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„Die Geschichte geht so: Ein Fischer rettet eine Schildkröte vor ein paar Kindern, wodurch er die Aufmerksamkeit von dem Meeresgott Ryūjin auf sich zieht. In Wahrheit ist diese Schildkröte nämlich eine seiner Töchter, Otohime. Der Fischer wird zum Dank in den Palast am Meeresboden eingeladen und ist dort für ein paar Tage zu Gast, bis er darum bittet, zurück zu seiner alten Mutter gehen zu dürfen. Otohime lässt ihn gehen und gibt ihm eine kleine Schachtel mit, sagt aber, dass er sie nicht öffnen darf. Der Fischer kommt also zurück in sein Heimatdorf, bemerkt aber dann, dass hier dreihundert Jahre vergangen sind. Die Zeit im Meer ist anders vergangen als bei ihm zuhause, also sind alle, die er kannte, bereits tot. In seiner Verzweiflung öffnet er die Schachtel von Otohime, in der seine Unsterblichkeit eingeschlossen war, er altert plötzlich und stirbt."

„Puh", machte Connor bloß und leerte etwas von dem Wasser aus seiner Flasche in die Wiese, sodass Paco von dem Strahl trinken konnte. „Ist die Moral der Geschichte jetzt, dass man lieber keine Schildkröten retten oder dass man manche Schachteln lieber ungeöffnet lassen sollte?"

„Gute Frage." Mein Blick hing in dem kleinen See fest, über den sich einige Metern von uns entfernt eine kleine Holzbrücke spannte. Noch weiter im Hintergrund konnte ich ein Gebäude ausmachen, das einem japanischen Teehaus ähnelte. Oder war es ein kleiner Tempel? Im Winter war der Weg dorthin leider gesperrt, also konnte ich nicht näher rangehen, um es herauszufinden. Trotzdem fand ich diesen Park wunderschön.

„Du hast eine angenehme Erzählstimme", meinte Connor und nun sah ich ihn an. Er lächelte und packte die Wasserflasche wieder in seinen Rucksack, bevor er Paco am Rücken streichelte.

„Danke", antwortete ich und merkte, wie mir warm wurde. „Leider habe ich die meisten Geschichten schon vergessen, die mein Vater mir erzählt hat."

Ich freute mich, dass mir dieses japanische Märchen wieder eingefallen war. Seitdem ich gestern in Jays Buch gelesen hatte, ging mein Hirn alle möglichen Erinnerungsfetzen durch und versuchte daraus etwas Vollständiges zu basteln. Neben diesem kleinen See in dem Park, der von japanischen Gärten inspiriert war, hatte es wohl eins und eins zusammengezählt und so hatte ich mich an die Welt unter dem Meer erinnert, in der die Zeit langsamer voranschritt. Nur der Namen des Fischers tauchte in meinem Gedächtnis nicht mehr auf.

Cristal schnaufte genervt. „Gehen wir weiter?"

„Ist alles okay?", fragte Connor sie ganz direkt, ohne mit der Wimper zu zucken, und ich war mir nicht sicher, woher er den Mut dazu nahm.

„Sicher. Ich bin nur kein großer Fan von Mythologie", erwiderte sie, drehte sich um und setzte sich in Bewegung. Dann murmelte sie leise, eher mehr zu sich selbst. „Wo ist denn so eine Sterbeschachtel, wenn man sie mal braucht?"

Er schnaubte und stupste mich mit seinem Gipsarm an. „Hast du dich schon daran gewöhnt, mit ihr unter einem Dach zu wohnen?"

„Tut man das denn jemals?"

„Ja. Es wird zumindest einfacher, ihre Zickereien zu ignorieren."

Cristal blieb stehen, sagte aber nichts.

„Ja ja, wir wissen, wie furchteinflößend du bist, Cris. Du musst deine Krallen gar nicht erst ausfahren." Ein Schmunzeln lag auf seinen Lippen und obwohl ich sie nur von hinten sah, glaubte ich, dass Cristal den Kopf demonstrativ nach oben reckte, als sie weiterging.

Wir ließen uns etwas zurückfallen und folgten ihr mit Sicherheitsabstand. Paco hechelte fröhlich und schnupperte an jedem zweiten Baum, an dem wir vorbeikamen. Als er beim nächsten das Hinterbein hob, um sein Revier zu markieren, blieb Connor stehen und starrte in den blauen Himmel. Die Sonne schien ihm jetzt zwar direkt ins Gesicht, aber seine Haut sah immer noch gräulich aus. Er schloss die Augen und wirkte sofort doppelt so müde.

Sollte ich noch einmal fragen, warum er vor fast zwei Wochen in Cristals Zimmer eingebrochen war? Oder wo er sich gestern rumgetrieben hatte?

Ich spürte immer deutlicher, wie das Herz in meiner Brust pochte, während ich mir die Worte zurechtlegte. Na los. Frag ihn einfach. Mein Hals war trocken und ich versuchte das kratzige Gefühl runterzuschlucken und atmete bewusst etwas tiefer. Die frische Luft tat gut.

„Wo bleibt ihr denn?", rief Cristal uns zu. Durch den Vorsprung, den sie hatte, sah sie mittlerweile so klein aus, als würde sie in meine Hand passen.

„Wir kommen schon!" Connor wandte sich Paco zu. „Na, willst du noch ein bisschen laufen?" Schon sprinteten die beiden los und ich blieb überrumpelt zurück, bevor ich selbst meine Beine in die Hand nahm und zu rennen begann. Als ich ein paar Sekunden nach den beiden bei Cristal ankam, hatte ich kaum noch Luft und kaum noch Mut, um Connor zu fragen, warum er so kaputt aussah.

Zurück bei den Aarens erfüllte der Duft von Ofenkartoffeln das Haus. Leya fragte Connor, ob er zum Essen bleiben wollte, aber er erklärte, dass er übers Wochenende bei seinen Eltern und seinen Geschwistern war und sie sicher schon auf ihn warteten. Ich wollte nachfragen, wie viele Geschwister er denn hatte, kam aber gar nicht dazu, weil er es schon eilig hatte. Er trank ein Glas Wasser und wollte sich dann gleich auf den Weg machen. Nachdem er Schuhe und Wintermantel wieder angezogen hatte, stand er nun in der Tür und umarmte Cristal zum Abschied. Und trennten nur ein paar Schritte und als sich unsere Blicke trafen, kam ich mir vor als wüsste ich die Antwort zu einem Rätsel nicht. Es nagte an meinem Gehirn, baute da oben sein Nest, aber ich kam nicht dahinter, wie man es lösen konnte.

Connor lächelte mir zu, sagte, dass es ihm Spaß gemacht hatte, drehte sich um und ging. Ich wusste nicht, ob ich enttäuscht sein sollte, dass er mich nicht umarmt hatte.

ҩҨҩ

Es war seltsam, dass ich schon seit vier Wochen hier wohnte, aber noch surrealer war, dass ich den Bezug zu meinem früheren Alltag so schnell verloren hatte. In den ersten Tagen, die ich hier verbracht hatte, war ich morgens panisch aufgewacht, weil ich nicht begriffen hatte, wo ich mich befand. Im schummrigen Morgenlicht war meine Perspektive verzerrt, ich verstand nicht, wo sich das Fenster befand, die Möbel sahen fremd aus und die Topfpflanze, die am anderen Ende des Zimmers in der Ecke stand, kam mir mit ihren scharfkantigen, schmalen Blättern bedrohlich vor. Mittlerweile hatte ich mich an sie gewöhnt.

Dass ich meinen Vater seit einem Monat nicht gesehen hatte, wurde mir erst so richtig bewusst, als mein Handy läutete. Mein Puls beschleunigte sich und ich setzte mich auf mein Bett, in der Hoffnung, dadurch irgendwie entspannter zu werden.

„Hallo. Wie geht's dir?", hörte ich seine Stimme dicht an meinem Ohr und in mir keimte ein Gefühl auf, das ich nicht einordnen konnte.

„Gut."

Was sagt man zu jemandem, der verschwindet und nur dann wieder auftaucht, wenn es ihm passt? Je länger die Stille andauerte, desto sicherer wurde ich mir, dass dieses Gefühl Wut war. Aber ich war nicht aufgebracht. Es war ein ruhiger Ärger, der mir säuerlich im Magen lag, mir aber nicht die Energie schenkte, um herumzuschreien.

„Tut mir leid, dass ich mich jetzt erst melde. Es ging nicht früher." Sein Schuldbewusstsein füllte den Raum zwischen uns aus, aber ich hatte keine Lust, es ihm abzunehmen.

„Okay." Generell wollte ich nicht darüber reden. Jetzt hatte ein anderes Thema Vorrang. „Sag mal, erinnerst du dich an die Geschichte über die Entstehung von Instinktjägern? Du hast sie mir früher oft erzählt."

„Sicher", antwortete er und klang etwas überrascht.

„Woher kanntest du sie?"

„Shay hatte ein Buch mit ein paar kurzen Geschichten, aber ich kann mich nicht an den Titel erinnern. Es sah auch recht unscheinbar aus, glaube ich."

„Hm." Das war wohl eine Sackgasse. Meine Mutter würde ich nicht danach fragen können und eigentlich wollte ich das auch gar nicht.

„Warum fragst du?"

„Nur so. Ich habe in letzter Zeit wieder viel darüber nachgedacht", murmelte ich müde.

„Als du sechs warst, hattest du eine Phase, in der ich dir die Geschichte jeden Abend erzählen musste." Dad schnaubte amüsiert und etwas von meinem Ärger verschwand. „Wie geht es dir denn bei Jay und Leya? Kommst du damit klar?"

Ich war mir sicher, dass er eigentlich meinte, wie mein Instinkt damit klarkam. Die Versuchung, auch hier nur eine knappe Antwort zu geben, war groß, aber ich hatte lange nicht die Möglichkeit gehabt, so ehrlich mit jemandem zu reden und ich würde diese Möglichkeit wohl auch nicht so bald wieder bekommen.

„Es ist oft anstrengend", gestand ich. „Sie sind zwar unglaublich nett, aber... das macht es nicht unbedingt einfacher. Letzte Woche auf Cristals Geburtstagsfeier war es besonders schwierig. Wahrscheinlich waren dort einfach zu viele Leute." Ich strich mit dem rechten Daumen über den Kratzer auf meinem linken Unterarm, der schon fast verheilt, aber immer noch sichtbar war.

„Du warst auf ihrer Geburtstagsfeier?" Sein Tonfall verriet, dass ihn etwas daran störte, auch wenn er sich bemühte, ruhig zu sprechen.

„Es ist nichts passiert. Ich bin früh nach Hause gegangen", versicherte ich ihm.

„Ich vertraue dir, aber-"

„Jeder Satz, der so beginnt, sagt genau das aus", unterbrach ich ihn und lachte zynisch. Da war es wieder, das saure Gefühl in mir. „Es gibt immer ein Aber."

Dad seufzte. „Bitte sei einfach vorsichtig. Wenn ich könnte, würde ich dir sofort ein normales Leben schenken, in dem du sorglos auf Partys gehen kannst wie jeder andere Teenager auch."

Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, wollte ich genau das. Ich wollte Freundinnen haben, mit denen ich über alles reden konnte. Menschen, die meine Probleme verstanden und die ich wirklich an mich heranlassen konnte, um gemeinsam den Alltag zu überstehen und füreinander da zu sein. Ich wollte mich verlieben wie in den kitschigsten Liebesfilmen, auch wenn ich wusste, dass es so perfekte Beziehungen in der Realität nicht gab. Ich wollte in dem kleinen Café arbeiten, das ich bei meinem Nachtspaziergang vor ein paar Tagen gesehen hatte, und mir den Kopf darüber zerbrechen, ob ich doch ein Studium anfangen sollte.

„Dann müsste ich mir nur Gedanken darüber machen, ob du Drogen nimmst oder mit welchen Jungs du dich rumtreibst", fügte er scherzhaft hinzu.

Sofort tauchte Connor in meinem Kopf auf und meine Wangen wurden warm. „Klar, Dad. Dann wären wir sicher viel zufriedener. Aber wir sind eben nicht normal."

„Ja. Ich fürchte, du hast recht." Für einen kurzen Moment schwiegen wir beide. „Vielleicht müssen wir unsere eigene Norm erfinden."

Ich murmelte zustimmende Worte, als am anderen Ende der Leitung im Hintergrund dumpfe Stimmen zu hören waren. Leider konnte ich nichts verstehen, aber die Tatsache, dass er nicht alleine war, irritierte mich. In meiner Vorstellung war die Aufgabe, die er hatte, immer eine einsame. Doch vielleicht war das gar nicht so.

„Ich muss leider schon wieder los, Xenia. Pass bitte auf dich auf." Er sprach schnell und eine Spur leiser als kurz zuvor.

„Du auch auf dich, Dad."

Kaum hatten wir das Gespräch beendet, klopfte es an meiner Tür. Ich bat Jay herein und spürte sofort eine gewisse Aufregung, die von ihm ausging. In der Hand hielt er das Buch mit den Instinktgeschichten. Er setzte sich auf den Schreibtischstuhl, weit genug entfernt, dass ich mich nicht bedrängt fühlte, aber so nahe, dass ich seine Präsenz nicht ignorieren konnte. Ebenso wenig die des Buches.

„Ich wollte dich noch einmal etwas wegen der Geschichten fragen, wenn es dir nichts ausmacht", begann er vorsichtig.

„Sicher."

„Dieses Enem und die Vollkommenen – meinst du, dass es sie wirklich geben könnte?"

„Ich hab die zwei Kapitel noch nicht gelesen", gestand ich und knackte mit meinen Fingerknöcheln, um meine Hände zu beschäftigen.

Jay zuckte zusammen. „Könntest du das bitte lassen?"

„Klar, entschuldige." Peinlich berührt legte ich die Handflächen auf den Oberschenkeln ab. Warum hasste jeder dieses Geräusch so sehr? „Was soll dieses Enem denn sein?"

„Der Entstehungsgeschichte zufolge gab es ja mehrere Völker, die von den Engeln unterschiedlich beeinflusst wurden." Ich nickte zustimmend. „So wie ich Das Vollkommene verstanden habe, bezeichnen sich die Instinktjäger, die in der ursprünglichsten Form geblieben sind, die der gefallene Engel erschaffen hat, als Vollkommene. Du hingegen bist eine Nachfolgerin von Generationen, die sich immer wieder mit unterschiedlichen Völkern vermischt haben – die Instinktjäger."

„Und was ist an diesen Vollkommenen so anders?"

„Das weiß ich noch nicht ganz genau. In dem Kapitel steht, sie glauben daran, dass sie für alle Krankheiten ein passendes Heilmittel finden können, und sammeln deshalb so viel medizinisches Wissen wie sie nur können. Außerdem leben sie nicht in der menschlichen Welt, sondern in Enem."

„Eine Parallelwelt also?" Ich bemühte mich, mir das vorzustellen, aber obwohl ich selbst wusste, wie sich Übernatürlichkeit anfühlte, hatte Mythologie für mich immer etwas Erfundenes an sich.

„So was in der Art. Vielleicht ist es auch mehr ein immaterieller Raum? Ich kann es nicht genau sagen, aber angeblich ist es Menschen nicht möglich, die Schwellen dorthin zu überschreiten."

„Wäre es denn für mich möglich?"

„Kann sein." Jay starrte nachdenklich auf den Einband des Buches, das in seinem Schoß lag. „Bitte halte mich nicht für verrückt, aber ich glaube, ich habe mal einen Vollkommenen gesehen, der durch eine Art Portal verschwunden ist."

„Wie denn?" Überrascht sah ich ihn an. Es war mir unangenehm, dass er mit Fragen zu mir gekommen war, aber jetzt schon wieder viel mehr wusste als ich.

„Es muss gute zwanzig Jahre her sein, weil ich damals noch studiert habe. Ein Studienkollege von mir ist immer gerne gewandert und hat mich einmal in den Victoria Forest mitgenommen. Wir sind stundenlang durch hügelige Wälder gegangen, bis ich irgendwann in der Ferne jemanden entdeckt habe. Ich habe mir Sorgen gemacht, weil es aussah, als würde die Person nur langsam vorankommen und sich den Arm halten. Bis ich meinen Freund darauf aufmerksam gemacht hatte, war der Mensch hinter Bäumen verschwunden und man konnte niemanden mehr erkennen. Aber ein paar Minuten später habe ich ihn wieder gesehen und gerufen, ob er Hilfe braucht. Er hat zu laufen begonnen und bevor ich darüber nachdenken konnte, rannte ich ihm hinterher."

„Das klingt ziemlich..."

„Leichtsinnig? Ja, irgendwie schon", gab Jay zu. „Ich wusste es damals nicht besser und bin ihm gefolgt. Er war so weit weg, dass ich ihn nicht ganz einholen konnte, aber wegen seiner Verletzung konnte ich den Abstand zumindest verringern. Ich konnte jetzt klar erkennen, dass er humpelte und dass von einer Wunde an seinem Arm Blut auf den Waldboden getropft war. Doch dann lief er über eine Hügelkuppe und verschwand kurz aus meinem Blickfeld. Als ich auf der anderen Seite ankam, konnte ich ihn nicht mehr entdecken."

„Und du meinst, er ist durch ein Portal verschwunden?" Eigentlich wollte ich nicht so misstrauisch klingen, aber ich konnte nicht verbergen, dass ich ihm nicht ganz glaubte.

Zwischen Jays Augenbrauen bildete sich eine Falte und er rieb sich müde über die Stirn. „Ja. Das klingt vielleicht weit hergeholt, aber für mich würde es zumindest diese Geschichte erklären."

Ich nickte und hatte irgendwie Mitleid mit ihm. Er hatte sich vorgenommen, Menschen zu helfen, die von Instinktjägern infiziert waren. Er wollte sie retten.

Ob ein einziger Mann irgendetwas bewirken konnte?

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Schönen Sonntag! 

- knownastheunknown -

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