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Jungkook Pov

"Jungkook?"

Taehyung dreht sich auf seinem Bett in meine Richtung und sieht mir damit nun direkt in meine Augen. Trotz der Dunkelheit erkenne ich seine Gesichtszüge noch.

Es ist komisch, denn bisher konnte ich die zwei Stunden, die wir bereits auf unseren Plätzen liegen nicht schlafen, aber jetzt wo ich seine Stimme gehört und ihm in die Augen gesehen habe, fühle ich mich ruhiger und so viel entspannter.

"Hm?"

"Möchtest du nicht doch zu mir nach oben auf das Bett kommen?"

Da ist sie wieder. Mein Körper, der gerade noch vollkommen tiefen entspannt war und bereit mich in den Schlaf zu wiegen, spannt sich jetzt vollkommen an. Die Aufregung übernimmt wieder Besitz von mir.

Es ist verlockend. Die Vorstellung neben Taehyung zu schlafen und seinen Geruch im Kissen einzuatmen ist wirklich unglaublich verlockend, aber es gibt mehr was mich abschreckt.

Er fässt mich nicht an wenn er wach ist, weil er bei vollem Bewusstsein ist, aber wenn wir schlafen, merkt das niemand von uns. Ich bin jemand, der sich viel bewegt und auch um sich tritt wenn er schläft, die Wahrscheinlichkeit das ich Taehyung dabei berühre ist hoch und noch schlimmer, als zu wissen jemand hat mich berührt, ist die Ungewissheit.

Ich würde den ganzen Tag damit verbringen mich zu waschen.

"Ist schon gut", sagt er bevor ich ihm eine Antwort geben kann.

Vor kurzem noch wollte ich seine Hand halten und jetzt sträube ich mich gegen den Gedanken neben ihm zu schlafen. Ich weiß nicht was mit mir los ist, was mich vorhin dazu verleitet hat meine Hand nach ihm auszustrecken und ihn tatsächlich berühren zu wollen, aber es ist komisch.

In meinem Kopf spielt sich ein Kampf ab, den es so noch nie gegeben hat. Bei Yeongja war das von Anfang an anders, sie ist sie einzige Person die ich berühren kann, ohne das Gefühl zu verspüren, es würde brennen.

Anfangs dachte ich, das liegt daran das sie meine Schwester ist, vielleicht ist die Verbindung zu ihr stärker als zu meinen Eltern, aber das stimmt nicht. Ich denke es liegt daran, dass sie die einzige unbeteiligte war, die mich während der Entwicklung dieser "Krankheit" berührt hat. Sie war einfach immer da, vor der Sache und auch nach der Sache und das wichtigste: sie ist nicht daran beteiligt.

Aber bei Taehyung ist das anders. Er taucht einfach auf und möchte mir helfen. Kaum ist jemand ein wenig nett zu mir, spielt mein Verstand verrückt und unterdrückt all die Panik, die ich zuvor bei jedem kleinen zucken von fremden Händen verspürt habe und ersetzt es durch Freude.

Ja, verdammt, es macht mich verrückt, dass ich in letzter Zeit so glücklich bin, das passt nicht zu mir, es ist nicht normal. Es kann doch nicht sein, dass das was er tut funktioniert. Er ist nur ein 18 Jähriger Schüler, der den Ruf genießt ein Aufreisser zu sein und der seine Freizeit gerne in der Bar seines besten Freundes, eines Barkeepers und Strippers, verbringt.

Sind das nicht normalerweise genau die Menschen, mit denen ich am wenigsten zu tun haben wollte? Ja, eigentlich schon und doch liege ich jetzt hier auf einer Matratze von einem eben solche Typen.

"Jungkook", sagt er wie bereits vor wenigen Minuten meinen Namen und rutscht noch näher an den Rand des Bettes. "Hast du schon mal etwas wichtiges Verloren? Hat dich jemand verlassen, der dir wichtig war?"

Die Atmosphäre im Raum wandelt sich schlagartig. Jetzt ist es ernster, es ist düsterer als zuvor und ich merke worauf er anspielt. Es ist seine Schwester, die ihm nicht mehr aus dem Kopf geht.

"Wenn du darauf hinaus willst, ob jemand der mir nahe steht gestorben ist, dann Nein. Zum Glück noch nicht."

"Es ist nicht nur der Tod, der uns geliebte Menschen entreißen kann. Schicksalsschläge, Umstellungen, Entscheidungen und noch vieles mehr können einen Menschen ebenfalls dazu bewegen zu gehen."

Es ist, als wüsste er bereits davon. Sofort tauchen vor mir seine letzten Worte auf die ich von ihm gehört habe, während ich draußen im Flur stand und gelauscht habe.

"Du kannst doch nicht einfach dabei zu sehen wie er sich selbst ruiniert!"

"Nein." Seine Stimme war im Gegensatz zu ihrer kaum mehr als ein flüstern, getragen vom Wind des offenen Fensters direkt in die Ohren des elf Jährigen Jungen, der unentdeckt an der Tür stand und lauschte. "Das kann ich nicht."

Ich wusste, dass ich ihn nie mehr sehen würde, als er wenig später mit einem großen Koffer aus seinem Zimmer kam und an mir vorbei ging, während ich auf den Treppen saß. Ich kannte die Gründe für seine Entscheidung uns zu verlassen, aber ich verstand sie nicht.

Am liebsten wäre ich hinunter gerannt, hätte mich an seinem Hosenbein fest geklammert und geweint, er soll bleiben, aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht, weil ich viel zu große Angst davor hatte ihn zu berühren und das damals für mich unbekannte brennen wieder zu spüren.

Stattdessen sah ich ihm zu, wie er mit einem letzten erzwungenen Lächeln die Wohnung verließ und uns hinter sich ließ, als hätten wir nie existiert.

"Ja. Da gab es jemanden."

Mit der Zeit findet man sich damit ab, ich zumindest. Manchmal kommen aber fragen von der kleinen Yeongja über die Männer, die ihre Freundinnen jedes mal von der Schule abholen. Wie sollte ich ihr erklären, wer Schuld an dem ganzen ist?

"Wenn du die Zeit zurückdrehen könntest, würdest du nicht auch alles dafür geben um etwas daran zu ändern?"

Daran habe ich schon so oft gedacht, welcher Mensch tut das nicht? Wenn ich die Zeit zurück drehen könnte, dann würde ich nicht den Moment wählen, an dem er uns verlässt, ich würde den Grund dafür wählen.

Ich würde sieben Jahre zurück reisen, an den Tag, an dem ich den Fehler machte mein Zimmer zu verlassen und das meiner Eltern betreten zu wollen. Das wäre der Zeitpunkt, der alles was danach folgt wahrscheinlich verhindert hätte. Aber das kann ich nicht.

"Bei mir ist niemand gestorben, zumindest nicht körperlich. Wenn ich die Möglichkeit hätte, dann würde ich wahrscheinlich nicht anders handeln. Denn dazu brauche ich Mut und den besaß ich damals genauso wenig wie Heute. Vielleicht hätten Worte damals gereicht, damit er nicht geht, doch ich konnte es nicht.
Verlassen zu werden ist schrecklich, aber 'Bitte geh nicht' zu sagen ist schlimmer."

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