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Freundschaft war etwas Seltsames. Als Kind hatte ich mich besser damit ausgekannt. Ich wusste, wer gute Sandburgen bauen konnte und mit wem es Spaß machte, in der Puppenküche zu spielen. Früher konnte ich mich so selbstverständlich auf andere einlassen, dass ich gar nicht darüber nachdenken musste und manchmal vermisste ich diese kindliche Naivität und Gelassenheit. Mittlerweile war es nicht mehr so einfach für mich, zu sagen, wer meine Freunde waren.

Cristal hatte sich bei mir bedankt und mir ein Glas Orangensaft gebracht, weil sie sich gemerkt hatte, dass ich keinen Alkohol trank. Außerdem hatte sie stillschweigend akzeptiert, dass ich ihren Mantel ausgeborgt hatte, um in den Garten zu gehen. Vielleicht war das sowas wie ein Friedensangebot. Ruby hatte wenig später meine Hände genommen und mich auf die Tanzfläche gezerrt, wo ich zwischen Christopher und ihr in der Musik untertauchte wie in einem kühlen See und mich treiben ließ. Ich genoss es, mich selbst Stück für Stück zu verlieren. Zu tanzen half dabei, meinen Kopf freizukriegen. Ich nahm all die Energie außerhalb von mir weniger als eine gefährliche Versuchung wahr, sondern wurde selbst Teil einer Atmosphäre, die den Raum mit Freiheit auflud.

Connor tanzte nicht. Er saß auf der Couch, unterhielt sich mit drei anderen Leuten und führte zwischendurch mit seinem Gipsarm ein Getränk an seine Lippen, um einen Schluck davon zu nehmen. Obwohl ich ihn und Christopher erst vor einer Woche kennengelernt hatte, kam es mir vor, als wären sie eher meine Freunde als all meine Klassenkollegen – mit Ausnahme von Greta vielleicht. Sie waren so offen auf mich zugegangen und hatten mich aufgenommen, einfach weil sie dachten, dass ich mit Cristal verwandt war. Aber im Grunde wussten sie nichts über mich.

Konnte sich aus Geheimnissen eine Freundschaft entwickeln?

Ich hatte kein Zeitgefühl mehr, aber als Christopher mich mit zur Bar zog, die in der Küche aufgebaut war, bemerkte ich an der Küchenuhr, dass es kurz vor Mitternacht war. Hier war die Musik etwas leiser, sodass man sich wieder unterhalten konnte und ein bisschen von dem Zauber der Tanzfläche verpuffte. Währenddessen dachte ich, ich könnte ewig weitertanzen, aber jetzt fühlte ich mich doch etwas erschöpft.

„Auch wenn du keinen Alkohol trinkst, solltest du genug Flüssigkeit zu dir nehmen." Der große Kerl reichte mir lächelnd eine Wasserflasche. „Und am besten schlägst du auch bei den Pizzaschnecken nochmal zu. Connor hat gesagt, du hattest Kreislaufprobleme. Wir wollen doch nicht, dass du uns noch einmal umkippst."

Hitze stieg mir ins Gesicht. „Danke. Es ist echt nett, dass ihr euch so um mich kümmert. Aber macht euch keine Sorgen, mir geht's schon wieder besser."

„Irgendjemand muss eben auf dich aufpassen, du Nuss." Christopher tätschelte meinen Kopf und wandte sich dann der Rumflasche zu, um etwas davon in zwei Gläser mit Cola zu mixen. „Ich glaube, ich habe derweil genug getanzt, aber ich will dich von nichts abhalten, falls du zurück gehen willst."

Ich nickte und trank von der Wasserflasche. Fürs Erste war mir eine Pause recht. Christopher hatte oft eine ähnliche Ausstrahlung wie Ruby. Er wirkte, als könnte er sich schnell für Dinge begeistern und als wäre er gern immer in Bewegung, immer auf der Suche nach der nächsten Aktivität. Auch wenn die Aktivität nur darin bestand, die Bar zu plündern. Cristal betrat mit Connor die Küche und Christopher hielt ihr das zweite Glas hin.

„Mylady", bot er ihr mit hoher Stimme an und machte einen albernen Hofknicks.

Cristal rollte mit den Augen, nahm das Getränk aber an. „Bitte sag mir, dass du heute noch nichts kaputt gemacht hast."

„Ich hab heute noch nichts kaputt gemacht."

„Ist das auch die Wahrheit?"

„Vielleicht." Unschuldig blinzelnd nahm Christopher einen Schluck von seinem Cola-Rum.

Connor lachte leise und trat neben mich. Seine grauen Augen fixierten meine und brachten mich kurz aus dem Konzept. Ich wollte einen Schritt zur Seite machen, stieß aber gegen die Küchentheke. „Wie geht's dir?"

„Ich bin schon etwas müde", gab ich zu. „Aber sonst viel besser als vorhin. Danke noch einmal."

„Kein Problem. Irgendjemand muss ja auf dich aufpassen", antwortete er mit fast denselben Worten wie Christopher zuvor. Es wäre wohl besser, wenn die Jungs sich um die anderen Gäste kümmerten. Ich war nicht die, um die sie sich Sorgen machen sollten, aber das konnte ich ihnen unmöglich erklären.

„Wie geht's dir?", fragte ich stattdessen zurück.

„Auch müde." Connor lächelte breit, sodass seine Lippen zu einem schmalen Strich wurden und schloss kurz die Augen. „Ich bin eigentlich gar nicht so der Partytyp. Aber heute war's ganz lustig."

„Das will ich ja wohl hoffen, du Stubenhocker", mischte sich Christopher ein. „Manchmal glaube ich, wenn wir Paco nicht hätten, der mit dir Gassi geht, würdest du dich gar nicht aus der Wohnung rausbewegen."

„Ich fühle mich zuhause eben wohl." Connor zuckte mit den Schultern. „Ist das so schlimm?"

„Nur, wenn ich Geburtstag habe", erwiderte Cristal. Sie funkelte ihn an, ließ aber viel weniger von ihrer Kälte spüren als normalerweise. Anscheinend war sie heute tatsächlich gut drauf. Nicht einmal über Olivers Anwesenheit hatte ich sie schimpfen gehört. Trotzdem wollte ich nichts provozieren.

„Ich glaube, ich werde demnächst nach Hause spazieren", murmelte ich kleinlaut. „Jay hat gesagt, wenn er dich abholen soll, kannst du ihn anrufen, Cristal."

Sie nickte. Kurz hatte ich erwartet, sie würde anbieten, dass wir gemeinsam fahren könnten oder dass sie sich noch einmal für die Torte bedanken würde. Doch sie schwieg mich an. Das wäre wohl auch zu viel des Guten gewesen.

„Bist du sicher, dass du nachts alleine durch die Stadt gehen willst?", fragte Connor.

„Mir passiert schon nichts."

„Netter Versuch, dich von der Party davonzustehlen. Oder denkst du etwa, nur weil sie ein Mädchen ist, kann sie sich nicht selbst verteidigen?" Christopher zog gespielt schockiert die Luft ein und schüttelte den Kopf. „Du lebst im falschen Jahrhundert. Wenn du öfter ins Fitnessstudio mitkommen würdest, könntest du mal sehen, wie stark manche Frauen sind. Zufälligerweise haben wir sogar gerade eine Stelle an der Rezeption frei - das wär eine einmalige Chance, um deinen Horizont zu erweitern."

„Netter Versuch, mich dazu zu überreden, bei euch zu arbeiten", erwiderte Connor knapp, wandte sich dann aber etwas verlegen mir zu, während er seine Mütze zurecht zupfte. „So hab ich das nicht gemeint. Ich halte dich nicht für hilflos oder so."

„Weiß ich", beruhigte ich ihn. „Aber ich schaff das schon. Manchmal muss man auch auf sich selbst aufpassen."

ҩҨҩ

Kurz vor ein Uhr war ich bettfertig und kuschelte mich unter meine warme Decke. Ich hatte es geschafft. Heute war nichts Tragisches passiert, auch wenn ich kurz davorstand, die Kontrolle zu verlieren. Vor meinem inneren Auge sah ich die Truhe, die mein Vater anfangs benutzt hatte, um mir beizubringen, mich selbst zu beherrschen. Rau schmiegte sich das fasrige Holz an meine Haut. Ich wusste noch genau, wie es sich anfühlte, dort drinnen zu sein. Manchmal dachte ich, dieses Gefühl würde mein ganzes Leben lang anhalten. In mir drinnen waren stets Riegel vorgeschoben und Schlösser versperrt.

Am nächsten Tag wachte ich um halb elf auf. Ich half Leya dabei, Gemüse zu schneiden und es mit weiteren Zutaten in eine Nudelsuppe zu verwandeln. Cristal war erst um fünf Uhr morgens nach Hause gekommen, saß aber am Küchentisch und begutachtete putzmunter ihre Geburtstagsgeschenke, während wir kochten. Derweil hielt unsere Waffenruhe an, aber ich wollte es nicht darauf anlegen, also hatte ich heute noch kein Wort mit ihr gewechselt.

Das blieb auch den restlichen Tag so. Die Aarens fuhren weg, um zuerst Leyas und dann Jays Eltern zu besuchen, die Cristal ebenfalls gratulieren wollten. Außerdem würde Cristals Schwester auch dorthin kommen. Bisher war ich ihr noch nicht begegnet, aber bereits eine Aarentochter kam mir mürrisch genug vor, also hatte ich es nicht eilig sie kennenzulernen.

„Ich würde lieber hierbleiben", erklärte ich Leya, während sie Champignons und Tofu in einer Pfanne anbriet.

Ihre braunen Augen musterten mich fürsorglich. „In Ordnung. Ruh dich ruhig aus, du siehst müde aus."

Nach all den Ereignissen der letzten Tage fühlte ich mich auch müde. Es kostete mich ohnehin mehr Kraft, bei den Aarens zu wohnen, zudem war ich letzten Montag auf Cristals Ausstellung, am Freitag bei Connor zuhause und gestern auf der Geburtstagsparty gewesen. Das waren definitiv mehr Menschenansammlungen als ich gewöhnt war. Auch wenn im Großen und Ganzen alles funktioniert hatte, konnte ich den heutigen Sonntag gut brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen. Außerdem erwarteten mich dort einige fremde Leute, die ich noch nicht einschätzen konnte – das machte die Situationen doppelt so anstrengend.

Also blieb ich alleine zurück und genoss die Ruhe, löste noch meine Mathehausaufgaben, schrieb meine Gemüseplantagenzusammenfassung für Geographie fertig und blieb dann vor dem Fernseher hängen. Ich hüllte mich in Leyas Kuscheldecke ein, nippte an einer Tasse Kamillentee und seufzte zufrieden. Wahrscheinlich war das der erste Tag, an dem ich mich hier so richtig entspannt fühlte. Auch wenn ich befürchtete, dass mein Bild von Romantik davon noch verzerrter wurde, sog ich mehrere Folgen einer lustig-kitschigen Mutter-Tochter-Serie in mich auf. Lief das Leben in manchen Familien tatsächlich so ab, dass das größte Problem war, dass die Tochter ein T-Shirt aus dem Kleiderschrank ihrer Mutter geklaut hatte, um es selbst anzuziehen? Und wer dachte sich all die mysteriösen Badboys aus, die von einer Schlägerei zur nächsten stürmten, um ihre Liebe zu beweisen?

Ich verließ meinen Platz auf der Couch für den Rest des Abends nur, um mir einen Käsetoast zu machen, etwas zu trinken zu holen und aufs Klo zu gehen. So ähnlich hatte ich auch früher viele Tage ausklingen lassen, wenn mein Vater noch Arbeiten für die Uni korrigieren musste und ich keine Lust hatte, mir eine produktivere Beschäftigung zu suchen. Er behauptete immer, dass er sich nachts am meisten konzentrieren konnte, aber oft verließ er seinen Schreibtisch nach der ersten fertigen Korrektur und setzte sich zu mir.

„Wer ist denn der Eine?", fragte er dann meistens, um einen Überblick über den Film zu bekommen und ich fasste die Handlung, die er verpasst hatte, knapp zusammen.

Er war nicht der größte Fan von romantischen Filmen und beschwerte sich zu gerne über Handlungslücken und über alle möglichen Charaktere. Ich sah bildlich vor mir, wie er einmal einfach aufstand und wortlos den Raum verließ, weil die Hauptfigur ihren Lover nicht ausreden ließ, sondern einfach davon lief und deshalb dachte, er hätte sie betrogen. Auf einmal hörte ich ein dumpfes Klopfen aus Dads Schlafzimmer.

„Was tust du da drinnen?", rief ich ihm irritiert zu. „Ich kann den Fernseher gar nicht mehr hören."

„Ich schlage meinen Kopf gegen den Kleiderschrank", kam es plump von ihm zurück.

„Kannst du bitte damit aufhören?"

„Nur, wenn sie ihm endlich zuhört. Das ist ja schrecklich." Er öffnete die Tür und streckte den Kopf ins Wohnzimmer. „Wie kannst du dir das nur ansehen?"

Ich zuckte mit den Schultern. „Jahrelange Übung. Vielleicht hättest du auch bessere Nerven dafür, wenn du nicht mit deinem Kopf gegen den Schrank hauen würdest?"

„Hm." Er schien ehrlich zu überlegen. „Ja, vielleicht hast du recht."

Heute saß ich allein vor dem Fernseher. Ich griff nach meinem Handy, das ich heute fast noch nicht in der Hand gehabt hatte und wählte Dads Nummer, aber nach dem ersten Läuten brach die Verbindung ab.

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Gibt es Filme, bei denen ihr den Kopf gerne gegen eine Wand hauen würdet?
Oder Bücher? (Hoffentlich nicht bei diesem xD)

Schönen Sonntag!

- knownastheunknown -

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