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Seit seiner Kindheit sehnt sich Luan schon danach, in den Süden zu reisen und auf Kamelen in die Wüste zu reiten. Seine Meinung kann ich sicherlich umstimmen, wenn ich ihm verrate, dass es keinen Tag dauerte, bis ich mich hinter einem ausgedörrten Baumstamm zusammenrollte und meine letzte Mahlzeit wieder ihren Weg zurück durch meine Speiseröhre fand. Seitdem schmecke ich noch immer den bitteren Geschmack des Erbrochenen auf meiner Zunge. Wasser zum Ausspülen finde ich hier gewiss nicht - und wenn dann, würde ich es dafür nutzen, meinen gierigen Durst zu bändigen.
Die Wanderung der Sonne am Horizont neigt sich dem Ende zu und erfüllt den Himmel in einer saftigen Farbenpracht. Meine Haut lechzt bereits nach Erholung, obwohl ich mir ein Stück des Kleides abriss und um mein Gesicht wickelte. Dennoch brennen die Sommersprossen, wann immer der Wind das Tuch verrückt und die Sonne aggressiv auf meine Haut strahlt. Unter meinem linken Auge blutet es bereits, rechts haben sich die Sprossen besser gehalten.
Das Alles würde mir jedoch keine Sorgen bereiten, wenn ich ein Ziel vor Augen hätte. So streife ich vorwärts gen Norden und kämpfe gegen den Sand an, der unter meinen nackten Füßen wegsackt, aber es zugleich bis in meinen Mund geschafft hat. Wenn ich hier raus bin, hoffe ich auf ein kurzes Bad, um diese lästigen Körner wieder loszuwerden. Vermutlich verwehrt mir Lucius aber diesen Luxus. Soll er doch - ich verwehre ihm meinen Namen.
Als die ersten Sterne über mir aufblitzen, gestatte ich mir eine Pause. Ringsherum sind verlassene Dünen, so weit das Auge reicht. Keine Oase, nicht einmal eine schattige Ruine, kein Hauch von Leben. Nur ich, mit wunden Füßen und leerem Magen mitten im Sand sitzend. Ich lasse mich zurückfallen und betrachte den wolkenlosen Himmel, der sich wie ein dunkelviolettes Tuch über mir ausspannt, durchstoßen von tausenden, funkelnden Nadeln.
Ich habe gehört, dass die Nächte der Hitze am helllichten Tag in Nichts nachstehen: nun erwachen monströse Tiere zum Leben und begeben sich auf die Jagd. Perfekt, da mir meine letzte Waffe, das kleine Taschenmesser, von Lucius persönlich abgenommen wurde. Schutz gibt es hier keinen, nur die Magie in meinen Adern. Ob ich jedoch unter permanenter Beobachtung stehe, weiß ich nicht, daher werde ich so lange wie möglich auf das Feuer verzichten.
Nachdem ich, dem Einbruch in den Palast geschuldet, bereits eine schlaflose Nacht hinter mir habe, kämpfe ich allmählich gegen die Müdigkeit an, doch ich gestatte mir keine lange Rast. Sollte ich einschlafen, liege ich völlig wehrlos da. Also stapfe ich barfuß weiter durch den mittlerweile kalten Sand. Der Wind verwischt meine eigenen Spuren und macht es schwerer, die Orientierung zu bewahren, doch ich hebe den Blick und suche nach jenem unbeweglichen Stern, den die Alten Anker des Himmels tauften. Immer im Norden, immer wachsam.
Je tiefer die Nacht fällt, umso weiter kreisen alle anderen um ihn. Das Sternbild der Schlange, dessen Kopf bei Einbruch der Dunkelheit noch über mir stand, wandert träge Richtung Westen. Mehrere Stunden sind bereits vergangen, doch ich laufe und laufe. Der Wind raschelt im Sand, als wollte er mir zustimmen: kein Weg, kein Laut außer meinem Atem. Hier sind nur der Anker des Himmels und ich. Bis sich das Zittern in der Luft zu uns gesellt. Lautlos, kaum spürbar, wie das Flackern eines schwachen Gedankens: das war nur die Ruhe vor dem Sturm.
Alarmiert wage ich einen Blick über die Schulter. Die Nacht ist finsterer geworden. Der Anker des Himmels versiegt hinter einer Wolkenfront, die alles unter sich begräbt und in rasanter Geschwindigkeit auf mich zurollt. Dann kommt der Wind. Nicht wie zuvor, kühl und tröstlich. Dieser Wind kommt aus der Tiefe der Wüste, eine Warnung der Natur an meine Magie: gegen ihn kann sich keiner wehren.
Der erste Sand trifft mich wie eine Peitsche, hart und unaufhaltsam. Innerhalb eines Atemzugs ist da keine Luft mehr zum Atmen. Ich ziehe mein Tuch über Mund und Nase, ducke mich, doch Schutz gibt es keinen. Keinen Felsen, keinen Baum, und so brettert der Zorn der Wüste unnachgiebig über mich hinweg. Der Sturm frisst alles, jede Richtung, jede Sicherheit, und lässt mich stillhalten, während alles um mich herum gleich wird: links, rechts, oben, unten. Er verknotet meine Haare, reibt mir die empfindliche Haut um die Sommersprossen wund und dröhnt in meinen Ohren wie ohnegleichen. So laut, dass ich erst merke, dass das Fauchen nicht dem Sturm angehört, als ich das Gewicht bereits auf meinem Rücken spüre.
Ich fange mich auf den Händen ab, da überwältigt mich das Gefühl, die Welt wolle mich unter sich zerdrücken. Klauen bohren sich in meinen Rücken, tief und scharf. Ich warte darauf, dass mich der Schmerz in eine tödliche Ohnmacht wiegt, aber er bleibt aus. Wieder einmal. Mein Körper gehorcht ohne jeglichen Befehl. Ich werfe mich zur Seite, weg von dem Raubtier, das der unbarmherzige Sturm mit sich brachte. Als ich aufblicke, sehe ich nur Umrisse: einen riesigen Schatten, ein offenes Maul mit Zähnen wie Klingen, vier Tatzen, jeweils so groß wie mein Gesicht.
Der Tiger knurrt. Ich kralle meine Hände in den Boden und konzentriere mich auf meine Atmung: Luft anhalten, Energie sammeln. Lucius braucht mich lebend, aber dennoch werde ich mich nicht halbtot zerfetzen lassen, bis er so viel Güte aufbringt und mich hier herausholt.
Als der Tiger ein weiteres Mal auf mich zustürzt, weiche ich nicht aus. Ich ramme ihm die Schulter entgegen, lasse mich von seiner Wucht umwerfen und visiere mit der bloßen Faust seine Beine an. Ziele tief.
Es dauert einen Moment, bis meine Magie gehorcht - einen Moment zu lange. Der Tiger fährt herum und schnappt nach meinem Arm. Ich spüre das Blut nicht, ich sehe es nur. Dennoch klammere ich mich verbissen am dichten Fell fest, bis es so grelles Feuer fängt, dass ich reflexartig die Augen zusammenkneifen muss.
Ein gequältes Heulen zerschneidet das Tosen des Sturmes, der Tiger wälzt sich im Sand. Während er das Feuer erstickt, starre ich gebannt auf meine Hände: das Leuchten breitet sich ebenso rasant aus wie die hungrigen Flammen. Jedes Mal ein Stückchen mehr, doch dafür ist gerade keine Zeit. Ich stemme mich in die Höhe, Schwindel überkommt mich beim Anblick des tiefroten Sandes um uns herum. Ist es sein Blut oder meines?
Der Tiger scharrt angriffslustig, wagt einen weiteren Satz nach vorne. Reflexartig schnellt mein Arm vor, eine Flamme tanzt warnend über meine Handfläche: Ich bin keine Beute. Ich bin der Sturm, vor dem selbst Raubtiere fliehen müssen.
Obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprechen, versteht er mich auch so. Mit einem unzufriedenen Schnauben zieht er sich in den Sandsturm zurück, so mühelos und schnell, wie er kam. Mehrere Momente lang warte ich darauf, seinen Schatten um mich herumpirschen zu sehen, doch als der Sturm fortzieht, bleiben nur der Anker des Himmels, blutiger Sand und ich zurück.
Erschöpft sacken meine Beine in sich zusammen. Ehe meine Knie auf die Körner treffen, weichen sie hartem Boden.
"Engel spielen nicht mit dem Feuer." Lucius heißt mich mit einem besserwisserischen Lächeln im Südtrakt des Palastes willkommen. "Sollte ich dich Teufelchen nennen oder willst du mir nicht lieber deinen richtigen Namen verraten?"
Offensichtlich hatte er das ganze Spektakel im Blick und weiß über meine Magie Bescheid. Solange ich nicht nachgebe, kommt er nicht an Luan.
Entschlossen recke ich das Kinn in die Höhe, während warmes Blut von meinen Armen auf den Boden tropft. Wieso empfinde ich keinerlei Schmerzen? Mein Körper driftet jeden Moment in die Bewusstlosigkeit ab, da müsste ich doch vor Schmerzen winseln.
"Der Tiger war ein netter Anfang, aber noch lange nicht genug", bringe ich hervor und vernehme, wie mir Schwärze die Sicht raubt.
Zu viel Blut, ich habe viel zu viel Blut verloren. Aber ich habe die Wüste überlebt. Jetzt lege ich es in Lucius' Hände, über die nächste Aufgabe zu entscheiden. Dass diese folgen wird, vernehme ich seinem herausfordernden Ton, als ich vornüber auf den Boden pralle: "Genieße deinen Schlaf, Engelchen. Du wirst ihn brauchen."
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