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Als Kind fand ich es immer faszinierend, dass sich zwischen den Seiten meines Märchenbuches so viele verschiedene Welten versteckten. Das Bücherregal meines Vaters bot im Vergleich dazu allerdings mehrere Universen. Alle möglichen Mythologien versammelten sich zwischen ein paar dunklen Holzbrettern in unserem Wohnzimmer. Ich konnte nicht sagen, warum genau, aber der Anblick dieses Regals hatte mich immer mit Ehrfurcht erfüllt, als dürfte ich es gar nicht ansehen oder gar berühren. Aber im Laufe der Jahre hatte ich einiges über die nordische Welt Asgard, über die Himmelsgötter Mawu und Lisa aus Benin oder über die japanische Fruchtbarkeitsgottheit Inari gelesen oder von meinem Vater erzählt bekommen und all die Geschichten wurden weniger einschüchternd. Doch irgendwann begann es in mir zu regnen, meine Neugier erlosch und mein Interesse an Mythologie verrauchte.
Die Anzahl an Geschichten in den Büchern meines Vaters war endlos, unmöglich könnte ich mich heute an alle erinnern. Als Jay am Freitag ein dünnes Buch mit beigefarbenem Umschlag nach Hause brachte, war ich mir dennoch sicher, dass ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Von außen ließ sich kein Titel erkennen.
„Ich habe es endlich gefunden", verkündete Jay grinsend und legte es vor mir auf dem Küchentisch ab, fast wäre es in einem Tomatensoßenfleck gelandet. „Dort drinnen steht die Geschichte. Die Jagd."
„Ehrlich?" Ich legte meine Gabel beiseite und griff nach dem Buch, bevor es noch irgendwie beschmutzt werden konnte, während Jay sich eine Portion gefüllte Paprika auf einen Teller lud. Der Einband fühlte sich rau unter meinen Fingern an und mein Herzschlag beschleunigte sich für einen Moment.
Jays Energie kam mir heute heller vor als sonst, was bestens zu seiner euphorischen Laune passte. Aber das war nicht alles. Erst jetzt, als ich es berührt hatte, spürte ich, dass auch um das Buch herum eine gewisse Spannung die Luft erfüllte. Ich blätterte kurz durch die Seiten. Vier verschiedene Geschichten befanden sich darin. Der Beginn – Die Jagd – Das Vollkommene – Das Enem.
„Wo hast du es her?", fragte ich.
„Es war im untersten Regalfach in meinem Warteraum - also gar nicht in meiner privaten Sammlung. Aber ich wusste, ich habe es schon irgendwo gesehen und ich hatte recht", erklärte er triumphierend.
„Und ursprünglich? Wo hast du es gekauft?", hakte ich ungeduldig nach. Ich konnte nicht darüber nachdenken, was höflich war und was nicht. Der Raum um das Buch herum schien zu zittern wie eine kleine Flamme und ich brauchte jetzt beide Hände, um es ruhig halten zu können.
Jay hatte gerade einen Bissen Reis mit Tomatensoße im Mund und brachte mich fast um den Verstand, weil er so langsam kaute. Erst, als er runtergeschluckt hatte, sprach er wieder. „Das weiß ich leider nicht genau. Ich habe früher gerne auf Flohmärkten ganze Kisten an alten Büchern gekauft, ohne überhaupt alles angesehen zu haben. Wenn du vor zwölf Jahren hier gewesen wärst, hättest du kein Zimmer gehabt, weil es mit Kartons voller Bücher vollgestopft war. Aber irgendwann hat es Leya gereicht und sie hat mir das Hamstern abgewöhnt."
Das war wohl eine Sackgasse.
„Ist irgendwas?", fragte Jay mich jetzt und hörte nun auch auf zu essen. „Du wirkst so besorgt."
Entschlossen schüttelte ich den Kopf und legte das Buch wieder auf den Tisch. „Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein, aber es hat irgendwie...", suchte ich nach Worten. „Seine eigene Energie?"
„Energie?" Verwirrt legte er die Stirn in Falten.
„Nein. Also. Keine Ahnung." Nun bereute ich es, überhaupt davon angefangen zu haben. Ich wusste beim besten Willen nicht, wie ich es beschreiben sollte und ein kleiner Teil von mir, wollte es auch nicht beschreiben. So lächerlich es auch klang, ich hatte Respekt vor dem Buch. Es kam mir riskant vor, darüber zu reden. „Vergiss das einfach wieder. Aber toll, dass du es gefunden hast. Ich hoffe, dass das weiterhilft, um zu erkennen, wer infiziert wurde." Ich nahm mein Besteck wieder in die Hand und aß so gelassen wie möglich weiter.
Jay zögerte noch etwas, nahm dann aber den nächsten Bissen. „Ja, ich hoffe es auch. Wenn du willst, kannst du das Buch auch lesen. Vielleicht entdeckst du ja irgendetwas, das mir sonst entgeht."
„Klar, gerne", erwiderte ich mit einem schmalen Lächeln, obwohl sich bei dem Gedanken ein flaues Gefühl in meinem Magen festsetzte.
Cristal kam in die Küche und begann nun ebenfalls zu essen, was für mich ein klares Zeichen war, mein Geschirr in die Spülmaschine zu räumen und mich auf mein Zimmer zu verkriechen. Seit unserem Gespräch gestern versuchte ich, nicht darüber nachzudenken, dass Cristal über den Tod der Frau und ihrer Tochter Bescheid wusste. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Details Cristal kannte, was sie sich zusammengereimt hatte oder von wem sie überhaupt gehört hatte, was ich getan hatte. Fragen könnte ich sie das aber niemals. Zurzeit wollte ich sie weder sehen noch in meinem Kopf Platz für sie machen.
Stattdessen schloss ich die Tür hinter mir, drehte meinen Laptop auf und suchte online nach Der Jagd. Warum hatte ich nicht früher daran gedacht, selbst zu recherchieren? Eventuell lag es daran, dass die Chancen so gering waren, zu diesem trivialen Begriff genau das zu finden, was ich brauchte. Ich scrollte durch zahlreiche Kritiken zu einen Kinofilm, über die Bedingungen, um eine Jagdkarte zu bekommen, bis hin zu Tipps für das erfolgreiche Erlegen von Wild. Als ich „Mythos" in die Suchleiste hinzufügte, stieß ich auf die Wilde Jagd der nordischen Volkssagen. Wie bei den meisten Mythen fand man verschiedene Versionen, die je nach Entstehungsgebiet mehr oder weniger zusammenhingen. Ich blieb bei einer skandinavischen Version hängen.
Die Sichtung der Wilden Jagd am Himmel galt einerseits als Vorbote für Katastrophen wie Kriege, Dürren oder Krankheiten, aber sie konnte auch auf den Tod desjenigen verweisen, der ihr Zeuge wurde. Als Führer des Totenheeres gehören Odin alle Toten, egal ob sie im Kampf gefallen, an einer Krankheit oder an Gift gestorben sind. Er ist der Herr über Leben und Tod. Um seine Gunst für sich zu gewinnen und selbst ein langes Leben zu erlangen, werden ihm in verschiedenen Sagen Menschenopfer dargeboten.
Ich kannte den Mythos der Wilden Jagd bereits, hätte ihn aber nie mit Instinktjägern in Verbindung gesetzt. Allerdings fiel mir jetzt auf, dass wir die Menschen infizierten und sie so dem Tod näherbrachten – wenn man so wollte, war das in gewisser Hinsicht auch eine Opferung. Konnte Jays Geschichte irgendetwas damit zu tun haben? Um das herauszufinden, würde ich das Buch wohl doch in die Hand nehmen müssen.
Erst als ich Cristal und Jay im Flur miteinander reden hörte, bemerkte ich, wie spät es schon war. Die beiden machten sich jetzt auf den Weg zur Cellostunde. Genau vor einer Woche war ich zu Connor gefahren und wir hatten die Torte gebacken. Ich griff nach meinem Handy, und öffnete den Chatverlauf mit Connor. Die letzte Nachricht hatte er mir gestern Nacht geschickt, nachdem ich von meinem Spaziergang nach Hause gekommen war.
‚Perfekt, dann holen Paco und ich dich morgen ab. Schlaf gut.'
Er konnte jeden Moment hier sein, also fuhr ich den Laptop wieder herunter, zog mir eilig ein anderes Oberteil an, weil mir das alte schon verschwitzt vorkam, bürstete mein Haar und ging aufs Klo. Mein Kopf kam mir auf einmal zu langsam vor, um all meine Tätigkeiten bewusst auszuführen, es passierte eher automatisch. Als wäre ich in Gedanken meilenweit entfernt. Ich wusste nicht, ob ich nervös war. Sollte ich nervös sein? Und wollte ich, dass es einen Grund gab, um nervös zu sein?
Nein. Alles, was ich wollte, war mich mit anderen Leuten treffen zu können so wie jeder andere Teenager auch.
Als ich fertig war, setzte ich mich auf die Stufen, die vom Eingangsbereich aus in das obere Stockwerk führten. Ich warf noch einmal einen Blick auf mein Handy. Sechzehn Uhr sechsundfünfzig. Connor hatte nicht geschrieben, dass er schon losgegangen war, aber vielleicht hatte er das auch gar nicht vor. Möglicherweise würde er einfach hier auftauchen und mit seinem Schlüssel die Haustür aufsperren, weil er hier so selbstverständlich ein und ausging, als wäre er der Eigentümer des Hauses. Ich wartete. Um siebzehn Uhr begann ich, die Blätter auf dem Baumgemälde zu zählen, das neben der Wandgarderobe hing. Das Gekritzel in der rechten unteren Ecke konnte ich als Cris identifizieren. War ja klar. Ich kam bis zu zweihundertneunundachtzig, konnte aber wegen der teils verschwimmenden Konturen nicht sagen, wie viele es tatsächlich waren. Das Bild erinnerte mich an Yggdrasil, den Weltenbaum, und trug meine Gedanken zurück zur nordischen Mythologie. Die Vorstellung, dass Yggdrasil als ältester Baum ganze Welten umfasste und sich über den Himmel erstreckte, hatte mir immer schon gut gefallen. Aber das half uns vermutlich auch nicht weiter, um zu verstehen, woher Jays Buch kam und wie viel Wahrheit darin steckte.
Erneut griff ich nach meinem Handy. Das letzte Kapitel aus dem Buch trug den Titel Das Enem. Ich hatte absolut keine Ahnung, wer oder was ein Enem sein sollte. Als ich im Internet danach suchte, stieß ich zuerst auf einen Ort in Südrussland, der ein wichtiger Knotenpunkt für eine Bahnverbindung war, und dann irgendwann auf das Exame Nacional do Ensino Médio, eine Reihungsprüfung für brasilianische High School Schüler. Das war wohl nichts.
Um siebzehn Uhr sechzehn öffnete ich den Chat mit Connor noch einmal. Ich überlegte, ihm zu schreiben, wollte aber nicht klammernd wirken. Außerdem war eine Viertelstunde Verspätung nicht allzu viel. Trotzdem waren die Stiegen zu unbequem, um hier sitzen zu bleiben. Ich stand auf und ging in die Küche, um mir etwas zu trinken zu holen. Während ich das kühle Wasser genoss, lehnte ich mich an der Theke an und ließ meinen Blick hinüber zum Esstisch schweifen. Jays Buch lag immer noch da, wo ich es platziert hatte. Er hatte es zurückgelassen, als sei es das alltäglichste auf der Welt. Von dieser Entfernung aus spürte ich gar nichts. Konnte es sein, dass ich mir diese merkwürdige Energie vorhin nur eingebildet hatte?
Ich ging zum Tisch und nahm es in die Hand. Gänsehaut breitete sich an meinen Unterarmen aus, als ich die blasse Spannung zu greifen bekam. Ich ließ mich auf dem Sessel nieder, holte tief Luft und blätterte zum ersten Kapitel. Schon nach ein paar Zeilen war ich mir recht sicher, dass ich Der Beginn kannte. Es war mein Beginn, der Beginn aller Instinktjäger.
Als ich den Abschnitt fertiggelesen hatte und das Buch wieder zuklappte, war es bereits siebzehn Uhr vierzig. Hatte Connor auf mich vergessen? In mir drin machte sich eine seltsame Schwere breit. Ich haderte mit mir selbst, schrieb dann aber doch eine Nachricht an ihn. Was soll's, dann klammere ich eben.
‚Hey, ist alles in Ordnung? Ich mache mir langsam Sorgen, dass Paco dich aufgefressen hat.'
Fünf Minuten später kam Leya nach Hause. Ich half ihr, den Einkauf in den Kühlschrank zu räumen und sie erzählte, dass sie heute gerne Linseneintopf kochen wollte. Da Connor immer noch nicht antwortete, half ich ihr gerne dabei, wusch mir die Hände und begann, Zwiebel und Knoblauch zu schneiden.
„Möchtest du jetzt darüber reden, was gestern vor dem Abendessen passiert ist?", fragte Leya mit sanfter Stimme.
Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie meinte. All die Mythen hatten meinen Kopf so sehr auf Trab gehalten, dass ich mich nicht mehr wirklich mit Cristal auseinandergesetzt hatte.
„Ehrlich gesagt würde ich es am liebsten einfach nur vergessen", gestand ich.
Leya trat neben mich und legte ihre Hand auf meinen Rücken. „Manchmal kann das funktionieren. Aber in vielen Fällen öffnen sich die Schubladen in unseren Köpfen irgendwann von selbst und all die weggeschobenen Gedanken drücken uns zu Boden, bis wir keine Luft mehr bekommen." Ich erwiderte nichts, wusste nicht, welche Worte dazu gepasst hätten. „Nimm dir so viel Zeit wie du brauchst. Aber wenn du bereit bist, einen Blick hinter all die verriegelten Türen zu riskieren, dann höre ich dir gerne zu."
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Gibt es eine Richtung von Mythologie, die euch besonders interessiert? Mich fasziniert immer wieder, welche Parallelen man so finden kann und dass wohl in uns allen der Wunsch steckt, die Welt zu erklären ^^
Schönen Sonntag!
- knownastheunknown -
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