12
Die nächste Woche startete sehr ruhig. Wenn ich nicht in der Schule war, schlief ich viel oder half Leya mit dem Einkauf und beim Kochen. Schon langsam pendelte sich dabei eine Routine ein. Unter der Woche kochte Leya abends gerne extra große Portionen, damit für den nächsten Tag noch Reste da waren, die Jay und sie mit in die Praxis nehmen oder die Cristal und ich essen konnten, wenn wir nach Hause kamen.
„Danke für deine Hilfe", sagte sie am Donnerstag zu mir, während ich Reis in ein großes Sieb füllte und mit kaltem Wasser abspülte. „Zu zweit geht das alles viel schneller."
„Gerne", erwiderte ich und meinte es auch so.
Obwohl Leya und Jay in derselben Praxis arbeiteten, kam sie meistens vor ihm nach Hause und kümmerte sich dann um den Haushalt. Fast immer, wenn ich mit ihr ins Gespräch kam, hatte sie die Hände voll, machte nebenbei die Wäsche, räumte die Küche auf oder putzte die Fenster. Ich hatte dieses Haus noch nie unordentlich gesehen und natürlich wollte ich daran auch nichts ändern und irgendeine Grenze übertreten, also platzierte ich meine dreckigen Müslischüsseln immer sofort im Geschirrspüler, stellte meine Schuhe nur auf der dafür vorgesehenen Matte im Vorraum ab und versteckte all meine persönlichen Besitztümer in meinem Zimmer als wären es kostbare Schätze.
„Ich hoffe, Cristal verhält sich mittlerweile etwas erwachsener dir gegenüber." Leya seufzte, aber dann lachte sie kurz laut auf. „Immerhin ist sie jetzt volljährig."
„Sie ist zumindest nicht mehr so angriffslustig."
„Ich frage mich manchmal ehrlich, von wem sie das hat."
Darüber hatte ich mich auch schon oft gewundert, aber vielleicht war einfach in manchen Fällen nichts dran, dass Kinder das Verhalten ihrer Eltern widerspiegelten. Ich selber hätte nichts dagegen, meinem Vater ähnlich zu sein. Er versuchte immer, herauszufinden, was das richtige war und dann danach zu handeln. Er war zuverlässig, konnte Verantwortung tragen, mich aber auch oft genug mit einer gewissen Unbeschwertheit zum Lachen bringen. Bei meiner Mutter sah das ganze hingegen etwas anders aus.
Leya wendete die Fischfilets in der Bratpfanne und schien durch das laute Zischen des Öls aus ihren Gedanken aufzuwachen. „Kannst du kurz aufpassen, dass nichts anbrennt? Ich muss nur schnell auf die Toilette."
„Sicher." Und schon war ich alleine in der Küche, aber das blieb nicht lange so.
Cristal kam herein, sah mich und blieb irritiert neben dem Esstisch stehen. „Du kochst schon wieder?"
Ich zuckte mit den Schultern und versuchte, mich nicht verunsichern zu lassen und so neutral wie möglich zu klingen. „Ich helfe Leya nur ein bisschen. Hast du was dagegen?"
„Nein", behauptete sie, presste dann aber die Lippen aufeinander und stützte sich auf einer Stuhllehne ab. „Mir ist es egal, wie sehr du dich bei meiner Familie oder bei meinen Freunden einschleimst. Ich vergesse nicht, was du getan hast."
Wahrscheinlich hätte ich damit rechnen müssen, dass der Waffenstillstand nicht anhielt, trotzdem war ich ein wenig überrascht, dass sie jetzt so direkt auf mich zu kam. Merkwürdig war allerdings, dass sie mich nicht mit Blicken erdolchen oder mit ihrer kalten Ausstrahlung in die Knie zwingen wollte. Irgendetwas war anders. Aber so oder so schien es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis eine Aussprache notwendig war.
„Weißt du denn überhaupt, was ich getan habe?", fragte ich vorsichtig, aber vor allem auch neugierig.
„Du hast eine dreißigjährige Frau und ihre Tochter ermordet."
Ich zuckte zusammen. Kein Pflaster der Welt konnte so schnell abgerissen werden, wie Cristal diese Worte aussprach. Mein Kopf war plötzlich leer und voll zugleich. Ich bekam keine Worte zu fassen, aber die Bilder in mir überschlugen sich und ich bereute sofort, Cristal die Frage gestellt zu haben.
Der Geruch der kleinen Waschküche stieg mir in die Nase. Nasse Wände und leicht süßliches Waschpulver, das hier und da zu Boden gerieselt war. Alles war kalt und feucht, das Gefühl heftete an meinem Haar, meiner Haut, fraß sich durch meinen Körper bis zu den Knochen. Ich blickte an mir hinunter, glaubte, dass gleich zwei fremde Arme aus meiner Bauchdecke herausbrechen würden, so sehr spannte meine Haut. Aber es waren meine eigenen, die an meinen eigenen Schultern, die jetzt pochten, brannten, aber doch so von der Kälte durchtränkt waren, dass ich sie am liebsten mit einem großen Fleischmesser vom Rest meines Körpers abgetrennt hätte. In Gedanken schrie ich, aber ich glaube, dass nichts davon nach außen drang. Sonst hätten sie mich schon viel früher bemerkt.
„Xenia, hey, was ist denn los? Xenia?"
Ich blinzelte, stand wieder in der Küche der Aarens und griff mir an meine nasse Wange. Wie lange war ich in dieser Erinnerung festgesteckt?
„Oh nein. Ist der Fisch angebrannt?", fragte ich panisch und drehte mich zum Herd.
Leya schüttelte den Kopf, während sie die Pfanne von der Kochplatte wegnahm. „Nein, er ist gerade richtig, glaube ich." Mit einem Pfannenwender untersuchte sie die Filets und nickte dann zufrieden, bevor sie mich ansah. Aus einer Küchenlade zog sie ein Taschentuch hervor und drückte es mir in die Hand. Bis auf die Nässe an meinen Wangen, hatte ich gar nicht gemerkt, dass ich geweint hatte. „Wenn du möchtest, können wir gerne nachher darüber reden. In Ruhe. Lass uns erst einmal essen, danach geht es dir hoffentlich etwas besser."
„Danke", sagte ich, auch wenn ich darauf keine allzu große Lust hatte und schnäuzte mich. Wärme stieg mir in den Kopf. Ich fühlte mich armselig und traute mich nicht einmal, Cristal anzusehen. Nur aus dem Augenwinkel bekam ich mit, wie sie den Tisch deckte.
Während des Abendessens schwieg ich vor mich hin und aß zögerlich und mit kleinen Bissen. So gut ich konnte, legte ich meinen Fokus auf die verschiedenen Geschmäcke, doch das Essen lenkte mich nur minimal von dem Stechen in meinen Schläfen ab. Auch Cristal sprach nur, wenn sie etwas gefragt wurde, aber Jay und Leya ließen sich davon nicht allzu viel stören. Nur ab und zu spürte ich den Blick der blonden Frau auf mir, aber sie unterhielt sich unbeschwert mit Jay über seine Tante, die letzte Woche spontan ein Haus in Barcelona gekauft hatte.
„Ich habe etwas Kopfweh. Ist es okay, wenn ich schon in mein Zimmer gehe?", fragte ich wenige Minuten später. Ich konnte nicht mehr hier sitzen und so tun, als wäre nichts.
„Sicher", meinte Jay und sah mich gutmütig an. „Brauchst du irgendetwas?"
„Nur etwas Ruhe." Meine Stimme klang seltsam belegt und ich nahm noch einen Schluck Wasser, bevor ich aufstand und mein Teller wegräumte.
„Hast du genug gegessen?", wollte Leya wissen. Mehr als ein Nicken brachte ich nicht zustande. „Ich packe dir den Rest nachher ein, wenn es nicht mehr so heiß ist, und stelle es für morgen in den Kühlschrank."
Ich bedankte mich, trottete durch den schmalen Gang hinüber in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Trotzdem konnte ich gedämpft die Stimmen der anderen hören. Die Wände waren zu dünn, um mich ganz abzuschirmen. Ich ließ mich ins Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen.
Elf Jahre alt. Elf Jahre alt und wer hätte gedacht, dass ich damals schon über so eine Kraft verfügte? Diese Arme, die, seit ich denken konnte, mir gehört hatten, gehorchten mir nicht mehr. Ich war damals über die offene Kellertür in das Haus gelangt. In der Waschküche kauerte ich mich am Boden zusammen, weil mein Kopf bestimmt jeden Moment zerreißen würde. Irgendjemand drückte von innen an meine Schädeldecke, aber ich wusste nicht, wer oder was diese Gewalt war und diese Ungewissheit schüchterte mich fast mehr ein als die Schmerzen. Ich fühlte nur diesen immensen, mechanischen Druck. Wann und wie ich die Energie fand, aufzustehen, konnte ich nicht sagen. Die Zeit hielt an, konnte nicht fortschreiten, sie war mit mir in der feuchten, kalten Waschküche eingesperrt. Ja, eingesperrt, so fühlte ich mich. So fühlte ich mich, bis diese Frau den Keller betrat. Sie war die Wärme, die ich brauchte. Der Schlaf, der einen verlockend einhüllte, wenn man mehrere Tage lang wach gewesen war. Sie war alles und ich hatte nichts.
Ich setzte mich im Bett auf und atmete tief durch. Du wolltest es nicht, du wolltest das alles nicht.
Nach ein paar Minuten hatte ich mich wieder besser im Griff und stand auf. Ein kleiner Spaziergang wäre jetzt sicher angenehm. Draußen war es bereits stockfinster, aber das Wetter war gut und machte mir Hoffnungen auf einen klaren Himmel. Also schnappte ich meine Winterjacke, schlüpfte in die Stiefel und statte mich mit einem Schal und einer Mütze aus.
Als Leya mich hörte, kam sie aus dem Esszimmer in den Flur. „Ist alles in Ordnung?"
„Ja, mir geht's schon besser. Ich werde noch eine Runde spazieren gehen, um den Kopf freizukriegen."
„Soll ich dich begleiten?", bot sie an.
„Danke, aber ich brauche jetzt erst einmal etwas... Abstand", erklärte ich und hoffte, sie nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen.
„Okay. Nimm aber bitte dein Handy mit und ruf mich an, wenn irgendetwas ist."
Ich nickte und verließ dann gierig nach der frischen Nachtluft das Haus. Der Nebel in meinem Kopf lichtete sich bereits ein wenig, als ich begann, die Straße in Richtung Bushaltestelle zu gehen. Ich hielt mich parallel zur Strecke, die ich sonst zur Schule fuhr und ging einfach immer weiter. Derweil war das Stadtviertel ausgesprochen ruhig und nur hier und da fuhr ein Auto vorbei und weißes Scheinwerferlicht vermischte sich mit dem Orange der Laternen. Ich hatte auf einen Sternenhimmel gehofft, aber um sie besser erkennen zu können, musste ich wohl einen Platz finden, der etwas weniger beleuchtet war.
Das hier war die richtige Entscheidung. Ich atmete den Druck aus und bekam in meinem Kopf wieder Platz für die Realität.
Mein Blick blieb an einer Tafel hängen, die vor einer Glasfront aufgestellt war. Wir suchen Verstärkung für unsere Küche. Darunter folgte eine Telefonnummer. Hinter dem Glas hatte jemand die Jalousien zugezogen, aber durch einen Spalt konnte ich im Licht der Notausgangslampe ein paar mintfarbene und weiße Möbelstücke erkennen. Als ich mir vorstellte, in diesem Café ein- und auszugehen, kribbelte mein Bauch vor Nervosität. Ich wusste, dass mein Vater sich beschweren würde, ich sollte mich lieber auf meinen Abschluss konzentrieren, aber vielleicht war das hier ja der Job, der mich glücklich machen würde? Vielleicht war das hier sowas wie ein Zeichen?
Vielleicht war es aber auch naiv, zu denken, dass ein so normales Leben für mich möglich war. Ich fotografierte die Tafel mit meinem Handy. Darum würde ich mich später kümmern. Jetzt sollte ich erst einmal weitergehen, bevor meine Zehen gefroren.
Ich war sicher schon fünfzehn Minuten lang von Straßenlaterne zu Straßenlaterne spaziert, als der Gehweg eine Biegung nach rechts machte und ich zwei kleine Punkte in der Ferne erkannte, die immer größer wurden. Ich spürte, dass es Connor war, bevor ich ihn sehen konnte. Selten schaffte ich es die Energie eines Menschen zuzuordnen, aber die ruhige Wärme, die von diesem ausging, kam mir zu bekannt vor. Es war zwar zuerst vielmehr eine Vermutung, aber sobald sie nahe genug waren, dass ich auch Paco identifizieren konnte, war ich mir sicher.
Kurz überlegte ich, ob ich abbiegen sollte, in einer Seitengasse abtauchen und warten, bis die beiden vorbeigegangen waren. Oder einfach auf der Stelle umdrehen und nach Hause gehen – irgendwann sollte ich sowieso den Heimweg beginnen. Aber ich war müde und langsam. Bis ich mich entschied, hatte Connor mich bereits entdeckt.
„Nia, bist du das?", rief er mir ungläubig aus einigen Metern Entfernung zu.
„Sieht ganz danach aus", sagte ich, als ich vor ihm stehen blieb.
Paco sah mich wieder nur kurz an, aber hatte nicht einmal Lust, an mir zu schnüffeln. Als er stehenblieb, zog er seine verkürzte Vorderpfote an seinen Körper heran und erinnerte mich dabei ein wenig an ein Pferd. Connor daneben mit seinem Gips zu sehen, war ein seltsames Bild. Die beiden passten gut zueinander.
„Was machst du denn hier?", fing er an. „Also, ich freue mich dich zu sehen, aber damit hab ich jetzt ehrlich nicht gerechnet."
Ganz von allein bildete sich ein Lächeln auf meinen Lippen. Wir waren einander seit Cristals Party nicht mehr begegnet, was okay war, aber jetzt kam es mir fast so vor, als hätte ich ihn vermisst. Cristal konnte darüber spotten, dass ich mich einschleimen wollte, aber ich verstand mich eben gut mit Connor. War es so verkehrt, mit ihm befreundet sein zu wollen?
„Ich gehe nur spazieren. Manchmal brauche ich das, um den Kopf freizukriegen. Und du?"
„Ich gehe auch spazieren – aber hauptsächlich, um Paco freizukriegen." Er streichelte ihn am Kopf, was für den Hund wohl hieß, dass jetzt Pause angesagt war. Er streckte die Pfoten aus und rutschte genüsslich zu Boden, sodass er jetzt neben Connor lag. Abwartend starrte er zu ihm hinauf. „Tut mir leid, dass ich mich noch nicht gemeldet habe – eigentlich wollte ich dich ja in den Park mitnehmen."
„Macht nichts", versicherte ich, als ich begriff, dass er mit mir und nicht mit Paco sprach. So meinte ich es auch. Diese etwas ruhigere Woche hatte gutgetan und war notwendig, um meine Energiereserven nach all den Ereignissen wieder aufzufüllen.
„Hast du morgen schon was vor? Wir könnten uns so wie letzte Woche am Nachmittag treffen. So gegen fünf – da leuchten auch schon die Laternen rund um den See." Connors Augen blickten mich so direkt an, dass ich mich fragte, was er wohl in mir erkannte. Ein Schmunzeln lag auf seinen Lippen.
„Okay, abgemacht", stimmte ich zu und nahm mir vor, Cristals Worte zu vergessen.
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Die Moral von dem Kapitel: Unterschätze nie die Macht der Spaziergänge :P xD oder so...
Schönes Wochenende noch!
- knownastheunknown -
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