• 23 •
Das harte Brot droht mir beim Anblick meines Gegenübers wieder hochzukommen. Er hängt träge auf dem Stuhl, so seitlich geneigt, dass er jeden Moment umkippen müsste. Aus seiner Schulter ragt ein Knochen, die Hose ist am Oberschenkel zerfetzt und frisches Blut tropft ihm vom Kinn. Dennoch zwinge ich mich dazu, die einzige Speise der letzten Tage in mir zu behalten. Wer weiß, wann ich wieder etwas zu essen bekomme?
"Heile ihn." Ungeduldig wippt Lucius mit den Schuhen auf und ab. Ich schüttele den Kopf, erneut. Obwohl er die Hände zu Fäusten ballt, bleibt der Schlag aus. Runa muss ihn offensichtlich über so Einiges informiert haben: meinen Namen, die Magie und die Tatsache, dass ich immun gegen Schmerzen bin. Ob sie sich dabei daran hielt, es auf die Heilung zu schieben, weiß ich nicht. "Hier geht es um ein Leben, Talia."
Und um meines. Ich verschränke die glühenden Finger im Schoß und senke den Blick. Es kostet mich alle Konzentration, nicht der Intuition nachzugeben und nach dem Mann zu greifen, um seine Wunden zu schließen. Das ist, was Lucius will, und ich werde ihm sicherlich nicht in die Karten spielen.
"Er überlebt ohnehin", bringe ich gepresst hervor. Das Jucken in meinen Fingerspitzen treibt mich in den Wahnsinn, selbst wenn ich den Mann nicht anschaue. Ich werde meine Kräfte nicht dafür hergeben, dass ein anderer Magier wieder zurück in die Städte Sonelems kann, um dort sein Unheil zu treiben.
"Du..." Der Mann spuckt mir Blut vor die nackten Zehen. "...Miststück."
Lucius packt mein Kinn - dafür scheint er eine Faible zu haben. "Wenn er wieder laufen kann, darf er sich persönlich auf die Suche nach deinem Bruder machen."
"Mit Vergnügen", fletscht der Magier hinter seinen roten Zähnen hervor.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Niemand weiß, wo Luan ist. Das macht es Lucius schwerer, mich für seine Zwecke zu missbrauchen, solange ihm das passende Druckmittel fehlt. Kaum hatte Runa meinen Namen verraten, wurde Meral kontaktiert, doch der Stadtherr dort konnte nur eine aktuelle Vermisstenanzeige aus seinen Papieren hervorziehen.
Ich werfe einen Blick über die Schulter zu Runa, die das Geschehen stumm vom Rand aus beobachtet. Sicherlich hatte sie ihre Finger im Spiel, denn auch wenn sie ihre Liebsten retten muss, so haften noch immer ihre Worte in meiner Erinnerung: Ich fürchte den Mann, der dir seinen Schutz gab. Ash hat sich seinen Ruf wohl hart erarbeitet, wenn sie mir zuliebe die Wahrheit verdreht. Die Frage bleibt jedoch, warum Ash mir die Schmerzen erlässt, wenn es ihn reichlich wenig interessiert, dass ich die letzten Tage in der Wüste verbrachte? Ist das sein Dank dafür, dass ich ihn zum Archiv brachte?
"Bis dahin werde ich mir wohl zunutze machen, was Runa mir noch über dich erzählte." Lucius kniet sich vor mir auf den Boden. Kaum merklich rutsche ich zurück, doch die Lehne bohrt sich mir bereits in den Rücken. Eine Flucht gibt es nicht, erst recht nicht vor seinen Fingern, die den Saum meines Kleides packen und über die Knie ziehen. Ich erstarre regelrecht, doch er hat sein Ziel noch lange nicht erreicht. Langsam streicht er über meinen rechten Oberschenkel und studiert jede meiner Regungen. Ich presse die Lippen aufeinander, kaum ertastet er den Rand der Narbe. "Also hatte sie recht."
Mit einem süffisanten Grinsen schiebt er den Stoff höher und entblößt für alle sichtbar die Gleichgültigkeit meiner Mutter. Am liebsten würde ich mich unter ihren schockierten Blicken winden und das Kleid wieder über meine Beine zerren, doch Lucius schlägt bloß meine Hand weg.
"Nicht doch, Engelchen. Wir fangen gerade erst an."
Ich weiß nicht, was mich mehr anwidert: wie er ehrfürchtig meine Narbe nachfährt, als wäre es ein Kunstwerk, oder dass ich ihm seine Pläne bereits vom Gesicht ablesen kann. Runa mag Luan mit der Anzeige vorerst aus der Schusslinie geholt haben, doch Lucius schreckt nicht vor einer weiteren Narbe zurück, um mich unter Kontrolle zu bringen.
"Tee also?" Ich rieche die Gewürze, bevor der Kessel in meinem Blickfeld erscheint. Panisch zuckt mein Blick zu Runa, doch sie heftet den Blick zu Boden, als würde sie sich schämen. "Darf ich dir eine Tasse anbieten? Oder eher jemand, der dich schon viel zu lange nicht mehr sehen durfte?"
Lucius hebt den Deckel an. Trüber Dampf steigt empor und flutet den Raum, bis alle Anwesenden im Nebel untergehen. Zurück bleibe nur ich, verloren auf diesem wackeligen Stuhl, mit einem Kessel voller fruchtigem Tee und einem Umriss, der sich aus dem Nebel löst. Es ist ein Mann, das erkenne ich sofort. Von Panik getrieben springe ich auf, werfe den Stuhl achtlos um und stürze zur Tür - weg von dem Mann, der mir meine erste Narbe bescherte. Doch dort, wo eben noch Runa neben dem Ausgang stand, ist kahle Steinwand. Ein Schlupfloch gibt es nicht. Ich bin gefangen, völlig alleine mit ihm wie damals, als meine Mutter mein Schicksal besiegelte.
"Lia."
Ich brauche einen Moment, um den Klang seiner Stimme verkraften zu können. Der Schmerz, mit dem er mich überwältigt, kann von keinem Eid gelindert werden. Weil es nicht meine Haut ist, die leidet, sondern mein Herz. Weil ich niemals dachte, eines seiner Worte noch einmal hören zu dürfen. Meine Stirn sackt gegen die Wand, gegen das einzig Feste im Raum.
"Das kann nicht sein", flüstere ich tonlos, als hätte seine Stimme mir meine geklaut. "Du bist nicht wirklich hier."
"Lia, schau mich an." Ich kralle die Finger in die Wand, verzweifelt auf der Suche nach Halt. Nach Stabilität, die ich so lange nach seinem Tod suchte. In meiner Brust wütet ein Sturm: eine Wucht an Liebe, an Schmerz, Erinnerungen und an ein endloses Vermissen. Letzteres wird nur noch schlimmer, sobald mich seine Leere ein zweites Mal trifft. "Bitte."
"Ich kann nicht." Ich sollte nicht. Für viele Gesichter wäre ich gewappneter gewesen: meine Mutter oder den Mann, der meinen Körper zeichnete, doch sicherlich nicht für meinen Vater. "Du bist tot."
Seine warme Hand legt sich auf meine Schulter. Ich brauche nicht hinzusehen, um die Schwielen auf seinen Fingerkuppen zu wissen. Oder die Narbe auf seinem Daumen und das geflochtene Armband mit einer weißen Perle um das Handgelenk, passend zu meinem. Auch wenn ich weiß, dass diese Berührung nicht echt ist, würde ich mich nur zu gerne umdrehen und mich in seine Arme werfen. In Vertrautheit und Geborgenheit. In eine unbeschwerte Kindheit, die eines Tages tiefe Risse bekam.
"Komm schon, Lia. So sagst du deinem alten Herrn doch nicht etwa Hallo?"
Ach, scheiß drauf. Ich wirbele herum und werde von seinen offenen Armen willkommen geheißen. In seinem Pelzmantel haftet noch immer der vertraute Geruch nach Wachs und Salz. Und da brechen sämtliche Dämme: ich weine, so bitterlich, dass mein Körper zittert. Weil da so vieles ist, was ich ihm gerne sagen würde. Weil Luan diese Umarmung ebenso gebrauchen könnte, wo auch immer er gerade sein mag.
"Nicht weinen, meine Kleine." Seine Hand streicht federleicht über meinen Rücken als wisse er von der Verletzung. "Oder sollte ich lieber sagen: meine Große?"
"Ich bin keine Handbreite mehr gewachsen", schniefe ich an seiner Brust und klammere mich an ihm fest. Dennoch warnt mich die leise Stimme in meinem Kopf: Lucius wartet.
"Erzähl schon", fordert er mich auf, bevor er sich dem Kessel zuwendet und mir eine Tasse Tee einschenkt. Ich weise dankend ab. Das Gewissen nagt an meiner Freude, ihn wiederzusehen: ich wusste die ganze Zeit, dass Mutter dich betrog. "Wie geht es euch?"
Wir haben lange gebraucht, um wieder in einen Alltag zu finden, nur damit ich nun alles wieder mit der Magie auf den Kopf stelle. Ich habe keine Ahnung, was mit Luan passiert ist oder wie ich aus diesem verfluchten Palast kommen soll, geschweige denn, wie es danach weitergehen soll. Lucius würde mich jagen. Meral ist kein sicherer Hafen mehr und meine Adern tragen einen Kampf gegen mich selbst aus - könnte ich meinem Vater tatsächlich ein Mir geht es gut auftischen?
"Ich habe Angst", gestehe ich kleinlaut.
Mein Vater setzt sich auf den Boden und klopft neben sich - es war schon immer so unkompliziert mit ihm.
"Wer keine Angst verspürt, besitzt keinen Lebenswillen, Lia. Nur, wer fürchtet, etwas zu verlieren, möchte auch darum kämpfen. Und du kämpfst mit allem, was du hast."
Ich schaue zu ihm auf. "Deine Worte haben mir so gefehlt. Du hast mir gefehlt."
Mein Vater lächelt. Doch zu meinem Entsetzen nicht freudig, sondern vielmehr heimtückisch. So hat er mich noch nie angesehen.
"Ich würde diese Worte gerne zurückgeben, meine Kleine, aber man soll nicht lügen." Die Stimmung kippt schlagartig- und mit ihr das Gefühl in meinem Brustkorb. Wo eben noch die Hoffnung flatterte, schlägt nun der bittere Takt der Erkenntnis: mein Vater weiß, was ich ihm niemals ins Gesicht sagen konnte. "Dabei hast du nie gelogen, sondern mir einfach nicht die Wahrheit gestanden."
"Ich..." Verzweifelt drehe ich eine Perle zwischen meinen Fingern. Es gibt keine Rechtfertigung für mein Schweigen - ich war jung und verängstigt, aber das erklärt nichts.
"Und selbst jetzt schaffst du es nicht." Sein missbilligender Blick fährt mir unter die Haut wie eine scharfe Klinge. "Erbärmlich, meine Kleine, einfach nur erbärmlich. Achtzehn Jahre und du schaffst es noch immer nicht, ehrlich zu sein. Nicht einmal für Luan. Welch eine Zumutung, dich als Schwester haben zu müssen."
Tief und unnachgiebig treffen mich seine Worte ins Herz. Ein Stich nach dem anderen. Ich presse die Lippen aufeinander, sperre meine Fehler in mir ein. Protest bringe ich nicht hervor - ist das, was Lucius aus ihm macht oder würde mich mein Vater tatsächlich mit diesen Worten rügen? Mir klar aufzeigen, wie enttäuscht er von mir ist? Wie sehr ich ihn verfehlt habe? Ist Luan abgehauen, weil er mich nicht mehr ertragen konnte?
"Komm schon, Lia, rede. Du hattest vier Jahre Zeit, dir eine Ausrede zu überlegen."
Mein Körper zittert, als ich wegrutsche. Ich brauche Abstand - seine geballte Wut trifft mich ohnehin an Stellen, wo keine Faust hinkommt.
"Das bist nicht du", rede ich mir selbst ein.
"Natürlich nicht! Das ist, was du aus mir gemacht hast!" Instinktiv ducke ich mich weg, als er eine Tasse über meinen Kopf schwenkt. Ein boshaftes Lachen erfüllt den Raum. "Mach dich ruhig klein. Etwas Anderes kannst du nicht. Bist du nicht."
Er packt mich am Bein, zerrt mich zu sich. Die wenigen Schritte Abstand sind dahin, werden überschattet von seinem festen Griff.
"Lass mich los", flehe ich. "Bitte."
"Sonst?" Wie auch Lucius hebt er das Kleid an, doch dieses Mal wird mein linkes Bein entblößt - unversehrte Haut, die nur darauf wartet, von ihm gebrandmarkt zu werden. "Du tust doch eh nichts, genau wie damals."
Schweiß läuft mir über die Stirn. Seine körperliche Überlegenheit versetzt mich in Schockstarre - lass es einfach über dich ergehen. Er ist nicht echt. Gelähmt sitze ich da, gefesselt von meinen Erinnerungen. Dieses Mal ist es jedoch kein fremder Mann in einem vertrauten Raum, sondern ein vertrauter Mann an einem fremden Ort - und das fühlt sich noch viel schlimmer an. Weil für mich nie ein Ort mein Zuhause war, sondern mein Vater und Luan.
"Komm schon. Wehr dich."
Er zerreißt das Kleid, bis mein gesamter Oberschenkel freiliegt. Ich schüttele den Kopf - die einzige Macht, die ihn stoppen könnte, ist meine Magie. Bei dem Hauch von Kontrolle, den ich bislang darüber habe, schicke ich ihn auf eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod, wenn ich das Feuer loslasse. Das kann ich nicht. Selbst wenn er schon tot ist. Selbst wenn er nicht er selbst sein sollte.
"Du bist so schwach. So klein und schwach wie damals." Er spuckt mir vor die nackten Füße, angewidert und enttäuscht. "Meine eigene Tochter, eine Schande sogar für die Toten."
Hilflos zuckt mein Blick umher. Hier ist nichts, nur der Kessel, mein Vater und ich. Niemand, der mich aus diesem Albtraum befreit. Nichts, womit ich mich selbst retten könnte. Verzweifelt starre ich auf meine Hände - ich kann ihn nicht anzünden wie einen Haufen Scheitholz. Ich kann nicht zusehen, wie sein Gesicht von den Flammen gefressen wird. Will nicht hören, wie er vor Schmerzen schreit. Darf den Tod nicht riechen, wenn sich der Geruch von versengter Haut und würzigen Kräutern vermischt.
Als mein Vater sich über mich beugt und der erste Tropfen Tee aus der Tasse auf meine Haut schwappt, werde ich jedoch gnadenlos aus meiner Starre katapultiert. Wer fällt, verliert. Und du wirst nicht verlieren.
Nicht gegen das, was Lucius aus meinem Vater macht. Ich reiße das Bein hoch, direkt in seine Kniekehle. Er verliert das Gleichgewicht, fängt sich mit der freien Hand jedoch ab. Bevor ich auf die Füße komme, wirft er sich bereits auf mich. Mein Kopf donnert auf den Boden, so hart, dass ich kurz vergesse, wo oben und unten ist. Wo die Gefahr lauert. Blind taste ich nach dem Kessel und schleudere ihn meinem Vater entgegen.
Der heiße Tee prasselt auf uns nieder. Dieses Mal werde ich jedoch nicht nur von den Schmerzen, sondern auch durch seinen Körper abgeschirmt. Da ist zwar kein einziger Tropfen auf meiner Haut, aber noch weniger das, was ich mir damals herbeisehnte: Schutz. Nicht einmal meine Erinnerungen sind hier sicher. Lucius weiß alles zu manipulieren, sogar die Vergangenheit zu ruinieren. Denn über meine alten, verblassten Erinnerungen legt sich eine neue: mein Vater, der mich eine Schande nennt. Schwach und klein. Lieber würde ich ein Leben lang durch die Wüste streifen als sein wahres Ich unter der Illusion zu verlieren.
Schritte erklingen irgendwo neben mir, doch ich öffne meine Augen nicht. Ich habe keine Chance mehr auf neue, echte Momente mit meinem Vater. Lässt Lucius denn wenigstens das Einzige, was mir von meinem Vater geblieben ist, in Ruhe, wenn ich mich füge?
"Ich tue es." Das siegesreiche Auflachen von Lucius erfüllt mich mit Scham: er hat einen wunden Punkt getroffen und ich gebe klein bei. Genau so, wie es mir mein Vater vorwarf. "Ich heile ihn."
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