetzt schon wieder verbieten willst, mit ihm zu reden, dann...", setzte ich an und wusste gar nicht, worauf ich eigentlich hinauswollte.
„Halt die Klappe und hör mir zu."
Ich starrte sie an. Cristals Energie war anders als sonst. Auch sonst strahlte sie nicht besonders viel Ruhe aus, aber in diesem Moment flatterte ein Teil von ihr nervös herum. Sie atmete tief ein und zittrig wieder aus, ehe sie einen Sessel vom Esstisch zu sich zog und sich darauf sinken ließ. Das Buch legte sie neben sich ab und ich erkannte, dass es das von Jay war.
„Ich wollte das eigentlich nicht mit dir besprechen, aber ich weiß nicht mehr, was ich tun soll." Sie presste die Lippen aufeinander und legte die Hände in den Schoß, wo sie nun mit dem rechten Daumen über den linken Handteller rieb. „Irgendwas stimmt mit ihm nicht. Er sieht so müde aus, als würde er nachts kein Auge zukriegen und er vergisst dauernd Dinge, die man ihm erzählt. Er war schon immer eher ruhig, aber in letzter Zeit habe ich das Gefühl, er ist nicht ganz da. Manchmal hört er mir gar nicht richtig zu und letzte Woche wäre er fast vor ein Auto gelaufen, das er nicht bemerkt hat."
Ihre Stimme klang brüchig, als würde nur ein Windhauch fehlen, um Cristal zum Zerbrechen zu bringen. Verwirrt trat ich an den Esstisch heran, setzte mich ebenfalls und merkte, dass mein Herz seinen Schlag beschleunigte.
„Connor hat mir erzählt, dass er von einem kalten Wesen mit langen Klauen geträumt hat."
„Und?", hakte ich nach, leiser, als ich vorgehabt hatten. Ich fühlte und stellte mich taub, wollte hinauszögern, mich mit ihren Worten auseinanderzusetzen, auch wenn ein kleines Männchen in meinem Hinterkopf saß, das bereits wusste, worauf das hier hinauslaufen würde.
„Was denkst du denn?", blaffte sie mich an. Sie starrte nun direkt zurück, bis sie die Augen zusammenkniff. Als sie blinzelte, konnte ich trotzdem den glasigen Schleier davor sehen. Eine Träne rann ihre Wange hinab, doch Cristal war im ersten Moment zu stur, um sie wegzuwischen. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter. Erst als sie ihren Kieferknochen erreichte fuhr sich Cristal mit dem Ärmel ihres Pullovers übers Gesicht. „Ich habe Angst um ihn, Xenia."
„Du meinst, er wurde infiziert?", hörte ich mich sagen. Ich fühlte mich als wäre ich nicht in meinem Körper. Nicht einmal wie ein Beobachter, sondern, als würde ich schlafen. Wie wäre es sonst möglich, dass sich Cristal Aaren so verletzlich zeigte und weinte? „Warum redest du dann nicht mit Jay darüber? Warum kommst du zu mir, wenn du mich eigentlich am liebsten aus deinem Leben streichen würdest?"
„Weil er...", sie hielt inne, um Luft zu holen und sich zu sammeln. Ihre Tränen schienen versiegt zu sein. „Er konnte bis jetzt niemanden retten. Mein Vater bemüht sich, er will den Leuten helfen, aber er ist machtlos. Wir Menschen sind euch ausgeliefert. Aber du..."
„Du denkst, dass ich mehr Macht habe?" Ungläubig starrte ich sie an.
„Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, dass die Vollkommenen mehr Macht haben."
Zunächst erwiderte ich nichts.
„Ich habe das Buch gelesen." Unsere Augen wanderten zu dem kleinen Objekt, das neben uns am Tisch lag. „Im Kapitel Das Vollkommene steht, dass sie für alle Krankheiten ein Heilmittel haben. Warum also nicht für die Infektion durch Instinktjäger?"
Wie lange machte sie sich darüber schon Gedanken? Mein Kopf malte ein Bild von Cristal, die wieder und wieder durch das Buch geblättert hatte und fieberhaft nach einer Lösung für dieses Szenario suchte. Vielleicht war es absurd, jetzt darüber nachzudenken, aber ich fragte mich, was dazu geführt hatte, dass sie so schroff und unnahbar war.
Ich konnte mich jetzt nicht mit Connor beschäftigen. Er sollte nichts mit übernatürlichen Dingen zu tun haben. Er sollte ein stinknormales, langes, glückliches Leben führen. Er sollte seinen Abschluss machen, an die Uni gehen und ein erfolgreicher Arzt werden. Er sollte Menschen gesund machen, statt selbst krank zu sein.
Ich wollte der Möglichkeit, dass das, was Cristal mir erzählte, stimmen könnte, keine Luft zum Atmen geben, sondern sie unter einem Tuch festhalten und ihr beim Ersticken zusehen.
„Hast du mir zugehört?", fragte Cristal.
„Ja", hörte ich mich sagen, aber gedanklich war ich noch damit beschäftigt, zu verarbeiten, was sie von mir verlangte. Sie hatte anscheinend einen Plan, in dem ich mitspielen sollte, doch ich begriff nicht, wie sie sich das vorstellte.
Wollte sie darauf vertrauen, dass die Vollkommenen uns retten würden? Falls sie überhaupt existierten und sie die Steigerung von Instinktjägern waren, konnte ich gut auf sie verzichten. Ich hatte jahrelang versucht gegen jede übernatürliche Faser meines Körpers anzukämpfen. Am liebsten wäre es mir, wenn es Instinktjäger nicht gäbe, selbst wenn das bedeuten würde, dass es mich nie gegeben hatte.
Sollte ich jetzt einfach so in eine Realität eintauchen, die noch mehr als meine Art wahrnahm? Die noch mehr zuließ?
„Ich glaube nicht, dass Vollkommene einfach so vom Himmel fallen. Wie sollen wir jemals einen finden, noch dazu einen, der uns helfen will?", wollte ich ihr den Wind aus den Segeln nehmen.
„Sie sind in Enem." Ich verstand nicht, wie sie diesen Satz so sagen konnte, als sei dies das Natürlichste auf der Welt. „In dem Kapitel steht, dass keine menschliche Seele diese Welt betreten kann."
„Aber ich habe keine menschliche Seele", zählte ich eins und eins zusammen. „Deshalb brauchst du mich."
„Denkst du, ich hätte mir sonst so eine nervige Schmarotzerin mit Küchenschürze ausgesucht, um das durchzuziehen?"
Ich ignorierte ihren Kommentar. „Wie stellst du dir das vor? Wie soll ich dieses Enem finden?"
„Natürlich kann ich mir nicht sicher sein, dass es sich noch immer dort befindet, aber mein Vater hat vor Jahren ein Portal im Victoria Forest gesehen." Sie klappte Jays Buch auf und zog einen Zettel hervor, der zwischen den Seiten eingeklemmt gewesen war. Als sie ihn auffaltete, erkannte ich eine Karte. Entweder ich hatte sie bisher nie bemerkt, wenn ich das Buch selbst in der Hand hatte oder Cristal hatte sie irgendwo anders aufgetrieben. „Das ist die Wanderroute, die er damals gegangen ist. Es muss also irgendwo dort in der Nähe sein."
„Du meinst also, ich soll dort hinfahren und ausprobieren, ob ich irgendwie verschwinden kann?" Das klang schon eher nach einem Plan, der mit Cristals Grundeinstellung zusammenstimmte.
„Ich meine gar nichts. Ich will nur irgendetwas tun, außer mir Tag und Nacht Sorgen darüber zu machen, ob sich mein bester Freund gerade das Leben nimmt oder nicht. Glaub mir, ich würde etwas anderes probieren, wenn ich eine Idee hätte, aber derweil ist das der einzige Anhaltspunkt, den ich habe, um einen Vollkommenen zu finden." Entschlossen beendete sie ihre Rede, überkreuzte die Beine und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ich fühlte mich schlecht, dass ich überhaupt zögerte, aber ich konnte es nicht verleugnen: Ich hatte Angst. Mein Alltag war eine geschützte Zone. Ich konnte mich hier beherrschen, ich konnte mich verhalten wie ein normaler Mensch, konnte zur Schule gehen, hoffentlich bald meinen Abschluss machen und danach ein unauffälliges Leben führen. Keine Ahnung, wie das werden sollte, wenn ich mich auf diese Reise begab. Außerdem fragte ich mich, wie gefährlich Vollkommene sein könnten. Wenn wir die Seelen der Menschen raubten, was war dann die Beute von Vollkommenen?
„Ich habe Connor gefragt, was mit ihm los ist, aber er will einfach nicht darüber reden. So wie er sich verhält, ist irgendwas. Da bin ich mir sicher. Und mit jedem Tag, der vergeht, denke ich immer mehr, dass ihn ein Instinktjäger infiziert hat."
Mein Herz klopfte bei Cristals Worten so laut als wollte es sagen: ‚Wir müssen irgendetwas tun.' Aber ich wusste nicht, was. Ich wollte Connor helfen, keine Frage, aber fühlte mich gleichzeitig wie gelähmt bei dem Gedanken, alleine zwischen den Bäumen des Victoria Forests herumzuirren und zu hoffen, dass ich auf Vollkommene traf, die mir nicht sofort die Haut abziehen würden. Am liebsten würde ich hierbleiben und Kirschkuchen backen, in der Hoffnung, dass es Connor dadurch besser ging.
Aber das würde ihn wohl leider nicht retten.
„Vor ein paar Tagen hast du noch zu mir gesagt, ich soll mich um meinen eigenen Kram kümmern."
„Das war, bevor er mir von diesem Traum erzählt hat." Cristal sah mich schuldbewusst an. „Und es gefällt mir zwar nicht besonders, aber ich weiß, dass er dir nicht egal ist. Du bist die Einzige, die ich wirklich um Hilfe bitten kann."
Also gut.
„Würdest du mit mir gemeinsam nach dem Portal suchen?" Ich musterte Cristal vorsichtig, wie ein misstrauischer Hase den Tierarzt. Ganz sicher war ich mir mit dieser Sache nicht, aber es war besser, es zu versuchen als im Nachhinein zu bereuen, dass man nur brav dagesessen und die Hände in den Schoß gelegt hatte. Hoffte ich zumindest.
„Sicher. Dachtest du, ich überlasse das dir allein?"
Bei allem, was in den letzten Wochen passiert war, wusste ich nicht, was ich noch von ihr denken sollte. Wollte sie mich um jeden Preis hassen? Oder zeigte sie mir irgendwann ihren weichen Kern?
ҩҨҩ
Das war es also. Ich hatte einen Monat und drei Tage lang bei den Aarens gelebt und jetzt packte ich meinen Rucksack, als würde ich von hier wegrennen wollen. Gewissermaßen tat ich das auch, aber nicht, weil es so schrecklich war, mit Jay, Leya und Cristal unter einem Dach zu wohnen. An diesem Samstagabend war es sogar ganz okay, mit Cristal zu planen, wie wir vorgehen sollten. Sie hatte schon herausgefunden, dass es eine Zugverbindung gab, die bis an den Rand des Nationalparks führte. Anders als sie mit Leya besprochen hatte, lud sie weder Ruby noch die Jungs ein. Wir waren nur zu zweit und überlegten gemeinsam, was ich wohl brauchen und wie lange ich weg sein würde. Morgen war Sonntag, ein guter Tag, um einfach mal zu versuchen, dieses Portal zu finden. Falls Connor tatsächlich infiziert war, hatten wir keine Zeit zu verlieren.
Ich stopfte meinen Rucksack mit Unterwäsche und ein paar anderen Klamotten voll, wovon die meisten eigentlich zu kalt für Anfang Februar waren, aber die man dünner zusammenlegen konnte. Für die Wandertour mit Cristal machte ich Sandwiches mit Käse, Schinken und Gemüse und packte noch zwei Äpfel dazu. Vielleicht war unsere Suche nach dem Portal sowieso nicht erfolgreich und wir kamen morgen Abend einfach wieder nach Hause. Falls nicht nahm ich so viele Reiswaffeln, Knäckebrot, Nüsse und Müsliriegeln mit, wie ich in der Küche finden konnte. Das war zwar nicht das beste Essen, aber ich würde so schnell nicht verhungern. Und falls ich wirklich über einen Vollkommenen stolperte, der mir helfen wollte, würde er mir hoffentlich auch etwas zu essen abgeben.
Wobei ich ja nicht einmal wusste, ob Enem ein materieller Ort war. Vielleicht würde nur meine verkorkste Seele dorthin schweben und ich würde nie Hunger bekommen? Seufzend setzte ich mich auf mein Bett. Nun stellte ich mir Enem vor wie einen dunklen endlosen Raum, der von leuchtenden Seelenwürmchen besiedelt wurde. Ich wusste nicht, ob mir das lieber war als die Vorstellung von einer mittelalterlichen Siedlung im Wald, wie ich sie noch zuvor gehabt hatte.
„Was soll ich eigentlich zu den Vollkommenen sagen, wenn ich einen treffe?"
Cristal saß auf meinem Schreibtischsessel und drehte sich unruhig hin und her. „Du bittest ihn vorsichtig um Hilfe. Vielleicht kannst du auch erstmal nur in Erfahrung bringen, ob es sowas wie Hustensaft oder Tabletten gegen eure Infektionen gibt und Connor aus dem Spiel lassen."
„Und wenn sie Nein sagen? Oder wenn sie mich angreifen?"
„Dann kämpfst du eben mit ihnen." Ich musste wohl ziemlich planlos aussehen, woraufhin Cristal ihre Augenbrauen hochzog. „Hast du sowas denn noch nie gemacht? Ich dachte, ihr fahrt dauernd eure Krallen aus und löst so all eure Probleme."
„Nein. Erstens kenne ich kaum andere Instinktjäger und zweitens versuche ich seit sieben Jahren alles in mir zu unterdrücken, das nicht menschlich ist." Trotzdem hoffte ich, dass mein Instinkt das Kommando übernehmen würde, wenn ich mich wirklich in Gefahr befand. Falls ich irgendeinen Selbsterhaltungstrieb in meinen Zellen trug, wäre das seine Gelegenheit, um zu sagen, wo es langging.
„Das wird schon. Dein Instinkt regelt das bestimmt", entgegnete Cristal, aber ihre Energie strahlte neben der verlockenden Kälte auch ein unsicheres Zittern aus.
Ich hoffte trotzdem, dass sie recht behalten würde.
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- knownastheunknown -
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