¤38¤
Taehyung Pov
Fasziniert beobachte ich wie sich die Regentropfen an dem überraschend sauberen Glas des Fensters haften bleiben oder ihren Weg daran nach unten finden.
Ich bin ein typischer Herbst Mensch, der die schöne Atmosphäre genießt wenn die Blätter sich verfärben und auf dem Boden liegen bleiben. Genau beschreiben warum ausgerechnet das die liebste Jahreszeit von allen ist kann ich nicht, es ist einfach so.
Vollkommen in den Bann des Regens gezogen achte ich nicht einmal auf die Tür, die mit solch einer Gewalt aufgestoßen wird, dass ich glaube die Wand dahinter könnte Schäden davon tragen.
Nur langsam löse ich mich von den Tropfen und sehe in die Richtung aus der es eben gekommen ist, aber als ich sehe um wen es sich bei der Person handelt verliere ich sofort die mir vom Wetter geschenkte Ruhe und springe auf.
Alleine ihn zu sehen reicht aus um mir ein Lächeln auf das Gesicht zu zaubern, allerdings verschwindet es in dem Moment, in dem ich seine Wut bemerke.
Seine Augenbrauen sind zusammengezogen, die Augen gerötet und das ganze Gesicht ist mit Tränen übersät als er vor meinem Tisch stehen bleibt und sein Handy rauf legt.
Es fällt mir schwer nicht sofort zu fragen was los ist oder überhaupt den Blick abzuwenden, aber er zeigt auf das Handy, ein stummer Befehl die Klappe zu halten und hin zu sehen.
Verwirrt nehme ich es in die Hand und erkenne sofort woher diese Tränen und diese Wut her rühren. Er braucht nichts sagen um es für mich verständlich zu machen, das Bild sagt es mir bereits.
Am liebsten würde ich denjenigen, der dafür verantwortlich ist sofort für solch eine Geschmacklos Aktion umbringen, aber ich weiß, dass ich nicht weniger Schuld daran trage.
Ich dachte, die Sache sei vergessen, dass das Mädchen sich deswegen keinen großen Kopf gemacht oder erkannt hat, dass es sie nichts angeht. Immerhin war drei Tage Ruhe, drei Tage in denen ich jedes mal gefürchtet habe mein Fehler könnte mir übel zu stehen kommen und jetzt tut er es auch.
Es ist ein Bild von einem Mann, den man von der Seite auf allen vier hocken sieht während er von hinten... Na ja, während er von hinten von einem anderen Mann durch genommen wird. Auf das Gesicht des Mannes, welcher auf den Knien ist, wurde ein Foto mit dem Gesicht von Jungkook eingefügt.
Neben diesem Bild steht: Jungkook liebt es angefasst zu werden, Männerhände sind ihm die liebsten.
Mir kommen selber die Tränen, aus so vielen Grünen. Ich kann nicht glauben, dass es Menschen gibt, die Gerüchte gerne verarbeiten und noch weniger kann ich glauben das jemand von ihnen solche Sachen macht. Sie sind doch Alt genug um zu wissen, dass das einen Menschen mehr als nur verletzen kann, das es in der Lage ist sein ganzes Leben zu ruinieren.
Aber ich hätte es auch wissen sollen.
"Jungkook... Es tut mir leid..." Ich lasse das Handy sinken und lege es zurück auf den Tisch um ihn anzusehen, ohne mich von diesem ekelhaften Witz ablenken zu lassen.
"Du warst es also wirklich."
Eine Weile steht er nur da und starrt mich stumm an. Noch nie habe ich es so sehr gehasst alleine mit ihm in einem Raum zu sein. Die Anspannung, seine Gefühle und meine eigene Schuld werden mir mit jedem ticken der Uhr klarer.
Er tritt mit voller Wucht gegen den Lehrerpult, sodass dieser gegen die Wand kracht. Ohne mich anzusehen nimmt er sein Handy wieder an sich und verschwindet genau so schnell wie er gekommen ist.
Ich lasse meine ganzen Sachen, samt meinem Handy und der Schultasche, einfach liegen und renne ihm sofort hinterher. Die Schüler sind gerade dabei in ihre Klassen zu gehen, aber ich ignoriere meine Mathelehrerin an der ich vorbei laufe und die mir hinterher ruft, dass der Unterricht bereits angefangen hat.
Es ist mir egal, welche Note sie mir für die heutige Mitarbeit gibt wenn ich schwänze, weil es wichtigeres gibt als das. Noch nie hat sich mein Körper so schwer angefühlt, als wären meine Beine aus Blei.
Der Regen prasselt mir sofort ins Gesicht nachdem ich das Gebäude verlasse. Froh darüber meine Beine doch noch anständig bewegen zu können, renne ich zum Schultor, an dem Jungkook bereits angekommen ist.
Die Hände ausgestreckt lege ich eine auf seine Schulter und reisse ihn herum. Bei dem Versuch, meine Hand weg zu schlagen stolpert er fast über seine eigenen Füße, fängt sich im letzten Moment aber und sieht mich voller Hass an, als wäre ich auch daran Schuld.
"Fass mich nicht an", zischt er und möchte sich wieder umdrehen, aber ich schlinge die Arme um ihn und drücke ihn so fest an mich heran, dass er sich so schnell nicht befreien kann.
"Bitte hör mir zu", flehe ich und vergrabe mein Gesicht in seinem Hals. Vollkommen unerwartet trifft mich allerdings seine Faust im Magen und dieses mal bin ich derjenige, der zurück taumelt.
"Ich möchte nichts hören. Keine Rechtfertigung, keine Entschuldigungen."
"Was willst du dann?", frage ich und man hört die Verzweiflung deutlich in meiner Stimme heraus.
Ich kann nicht erkennen ob er immernoch weint oder ob es nur der Regen ist, der sein Gesicht und seinen gesamten Körper durchnässt. Merkwürdigerweise ist es genau dieser Regen, den ich vor ein paar Minuten noch voller Faszination beobachtet habe, der die Trauer Jungkooks jetzt untermalt und der mein schlechtes Gewissen nur noch mehr schürt.
"Soll ich dir was sagen Taehyung? Das tut weh." Trotz des Regens der meine Sicht um mindestens die Hälfte verschlechtert erkenne ich das beben seiner Unterlippe. "Ich habe dir vertraut und ich dachte du seist der einzige Mensch in meinem Leben, der dieses Vertrauen verdient hat."
"Du kannst mir vertrauen, wirklich, Jungkook..." Ich suche nach den passenden Worten, aber ich habe nicht die nötige Zeit um mir etwas zurecht zu legen. Er könnte jeden Moment wieder weg laufen. "Als ich gesehen habe, dass du so gut mit Jimin klar kommst und das ich nicht mehr der einzige bin, der dich anfassen kann... Verdammt, Jungkook, ich wollte das nicht, bitte glaub mir."
Ich mache einen Schritt auf ihn zu und strecke die Hand nach ihm aus, aber er tut etwas, was mich an das aller erste Gespräch von uns beiden erinnert. Er schlägt meine Hand weg und fässt sich danach an die Stelle, wo unsere Haut sich berührt hat.
"Jimin hat mich nicht angefasst. Nicht direkt, da war Stoff dazwischen und ich habe Dank dir gelernt es zu ertragen, aber nur du durftest mich direkt berühren, alles gehörte dir. War das nicht genug?" Seine Stimme wird mit jedem Wort lauter. "Dieses Bild ist bereits schlimm genug, aber weißt du, was den ganzen Tag los war? Die Leute strecken ihre Hände nach mir aus, berühren mich und egal wie oft ich mich wasche, sie tun es immer wieder. Glaubst du wirklich, dass eine Entschuldigung genug ist? Du warst der einzige, der diese Sachen über mich wusste und du bist der einzige, der mich jemals so verletzt hat."
Jetzt erkenne ich es ganz deutlich, die Tränen, die seine Wange hinunter laufen und die quasi Verrat schreien. Wie viel würde ich geben das alles wieder rückgängig zu machen, die Zeit zurück zu drehen und mir die Lippen zu zu kleben wenn es sein muss.
Aber ich kann es nicht.
Meinen Fehler kann ich weder ungeschehen machen, noch kann ich Jungkook dazu bringen es zu vergessen.
Ich lasse mich, ohne darauf zu achten ob es weh tun wird, auf die Knie fallen und sehe herauf zu ihm, bis er mir in die Augen sieht.
"Was soll ich tun, Jungkook? Bitte, ich tue alles. Ich sage dem Mädchen, dass ich gelogen habe, dass diese Sachen auf mich zutreffen. Erzähl jedem was du willst über mich, sag ihnen Wahrheiten oder Lügen, aber bitte, ich flehe dich an, bitte hasse mich nicht."
Meine Tränen vermischen sich mit den Tropfen des immer stärker werdenden Regens. Es ist, als würde der Himmel mit mir weinen, als hätte er noch vor uns beiden gewusst, welches Ende das ganze hier finden würde.
Jungkook tritt einen Schritt zurück, die Hände zu Fäusten geballt und den Kiefer angespannt, bereit die Antwort zu geben, die ich niemals mehr vergessen werde.
"Dafür ist es bereits zu spät."
~~~~~
Ich spüre den Hass jetzt schon
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top