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"Das sieht gar nicht so übel aus, wie ich dachte", höre ich Jace sagen. Farbe kehrt in sein Gesicht zurück, während meines wohl immer blasser werden muss. Denn für mich sieht es ganz übel aus.
"Du hattest Glück", pflichte ich ihm bei und versuche die Aufmerksamkeit von mir zu lenken. Doch der Fremde neigt den Kopf und starrt mich ununterbrochen an. Es sieht nicht so aus, als interessiere es ihn, wie es um Jace steht, der gerade plump das verstaubte Stück Stoff seines Vaters um den Finger wickelt.
Auch Jace geht nicht auf meine Antwort ein, sondern widmet sich wieder schweigend seiner Arbeit, als sei nichts geschehen. Ein Glück, dass er viel zu benommen war, um realisiert zu haben, was ich angerichtet habe. Damit bleibt nur ein Zeuge - und dieser ist ein einziges Rätsel.
Weder ein Einheimischer, noch ein Typ, der mich am Arm packt und zum Stadtherrn schleppt. Ihn umgibt eine mysteriöse Aura, die mich nicht mehr länger in Neugierde versetzt, sondern meinen Fluchttrieb schlagartig weckt. Wäre da nicht das Problem, dass er meinen Namen kennt. Selbst wenn er mich nicht eigenhändig zum Rathaus zerrt, bleibt mir eine Meldung nicht erspart. Am liebsten wäre ich zum Hafen gerannt, hätte Luan in das nächstbeste Boot gezogen und Sonelem für immer den Rücken gekehrt. Oder den Fremden in Brand versetzt - ich schaudere über die Brutalität meiner Idee und zwinge mich zur Ruhe. Noch hat er keinerlei Wort über das Geschehene verloren oder mir mit einer Meldung gedroht. Warum auch immer.
"Bitte", reißt Jace mich aus meinen Gedanken und gestikuliert zu den perfekt abgetrennten Glasscheiben. "Verzeiht mir die kleine Verzögerung."
"Kein Problem. Ich habe Zeit." Der Fremde beruhigt Jace mit einem bestechlichen Lächeln, bevor er sich wieder mir zuwendet. "Kann ich dir beim Tragen helfen?"
Mein Herz setzt einen Schlag lang aus. Bloß nicht. Aber die Botschaft dahinter habe ich trotzdem verstanden: wir müssen reden.
Dennoch winke ich ab. Ich muss zu Luan. Wenigstens noch einmal meinen Bruder sehen, um mich von ihm verabschieden zu können, da mir die Chance auf einen Abschied schon einmal genommen wurde.
"Selbst ist die Frau."
"Na gut", meint er. "Dann auf Wiedersehen."
Ich hoffe ja nicht.
Jace erwidert seinen Gruß, derweil ich dem Fremden stutzig hinterherblicke, als er sich umdreht und geht. Einfach so. Keine Warnung, dass ich mich auf Besuch vom Stadtherrn einstellen darf. Kein weiterer Versuch, mich zu begleiten.
Verblüfft wende ich mich Jace zu.
"Hast du ihn schon einmal hier gesehen?"
"Mir ist er nicht bekannt." Jace zuckt nur mit den Schultern. "Vielleicht kürzlich hergezogen."
"Das wird es sein", stimme ich zu, obwohl mein Bauchgefühl anderer Meinung ist. Irgendetwas an ihm ist befremdlich. "Ich sollte dann wohl auch gehen. Grüße an deine Mutter."
Ich kann ihm förmlich ansehen, dass er aus Routine die gleichen Worte beinahe zurückgegeben hätte. "Ich richte es aus. Grüße auch an Luan."
Das Wetter hat erneut umgeschlagen. Die morgendliche Sonne ist dunklen Wolken und einem Schneesturm gewichen. Wie dutzende Nadeln sticht die Kälte auf mein Gesicht ein, selbst als ich mir die Kapuze aufziehe und den Schal bis über die Nase rücke. Mit zügigem Schritt steuere ich Phantasia an, da holt mich eine Stimme ein.
"Mein Angebot steht noch immer."
Der Fremde lehnt an der Wand und betrachtet skeptisch den dicht behangenen Himmel, dann mich. Von seinem Glas ist weit und breit keine Spur.
Ich weiche zur Seite, wahre Abstand. Er hat auf mich gewartet, um nun endlich das zu vollziehen, was ich die ganze Zeit schon befürchtete.
"Meine Antwort ebenso", erwidere ich, umfasse die Scheibe fester. Auch wenn sie Marvin zuliebe nicht als Waffe dienen sollte, kann ich nichts versprechen. Erst recht nicht, als sich der Fremde von der Wand abstößt und im nächsten Augenblick vor mir steht. Direkt vor mir, nicht mehr etliche Schritte entfernt. Ich kann seinen warmen Atem auf meiner Haut spüren, so nah ist er mir plötzlich.
Mein Blick zuckt an ihm herab, über seine Schulter, doch ich finde nicht, wonach ich suche. Und das lässt mich tatsächlich daran zweifeln, dass ich mir das Übermenschliche nicht doch eingebildet habe. Perplex reiße ich mir den Schal vom Gesicht.
"Wo ist der Löwe?"
Der Magier in Phantasia gestern Abend trug das Zeichen des Königs unverkennbar auf seinem Schwert. Auch dieser müsste es mit sich führen, doch zu meiner Überraschung huscht ihm nur ein Grinsen über den Mund.
"Du wirst ihn nicht finden. Ich diene nicht." Er senkt die Stimme. "Das sollte aber gerade nicht deine Sorge sein. Du scheinst ein viel größeres Problem zu haben."
"Ich habe kein Problem, solange du mich nicht meldest", stelle ich klar und lege alle Kraft in meinen Blick. Da er nicht dient, muss er entweder auch erst kürzlich seine Magie erhalten haben oder er möchte Sonelem einfach nicht dienen. Wenn ich bedenke, dass er seine Kräfte im Griff zu haben scheint, vermute ich, dass es Letzteres ist. Damit hätte ich ein gutes Druckmittel gegen ihn in der Hand. Das kann in dem Schlammassel, in dem ich gerade stecke, nicht schlecht sein.
"Ich habe nicht vor, dich zu melden, kleine Vermillion." Innerlich fluche ich. Er hat sich meinen Nachnamen also tatsächlich gemerkt. "Wenn du noch öfter deine Magie so offensichtlich einsetzt, werde nicht ich derjenige sein, der dich an die Regierung aushändigt."
Behauptet er damit nebenbei, dass es pure Absicht war, mich von Jace zu stoßen? Hat er mir bewusst eine Meldung erspart, weil Jace noch zu sehr mit seinem Befinden beschäftigt war, um mich zu durchschauen? Misstrauisch verenge ich die Augen. Was erhofft sich denn ein fremder Magier davon, mir aus der Patsche zu helfen?
"Warum hast du...?" Mich gerettet? Luan eine Menge Kummer erspart, sollte ich heute Abend nicht wie gewohnt zu Hause sein?
"Weil du deine Magie nicht bändigen kannst. Auch wenn ich mir nicht erklären kann, wie du das all die Jahre versteckt hast."
Das Knirschen nahender Schritte im Schnee lässt uns im selben Moment hellhörig werden. Der Fremde blickt über mich hinweg. Sobald sein Blick wieder auf mir liegt, wird aus der ernsten Vorsicht warme Zuversicht.
"Ich kann dir helfen. Aber das hier ist gerade nicht der richtige Ort dafür."
Obwohl mein Puls noch immer rast, breitet sich eine zarte Wärme in meiner Brust aus. Ich kann dir helfen. Das waren nicht die Worte, die ich eben noch von ihm erwartet hatte. Aber es sind die, die mir ein klein wenig Hoffnung geben, dass ich schneller wieder zurück in mein altes Leben komme als ich heute Morgen annahm. Und ja, auch wenn ich ihm vertrauen möchte, weil er all das verkörpert, was gerade die Utopie zu sein scheint, halte ich meine Euphorie zurück. Einerseits, weil meine Pflicht in Phantasia ruft, andererseits, weil ich vor Jahren gelernt habe, dass man sein Vertrauen nicht blind verschenken sollte.
"Wo kann ich dich wiedersehen?"
Definitiv nicht zu Hause. Luans Gesicht mag ich mir nicht ausmalen, wenn er erfährt, dass ich gegen seine Regeln verstoßen habe und dadurch das eintrat, was wir vermeiden wollten - die Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Dennoch werde ich mich nicht mit einem fremden Mann an einem Ort treffen, den ich nicht zu meinem Vorteil nutzen kann.
"An der Buchhandlung Phantasia." Am besten so schnell wie möglich, daher schiebe ich ein leises "Heute Abend?" hinterher.
Er lächelt mir zu, als wäre es das Selbstverständlichste in ganz Sonelem, dass ich das Sagen übernehme.
"Ich werde da sein."
Ich nicke, zupfe mir die Kapuze tiefer ins Gesicht und mache mich gerade auf den Weg, als ich abrupt stehen bleibe. Eine Frage brennt mir auf der Zunge. Immerhin muss ich einen Namen für den Mann haben, der entweder meine Rettung oder mein Verderben sein wird.
"Wie heißt du eigentlich?"
Der Fremde hat sich kein Stück vom Fleck bewegt, fast so, als habe er auf diese Frage gewartet.
"Ren." Er streckt mir seine Hand entgegen. "Und du bist sicherlich mehr als die kleine Vermillion."
Lächelnd greife ich nach der dargebotenen Hand. Sie ist weitaus kälter als erwartet. "Talia."
"Schön, dich kennenzulernen, Talia."
Ich erwidere nichts darauf. Noch wage ich nicht darüber zu urteilen, ob diese Begegnung nicht doch mein gravierendster Fehler sein wird.
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