8.2
Semachites war zufrieden mit ihrem nächsten Training. Jongin und Chanyeol hatten sich wieder im Griff und mehr als das – es schien als wären schwere Ketten von Chanyeol gefallen. Er bewegte sich flüssiger, schneller und zögerte nicht Jongin mit seinem Schwert zu entwaffnen und zu Boden zu werfen.
Als Jongin dieses Mal rücklings stolperte nachdem Chanyeol einen guten Hieb auf seine Schwerthand getroffen hatte, packte Chanyeol Jongins Handgelenk um ihn auf den Beinen zu halten. Jongin keuchte vor Anstrengung und erlaubte sich, sich gegen Chanyeol zu lehnen und für einen Moment nach Atem zu ringen.
„Ich...ich hätte damit warten sollen dir meine Freundschaft anzubieten", sagte er schließlich und wischte sich mit seinen ledernden Armbändern den Schweiß von der Stirn. „Du bist über Nacht noch besser geworden." Jongin konnte den anklagenden Ton nicht aus seiner Stimme verbannen und Chanyeol spielte mit dem Holzschwert in seiner Hand um ihn noch weiter zu provozieren. Jongin sah genervt dabei zu, wie Chanyeol das Schwert um seine Hand kreisen ließ, ohne es fallen zu lassen.
„Hast du etwas gesagt?", fragte er. Es war gefährlich, als teste Chanyeol den Boden unter ihren Füßen und evaluierte wie weit er gehen könnte, bevor Jongin ihn in die Tiefe stürzen ließ. Jongin tat es nicht.
„Der Tag wird kommen, dass ich dich in den Staub werfen werde." Seine Augen funkelten bei der Vorstellung, die Herausforderung spornte ihn für die nächste Runde an.
Semachites war wirklich sehr zufrieden mit dem Stand der Dinge.
~*~
Mehrere Monate waren vergangen seitdem Jongin es Chanyeol gestattet hatte ihn bei seinem wahren Namen zu nennen, aber Chanyeol benutzte ihn nur wie ein Geheimnis zwischen ihnen. Er wollte nicht dass jemand anderes es hörte, wenn Chanyeol Jongin bei seinem Namen nannte. Jongin interpretierte seine Zurückhaltung für Furcht.
„Es macht keinen Unterschied ob Semachites es hört", sagte Jongin nach dem Training. Semachites war bereits verschwunden um anderen Pflichten nachzukommen, aber Jongin und Chanyeol hatten es sich zur Gewohnheit gemacht noch eine Weile im Garten zu bleiben und zu reden. „Semachites wird es wahrscheinlich nicht einmal merken."
„Doch das wird er", verneinte Chanyeol. „Du kannst mir ein eigenes Zimmer geben, Sklavenmädchen, die die Bäder für mich vorbereiten und mir erlauben deinen Namen zu nennen, aber du kannst mich nicht aus meiner Abstammung entkleiden." Es war die Wahrheit und doch war es nicht der Grund, weshalb er Jongin nur in ihrer Zweisamkeit bei seinem Namen nannte.
„Ich bin der Prinz, natürlich kann ich."
„Jongin", sagte Chanyeol mit Belustigung in der Stimme. „Wieso bist du so wütend?"
Jongin weigerte sich ihm in die Augen zu sehen. „Ich habe geschworen dich nicht wie einen Sklaven zu behandeln, aber was macht das aus mir, wenn die Welt dich noch immer als einen Sklaven ansieht Chanyeol?"
Chanyeol hatte darüber noch nie nachgedacht. „Dann bist du offensichtlich noch niedereren Ranges als ein Sklave", äußerte er mit Erstaunen. Jongin stieß ihn mit der Schulter zur Seite.
„Ich werde mit meinem Vater sprechen."
„Nicht!" Chanyeol hatte Jongins Handgelenk ergriffen, noch bevor dieser aufstehen konnte. „Du darfst kein gutes Wort für mich einlegen." Chanyeol hasste das grimmige Gefühl in seiner Brust. Natürlich wäre es das einfachste wenn Jongin ihm versuchte einen höheren Rang zu schenken –Chanyeol war sich nicht sicher, ob das überhaupt möglich war – aber das war nicht die Art wie Chanyeol an Autorität gewinnen wollte. Nicht so.
„Wieso nicht?", fragte Jongin.
„Weil es nicht richtig wäre. Du würdest mich zum Gespött machen."
„Gespött", schnaubte Jongin. „Du bist ein Sklave Chanyeol!"
„Nicht hier", sagte er leise. „Nicht bei dir." Jongin fand keine Erwiderung darauf. „Ich werde nicht als ein Sklave sterben, aber ich werde mir meinen Platz auf dieser Welt verdienen." So wie er sich sein Training bei Semachites, sein eigenes Zimmer und schließlich seine Rolle als Trainingspartner des Prinzen verdient hatte. Chanyeol brauchte Jongins Hilfe nicht.
„Okay", sagte der Prinz leise, woraufhin Chanyeol langsam von Jongins Handgelenk abließ. „Lass mich aber nicht zu lange warten. Ich werde dich nicht wie einen Sklaven behandeln, nicht in der Anwesenheit von Semachites, einem Adeligen oder meinem Vater selbst."
Chanyeol sah Jongin mit festem Blick an. „Ich werde mein Bestes geben Jongin."
Es war ein Versprechen, dass Chanyeol einhalten würde.
~*~
Es war Chanyeols sechzehnter Geburtstag, als Jongin, aufgeregt herumhüpfend wie ein Kaninchen, nach dem Training nach Chanyeols Handgelenk griff und ihn hinter sich durch den Garten zog.
„Wohin gehen wir?"
„Ins Feld natürlich."
„Was ist mit deinem Unterricht?"
„Unserem Unterricht", korrigierte Jongin. Da Chanyeol seinen Aufgaben als Sklave entkleidet wurde, hatte er sich plötzlich neuer, unbekannter Freizeit gegenüber gefunden. Er hatte die Zeit genutzt um noch mehr zu trainieren und als Meister Semachites davon Wind bekam, hatte er ihn Augenverdrehend mit Jongin zu dessen Unterricht geschickt, mit der Begründung, dass er sich ‚überanstrengte und strohdumm verreckte', wenn er so weiter trainierte.
„Jongin! Was ist mit unserem Unterricht?", wiederholte Chanyeol also.
„Der kann warten. Wir feiern heute deinen Geburtstag."
Als Jongin ihn vor Wochen nach seinem Geburtsdatum gefragt hatte, konnte Chanyeol nur vage antworten und sich mit Mühe an die Beschreibung des Mondes halten, die seine Mutter ihm genannt hatte, als er sie als Kind gefragt hatte. Jongin hatte kurzerhand beschlossen dass der zweite Maitag sein Geburtstag sein würde. Also feierten sie heute seinen Geburtstag.
Chanyeol dachte erschaudernd an das grimmige Gesicht ihres Philosophielehrers wenn seine zwei Schüler nicht auftauchten, aber dann waren sie bereits in die goldenen Haferfelder eingetaucht und Chanyeol ließ seine Gedanken zurück.
In der Steinlichtung angekommen, grüßte sie ein einziger, verlassener Korb, den Jongin wohl am Morgen dorthin gebracht haben musste. Er packte Käse, Brot, Trauben und Oliven aus dem Korb, außerdem eine Weinkaraffe, die aus edelstem Porzellan angefertigt war.
Sie setzten sich gegenüber und schlangen das frühe Mittagessen, wie hungrige Wölfe hinunter. Der Wein war nicht verdünnt und sehr stark, was Chanyeol fragend die Augenbraue heben ließ.
„Mein Vater schenkt diesen Wein für bedeutende Banketts aus." Er hob seinen Kelch und prostete Chanyeol ergeben zu. „Auf dich Chanyeol, mit sechzehn bist du so gut wie erwachsen und kannst dir bald eine Frau suchen."
Chanyeol prustete in seinen Becher hinein und lachte lauthals. „Ist es das, was Männer mit sechzehn tun? Frauen aufreißen?"
„Gewiss", sagte Jongin, als wäre das ganz selbstverständlich. „Hast du noch nie mit einer Frau geschlafen?"
Chanyeol spürte das Blut in seine Ohren und Wangen schießen. „Mh, nein, nicht wirklich."
Jongin hob eine Augenbraue an. „Oh? Soll ich dich in diese Kunst einweisen? Ich kann dir viel davon erzählen!"
Er sah Jongin kritisch über den Rand seines Kelchs hinweg an. „Du lügst auch nicht? Mit wie vielen Frauen hast du dein Bett schon geteilt?"
Jetzt wurde Jongin schlagartig rot. „M-mh es müssen, mh, dutzende gewesen sein. Ja, in etwa...dutzende."
„Ich will mich ja nicht anmaßen mein Prinz", sagte Chanyeol sarkastisch. „Aber ich denke ich erkenne eine Lüge wenn ich sie vor mir habe." Jongin schnaubte, verneinte jedoch auch nicht, dass Chanyeol richtig lag. „Noch nie also?", hakte Chanyeol erstaunt nach. „Es muss doch unzählige Frauen geben, die mit dem einzigen Thronfolger ein kleines Stelldichein vollführen wollen."
Jongin riss ein Stück Fladenbrot ab und kaute angestrengt darauf herum, dann zuckte er die Achseln. „Ich...ich weiß nicht. Sicher ja. Vater hat mir manchmal eine, mh, Bettsklavin ins Zimmer geschickt, aber ich-" Er schüttelte sich. „Wehe du lachst! Ich vergrabe deinen Kopf im Sand wenn du lachst."
Das würde Chanyeol gerne sehen, aber er sprach seinen Gedanken nicht aus und versprach stattdessen, dass er gewiss nicht lachen würde.
„Nun ich", setzte Jongin langsam fort. „Ich verstehe den ganzen Trubel um...körperlichen Kontakt zwischen Mann und Frau nicht? Ich fand nur...eigenartig und unangenehm wenn sie mich berühren wollten, also habe ich sie alle immerzu wieder weggeschickt."
Chanyeol hatte große Mühe nicht über Jongins Purpurrotes Gesicht zu lachen. „Wieso dann dein vorheriges Selbstbewusstsein?", fragte er und sah seinen Freund mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich dachte du könntest mich...belehren?"
„Halt bloß den Mund."
Chanyeol brach nun wirklich in lautes Gelächter aus und bevor er sich versah, hatte Jongin sich auf ihn geworfen und sie rollten ringend und lachend über den Boden.
Chanyeol hatte nicht viele Geburtstage gefeiert – tatsächlich hatte er noch keinen einzigen Geburtstag zelebriert – aber auch so, wusste er mit Sicherheit dass das ein unglaublicher Geburtstag war. Den schönsten, den man haben konnte.
~*~
Manchmal war es, gelinde gesagt, ein wenig erniedrigend, wenn Jongin mathematische Aufgaben und existenziell wichtige Fragen der Philosophier beantwortete, während Chanyeol in der Ecke das griechische Alphabet lernte. Als Chanyeol zum ersten Mal aus einem Buch für Kinder hatte vorlesen müssen, hatten Jongins Mundwinkeln belustigt gezuckt und sie waren mittlerweile vertraut genug miteinander, so dass Chanyeol ihm das Buch beinahe an den Kopf geschleudert hätte.
„Entschuldige Chanyeol", sagte Jongin nach dem Unterricht. „Es tut mir wirklich leid und ich habe dich gar nicht ausgelacht." Chanyeol hob ungläubig eine Augenbraue an. „Aber nein, ich versichere es dir! Ich fand dich niedlich", grinste Jongin. Chanyeol stöhnte entnervt auf.
„Bei allen Göttern, das hast du eben nicht zu mir gesagt!"
Jongins Lächeln wurde nur breiter, er lief ein paar Schritte vor Chanyeol her und drehte sich dann zu ihm um und lief rückwärts weiter durch die bekannten Gänge. „Aber es war die Wahrheit! Du hast lange geübt und du hast ein erstaunlich gutes Gespür für Zahlen, nur Lesen und Schreiben..." Jongin brach abrupt ab, als sie eine Wegabbiegung erreichten und jemand gegen den jungen Prinzen stieß. Chanyeol war so geistesgegenwärtig nach Jongins Hand zu greifen und ihn dadurch den Sturz zu Boden, zu ersparen. Was nicht für den anderen Jungen galt.
Arastro beschwerte sich fluchend über sein schmerzendes Hinterteil und richtete seine giftigen Augen dann nach oben. „Hast du Tomaten auf den Augen du elender Bastard?"
Sie alle drei wurden sehr still, als Arastro verstand, wen er da vor sich hatte und wen er soeben beschimpft hatte. Jongin trat einen Schritt von Chanyeol fort und hob den Kopf an, plötzlich erhaben und mächtig, wie es sein Rang ihm gebot.
„Möchtest du das wiederholen?"
„P-p-prinz." Chanyeol hatte noch nie jemanden so stottern gehört. „B-b-b-it-te ver-zeiht mir! I-i-i-ich wusste nicht-"
„Nun mir ist egal, was du nicht wusstest", knurrte Jongin mit lauter Stimme. Arastro sah verzweifelt zwischen Jongin und Chanyeol hin und her. Sein Blick war flehentlich als er Chanyeol anblickte. Chanyeol lehnte sich in einer lockeren Geste mit einer Schulter gegen die Wand neben sich und betrachtete das Spektakel.
Arastro, der sich offensichtlich nun sicher war, keine Hilfe von Chanyeol zu erwarten, warf sich vor Jongin auf die Knie und berührte seine Knöchel mit zitternden Fingerspitzen. „B-b-bitte habt Gnade, b-b-bitte verzeiht mir."
„Du hast deinen Prinzen beleidigt", sagte Jongin scharf und stieß den zitternden Jungen von sich. Chanyeol hatte Jongin nie als Prinzen, immer nur als Trainingspartner und anschließend als Freund kennengelernt. Als Prinz war er erstaunlich kühl. „Für dein Verhalten sollte ich dir die Zunge herausschneiden lassen."
Der Junge wimmerte wieder, einzig unterbrochen von leisem Schluchzen, dass das volle Ausmaß seiner Verzweiflung preisgab. Chanyeol machte sich langsam Sorgen, Jongin klang nicht so als würde er scherzen. Bevor er sich jedoch dazu aufraffen konnte, etwas zu sagen, ging Jongin plötzlich in die Hocke und hob Arastros Gesicht zwischen seinen Handflächen an.
„Es war meine Schuld", sagte Jongin sanft. „Aber du sollst wissen, dass Wut eine gefährliche Waffe ist. Du hast aus dem Affekt gehandelt und deine Wut an mir ausgelassen. Dabei ist dir entgangen in welche Schwierigkeit dich dieser ungezügelte Zorn bringen kann." Er lächelte gütig und strahlend. Der ‚Goldene Prinz', wie ihn die Bewohner dieses Landes liebevoll nannten. „Was wenn ich meine Wut an dir so ungestüm ausgelassen hätte?"
„Mein Prinz", flüsterte Arastro und schniefte mittleidig.
Jongin lächelte noch einmal, half ihm auf und wischte ihm den Staub von den Kleidern. „Denk an meine Worte", sagte er und schritt dann an dem Jungen vorbei. Chanyeol beeilte sich wieder zu Jongin aufzuschließen, während Arastro ihm verträumt hinterher blickte.
„Warst du nicht ein wenig zu freundlich?", fragte Chanyeol ein wenig später. „Wäre jemand in der Nähe gewesen, der die Szene beobachtet hätte, dann wäre Arastro nicht so einfach davon gekommen."
„Ich weiß."
„Und?"
„Ich dachte, bevor ich ihn bestrafe teile ich lieber ein wenig von dem Wissen, dass uns Emonedos so mühselig beibringt."
Chanyeol seufzte. „Es ist eure Entscheidung mein Prinz."
Jongin warf ihm einen finsteren Blick zu. „Du benutzt meinen Titel nur noch um mich sarkastisch anzusprechen Chanyeol."
„Niemals mein Prinz."
Jongin lachte über Chanyeols empörten Gesichtsausdruck, worauf der dunkelhaarige schnell miteinstimmte. „Ich muss zugeben es ist mir schwergefallen", sagte Jongin, nachdem er sich beruhigt hatte. „Die Sache mit Arastro meine ich. Ich kenne ihn hauptsächlich von den Mahlzeiten in der großen Halle, aber er war immerzu sehr aufdringlich in Gesprächen und ich habe das Gefühl er lechzt nach meiner Gunst." Er warf seinem Freund ein müdes Lächeln zu. „So wie alle Kinder guten Hauses, die im Licht der Sonne noch besser dastehen möchten. Ich bin froh, dass sich das geändert hat." Und das hatte es. Seit Chanyeol seine Mahlzeiten ebenfalls, mit den anderen Jungen, in der großen Halle, einnahm hatte Jongin nur mit ihm gegessen und keiner der anderen Jungen hatte es je versucht sich ihnen anzuschließen.
Chanyeol glaubte sie waren unheimlich eifersüchtig auf ihn und Jongin fand das Ganze nur sehr belustigend. Klar, er hatte ja auch gut lachen.
„Aber es ist nicht nur das", setzte Jongin jähe fort. „Nicht nur die anfängliche Abneigung, die ich gegen Arastro habe, da ist noch..." Er blieb stehen und sah auf seine Füße hinunter. „Ich habe mich mit ein paar Jungen einmal über dich unterhalten Chanyeol."
„Gewiss sind dabei lustige Geschichten ans Tageslicht gekommen."
Jongin verzog das Gesicht. „Ich war bereit Arastro öffentlich den Prozess zu erklären, nachdem ich von seinen Hänseleien gehört habe, doch-"
„Doch du wusstest, dass ich es hassen würde, dass du dich in meine Angelegenheiten, in meine Kämpfe, einmischst. Nicht wahr?"
Jongin seufzte tief. „Du bist ein elender Sturkopf Chanyeol."
„Ich weiß. Danke Jongin."
„Ich habe nichts getan."
„Das meine ich", sagte Chanyeol. „Du hättest deutlich schlimmer mit Arastro umgehen können – und das meinetwegen – aber du hast es nicht getan. Danke. Ich komme selbst mit ihm zurecht und wenn die Jungen die Geschichte richtig erzählt haben, dann solltest du das wissen."
Jongin hob überrascht eine Augenbraue an. „Dann wurdest du nicht von Arastro grün und blau geschlagen?"
Chanyeol prustete los. „Nein das war deine Schuld."
„Meine Schuld?", wiederholte Jongin ungläubig.
Chanyeol nickte ernst und erzählte Jongin dann die Geschichte vom Koch (und sprach zudem eine Warnung aus, denn man konnte ja nie wissen) und wie einfach es war Arastro und die anderen Jungen ihre Schwerter abzunehmen. Jongin gefiel diese Geschichte sehr.
~*~
Am darauffolgenden Tag ließ Jongin einen Stapel Bücher in Chanyeols kleine Kammer bringen und half ihm höchstpersönlich die Kunst des Lesens und Schreibens zu erlernen. Er war ein guter Lehrer, viel besser als der alte Emonedos und Chanyeol machte schnell Fortschritte.
„Semachites wird zufrieden darüber sein, dass ich nicht überanstreng und strohdumm verrecken werde."
„Zumindest nicht strohdumm", lachte Jongin und wich dem Kissen aus, dass Chanyeol nach ihm warf.
Einen Monat darauf, hatte Chanyeol eine neue Lieblingsbeschäftigung, nach dem Schwertkampf, gefunden. Er verbrachte seine wenigen freien Abendstunden mit der Nase in den Büchern, die Jongin ihm gegeben hatte und hatte einen unermüdlichen Nachschub wenn Chanyeol Jongin um ein neues Buch bat.
„Bald hast du alle Bücher gelesen, die ich selbst jemals gelesen habe Chanyeol!", sagte der Prinz, etwas irritiert und gleichzeitig eigenartig fasziniert.
„Es ist großartig! Ich liebe Bücher."
Jongin verdrehte die Augen. „Was hat der Schulunterricht nur aus dir gemacht?", fragte er besorgt, reichte ihm aber trotzdem ein neues Buch.
Chanyeol strahlte ihn an.
~*~
Wenige Tage darauf, verschwand Jongin plötzlich und ohne ihm ein Wort gesagt zu haben. Chanyeol suchte nach Antworten bei Meister Semachites, doch musste erfahren, dass auch dieser plötzlich vom Erdboden verschluckt wurde. Niemand antwortete ihm auf seine Fragen. Niemand schien eine Ahnung zu haben.
Chanyeol wusste nicht was er mit sich anfangen sollte. Er las Bücher, durchstreifte den Palast, die Felder und den Strand und machte sich große Sorgen um seinen besten Freund.
~*~
Chanyeol hatte sich bereits vor Stunden zu Bett gelegt, eingelullt vom Gesang der Zikaden, die draußen ihr Lied stimmten und vom Mond, der sanftes Licht in sein kleines Zimmer schien. Im halbwachen Zustand hingen seine Gedanken, Jongin und Meister Semachites nach, die sich partout seit sieben aufgehenden Monden nicht mehr blicken gelassen hatten. Und das ohne erklärlichen Grund.
Chanyeol war mit einem Mal voll wach und auf den Beinen, sobald er Gepolter gegen seine Zimmertür hörte. Er erwartete die Soldaten mit erhobenen Fäusten und wachsamen Augen. Er hatte keine Waffe und fünf Männer waren hereingeströmt, alle mit einem Schwert bewaffnet. Chanyeol wusste nicht, was gerade geschah.
„Dir wird befohlen uns zu folgen", sagte ein Soldat mit tiefer Stimme. Eine Brosche mit dem Emblem des Königs hielt seine Tunika an der Schulter zusammen. Es waren Männer der Leibgarde des Königs.
„Wer schickt nach mir?"
„Das ist nicht von Belangen." Der Mann gab ein Zeichen und die anderen Soldaten strömten in den Raum um seine Arme auf seinen Rücken zu drehen und ihn nach vorne zu schubsen. Chanyeol spürte wie sie ihm dicke Seile um die Handgelenke banden, dann zog ein Mann eine Kette aus seinem Gürtel und schlang sie um Chanyeols Hals als wäre er ein tollwütiger Hund.
Chanyeol versuchte zu erfahren, wer die Soldaten befehligte, aber nachdem sie ihm zischend zu verstehen gegen haben, dass er den Mund halten sollte äußerte er kein Wort mehr. Furcht regte sich in seiner Magengrube und schloss sich mit festem Griff um sein Herz. Was hatten diese Soldaten vor? Hatten die Jungen von Semachites Unterricht etwas damit zu tun? Arastro? Unmöglich, das wären Soldaten der königlichen Leibwache. Aber wer sonst sollte einen Groll gegen ihn hegen?
Eine schreckliche Vorahnung beschlich Chanyeol. Jongin...er würde es nicht tun. Nicht Jongin, er war ehrenhaft und hatte geschworen ihn niemals wie einen Sklaven zu behandeln. Nicht Jongin. Er schob die Gedanken von sich und wurde wütend auf sich selbst Jongin auch nur für einen Augenblick angezweifelt zu haben.
Sie schubsten ihn vor sich her ans andere Ende des Palastes, während Palastwachen stramm standen und sie beobachten. Sie brachten ihn in den großen Saal, den Chanyeol kannte weil er hier oft genug die Böden gewischt hatte nach einem königlichen Bankett. Unsicherheit und Furcht kämpften in seinem Innerem um die Oberhand als die Türen aufschwangen und Chanyeol hineingeschubst wurde. Der Saal war gefüllt mit Adligen Männern in feinen, weißen Tuniken mit schönen Ornamenten, die auf breiten Kissen saßen und sich von Sklaven bedienen ließen.
Auf einem Podest, am Ende des Saales waren noch mehr Kissen gestapelt auf denen der König und der Prinz sich ausstreckten. Süße Datteln, Teller voll Trauben, ganze Brotlaibe und Krüge voll Wein waren um die zwei königlichen Gestalten ausgelegt während von hinten Sklaven ihnen mit Papierfächern zu wedelten.
Ein Soldat stieß Chanyeol noch einmal kräftig und dieses Mal verpasste er den nächsten Schritt und stolperte zu Boden. Seine Brust und seine Beine hatten das meiste des Sturzes abgefangen und pulsierten nun vor Schmerzen. Nur Chanyeols Herz pulsierte schmerzhafter als er den Kopf hob um Jongins Augen zu suchen. Der Prinz saß locker gegen ein Kissen gelegt und beobachtete Chanyeol mit kühlen Augen.
„Der Sklavenjunge Eure Hoheit."
Der König lehnte sich ein bisschen nach vorne und lächelte breit, seine Zähne waren schief und gelb – ganz anders als Jongins. An sich hatte der König nicht viel gemeinsam mit seinem Sohn. Während König Phobos schwarze Haare, dunkelbraune Augen, einen dichten Bart und Arme wie Baumstämme hatte, war Jongin sanft und golden neben ihm. Er musste sein Aussehen von seiner Mutter geerbt haben. Die Königin war kurz nach Jongins Geburt verstorben.
„Das ist er also", sagte der König langsam und musterte Chanyeol. „Er macht keinen allzu starken Eindruck." Der König lehnte sich zurück und zuckte die Achseln. „Ich habe genug gesehen. Töte ihn."
Chanyeols Herz schlug ihm in den Ohren als er den Befehl vernommen hatte. Er hatte...er hatte wirklich aufgetragen ihn töten zu lassen. So einfach. Chanyeol öffnete den Mund aber kein Wort kam ihm über die Lippen. Das war der König, er konnte ihn nicht einfach ansprechen, das war unmöglich.
Die Soldaten banden seine Arme los und entfernten die Kette von Chanyeols Hals, was ihn für einen Moment verwirrte. Hatten sie den König nicht gehört?
Stattdessen bemerkte Chanyeol wie sich jemand auf dem Podest erhob. Jongin stieg elegant über die Kissen hinweg und kam hinunter, bis ein Soldat ihm ein Schwert hinstreckte. Er ergriff es und ließ die Klinge über den Boden schleifen bis er vor Chanyeol angekommen war. Der Raum war totenstill.
Chanyeol stand dem Prinzen gegenüber wie in ihrem Training, wie an all Nachmittagen, die sie gemeinsam verbracht hatten...nur war dies nicht ihre übliche Trainingsstunde mit Semachites an ihrer Seite. Dies war ernst und der König hatte Jongin einen Befehl erteilt.
„Wieso?", fragte er leise. Er konnte nur Jongin ansehen, er hatte alles andere um ihn herum vergessen. Jongins grüne Augen waren noch immer frostig als er sein Schwert anhob. „Du antwortest mir nicht?" Chanyeol schnaubte. Spätestens jetzt würde er ohnehin exekutiert werden. „Wo ist die Ehre von der du gesprochen hast, mein Prinz?", fragte er durch zusammengebissene Zähne hindurch. „Du willst mir ein Schwert in den Körper rammen obwohl ich unbewaffnet bin?"
Jongin schien darüber einen Moment lang nachzudenken. „Richtig. Gebt ihm ein Schwert!"
„Prinz, das-", begann ein Soldat fassungslos aber Jongin schüttelte den Kopf.
„Mach schon, dein Prinz hat gesprochen, gebt ihm ein Schwert." Chanyeol spürte wie ein Soldat ihm sein Schwert in die Hand drückte. „Besser?"
Chanyeol wusste nicht was er sagen sollte. Jongin ging in Angriffshaltung und bedeutete Chanyeol mit den Augen sein Schwert zu heben.
„Willst du kampflos sterben?"
„Du kannst in einem fairen Kampf nicht gegen mich gewinnen, mein Prinz", erwiderte Chanyeol. „Du wirst sterben wenn du gegen mich kämpfst."
„Wenn du nicht gegen mich kämpfst dann wirst du derjenige sein, der stirbt."
Chanyeol wusste dass er Recht hatte. Er hatte die Wahl: Gegen Jongin kämpfen und ihn töten um kurz darauf von den Wachen getötet zu werden, oder direkt kampflos untergehen.
Chanyeol hatte sich noch nicht entschieden als Jongin mit seiner Klinge nach Chanyeol ausholte. Der Sklave parierte automatisch aber er blieb in der Defensive. Jongin schlug und schlug und Verzweiflung machte seine Hiebe stärker und stärker, aber Chanyeol war so viel besser als er. Er hatte so viel mehr Kontrolle über ein Schwert und seine Hand blieb ruhig während Jongin mit aller Macht versuchte ihn zu verletzen.
„Weiß Meister Semachites von diesem Treffen?", fragte er Jongin zwischen Schwerthieben.
„Denkst du Semachites kann dich vor dem König beschützen?"
Nein natürlich nicht. Jongin wurde müde, seine Arme zitterten während Chanyeol weiterhin kühl parierte. Es war ein lächerlich ungleicher Kampf.
„DU SCHWÄCHLING!", schrie der König plötzlich und Jongin stolperte vor Überraschung zurück. Er sah zu seinem Vater herüber, der rot angelaufen war. Er bedeutete mit dem Kopf auf die Soldaten an den Seiten der Wänden und sie bewegten sich auf sie zu. Chanyeol hob sein Schwert an, als sie Jongin und ihn einkreisten.
„Tötet sie", befahl der König mit zitternder Stimme. Jongin zuckte zusammen, Augen nicht auf dem Gegner sondern auf seinem Vater.
„V-vater", flüsterte er schockiert. „W-was? Das kann nicht-?"
Chanyeol schlang einen Arm um Jongins Seite und drängte ihn an sich, gerade als das Schwert eines Soldaten durch die Luft schnitt, genau durch die Stelle, wo Jongin eben noch gestanden hat.
„Konzentrier dich", knurrte Chanyeol. „Heb dein verdammtes Schwert an Jongin!" Jongin zitterte wie Espenlaub, als die Soldaten sich ihnen näherten. Es waren neun bewaffnete Männer. Mit ihnen würde Chanyeol umgehen können, das war deutlich einfacher als gegen Jongin anzukämpfen, den Chanyeol noch immer als seinen besten Freund ansah. Als jemanden, der ihn nicht wie einen Sklaven behandeln würde.
„Jongin!", zischte Chanyeol noch einmal. „Konzentrier dich!"
Jongin hob sein Schwert an und nahm einen tiefen Atemzug – das war besser. Viel besser. Dann stürzten sich die Soldaten mit einem Kampfesschrei auf sie und Chanyeol musste seine Wut auf Jongin nicht mehr zurückhalten.
Chanyeol dachte nicht darüber nach, als er den ersten Mann niederstach. Sein Blut sickerte in sein weißes Nachthemd und sein Schwert fuhr durch Knochen, aber er dachte nicht darüber nach dass er seinen ersten Menschen getötet hatte. Er wirbelte herum und half Jongin zwei weitere Männer abzuwehren. Hilfe, die Jongin nicht nötig hatte. Manchmal vergas Chanyeol dass Jongin eigentlich ein bemerkenswerter Schwertkünstler war. Chanyeol war nur besser als er und das wurde den Soldaten nun zum Verhängnis.
Sie waren zwar in der Überzahl aber Jongin und Chanyeol waren ihnen um Längen überlegen gewesen. Als der letzte Mann fiel, zählte Chanyeol sieben Tote auf seiner Seite und zwei waren von Jongin durchbohrt worden. Blut wellte gegen seine nackten Füße, als stünde er in einem Meer aus rot.
„Großartig", bemerkte der König zufrieden. „Nun gut Jongin du hast dich bewiesen. Nun töte den Jungen und kehre an meine Seite zurück."
Jongin hatte sein Schwert fallengelassen während er den Worten seines Vaters zugehört hatte und er machte keine Anstalten es wieder zu heben. Sein Körper zitterte wieder.
Chanyeol schloss für einen Moment die Augen, nahm einen tiefen Atemzug und wandte sich dann Jongin zu. Er säuberte die Klinge mit seinem Nachthemd und bot Jongin anschließend den Griff seiner Klinge an.
Jongin starrte ihn an als hätte er den Verstand verloren – vielleicht hatte er das. „W-was tust du da?"
„Es ist ein Befehl", erwiderte Chanyeol. „Ich befolge Befehle."
„W-wie kannst du so einfach-?"
„Es ist dein Leben oder meins", flüsterte Chanyeol, aber der Raum war so still geworden dass seine Worte förmlich wiederhallten. „Ich werde dich nicht verraten Jongin."
„Chanyeol..." Jongin sah von Chanyeol zu seinem Vater und schluckte dann schwer hinunter. „Es tut mir so leid." Er nahm ihm die Klinge aus der Hand und Chanyeol fiel auf beide Knie, den Kopf ergeben gesenkt. Er fragte sich ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte aber letztlich wäre es wahrscheinlich gar nicht so schlimm durch Jongins Hand zu sterben.
Jongin hob die Klinge über den Kopf und ließ sie auf Chanyeol hinunter schnellen- und erstarrte in der Bewegung als ein Schrei die Wände erzittern ließ.
„GENUG!" Jongin keuchte, stolperte einen Schritt zurück und ließ die Klinge aus der Hand fallen. Er rang nach Atem als hätte er gerade einen Marathon bestritten. Seine Knie und seine Hände lagen in der Blutlache um sie herum.
Chanyeol sah von Jongin zum König herüber, der zufrieden aussah. Meister Semachites war wie aus dem Nichts an seiner Seite erschienen und sie unterhielten sich leise.
„Du hast die Prüfung bestanden", sagte König Phobos mit polternder Stimme. „Ihr beide."
Semachites strahlte Chanyeol an als hätte er gerade eine Schlacht gewonnen und nickte ihm anerkennend und voller Stolz zu.
„Geht jetzt und wascht euch das Blut vom Körper. Wir können morgen feiern."
In Chanyeol steckte noch genug Adrenalin um zu wagen den König zu fragen, was das alles zu bedeuten hatte, aber Semachites schüttelte den Kopf und Chanyeol vertraute ihm. Also schwieg er, als Wachen ihn behutsam auf die Füße stellten. Soldaten näherten sich Jongin aber Chanyeol kam ihnen zuvor und zog Jongin ebenfalls auf die Beine. Er vertraute niemandem den Prinzen zu berühren.
Sie wurden aus dem Saal geführt, während ihre Füße blutige Fußabdrücke auf dem polierten Boden hinterließen. Vielleicht war das bereits eine Metapher ihrer gemeinsamen Zukunft. Denn sie würden gemeinsam, unzählbare, blutige Fußabdrücke in der Geschichte hinterlassen.
~*~
*********************************************************************************************(204)
Die letzten zwei Kapitel sind irgendwie recht lang ausgefallen. Wir haben außerdem die 200 Seiten Marke überquert und ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber für mich hat sich das alles nicht nach 200 Seiten angefühlt...Vielleicht wegen diesem ständigen Szenenwechsel, das macht die Sache, für mich zumindest, nach 30-40 Seiten immer wieder frisch und neu.
Ich sollte euch jedoch schon mal vorwarnen, dass ich vorhabe in Kürze eine größere Update-Pause einzulegen, weil ich die Geschichte lieber erst einmal beende bevor ich weiter update. Ich bin ziemlich beschäftigt mit anderen Schreibprojekten (oh und uni natürlich so nebenbei) und irgendwie kommt Fallen (mh und Diamantenstaub) da manchmal etwas zu kurz. :( Fürs erste jedoch habe ich noch ein paar Seiten für euch ^^
Liebe Grüße!
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