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Man sagt, es hat sich folgendermaßen zugetragen.

Zwei Kinder von Gott, Brüder, stiegen auf die Erde herab, um das Werk ihres Vaters zu begutachten. Sie machten sich ein Bild von der Welt, die er kreiert hatte. Als sie auf die Menschen stießen, bemerkten sie bald, welch starke Macht und welch großen Einfluss sie auf diese ausüben konnten.

Der erste war der Ansicht, man solle Gottes Schöpfung unberührt lassen. Unverfälscht, unverdorben, so rein wie ein Kind nur sein konnte. Doch der andere war davon überzeugt, ihnen helfen und ihr Leben verbessern zu können. So wie sie jetzt waren, waren sie nichts weiter als ein Haufen machtloser, unwissender Kreaturen, die ziellos umherwanderten.

Ohne Gottes Wissen beschwor er einen gewissen Anteil der Menschen, umspann sie mit seiner glorreichen Macht und schuf Wesen, die dem Ursprung dieser Spezies zwar ähnelten, aber doch anders waren. Sie stachen hervor durch Anmut, waren kräftig und wurden angetrieben von einer Entschlossenheit, die die Menschen nicht kannten.

Wenig später sprach Gott zu seinen Engeln, sie mögen sich vor den Menschen verneigen – sich ihnen unterwerfen und sie treu behüten. Doch der Sohn verstand nicht. Wieso sollte er sich den Wesen beugen, die nur dank seiner Tat überhaupt Bedeutung bekommen hatten? Und viel mehr noch: Aus welchem Grund sollte er vor den Schwachen unter ihnen niederknien, die er unberührt gelassen hatte? 

Der Sohn fühlte sich betrogen. Liebte Gott ihn nicht genug, um ihm selbst eine höhere Position zu geben?

Gott erkannte diesen Widerwillen und als er bemerkte, was sein Sohn bereits angerichtet hatte, wurde er wütend. Er verbannte ihn aus dem Himmel, machte ihn zum gefallenen Engel und war gewillt alle von ihm manipulierten Menschen auszulöschen.

Doch als der zweite Engel davon erfuhr, machte er Gott einen Vorschlag. Er hatte bereits in der kurzen Zeit, in der er auf ihrem Planeten verweilt hatte, Sympathie für die Erdenbewohner verspürt. Diese ursprünglichen, unberührten Wesen waren hilflos, ja, naiv – und doch waren sie gewillt ihr einfaches Leben zu leben und sich daran zu erfreuen. Die Unberührten schienen voller Hoffnung und das faszinierte den Engel.

Übermut prägte die Unmenschlichen und sie begannen, sich über andere zu stellen. Aber auch in ihnen steckte dieser reine, göttliche Kern. Für den Engel war es unvorstellbar, Gottes Kreation auszulöschen. Also bat er seinen Vater, er möge ihn ebenso eingreifen lassen, um ein Gleichgewicht herzustellen. Gott gewährte ihm den Versuch, also machte er die Unberührten stark, den Produkten seines Bruders fast ebenbürtig – doch er war bemüht darum, dass sie ihre Menschlichkeit beibehielten.

Gerade diese Eigenschaft sollte jedoch für sie zu einer Art Fluch werden, denn mit der Zeit verblassten ihre Fähigkeiten, bis Generationen entstanden, die nicht einmal mehr die Erinnerung an ihre großartigen Vorfahren mit sich trugen. Nur Einzelne blieben stärker als der Rest und kämpften gegen den Hochmut der Unmenschlichen an.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Völker aneinander geraten würden und Krieg ausbrach. Der Bruder im Himmel wurde von Verzweiflung gequält. Er hatte es nicht geschafft, ein Gleichgewicht herzustellen. Warum strebten die Erdenbewohner nach Hass? Warum waren manche von ihnen so unfassbar stolz? Gott erkannte ihre Zwietracht und erteilte ihnen eine Lektion. Seine zerstörerische Kraft ging an niemandem vorbei, sodass nur wenige der mächtigen Wesen überlebten.

Der Verlust auf beiden Seiten führte einen Waffenstillstand herbei, der mehrere Jahrhunderte anhielt. Während immer mehr Zeit verstrich begannen sich die Völker zu vermischen. Ihre Nachkommen waren gespaltene Wesen, erschaffen von Teufel und Engel, Nacht und Tag, Feuer und Wasser. Teils von unkontrollierbarer Wut, Hunger und Energie – teils von ruhiger Natur, von Friedlichkeit und Menschlichkeit.

Ich lag in meinem Bett und starrte an die Decke, weil ich nicht einschlafen konnte. Das war Der Beginn. So hatte ihn mir mein Vater früher erzählt und so stand er auch in Jays Buch. Ich glaubte nicht an einen bestimmten Gott. Vielleicht war diese Geschichte sowieso nur die Idee irgendeines Menschen, der nach einer Erklärung dafür gesucht hatte, warum Menschen und Instinktjäger nebeneinander existierten. Vielleicht war die Geschichte meines Volkes frei erfunden.

Mein Zimmer wurde vom Mondlicht erfüllt, das sanft durchs Fenster hereinfiel. An die Dunkelheit hatten sich meine Augen längst gewöhnt, sodass ich vom plötzlichen Aufleuchten meines Handys nun geblendet wurde. Hastig setzte ich mich auf und griff nach dem Gerät, das auf meinem Nachtkästchen lag. Ich musste ein paarmal blinzeln, um zu erkennen, was auf dem Display stand. 00:14. Meine Augen kribbelten unangenehm und schließlich schaltete ich die Nachttischlampe ein.

‚Tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe. Es ist was Wichtiges dazwischengekommen, aber ich verspreche, ich mach's wieder gut!'

Als ich Connors Nachricht las, atmete ich erleichtert aus. Ich hatte mir kein Horrorszenario ausgemalt, um zu begründen, dass er nicht zu dem Spaziergang gekommen war, den wir ausgemacht hatten. Am wahrscheinlichsten war für mich, dass er einfach darauf vergessen hatte. Connor hatte auf mich vergessen und ich hatte gestern Abend mehr geschmollt, als ich wollte, mich in meinem Bett unter die Decke gekuschelt, mir online einen Backwettbewerb angesehen und anschließend recherchiert, wie man einen Foodblog erstellt. Von meiner grummeligen Stimmung wollte ich mir jetzt aber nichts anmerken lassen. Und auch wenn ich mich fragte, was er stattdessen getan hatte, wollte ich nicht zu neugierig wirken. Wenn er es mir erzählen wollte, hätte er das wohl schon getan.

‚Kein Problem. Ich hab mir nur kurz Sorgen gemacht', schrieb ich daher. ‚Wie geht's dir?'

‚Abgesehen von dem schlechten Gewissen ziemlich gut. Ich würde Räder schlagen, wenn der blöde Gips nicht wäre.'

‚Wie wär's mit einem einhändigen Rad?'

‚Hm... Bin ratlos, wie das gehen soll. Oder radlos.'

Ich schnaubte amüsiert über den schlechten Witz. War das jetzt mein Leben? Mich mit Cristal herumärgern, weil sie mich provozierte, mit Jay über Mythologie rätseln und mit Connor befreundet sein. Ich wusste nicht, wie in meinem Kopf Platz für all diese verschiedenen Emotionen sein sollte und mit einem Mal fühlte ich mich doch ziemlich müde.

‚Sag Bescheid, wenn du einen Ratschlag oder Radschlag brauchst', schrieb ich. ‚Ich werde jetzt aber mal schlafen gehen. Gute Nacht.'

‚Mach ich! Gute Nacht, Xenia.'

Ich schaltete mein Internet aus, legte das Handy zur Seite und schlief mit einem wohligen Gefühl im Bauch ein. Wie immer blieb die Nacht traumlos, aber ich am nächsten Morgen wachte ich angenehm ausgeruht auf, als ich Stimmen in der Küche hörte. Als jemand bellte, war ich mir ziemlich sicher, dass sich da draußen nicht nur Cristal befand – es sei denn, sie hatte aufgehört, zu fauchen oder die Krallen auszufahren und sich andere Gewohnheiten zugelegt. 

Es war halb neun Uhr morgens an einem Samstag und normalerweise schlief ich gerne noch länger, aber die Geräusche vor meiner Zimmertür machten mich zu neugierig, um die Augen noch einmal zu schließen. Es juckte mich in den Füßen, aufzustehen, und so kämpfte ich mich erstmal aus der Decke, die sich mit meinen Beinen verheddert hatte, machte das Bett, zog mich an und öffnete das Fenster, um etwas Frischluft hereinzulassen. Obwohl die Temperaturen Ende Januar nur knapp im Plusbereich lagen, machten es die Sonnenstrahlen, die vom wolkenlosen Himmel herunterblitzten, heute fast frühlingshaft. Ich atmete tief ein und genoss das Licht auf meiner Haut. So motiviert hatte ich mich lange nicht gefühlt. Als ich meine Tür öffnete, konnte ich auch verstehen, was da drüben gesprochen wurde.

„Aber sie hatten doch diesen einen Song – wie ging der noch einmal?", fragte Cristal aufgeregt.

„De-dedede-dede-deeeeee", sang Connor enthusiastisch.

„Ja, genau der!", rief sie und prustete los.

Wenig später stand ich in der Küche und betrachtete die beiden, die mit einer großen Schachtel Donuts und zwei Tassen am Esstisch saßen. Paco hatte sich neben Cristal hingesetzt und genoss nun, von ihrer linken Hand gestreichelt zu werden – in der rechten hielt sie einen angebissenen Schokodonut.

„Hallo." Connor grinste mich an und ich hatte ein Déjà-vu, weil die Situation so ähnlich zu der war, als ich ihn das erste Mal gesehen hatte. „Ich hab Donuts mitgebracht. Greif gern zu."

„Danke", antwortete ich, holte mir ein Glas Wasser und näherte mich ihnen etwas verlegen.

Cristal sah mich nicht an, doch ich spürte, dass sie sich wünschte, ich würde noch länger schlafen. Ich zog den Stuhl gegenüber von Connor zurück und ließ mich darauf sinken. Er musterte mich unverblümt, also starrte ich ebenso direkt zurück. Wie so oft bedeckte die schwarze Haube seine blonden Haare und der bemalte Gips lugte nur wenig unter seinem grauen Kapuzenpullover hervor. Connor hatte ohnehin nicht den dunkelsten Teint, aber heute sah er noch blasser aus. Gemeinsam mit den Schatten unter seinen Augen machte er einen müden Eindruck, aber die Wärme in ihm war so stark wie sonst auch.

„Ich hab doch gesagt, ich will das mit gestern wieder gutmachen", begann er schließlich, zupfte sich die Haube zurecht und sah mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an. „Also bin ich heute früh zum Bäcker gestürmt und dann gleich hergekommen. Und jetzt iss bitte einen Donut, sonst fühle ich mich nicht besser."

„Na gut", schnaubte ich und griff nach dem mit weißer Schokolade und Nüssen. „Danke."

Als ich hineinbiss, war die Kombination aus Frittiertem und Zucker etwas viel auf nüchternen Magen, aber es schmeckte gut. Kurz fühlte ich mich wie an meinem Geburtstag. Als ich noch jünger war, gab es an diesem Tag immer Torte zum Frühstück, die mein Vater gebacken hatte. Irgendwann half ich ihm dabei, die Leckereien herzustellen und schließlich kümmerte ich mich allein darum. Er hörte auf zu backen und sah mir stattdessen zu oder machte parallel dazu irgendetwas anderes im Haushalt, weil er immer meinte, dass ich in der Küche geschickter war als er und er nichts ruinieren wollte.

„Hast du jetzt Lust auf einen Spaziergang?"

„Jetzt sofort?", fragte ich überrascht nach dem nächsten Bissen.

„Ja." Connor zuckte mit den Schultern. „Wenn's dir zu spontan ist, versteh ich's auch, aber ich dachte mir, wenn ich schon da bin, könnten wir das auch gleich nachholen."

Ich nickte, während ich weiter aß. Grundsätzlich hatte ich heute nichts geplant, aber etwas überrumpelt war ich doch. Aber warum eigentlich nicht? Cristal sah mich nun doch an und wartete gespannt auf meine Antwort. In mir braute sich aus Aufregung und Sturheit eine Suppe zusammen, deren Geschmack bald meinen ganzen Kopf füllte. Ich war nervös davor, mit Connor zu spazieren und unsere Freundschaft enger zu knüpfen. Je mehr man miteinander unternahm, desto besser kannte man einander und desto näher stand man sich – oder nicht? Ich war unsicher, wie viel davon ich zulassen sollte. Gleichzeitig wollte ich nicht absagen, wenn Cristal mich so ansah und ihr den Triumph geben, dass ihr Blick mich eingeschüchtert hatte.

„Ja, gerne", sagte ich also. Der Donut war in meinem Magen verschwunden. „Ich brauch nur noch ein bisschen Zeit, um mich fertig zu machen."

„Super. Wir müssen auch noch austrinken." Er lächelte so ehrlich, dass etwas von seiner Wärme auf mich überging und sich in meinem Bauch ansammelte. Ich konnte nicht anders, als zurückzulächeln.

Bevor ich die Badezimmertür hinter mir schloss, tapste Leya die Stufen herunter und wir wechselten ein paar Worte darüber, dass das Wetter so schön war und dass Connor hier war, um spazieren zu gehen. Dann frisierte ich meine leicht zerzausten Haare, wusch mir das Gesicht, putzte die Zähne, trug etwas Wimperntusche auf und ging auf die Toilette. Als ich die Türschnalle berührte, um wieder rauszugehen, kamen mir meine Hände schwitzig vor und erst da bemerkte ich, dass die Suppe in mir etwas zu viel Aufregung in sich hatte. Wie könnte ich das denn verdünnen? Mein Kopf war zu langsam, um alle Handlungen, die mein Körper ausführte, sofort zu begreifen, weil er so beschäftigt damit war, Connors Präsenz zu verarbeiten. Ich malte mir aus, dass wir in dem Park waren und die Sonne seine Haut in gelbes Licht tauchte, dass er lachen würde und die Augen dabei zukniff, dass bereits Sommer war und er sich in die grüne Wiese setzte und die Luft von Insektensummen erfüllt war. All diese Gedanken rauschten als Bilder durch mein Gehirn, während ich den kurzen Flur entlangging. Ehe ich die Küche wieder betrat, hielt ich inne. Was war bloß los mit mir? Meine Wangen und meine Stirn fühlten sich hitzig an und ich atmete ein paarmal tief durch, um wieder denken zu können.

„Gut, ich bin so weit", verkündete ich und hoffte, dass ich glaubwürdiger klang als ich mich fühlte, als ich zu Connor und Cristal ging.

„Super." Er kraulte Paco hinter dem Ohr und deutete dann zu einer Wasserschüssel, die am Boden stand. „Komm schon, trink noch was." Seine Stimme klang sanfter als sonst. Es lag eine Herzlichkeit darin, die ich noch nicht gehört hatte, aber der Hund hechelte nur munter vor sich hin und machte keine Anstalten, Connors Rat zu folgen. „Na gut, dann halt nicht, Pacerino", seufzte er.

Er stand auf, Cristal genauso. „Ich kann eine Flasche mitnehmen", schlug sie vor.

„Danke, aber ich hab selbst eine für ihn dabei", erwiderte Connor. „Eigentlich wollen wir ihm das aber abgewöhnen." Nun sah er mich an. „Paco trinkt fast nur aus Flaschen. Warum auch immer."

Ich musterte den Golden Retriever-Pudel-Mischling, der weiterhin vor sich hinhechelte und keine Notiz von mir nahm. „Hat Christopher ihm das beigebracht?", fragte ich amüsiert nach.

„Das würde zu ihm passen, aber Paco hatte die Angewohnheit schon im Tierheim. Manchmal ist das zwar ganz praktisch, wenn wir unterwegs sind, aber auch zuhause braucht er immer jemanden, der ihm etwas zu trinken gibt. Seine Schüssel lässt er unberührt, deswegen kann man ihn nicht so lang allein lassen."

Ich nickte, auch wenn ich wenig Ahnung davon hatte, mich um Haustiere zu kümmern. Wie sollte ich gut für ein anderes Wesen sorgen, wenn es mir oft schon schwerfiel, auf mich selbst aufzupassen? Vielleicht spürte Paco das auch und zeigte deshalb so wenig Interesse an mir.

„Aber gut, wollen wir losgehen?" Connor stand auf.

„Ich geh auch noch schnell ins Badezimmer. Dann können wir gerne gehen", meinte Cristal und huschte auch schon an mir vorbei.

Perplex blieb ich stehen, während Connor mit der Leine herumwedelte und Paco durch die Küche tanzte. Plötzlich kam ich mir idiotisch vor, wenn ich daran dachte, dass ich gerade eben noch darüber fantasiert hatte, wie es wohl wäre, mit Connor die Sonne im Park zu genießen. Der Film in meinem Kopf riss ab, als ich begriffen hatte, dass Cristal mitkam.

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Vor Kurzem hab ich von meiner Professorin (die mal als Lektorin gearbeitet hat) Feedback auf den Beginn dieser Geschichte bekommen und PUH, das tat erst einmal weh xD Aber sie hatte schon recht damit, dass ich noch einiges an der Ausarbeitung der Charaktere feilen kann und hat mir ein paar hilfreiche Anmerkungen für die Überarbeitung gegeben. 

Warum erzähl ich euch das?

Weil ich mich selbst daran erinnern muss, dass Schreiben für mich ein Lernprozess ist. Ich habe noch nie versucht, Urban-Fantasy zu schreiben und oft überfordert mich das Worldbuilding gedanklich ein bisschen. Aber ich versuche es und: Das hier ist ein Rohtext. Ich versuche, schnell zu schreiben und dann bald danach Updates zu posten. Da steckt (derweil) wenig Überarbeitung drinnen, was vermutlich auch ganz gut so ist, damit ich nicht aus dem Schreibfluss komme.

Also lasst uns das Schreiben genießen, Feedback wertschätzen und den Perfektionismus (zumindest derweil) ignorieren! :D

- knownastheunknown -

PS: Falls ihr Feedback habt und irgendwas unverständlich oder unrealistisch geschrieben ist, dann lasst es mich bitte trotzdem wissen! Das brauch ich dann in Zukunft irgendwann, wenn's ans Überarbeiten geht :p

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