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"Bloß keine Dilogie." Sir Blackwell schreitet um mich herum und begutachtet das üppig gefüllte Regal mit hochgezogenen Augenbrauen. Derweil ihn die Auswahl überfordert, kenne ich fast jedes Buch in- und auswendig. Vor allem Dilogien - ich liebe es, Charaktere länger zu kennen und sie auf verschiedensten Abenteuern begleiten zu dürfen. Aber dass meine Meinung nicht zählt, habe ich schnell verstanden, nachdem er jeden Vorschlag abwies, bevor ich ihm einen Roman schmackhaft machen konnte. "Alles schön und gut, aber meine Frau sollte sich lieber um den Haushalt kümmern als zu lesen."
Hinter seinem Rücken ziehe ich die Nase kraus. Welch eine Überraschung, dass er dann überhaupt ihr zuliebe den Weg hierher gefunden hat.
"Letztes Mal hatte sich Lady Blackwell für Der Schwur des Löwen entschieden, ein wenig Historisches und Phantastisches. Ihr würde dann sicherlich auch-"
"Das hier." Entschlossen zieht er ein Buch hervor und drängt es mir geradezu auf. "Wie viel?"
Innerlich seufze ich, kaum werfe ich einen Blick auf den Titel. Die beliebtesten Rezepte für Anfänger - ist ja nicht so, als würde Lady Blackwell den Haushalt der Fischerfamilie schmeißen, seit ich laufen kann.
"Ich kann Ihnen wirklich nur ans Herzen legen-", versuche ich es nochmals, doch werde erneut gnadenlos unterbrochen.
"Ich weiß, was meine Frau braucht. Danke für deine Meinung, Talia."
Auf gut Sonelisch: halt endlich deine Klappe und nenn mir den Preis. Also komme ich seinem Wunsch nach und bin heilfroh, als Sir Blackwell das Buch in die Innentasche seines Mantels schiebt und ohne ein Wort des Abschieds geht. Um mich nicht über ihn aufzuregen, wende ich mich schleunigst dem Stapel Bücher auf dem Tresen zu. Der Besuch beim Glaser hat mir Zeit geraubt, obwohl Marvin erstaunt war, dass das passende Maß sofort vorlag. Mittlerweile trotzt das eingebaute Glas dem frostigen Winterwind, doch die Buchhandlung bleibt noch immer kühl. Auf Marvins Vorschlag, den Kamin anzuzünden, ging ich nicht ein - zu Feuer wahre ich vorerst Abstand. Lieber werfe ich mir eine Strickjacke über das Kleid und ziehe meine klammen Finger zurück in die Ärmel, wenn ich nicht gerade Kundschaft bediene.
Ren lässt sich Zeit, doch nachdem wir keinen genauen Zeitpunkt ausgemacht hatten, verstehe ich, dass er wartet, bis die Nacht hereinbricht und die ersten Lichter hier und dort in den Häusern aufflackern. Da sein Gesicht in Meral nicht bekannt ist, vermeidet er wohl jegliche Kontakte. Wenn ich bedenke, dass er nicht dient, scheint mir die Abschottung sinnvoll zu sein. Selbst Luan würde mir da zustimmen. Erst als sich meine Bücher auf dem Tisch dem Ende zuneigen, beginne ich zu zweifeln: was, wenn er es sich anders überlegt hat?
Ihn zu suchen und damit unweigerlich auch in Gefahr zu bringen, nur weil er mir helfen könnte, wäre so egoistisch wie Sir Blackwells Verhalten bei der Buchauswahl für seine Frau. Ren muss aus eigenem Willen das Risiko eingehen und hier auftauchen. Wenn er das nicht tut, habe ich mir wohl unnötig Hoffnung gemacht. Just in diesem Moment erschallt jedoch eine Stimme direkt hinter mir.
"Kann ich dir helfen?"
Die Türglocken haben nicht geläutet. Es kann nur Ren sein - oder eben noch ein Magier, aber dann würde ich langsam an meinem Verstand zweifeln. Drei Magier innerhalb eines Tages sind ohnehin drei mehr als in meinem ganzen Leben bisher.
Erleichtert, dass er doch gekommen ist, drehe ich mich zu ihm um. Da er nicht einmal eine Jacke trägt, scheint er mit seiner Magie größere Distanzen überwinden zu können, ohne sich dem kalten Wetter außerhalb der Gebäudemauern stellen zu müssen. Auch das vom Wind unberührte, noch frisch gekämmte Haar spricht dafür.
"Das..." Ich symbolisiere eine Explosion mit meiner freien Hand, weil ich nicht weiß, wie ich seiner Magie sonst Ausdruck verleihen soll. "...hat Herzinfarkt-Potenzial."
Ein Grinsen zuckt über seinen Mund, bevor er meine Gestik wiederholt.
"Das nennt man Teleportation." Seine Belustigung schafft Platz für einen ernsten, fast bekümmerten Ausdruck. "Ich wollte dich nicht erschrecken, verzeih mir."
"Schon gut", winke ich schnell ab. Üblicherweise interessiert es Männer herzlich wenig, welche Wirkung ihre Taten haben, daher überrumpelt mich seine Besorgnis. Oder er ist ein wahnsinnig guter Schauspieler. "Ich sollte mich wohl daran gewöhnen."
Augenblicklich beiße ich mir auf die Zungenspitze. Wo kommt diese Eile plötzlich her? Worte sind meist gut bedacht, bevor sie meinen Mund verlassen können, insbesondere, wenn ich vorsichtig sein muss, doch Ren hat etwas an sich, das es mir schwer macht, mich zurückzuhalten. Vielleicht, weil er mir helfen kann und ich befürchte, dass er es sich jeden Moment anders überlegen könnte.
"Du scheinst wenig Erfahrung mit Magie zu haben."
Es ist keine Frage - natürlich nicht. Dass ich weder meine eigene Kräfte kontrollieren, noch andere benennen kann, scheint mich schonungslos verraten zu haben.
"Ich habe nicht viel Übung", weiche ich aus und greife beiläufig nach dem letzten Buch. "Ist es in Ordnung, wenn ich noch schnell das Buch verstaue?"
Und mir ganz nebenbei ein paar Sekunden zum Denken einräume?
"Klar." Entgegen meiner Erwartung folgt mir Ren in den halbdunklen Teil der Buchhandlung. Mit jedem Schritt versuche ich, ihn aus dem Augenwinkel im Blick zu haben. So nett er mir auch erscheinen mag, traue ich ihm nicht. "Ist das ein Familiengeschäft?"
"Von meinem Chef, ja. Seine Eltern haben es an ihn abgegeben, bevor sie nach Payla zurückgekehrt sind."
Manchmal frage ich mich, ob mir Marvin diesen Job nur gab, weil er sich mit meiner Situation identifizieren konnte: ein Leben ohne Eltern. Dabei hatte er die Wahl: zurück in die Heimat zu ziehen, oder der Buchhandlung einen neuen Schwung zu verleihen.
"Das ist..." Ren sucht nach Worten, die mir wohl unterschwellig vermitteln sollen, dass dieser Ort dann nichts für mich ist, sondern vielmehr die Küche. "... interessant."
Ehe ich die Leiter heranziehen kann, nimmt er mir das Buch ab und schiebt es mühelos in die oberste Lücke des Regals. Selbst als er damit fertig ist, weicht er nicht zurück. Bringt keinen Abstand zwischen uns. Ich halte den Atem an, gehe in Habachtstellung. Sicherlich packt er mich gleich am Hals und zerrt mich für meine interessanten Fähigkeiten zum Stadtherrn.
"Ich durfte lange die Schule besuchen und hatte eine Menge Glück, diesen Job zu ergattern." Nervös zupfe ich an meinen Ärmeln. "Mehr möchte ich dazu nicht sagen."
Reicht, dass ganz Meral von unserer Lage Bescheid weiß. Umso mehr gibt mir zu bedenken, dass Ren nichts über die Einwohner hier zu wissen scheint.
"Mehr geht mich auch nicht an." Ren neigt den Kopf. "Auch wenn ich noch viele Fragen an dich habe, scheinst du dringendere zu haben. Wie kommt das?"
Unverzüglich muss ich grinsen. Eine Frage auf die Aussage, dass meine Fragen dringender zu sein scheinen, wäre normalerweise ganz nach dem Motto deine Fragen müssen doch warten. Bei Ren habe ich da ein anderes Gefühl. Er möchte sich in Sicherheit wiegen, genauso wie ich ihn genaustens beobachte. Die wichtigste Frage wird er mir aber nicht beantworten können: wie viel kann ich ihm anvertrauen?
"Hier in Meral hat man nicht viel Kontakt mit Magiern", wage ich mich langsam vor.
"Das erklärt aber nicht, wie du jahrelang unentdeckt geblieben bist. Vor allem nicht, wenn du die Heilung nicht einmal bei einer kleinen Wunde kontrollieren kannst."
Das war definitiv keine Glanzleistung. Vielleicht sollte ich reinen Tisch machen, immerhin scheint Ren die Begegnung heute Morgen aufmerksam analysiert zu haben.
"Ich bin keine Magierin." Wortlos zieht Ren eine Augenbraue in die Höhe. "Bis gestern zumindest."
Mein Gegenüber legt neugierig den Kopf schief, eine hellbraune Haarsträhne fällt ihm in die Stirn. "Du sagst also, dass du seit gestern Magie besitzt?"
"Klingt verrückt, ich weiß."
"In der Tat", stimmt er mir zu. "Aber das erklärt schon eher, was ich heute Morgen gesehen habe."
"Ich habe die Magie von einem Mädchen bekommen. Gestern Abend. Und danach habe ich unwissend die Küche angezündet."
Rens Mundwinkel zucken leicht. Die Vorstellung mag lustiger klingen als sie in meiner Erinnerung ist, vor allem, wenn ich an Luans riskantes Manöver denke.
"Du brauchst dringend Unterricht." Ren tippt gegen einen Buchrücken. "Und was du wissen musst, wirst du nicht hier finden."
"Wo dann?", hake ich nach, auch wenn ich vermute, die Antwort schon zu kennen.
"Bei mir. Ich kann dir zwar nicht erklären, wie dir das Mädchen ihre Magie gab, aber ich kann dir zeigen, wie du sie steuern kannst."
Luan wird mir so oder so den Kopf abreißen, wenn ich ihm später von den vergangenen Stunden berichte. Wie viel Schaden kann es dann noch anrichten, dieser Verlockung nachzugeben und Rens Angebot anzunehmen? Welche andere Möglichkeit habe ich denn schon?
"Sehr gerne."
"Gut. Dann beginnt deine erste Lektion genau hier, damit ich dich überhaupt wiedersehen werde: Niemand darf von deiner Magie erfahren."
"Darin schlage ich mich ausgezeichnet", murmele ich. In weniger als einem Tag habe ich gleich zwei Taten vollbracht, die mir die Hölle heiß machen könnten.
Ren lacht über meine Ironie amüsiert auf und lockert meine Anspannung. Doch genauso schnell, wie seine Stimmung heute Mittag kippte, schwindet auch diese Unbefangenheit und weicht einem schweren Blick. Ein Schauer jagt mir über den Rücken. Was auch immer er mir jetzt sagen wird, sollte ich mir gut einprägen.
"Ich meine es ernst, Talia. Von nun an gilt: Vertraue niemandem."
Ich beiße mir auf die Zunge, um meinen Protest zu ersticken. Mein Bruder würde mich niemals in Gefahr bringen, aber ein Fremder legt dafür sicherlich nicht die Hand ins Feuer.
"Talia,..." Ren scheint mein Schweigen schneller zu durchschauen, als angenommen. "... wem hast du es erzählt?"
"Nicht erzählt", wende ich ein und meide seinen stechenden Blick. "Mein Bruder war dabei, als das Feuer entstanden ist."
Schleppend atmet Ren ein. Die Wahrheit missfällt ihm deutlich, doch er sollte darüber informiert sein, wer von meiner Magie Bescheid weiß, bevor er mir Unterricht erteilt. "Vertraust du ihm?"
Diese Antwort kommt mir leicht über die Lippen.
"Mit meinem Leben. Luan ist keine Gefahr für uns."
"So habe ich auch einmal über einen Freund gedacht." Ren verzieht das Gesicht, schwelgt in unschönen Erinnerungen. Ich kenne das Gefühl nur zu gut. "Hoffen wir, dass es so bleibt."
"Das wird es, ganz sicher."
Blut ist dicker als Wasser, erst recht unseres.
"Nun denn, ich vertraue dir. Jetzt musst nur noch du mir vertrauen, wenn wir uns morgen treffen und ich dich den Anderen vorstelle."
"Es gibt noch mehr Magier hier?"
Ren stößt sich vom Regal ab. "Und keiner von uns dient, Talia. Also keine Sorge, niemand von uns wird dich verraten."
Neue Magier kennenzulernen, bereitet mir Unbehagen, und ich weiß, Luan würde jetzt sofort den Schlussstrich ziehen. Aber weder Luan, noch ich haben eine bessere Lösung parat und so stürze ich mich in mein nächstes Wagnis.
"Solange ich nicht gemeldet werde."
Ren bietet mir zum zweiten Mal an diesem Tag seine Hand an. "Solange wir nicht gemeldet werden."
Kaum hat sich Ren nach der weiteren Verabredung in Luft aufgelöst, schlagen die Zweifel auf mich ein. Ich zwinge mich dazu, ihnen keinen Raum zu geben. Wenn er mir hätte schaden wollen, hätte er es bereits tun können. Dass ich den Tag ohne Meldung überlebe, ist ein erster Beweis guter Intentionen.
Zuhause angekommen, widme mich dem Trümmerfeld der vergangenen Nacht. Nachdem sich die Finsternis über Meral gelegt hat, schnappe ich mir die Holzdielen und breche zum Waldrand auf, wie mit Luan abgesprochen. Ständig luge ich über meine Schulter, geplagt von der Angst, ertappt zu werden. Doch der einzige Zeuge meiner verbrannten Dielen ist ein anmutiger Greifvogel, der mich von einer Tanne aus beobachtet. Erst als ich das Holz unter dem Schnee vergraben habe und wieder die Gassen Merals ansteuere, erhebt er sich in die Lüfte und dreht unter dem Sternenhimmel seine Kreise. Das Geheimnis meiner Magie bleibt für heute bewahrt.
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