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Magie zu verstecken ist eine Herausforderung. Die meisten Magier sind zu jung, um zu wissen, wie sie mit ihren Fähigkeiten umgehen müssen. Wenn die ersten Zeichen ihrer Kräfte sichtbar werden, wenden sie sich selbst an den jeweiligen Stadtherrn, oder werden gemeldet, um in sichere Hände übergeben zu werden. Im Kreise des Königs und seiner Berater lernen sie dann, ihre Magie zu kontrollieren und dem Allgemeinwohl zu dienen. Mit meinen achtzehn Jahren bin ich weit über dem Alter, in dem sich Magie normalerweise zeigt, aber deswegen weiß ich kein Stück mehr, wie ich damit umzugehen habe.

Denn Magie war nie Teil unseres Lebens. Dabei weiß jeder von ihr. Jeder kennt Geschichten, die man sich über heldenhafte Taten und blutvolle Schlachten erzählt. Aber hier in Meral ist Magie nicht mehr als ein Wort, das nur ab und zu in den Mund genommen wird. Hier wurden weder Magier geboren, noch stationiert. Letzteres wäre nicht einmal unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass wir über die kürzeste Handelsroute nach Payla verfügen. Dennoch ist unser Städtchen schlicht und ergreifend zu klein, um Sonelem oder Payla bedeutend zu sein. Zumal zwischen den beiden Reichen seit Jahrzehnten Frieden herrscht. Über das Meer ist demnach keine absehbare Gefahr zu erwarten, um die ohnehin wenigen Magier an einem ruhigen Hafen unterzubringen.

Zumindest dachte ich das mein Leben lang. Jetzt weiß ich sehr wohl, dass sich auch Magier hierher in den eisigen Norden verirren, obwohl Payla sicherlich nicht der Grund dafür gewesen sein wird. Es war diese Magie, die nun in meinem Körper schlummert - und ich fürchte mich davor, wann sie wieder aufwacht und ihr Unwesen treibt.

"Wie geht es dir?"
Luan steht in der Küche, oder dem, was nach vergangener Nacht noch davon übrig ist, und reicht mir eine Tasse heiße Schokolade. Süßer Duft steigt mir in die Nase und heitert mich weitaus mehr auf als sein besorgter Blick.
Er braucht mich nicht zu fragen, ob ich gut geschlafen habe. Unsere Augenringe sind Beweis genug, dass dem nicht so ist.
"Ich weiß nicht", gebe ich zu und lege beide Hände um die warme Tasse. "Ich fühle mich wie immer. Wäre da nicht das."
Demonstrativ blicke auf die verrußten Wände um uns herum.

"Was das angeht: lass es meine Sorge sein. Ich richte die Zimmer schon. Du musst dich jetzt um dich selbst kümmern." Beachtlos stellt Luan seine Tasse neben sich ab und streicht mir über die Schulter. "Niemand darf davon erfahren. Du gehst auf direktem Weg zu Phantasia und wieder zurück. Keine weiteren Abstecher, keine weiteren Gespräche, hast du das verstanden?"
"Das geht nicht auf Dauer", protestiere ich sofort. Wie soll ich Rat finden, wenn ich mich abschotte? Wie soll ich so die Magie wieder loswerden?

"Ich weiß, Lia, aber es ist vorerst die sicherste Lösung." Luan streicht mir über die Haare und gibt mir einen Kuss auf den Scheitel. "Ich muss los. Der Sturm hat ordentliche Schäden hinterlassen, aber lass uns heute Abend in Ruhe nach einer besseren Idee suchen, okay? Wir finden einen Weg, ganz bestimmt."

Am liebsten würde ich mir nur zu gerne fest in den Arm kneifen, um sicherzugehen, dass das gerade wirklich wahr ist. Wie konnte unser so mühsam aufgebauter Alltag so schnell zusammenbrechen? Ich bin kein Mädchen, das sich von anderen abwendet, wenn es angesprochen wird. Oder lieber den Mann schickt, um Einkäufe zu erledigen, die über die Zubereitung von Mahlzeiten hinausgehen. Gestern Morgen noch hätte mich Luan ohne jegliche Bedenken neue Dielen oder Farbe für die Wände besorgen lassen. Gestern ist aber nicht heute. Der harte Bruch in meiner Freiheit gefällt mir nicht, doch ich werde nicht widersprechen. Tief in mir weiß ich, dass Luan recht hat. Es ist vorerst die sicherste Lösung.

Eilig nehme ich einen Schluck, um mir eine enttäuschte Antwort zu ersparen.
Luan seufzt. Natürlich durchschaut er mein Ausweichmanöver problemlos.
"Wenn du früher da bist, kannst du die verbrannten Dielen im Wald verteilen. Aber nur, wenn es so dunkel ist, dass dich keiner mehr sieht." Er drückt meine Schulter. "Pass auf dich auf, Lia."
"Und du auf dich."

Kaum ist Luan aus dem Haus, kümmere ich mich um den Abwasch und breche anschließend selbst zur Arbeit auf. Die Menschen sind dermaßen mit den vom Sturm ausgerissenen Briefkästen, wild verstreuten Blättern der Wochenzeitung und zerbrochenen Fenstern beschäftigt, dass es mir ein Leichtes ist, ohne jeglichen Kontakt in die Buchhandlung zu kommen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es dann erst am Hafen aussehen mag. Luan wird heute sicherlich später nach Hause zurückkehren, wenn er sämtliches Treibgut einsammeln und die Boote auf Lecks kontrollieren muss. Nach stürmischen Nächten hat die Küstenwache immer alle Hände voll zu tun.

In Phantasia wartet Marvin bereits auf mich. Seinen blonden Schopf muss ich dieses Mal nicht zwischen all den Büchern ausfindig machen. Er steht hinter der Kasse und zählt die Münzen. Als ich eintrete, hebt er knapp den Kopf. Seine stumme Begrüßung verheißt nichts Gutes. Und da trifft es mich plötzlich wie ein Schlag ins Gesicht - das Fenster. Vor lauter Feuer habe ich vergessen, mir eine vernünftige Ausrede einfallen zu lassen, ohne ein Wort über die beiden Magier verlieren zu müssen.

"Ich kann das erklären", bringe ich hervor, durchstöbere in Gedanken alle plausiblen Optionen.
"Was kannst du denn für den Sturm?" Er notiert ein paar Zahlen auf einem Zettel. "Ich hätte dich vorwarnen müssen, dass sich da etwas über dem Meer anbahnt."
"Hat das Leder denn gehalten?", frage ich so unschuldig wie nur möglich. Als wäre der Sturm tatsächlich schuld an einer zerbrochenen Scheibe im Schutz der ringsherum stehenden Häuser.

"War eine gute Idee." Er umrundet die Theke und drängt mir den Zettel auf. Ich starre auf die Maße und weiß, worauf diese Unterhaltung hinausgeht. Luan wird mir den Kopf abreißen, wenn er davon erfährt, aber welche Wahl habe ich? Ich sollte meinem Chef keinen Wunsch ausschlagen - zu hoch wäre das Risiko, dass dies meine Kündigung bedeutet. "Trotzdem brauchen wir so schnell wie möglich ein neues Fenster. Wärst du so lieb und gibst es beim Glaser für uns in Auftrag?"

"Klar."
Ich habe Luan ja nicht heute Morgen erst das Gegenteil zugesagt.

Die Werkstatt des Glasers befindet sich am anderen Ende Merals. Gewiss, es als Werkstatt zu bezeichnen, ist übertrieben - eine lieblos umgebaute Scheune trifft es wohl eher. Der Putz an den Wänden bröckelt, das Licht ist schummrig und Spinnenweben verhängen die Fenster wie bewusst angebrachte Dekoration. Wäre da nicht das mit bunt funkelnden Vasen bestückte Regal neben der Türe, hätte ich geglaubt, mich am Haus zu irren.

Über Sir Portes habe ich schon einige Gerüchte gehört. Diesen zufolge hatte ich mir fest vorgenommen, ihm niemals einen Besuch abzustatten. Dennoch ziehe ich mir entschlossen die Kapuze vom Kopf, klopfe den Schnee von den Stiefeln und trete ein. Wenn sich eine Begegnung mit dem berüchtigten Glaser schon nicht vermeiden lässt, möchte ich wenigstens nicht gleich für dreckige Schuhe in Grund und Boden gestampft werden.

Denn dass jeder Schritt hier beobachtet wird, entgeht mir keineswegs. Ein weiterer Kunde steht in der Ecke zu meiner Rechten, die Hände lässig in den Hosentaschen vergraben und verfolgt neugierig jede meiner Bewegungen. Ich kann nicht vermeiden, dass sich dieselbe Neugierde in meinem Körper einnistet. Er ist schlank, athletisch und - das überrascht mich am meisten - in meinem Alter. Somit müsste ich ihn aus der Schule kennen, dennoch sind mir die hellbraunen Haare und das scharfe Kinn nicht im Entferntesten vertraut. Erst als ein kurzes Lächeln über seinen Mund huscht, wende ich den Blick ab. Heute ist ein schlechter Tag für neue Begegnungen und vermeidbare Gespräche.

Neben ihm steht Jace Portes, ein schon vertrauteres Gesicht, und trotzdem könnte ich ihm keine Stimme zuordnen. Er ist kein Typ für Freundschaften, sondern ein absoluter Einzelgänger. Wenig verwunderlich, dass er mir nur kurz zunickt und sich dann wieder der Glasplatte widmet, als soeben die Tür gegenüber knarzend aufschwingt.

Die flüchtige Hitzeböe aus dem Raum verrät mir, das dort wohl das Glas unter sengenden Temperaturen verarbeitet wird, auch wenn die Tür schon wieder krachend ins Schloss fällt. Der stämmige Mann vor mir reibt sich die Finger am schmutzigen Tuch ab und studiert mich völlig ungeniert von Kopf bis Fuß.
"Und du willst...?"

Ich zwinge mich zu einem Lächeln.
"Marvin schickt mich. Wir brauchen ein neues Glas für eines der Fenster."
"Marvin, so so." Belanglos wirft er das Tuch zur Seite und stemmt die Hände in die Hüften, bevor er nochmals seinen Blick über meinen Körper wandern lässt. Langsam, viel zu langsam. Er überlegt definitiv nicht nur, in welchem Verhältnis ich zu Marvin stehe. "Gut. Ich brauche die Maße."
"Natürlich."
Auffordernd strecke ich ihm das Papier entgegen. Hauptsache ich kann hier schnell wieder weg.
"Brav aufgeschrieben, bevor du es vergisst, nicht wahr?"

Ich zerknülle den Zettel, noch ehe er danach greifen kann. "Anderthalb Ellen lang, zweieinhalb hoch."
"Mhm", brummt er. Meine Reaktion hat ihm nicht gefallen. "Und gezahlt wird wie?"
"Vater", schaltet sich Jace von der Seite ein und schüttelt eindringlich den Kopf. "Das ist Vermillion."

Verblüfft schnalzt mein Gegenüber mit der Zunge.
"Die kleine Vermillion also, so so. Ein beachtliches Weib bist du geworden."
Welche Antwort auch immer er darauf erwartet, er bekommt sie nicht. Ich werde weder auf sein niederträchtiges Mundwerk, noch auf meine Eltern eingehen. Stattdessen ziehe ich den Sack Münzen hervor und lasse ihn wortlos in seine Hand plumpsen.
"Vielleicht beim nächsten Mal unter vier Augen." Sicherlich nicht. Sir Portes gestikuliert zu seinem Sohn und dem anderen Kunden. "Der Rest reicht für dich."

Er dreht sich um und verschwindet wieder in der glühend heißen Kammer - und mein Körper entspannt sich schlagartig. Keine Ahnung, wann er in Alarmbereitschaft ging, aber wenn ich daran denke, was zu viele Emotionen gestern erst angerichtet haben, sollte ich mehr auf die Zeichen meiner Gefühle achten. Ich atme tief durch und vernehme aus dem Augenwinkel, wie der Fremde wieder an seinen Platz neben Jace zurückkehrt. Bei Luan hätte ein Schritt näher an das Geschehen schon bedeutet, dass man meine Grenzen wohl nicht überschreiten sollte. Ich bezweifle, dass der Fremde ebenso beschützerische Intentionen hat. Vermutlich hatte das Gespräch zwischen Sir Portes und mir lediglich mehr Unterhaltungswert als Jace bei der Arbeit zuzuschauen.

Dieser hat sich konzentriert über die Platte gebeugt, die Zungenspitze unbewusst zwischen den Lippen hervorschauend. Das ist mir in der Schule schon immer aufgefallen - wenn er zutiefst konzentriert ist, führt sein Gesicht ein Eigenleben. Die anderen Jungen haben ihn dafür ausgelacht, ich nicht. Ich kenne es von mir selbst. Beim Lesen kann ich alles ausblenden und für einen Moment lang zwischen den Zeilen treiben, so wie Jace eins mit dem Diamantschneider zu sein scheint. Ich will mich soeben abwenden, da lässt er den Schneider plötzlich fallen.

"Scheiße!", keucht er immer wieder, schüttelt seine Hand. Dann sehe ich das Blut. Auf dem Glas, auf dem Werkzeug, auf seinem Finger.

Ich versuche den Blick abzuwenden, doch es gelingt mir nicht. In meinen Fingern kribbelt es. Unbeholfen starre ich hinab. Luan hatte recht - sie glühen. Meine Adern strahlen durch meine Haut wie Sonnenstrahlen das Wasser durchbrechen - gelblich, warm, fast verlockend schön. Wäre da nicht dieser bedrohliche Drang, dem Glühen die Erlösung zu geben. Alles in mir will sich auf Jace stürzen, muss sich auf Jace stürzen.

Und ich kann nichts dagegen tun.
Nichts außer meine Beine zu bewegen, neben Jace zu treten und ihm meine Hand auf den Arm zu legen. Ich wünschte, jemand würde mich von ihm zerren, mich aus dieser Sucht reißen, doch er ist zu benommen, um zu registrieren, dass ich ihn gleich lichterloh in Brand setzen werde.

Nicht einmal seine Muskeln zucken unter meinen Fingern, dabei sollte diese Hitze eine Qual sein. Zu meiner Überraschung bleibt er jedoch an Ort und Stelle stehen. Ruhig, wartend. So wie ich, während ich sprachlos auf seine Hand starre. Als würde die Zeit einen Sprint einlegen, nähern sich die Ränder der Wunde einander an. Unnatürlich schnell.

Im nächsten Moment werde ich gnadenlos zur Seite gestoßen. Ich stolpere, schlage mir die Taille am Tisch an und ziehe scharf die Luft ein. Der Fremde greift nach mir, um einen Sturz zu vermeiden.

"Tut mir leid. Ich habe dich übersehen."

Ich bin unfähig zu antworten, wage es nicht für einen Moment die Aufmerksamkeit von ihm zu nehmen. Er hat mich nicht übersehen, er kann mich nicht übersehen haben. Hier sind nur wir drei. Auch wenn Jace sich schüttelt, als wache er endlich aus seiner Starre auf, ist nicht er meine Sorge, sondern der Fremde.

Sein Blick wandert zu meiner Hand, dann wieder zurück zu meinen Augen. Ich halte den Atem an - er weiß, was ich getan habe.

Oh Mist.

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