• 22 •
Der Sand verbrennt mir erneut die Fußsohlen. Obwohl sie mir ein Tuch um die Augen gebunden und die Hände hinter meinem Rücken verkettet haben, weiß ich, dass ich zurück in der Wüste bin - dieses Mal aber nicht alleine.
"Hier. Trink." Eine Frau führt mir einen Kelch an die Lippen. Eilig presse ich die Lippen aufeinander. Was auch immer sie mir aufdrängt, ich werde keinen Schluck davon trinken. Zumal der würzige Geruch nicht für das normale Wasser spricht, nach dem sich meine Kehle verzehrt. "Mehr bekommst du nicht."
Wenn ich spreche, wird sie ihre Chance ergreifen und mir das Gift einflößen, daher schüttele ich stumm den Kopf. Ihr Griff im Nacken wird fester, dann wispert sie mir ein paar Worte ins Ohr: "Trink, Talia. Jetzt."
Ich erstarre. Habe ich den Beratern im Schlaf meinen Namen preisgegeben? Oder hat Ash mich verraten, um seine eigene Strafe zu schmälern?
"Nein", zwinge ich zwischen meinen Lippen hervor.
Im nächsten Moment drücken ihre Finger unter mein Kinn, dort, wo sich Muskeln und Sehnen kreuzen. Der Reflex kommt von selbst, mein Kiefer gehorcht mir nicht mehr, dann berühren die ersten Tropfen meine Zunge. Ich winde mich, versuche zu würgen, doch sie gibt mir immer mehr, bis ich unweigerlich schlucken muss.
"Geht doch", höre ich Lucius hinter uns sagen. Angewidert spucke ich die letzten Tropfen wieder aus.
"Normales Wasser wäre mir lieber gewesen als Tee", murmele ich und spüre, wie die Gewürze in meinem Magen ihren Tumult treiben.
"Magiebann, kein Tee, Engelchen."
Darüber beschwere ich mich nicht - wobei: was bringe ich ihm ohne Magie? Er sah es als Verschwendung an, einen Magier zu opfern und nun raubt er mir absichtlich meine Magie? Da muss mehr dahinter stecken.
"Ich dachte, Magie sei zu wertvoll, um sie zu verschwenden?"
"Es ist nur kurzweilig." Auf einmal packen mich seine Finger am Kinn. "Auch wenn du nicht darauf zu reagieren scheinst."
"Wie schade aber auch", gebe ich ironisch bei.
Mein Gesicht wird von links nach rechts gedreht, als könnte er die Lösung auf mir ablesen.
"Keiner von euch ist immun gegen Magiebann. Du solltest dich gerade vor Schmerzen auf dem Boden winden."
"Und jetzt?", mischt sich die Frau ein.
Mit einem unzufriedenen Schnalzen lässt Lucius mein Gesicht los. "Ich will ihren Namen, sämtliche Schwachstellen und eine Antwort darauf, warum sie anders ist: Magiebann und alles, was noch für eine Überraschung sorgen könnte. Du hast bis zum Sonnenuntergang, Runa."
"Dafür brauche ich mehr Zeit."
"Bis Sonnenuntergang", betont Lucius jedes Wort einzeln. "Oder ich blockiere sämtliche Medizinlieferungen nach Kolon."
Das Schweigen ist Antwort genug: jemand, der ihr am Herzen liegt, ist dringend auf Medikamente angewiesen. Das bedeutet wiederum, dass Luan nicht mehr lange in Sicherheit ist, denn sie kennt bereits meinen Namen. Ich muss sie aufhalten, komme, was wolle.
"Lucius ist weg."
Sie zieht mir das Tuch unter das Kinn. Die gleißende Helligkeit der Wüste blendet mich und lässt mich mehrmals blinzeln. Dann erst nimmt Runa Gestalt an: tiefschwarze Haare bis zur Taille, einen luftigen Kaftan mit glitzernden Ornamenten und ein bildhübsches Gesicht wie von einem begabten Künstler gemalt. Wenn ich mir eine Göttin des Südens vorstellen würde, sähe sie wohl so aus. Dennoch darf ich nicht vergessen, dass sie Luans Schicksal in den Händen hält.
"Komm. Wir suchen Schatten."
Ohne auf meine Zustimmung abzuwarten, schlägt sie zielgerichtet den Weg Richtung Osten ein. Das helle Kleid flackert um ihren schlanken Körper, während ich meine Füße in den Sand grabe, so sehr die Körner auch um meine wunden Zehen brennen. Solange ich nicht weiß, warum sie Lucius nicht bereits meinen Namen verriet, werde ich ihr nicht durch die Wüste folgen.
"Du kennst meinen Namen."
"Nicht nur das, Talia Vermillion. Ich weiß von Luan, deinem toten Vater und deiner beschissenen Mutter." Ich hebe den Blick gen Himmel. Bei meinem letzten Besuch in der Wüste hatte Lucius mich beobachten können - werden wir auch jetzt belauscht? Ich sollte sie dringend zum Schweigen bringen. "Lucius hört nicht zu. Er ist schon mit einem anderen Magier beschäftigt."
"Wenn du schon alles über mich weißt, warum hast du das nicht gleich Lucius verraten und dir diese Wüste erspart?"
Auf ihre geschwungenen Lippen legt sich ein leichtes Lächeln, kaum reckt sie das Gesicht der Sonne entgegen und kostet die heißen Strahlen aus. "Das ist meine Heimat."
Ein wenig Vertrautheit und dabei das Risiko eingehen, Lucius' Geduld zu überspannen? So lebensmüde wird sie doch kaum sein.
"Du hättest dir sicherlich einen Vorteil bei ihm erspielen können, wenn du sofort mit allen Informationen herausgerückt wärst", bedenke ich und würde nur zu gerne wieder das Tuch über meine Sommersprossen rücken. Runa macht keine Anstalten, meine Hände zu entknoten - nicht, dass ich mich an ihrer Stelle Gedanken darüber gemacht hätte.
"Das hätte ich, ja. Aber ich brauche die Zeit, um mir zu überlegen, wie viel ich mir mit dir erlauben kann."
"Solange ich überlebe, sieht Lucius keine Grenzen."
"Oh, ich fürchte mich nicht nur vor Lucius." Sie visiert mich mit ihren dunklen Augen an. "Ich fürchte den Mann, der dir seinen Schutz gab."
Ein trockenes Lachen kommt über meine Lippen. Sie fürchtet Ash? Nachdem sie offensichtlich keinerlei Folter braucht, um mir alle Geheimnisse zu entlocken, glaubt sie tatsächlich, dass sein Eid keine dreiste Lüge war?
"Kein Grund zur Sorge. Er hat mich angelogen."
"Nicht so, wie du denkst." Sie macht eine auffordernde Kopfbewegung in die Einöde vor uns. Widerstrebend folge ich ihr - welche Option habe ich denn auch? "Er hat dich nur darin angelogen, wie der Eid beendet wird."
"Mit seinem Tod", wispere ich vor mich hin, da fährt sie schon fort: "Wer einen Eid eingeht, kann ihn jederzeit beenden."
Also hat er den Eid im einen Moment abgelegt und im nächsten bereits wieder aufgehoben - fühlt sich nicht weniger danach an, als würde mir ganz Sonelem auf der Nase herumtanzen.
"Auch wenn du glaubst, dass dem nicht mehr so ist, stehst du noch immer unter seinem Schutz."
Sind das Palmwedel über der Düne? Gibt es hier etwa doch Leben? Oder halluziniere ich bereits, weil ich mir nur einen einzigen Schluck Wasser herbeisehne - ach nein, ich könnte ein ganzes Fass leeren.
"Du irrst dich."
"Magie irrt sich nie." Ganz sicher, Runa kennt sich hier aus. In der Ferne mischen sich die Umrisse eines Dorfes zu den Palmen. "Was denkst du wohl, warum du keinerlei Schmerzen empfindest?"
Abrupt verenge ich die Augen. Behauptet sie damit, dass Ashs Eid es mir möglich macht, keine Schmerzen mehr zu spüren? Damit ich es bestmöglich hier aushalte, wenn wir es schon nicht beide aus dem Palast schaffen? Viel lieber würde ich sämtliche Schmerzen auf mich nehmen, wenn ich dafür meine Freiheit wiederhätte.
"Vielleicht hat es mit der Heilung zu tun?", krächze ich mit trockener Kehle.
"So verkaufen wir das zumindest Lucius", stimmt Runa mir zu. "Ash hat seinen Grund, warum er vortäuscht, dich nicht zu kennen. Und ich mag meinen Kopf viel zu sehr, um mich ihm in den Weg zu stellen."
"Woher weißt du das alles?", frage ich und mustere sie von der Seite. Wenn ich daran denke, dass ich Ash vorwarf, meine Gedanken lesen zu können, wirkt das nun wie eine Beleidigung gegenüber Runa. Sie scheint in meinem Leben zu lesen wie in einem offenen Buch und dabei vor-, als auch zurückblättern zu können. "Siehst du meine Vergangenheit und Zukunft?"
"Nein. Ich spüre sie." Sie verzieht den Mund. "Ich weiß nicht, wie dein Bruder aussieht, aber ich fühle, was euch in den letzten Jahren unzertrennlich machte. Die Vergangenheit ist leichter wahrzunehmen, weil sich nichts mehr in ihr ändern kann. Die Zukunft hingegen ist..."
"Unberechenbar?", helfe ich ihr aus und muss mehrmals husten, um meine Stimmbänder in den richtigen Klang zu navigieren. Bitte lass es in dem Dorf nicht nur Schatten, sondern auch ein wenig Wasser geben. "Weil du uns mit deiner Magie empfehlen könntest, einen anderen Weg einzuschlagen?"
Ihr lautes Ausatmen ist nicht wie bei mir dieser unsäglichen Hitze geschuldet, sondern der schweren Last, die sie mit sich trägt. Wie oft hat sie bereits in die Zukunft eingegriffen, um einen tragischen Moment abzuwenden? Und wie oft hat sie sich dabei offensichtlich verschätzt und es nur noch drastischer gemacht? Ich sollte kein Mitleid mit der Frau empfinden, die mir das Leben zur Hölle machen könnte, und doch kann ich nicht anders.
"Viele hätten nicht so leiden müssen, wenn ich mich aus der Zukunft herausgehalten hätte. Nach all den Jahren als Hellseherin in den Gassen Kolons habe ich meine Lektion gelernt: ich werde niemandem mehr die Zukunft vorhersagen." Das hätte ich auch nicht von ihr verlangt. Das Kommende mag heute noch unbezwingbar erscheinen und doch wachsen wir jeden Tag an unseren neuen Herausforderungen. "Aber wenigstens habe ich damit reichlich Geld verdient, bis mich der Stadtherr an Lucius verpfiff."
"Schwer vorstellbar, dass du die Finger von der Zukunft lassen kannst, wenn dir Lucius im Nacken sitzt."
Runa zuckt mit den Schultern als wäre es ein Kinderspiel. "Lucius ist ein Mann, der nur an Magie denkt. Viel wichtiger ist aber, was in unseren Köpfen ist, nicht in unserem Blut."
"Wissen", versuche ich ihr zu folgen und zugleich das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: die Häuser rücken mit jedem Schritt näher. "Du hast dich also in Aerlin eingearbeitet?"
"Es war die Mühe wert. Jedes Problem kann mit einem Zauber gelöst werden, auch deine Hände." Sie wirft mir einen entschuldigenden Blick zu. Vermutlich spürt sie die Unsicherheit, die meine glühenden Finger mit sich tragen. Erst die Handschuhe, dann das Leuchten - ich habe das Gefühl, als würden es mir meine Hände verbieten wollen, Kontakt zur Normalität zu finden. "Ich brauche keine Zukunft, wenn Aerlin den Weg weist."
"Was schlägt Aerlin in meinem Fall vor? Mir die Arme abzuhacken?"
"Du solltest auf Magie verzichten."
"Falls nicht? Lucius wird wohl kaum Rücksicht auf meine Adern nehmen."
Statt einer Antwort, hakt sich Runa bei mir ein und beschleunigt das Tempo. Wir passieren die ersten Ruinen, die nunmehr eine Mauer um die farbenprächtigeren Häuser dahinter bilden. Höre ich da das Lachen von Kindern und den Klang von Trommeln? Rieche ich eine Mischung aus Karamell und Honig? Und sehe ich da etwa Wasser in einem Brunnen? Gierig stürze ich hervor und beuge mich über den Rand.
"Warte." Runa formt ihre Hände zu einer Schale und gibt mir immer wieder kleine Portionen, dann reibt sie mir das frische Blut von den Sommersprossen. "Komm, weiter. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr."
Die Sonne neigt sich mittlerweile dem Boden entgegen, dennoch bin ich froh, als Runa den erstbesten Schatten aufsucht. Ich strecke die wund gelaufenen Füße von mir und lehne den Kopf gegen die kühle Steinwand. Über einer Leine zu meiner Linken flattern mehrere Tücher im Wind und verwöhnen mich mit einer frischen Brise.
"Das hier ist nicht echt", bringe ich hervor. "Woher kommen also die Stimmen?"
"Von mir." In Runas Hand erscheinen Mörser und Stößel, dann eine stachelige Pflanze, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Sie presst den Saft aus den Stängeln hervor und zerreibt ihn zu einer grünen Pampe. "Kolon sprüht voller Leben. Lange Abende mit Tänzen und Musik zwischen den Häusern, die in allen möglichen Farben erstrahlen. Letztendlich sind wir alleine hier, in einem Raum im Palast, aber so gefällt es mir weitaus mehr."
Sie schmiert sich die Pampe auf die Finger und schiebt mir den Ärmel meines Kleides hoch, bis dorthin, wo der Tiger seine Spuren hinterließ. Lange, blutverkrustete Streifen verzieren längs meinen Arm.
"Es beschleunigt die natürliche Heilung", erklärt sie und kreist vorsichtig über die Wunden. "Für deine Adern hingegen gibt es keine natürliche Heilung."
Wäre ja auch zu schön gewesen. Wenn ich jedoch weiterhin meine Magie verwende, werde ich früher oder später von Kopf bis Fuß strahlen.
"Ist es, weil ich ein Mensch bin?" Oder war - so richtig gehöre ich keinem Lager mehr an. Für einen Menschen bin ich zu übernatürlich, für eine Magierin zu unerfahren. "Niemand von euch hat leuchtende Adern."
"Leider ja. Es gibt eine in Vergessenheit geratene Legende, die besagt, dass vor langer Zeit bereits einem Menschenmädchen Magie durch einen Fluch übertragen wurde. Auch sie leuchtete heller als die Sterne in der Nacht, bis das Leuchten ihr Herz erreichte."
Nervös zupfe ich an meinem Armband herum, um das flaue Gefühl im Magen zu unterdrücken. "Starb sie? Weil unsere Körper nicht für die Magie gedacht sind?"
"Nicht durch das Leuchten." Ich zucke zusammen, ob wegen Runas Berührung oder ihrer Erzählung weiß ich nicht. "Sie wurde als lebensfrohes Mädchen beschrieben. Gutmütig, zuversichtlich und ehrlich. Als ihr Herz jedoch vom Leuchten ergriffen wurde, wandelte sich ihre komplette Persönlichkeit. Die Menschen fingen an, ihr aus dem Weg zu gehen, sie zu fürchten. Am meisten aber hasste sie sich selbst für die grässlichen Taten und Worte, die sie ihrer Familie und ihren Freunden zumutete. Nichts davon ließ sich stoppen, nichts davon konnte sie ändern. Ihr gutes Wesen war gefangen in einem Körper, der nur die schlechteste Version ihrer selbst nach außen zeigte. In ihrem Selbsthass soll sie sich das Leben genommen haben."
Mit einem tauben Gefühl in der Brust starre ich auf meine nackten Füße. Könnte ich es ertragen, Luan zu verletzen? Oder Ren und die Anderen zu verraten? Durch Meral zu streifen und zu sehen, wie sich bekannte Gesichter vor mir verkriechen? Vielleicht sogar andere Magier zu jagen, weil ich mich freiwillig dem Dienst verschreiben könnte?
"Legt es Lucius darauf an, meine schlechteste Version zu erreichen?"
"Ich bezweifle, dass er die Legende kennt. Dafür scheint er zu wenig mit dir anfangen zu können." Runa rückt das Kleid wieder zurecht und verteilt den Rest des Breis auf meinen Sommersprossen. "Dass der Magiebann bei dir nicht wirkte, macht ihn jedoch misstrauisch. Er weiß, dass du anders bist als wir. Er weiß nur nicht, dass du ohne Magie geboren wurdest."
"Weil Magie normalerweise nicht übertragen werden kann, oder?"
"Richtig. Magie ist angeboren, aber nicht unbedingt genetisch bedingt. Nur weil zwei Magier ein Kind bekommen, muss es noch lange nicht besondere Fähigkeiten aufweisen. Genauso wie zwei Menschen auf einmal einen Magier in die Welt setzen können." Deswegen sollten Magier einem Stadtherren sofort gemeldet werden, damit der Palast Wind von neuen Kräften bekommt. Es ist wie ein Los - nur, dass sich meines veränderte, obwohl es nicht möglich sein sollte. "Für den Fluch wird das Mädchen sicherlich einen hohen Preis gezahlt haben, um ihre Magie loszuwerden. Du hattest leider das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein."
Die Sonne verschwindet bereits hinter dem Dach des gegenüberliegenden Hauses und wirft lange Schatten auf den Sand, während der Himmel in einem blutigen Rot erstrahlt. Uns bleiben vermutlich nur noch wenige Minuten, bis wir in den Genuss von Lucius' Gesellschaft kommen. Obwohl mir noch immer tausende Fragen auf der Zunge brennen, schlucke ich sie alle für ein Wort hinab, das ich aufrichtig meine: "Danke." Für das neu gewonnene Wissen. Für Schatten und Wasser. Für mehr Freundlichkeit, als ich mir hätte erhoffen können.
Runa lässt die Schale in ihrer Hand verschwinden.
"Danke mir nicht, Talia. Ich werde einiges über dich preisgeben müssen, aber ich will auch nur überleben." Sie meidet meinen Blick. "Es braucht keinen Fluch, damit ich ein Monster werde. Ich bin es schon."
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