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Jungkook Pov

Ich denke, ich sollte mich glücklich schätzen noch nie an einen solchen Ort gemusst zu haben. Die Atmosphäre, die auf dem Friedhof herrscht ist düsterer und mitten zwischen all den trostlosen Grabsteinen befindet sich einer, der besonders auffällt und auf genau den steuern wir zu.

Taehyung bleibt direkt davor stehen, während ich etwas Abstand halte und versuche erst einmal überhaupt zu verstehen was wir hier tun. Aber mir ist klar, dass ich keine Antwort von den Bäumen und den vielen Blumen hier bekommen werde, deswegen sehe ich ihn an, aber er ist ganz konzentriert auf den Grabstein direkt vor ihm. Ich folge seinem Blick und obwohl ich geahnt habe, wer unter der Erde begraben liegt, nimmt es mich unglaublich mit.

Kim Hana
01.01.2011 - 10.04.2014

Der erste Gedanke, der mir dabei kommt, ist dass das Mädchen im selben Jahr Geburtstag hat wie Yeongja. Wenn sie heute noch leben würde, wäre sie genau genauso alt wie sie und alleine der Gedanke, meine Schwester zu verlieren und dazu noch in solch einem jungen Alter ist viel zu schrecklich für mich, als das ich da weiter dran denken will.

Der zweite Gedanke ist das Datum, das mir erst jetzt auffällt und das sämtliche Glocken in meinem Kopf läuten lässt. Heute ist der Todestag seiner Schwester.

Besorgt starre ich ihn von der Seite an, während er ihr Grab weiterhin betrachtet ohne sich anmerken zu lassen, was er dabei empfindet.

Jetzt ist auch alles vergessen was vorher zwischen uns passiert ist. Die Enttäuschung und die Wut darüber, dass er mich so angefahren hat ist plötzlich total verständlich für mich. Ich hätte genauso reagiert.

"Darf ich dir erzählen, was passiert ist?", fragt er mich aus heiterem Himmel mit leiser Stimme.

Der Regen hat nicht aufgehört, aber er ist deutlich schwächer als vorhin und obwohl wir beide uns hundert Prozentig nach diesem Ausflug erkälten werden, nicke ich, bevor er sich wieder umdreht.

Er war es, der mir gesagt hat das wir uns heute nicht sehen sollten, das er von mir in Ruhe gelassen werden will und doch merke ich nur durch das ansehen seines Rückens und seines gesenkten Kopfes, dass er mich braucht. Oder besser gesagt jemanden zum Reden.

"Unsere Nachbarn feierten den Geburtstag ihres Kindes und hatten Hana eingeladen mit ihnen zu kommen. Sie war erst drei, aber ein unglaublich lebensfrohes Mädchen und obwohl meine Eltern sich Sorgen gemacht haben, da es das erste mal wäre, dass sie etwas ohne die beiden unternimmt, haben sie nachgegeben, weil ich ihnen sagte, das es gut für sie wäre. Ich habe sie dazu überredet sie gehen zu lassen."

Es entsteht eine kurze Pause und als ich Taehyung wieder ansehe, merke ich das er langsam die Fassung verliert. Seine Augen glänzen, weil sich Tränen darin bilden und er ballt die Hände zu Fäusten, als müsse er sich kontrollieren.

"Sie waren auf der Autobahn als es passierte. Der Verkehr stockte und sie hielten an, aber der Fahrer hinter ihnen war viel zu abgelenkt um das zu bemerken. Abgelenkt von seinem Handy."

Die letzten Worte kommen nur leise über seine Lippen und als ich einen Schritt nach vorne trete um ihn anzusehen, merke ich das der Damm gebrochen ist. Taehyungs Gesicht ist von all der Trauer besetzt, die er den ganzen Tag mit sich herum getragen haben muss und der Regen von vorhin ist kein Vergleich zu all den Tränen, die seine Wangen hinunter fließen.

"Sie waren alle sofort Tot", sagt er und jetzt bricht seine Stimme endgültig.

Ich habe nie viel mit Menschen zu tun gehabt, immerhin ging ich ihnen so gut es geht aus dem Weg und Mitgefühl war nie meine Stärke, bis jetzt.

Noch nie habe ich solch eine Trauer bei jemandem gesehen und selber gespürt. Ich kannte seine Schwester nicht, alles was ich kannte war ein großes Bild an der Wand im Wohnzimmer seines Hauses und doch vermisse ich sie.

Ich vermisse sie, weil er sie vermisst.

Alles was er empfindet, die Trauer, Hilflosigkeit und der Hass gegenüber dem Mann, der ihm jemanden den er liebte genommen hatte, das spüre ich auch. Zum ersten Mal glaube ich zu wissen, was er denkt. Ich glaube zu wissen, welche Fragen ihn beschäftigen und ihm keine Ruhe lassen.

Er fragt sich, ob er das hätte verhindern können, ob es irgendetwas gäbe, was er hätte tun können, um sie jetzt noch bei sich zu haben, aber vor allem gibt er sich mehr Schuld als diesem Mann.

"Du hast gesagt, du würdest nicht in der Zeit zurückreisen wenn du es könntest. Aber ich würde es. Ich würde alles dafür geben, zurück zu können und mein damaliges ich davon abzuhalten meine Eltern zu überreden sie gehen zu lassen."

Es war ohne jeden Zweifel die Schuld des Mannes. Wieso können die Menschen ihr Handy nicht mal am Steuer ruhen lassen? Es ist seine Schuld, er hat das Leben eines Menschen auf dem Gewissen, nicht Taehyung und doch bin ich mir sicher, dass dieser sich mehr quält.

"Du weißt, dass das nicht deine Schuld ist", sage ich und trete näher an ihn heran, aber er schüttelt nur den Kopf.

"Es geht nicht darum wer Schuld ist, Jungkook. Es geht darum, wer das hätte verhindern können."

Dieses mal bin ich es der den Kopf schüttelt, aber er sieht mich nicht an, wahrscheinlich sieht er Dank den Tränen in seinen Augen überhaupt nichts.

"Willst du wirklich so denken? Wenn das so ist, dann hätte das ganze auch durch die Person verhindert werden können die ihm geschrieben hat, denn wenn sie es nicht getan hätte, hätte er nicht auf sein Handy geguckt. Oder durch den Hersteller der App, die er vielleicht geöffnet hatte. Oder dem Verkäufer, dem er das Handy überhaupt zu verdanken hat.
Verstehst du, was ich sagen will? Es geht eben nicht darum, wer es hätte verhindern können, denn niemand kann ahnen das so was passieren würde. Das Leben ist wie eine riesige Wundertüte, in die man geworfen wird und man kann nicht entscheiden, was sich darin befindet. Also hör bitte auf dir die Schuld zu geben."

Er sieht erstaunt zu mir und auch ich bin überrascht von meinen eigenen Worten. Ich kann mich nicht daran erinnern jemals so viel geredet zu haben und dann auch noch etwas mit so viel Gefühl. Was ist bloß los mit mir?

"Wem soll ich denn sonst die Schuld geben?", fragt er und sieht mich Hilfesuchend an.

Es ist erstaunlich, dass sich unsere beiden Rollen so schnell tauschen können. Er war es immer, der mir geholfen hat und jetzt ist es genau anders herum der Fall. Zum ersten Mal braucht jemand mich.

"Sprichst du wirklich von Schuld oder suchst du jemanden, an dem du all deinen Hass raus lassen kannst?"

Er wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, aber egal wie schnell er wäre, er würde niemals hinterher kommen. 

"Ich hasse ihn", sagt er und sieht mich wütend an. Ich weiß, dass sie sich nicht gegen mich richtet, deswegen nicke ich und sehe ihn verständnisvoll an. "Ich hasse ihn so sehr."

Dieses mal bleibt es nicht nur bei Worten, er holt mit dem Fuß aus und tritt gegen den Stein, der sich neben ihm befindet. Es muss schrecklich weh tun, weil er mit der Spitze dagegen tritt, aber er lässt es sich nicht anmerken und wird immer schneller, die Tritte immer kräftiger.

"Taehyung", sage ich sanft und mache einen Schritt auf ihn zu, aber er macht keine Anstalten damit aufzuhören.

Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so sehr von seinen Gefühlen überwältigt wurde, dass er allen Schmerz und all das Geschehen um ihn herum ausgeblendet hat. 

"Tae!", rufe ich erneut seinen Namen und tatsächlich hört er auf, sinkt stattdessen auf seine Knie und weint erneut los.

Viele würden sagen, dass weinen unmännlich ist, dass es von Schwäche zeugt und anderen deine Schwachstellen offenbart, aber ich habe noch nie etwas männlicheres und stärkeres gesehen als das hier.

Wenn man Taehyung sieht, mit ihm redet und ihn kennenlernt, würde man nie solch eine Trauer erwarten. Er ist letztendlich kein Stück anders als ich, wir teilen beide den Verlust von Menschen, aber wir beide gehen anders damit um.

Während ich mich von den Menschen abgeschottet und meiner Mutter die kalte Schulter gezeigt habe, hat er den Kontakt zu anderen gesucht und dadurch versucht den Verlust wett zu machen.

Mein Körper bewegt sich wie von alleine, als ich mich hinter ihm auf die Knie fallen lasse und ohne auch nur eine Sekunde zu zögern die Arme von hinten um seinen Bauch schlinge und meine Stirn an seinen Rücken lehne.

Zum aller ersten Mal seit acht Jahren verspüre ich etwas anderes als Panik, Angst und Schmerz dabei jemanden anzufassen. Es ist Wärme und Zuneigung, die ich stattdessen empfinde und die mich selber dazu bringt zu weinen.

"Ich bin hier, Tae und ich habe nicht vor zu gehen."

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