8.3
Die Soldaten brachten sie in Jongins Schlafgemach und bedeuteten Chanyeol hier zu bleiben, als er sich umdrehen wollte, um ihnen zu seinem eigenen Zimmer zu folgen.
„Was hat das zu bedeuten?", fragte er den Soldaten, der ihn nicht passieren ließ.
„Du wirst von nun an bei dem Prinzen leben", erklärte der Mann kühl. „Befehle des Königs."
Chanyeol fand keine Worte, bevor die Soldaten gegangen waren und Jongin und Chanyeol alleine ließen. Seine Fragen wurden erstickt, als Jongin schwankend zu Boden krachte und keuchend nach Atem rang. Chanyeol war an seiner Seite und hielt in an den Schultern fest, bevor Jongin völlig zusammenbrechen konnte.
„Bei allen Göttern, bei allen Göttern", flüsterte Jongin mit blauen Lippen und zitterndem Körper. „Bei allen-"
„Ganz ruhig", flüsterte Chanyeol, unsicher was er tun sollte. „Alles ist gut, alles ist gut."
Jongin schüttelte den Kopf. „H-hast du nicht...hast du nicht gesehen, was-" Er würgte und presste sich eine Hand vor den Mund, um den Reiz zu unterdrücken. Chanyeol stand geschwind auf, trug eine Schüssel Wasser zu Jongin heran und anschließend Handtücher und Decken.
„Wisch dir das Blut ab, das wird helfen."
Jongin tauchte seine Hände langsam in das Eiskalte Wasser und Tränen flossen aus seinen Augen, als sich das eiskalte Badewasser sogleich hellrosa verfärbte. „Himmel", flüsterte er wieder. Er rieb sich erst sachte über die Hände und Arme, dann immer schneller und mit Druck, bis er sich mit den Fingernägeln beinahe die Haut aufkratzte. Chanyeol presste ihn von der Wanne fort und taumelte mit ihm zu Boden, während Jongin weinte und tobte und um sich schlug. Chanyeol schlug schließlich beide Arme und Beine um Jongin, bis er sich nicht mehr bewegen konnte. Sein Herz hämmerte gegen Chanyeols Brust, wie das Herz eines kleinen, aufgeregten Spatzen.
„Wir sind voller Blut", weinte Jongin.
„Wir sind in Ordnung."
„Nein, nein...wir...wir haben Menschen getötet Chanyeol, wir sind Mörder, wir-"
„Sie hätten uns getötet."
„Sie waren nur Marionetten, nur dumme Puppen, sie konnten doch nicht-" Jongin vergrub sein Gesicht in Chanyeols Halsbeuge und weinte heftig gegen seine warme Haut. Chanyeol umschlang ihn fester und spürte weder Reue, noch Trauer über das was er getan hatte. Sie hatten sich nur zur Wehr gesetzt und die Soldaten waren wissend in diesen Kampf gegangen. Jongin jedoch schien mehr zu sehen als Chanyeol, er schien mehr zu fühlen über den Tod von neun Soldaten, die ihn bedroht hatten. Vielleicht war das der Moment in dem Chanyeol realisierte, dass er auf ewig an Jongins Seite bleiben wollte. Weil Jongin gut war und um Tote trauerte, die ihn aufgrund eines Befehls zur Strecke gebracht hätten.
Es dauerte eine Weile, bis Jongin sich beruhigt hatte und als die Tränen versiegt waren, leuchteten Jongins Augen weinrot und das grün der Iris war noch strahlender als jemals zuvor. Smaragde in einer Blutlache.
Chanyeol ließ von ihm ab und sie lehnten sich an die Wand zurück, wo er Decken um sie ausbreitete. Jongin rückte nahe an ihn. Wärme und Nähe suchend.
„Es sollte ein Test sein", sagte Jongin dann schniefend. „Sie wollten testen, wie treu du...wie viel Treue du mir gegenüber hegst. Mein Vater sollte mich auffordern dich zu töten und ich sollte dich angreifen. Wenn du dein Schwert gegen mich erhoben hättest um anzugreifen, um mich zu verletzen, dann hätten sie dich exekutiert." Jetzt verstand Chanyeol langsam. Er hatte Jongin Vertraut und er hatte nicht glauben wollen, dass der Prinz ihn verraten würde. Er hatte richtig gelegen und der Gedanke füllte ihn mit schwerer, aber süßer, Erleichterung.
„Ich wusste du würdest mir nicht willentlich etwas tun", flüsterte Jongin. „Ich wusste ich könnte dir vertrauen und Semachites war ebenfalls dieser Ansicht, also ließ ich mich auf diese Aufgabe ein." Er erschauderte schwer. „Ich...ich verstehe nur nicht wieso...wieso hat er die Soldaten rufen lassen?", flüsterte er. „Hatte er wirklich vor uns zu töten und..." Jongin fing wieder an zu zittern. Chanyeol legte die Arme fester um seinen Freund.
Er dachte an den furiosen Ausdruck im Gesicht des Königs als er mit ansehen musste, wie einfach Chanyeol die Schwerthiebe seines Sohns pariert hatte. ‚DU SCHWÄCHLING!', hatte er gebrüllt. Wahrscheinlich war er bei Jongins Schwäche so in Rage geraten, dass er die Wachen hinzugezogen hatte. Chanyeol wusste, dass Jongin diesen Gedanken ebenfalls gehegt hatte und es tat ihm schrecklich leid. Nicht zum ersten Mal, hatte Jongin seine Schwäche betrauert und nun war sie vor seinem Vater entblößt worden - im Schwertkampf gegen einen minderwertigen Sklaven.
„Aber wieso das alles?", fragte Chanyeol, um seine Gedanken abzuschütteln. „Wozu dieser Test?"
Jongin wandte sich ihm zu und seine Augen flogen über sein Gesicht. „Um zu bewerten, ob du es wert bist an meiner Seite zu bleiben. Um dich deines Fluchs zu entheben."
Chanyeol kannte nur einen Fluch, der auf ihm lag. Seine Abstammung. „Und?"
Jongin nickte und langsam, ganz langsam, wie ein scheuer Hase, der den Kopf aus seinem Loch steckte, schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen. „Du hast bestanden. Du bist kein Sklave mehr Chanyeol. Offiziell. Du bist von nun an mein Gefährte. Mein Hetairoi."
Chanyeol blinzelte ihn unverständig an. „Ich kann kein Hetairoi werden", sagte er. „Hetairos sind die Gefährten von Monarchen, sie sind ihre wichtigsten Anhänger und durch Blut und Schwur aneinander gebunden." Er schüttelte den Kopf. „Ich bin ein Niemand Jongin, ich kann diese Rolle in deinem Leben nicht einnehmen."
Jongin sah auf seine Hände hinunter, die noch immer Reste von Blut aufwiesen und dann hob er Chanyeols eigene Hände an, die bis zu den Armen in vertrocknetem Blut gehüllt waren. „Ich werde meinen Vater morgen, vor all seinen Anhängern und Freunden, darum bitten, dich als meinen Hetairoi anzuerkennen. Heute Abend hast du ihm deine Treue mir gegenüber präsentiert und gezeigt, dass du weit mehr als ein Sklave bist. Morgen will ich dich zu einem Adligen machen Chanyeol. Morgen werden du und ich zu einer Person werden."
Chanyeol hatte den Atem angehalten, unsicher was er tun sollte, was er sagen sollte. Er glaubte noch immer nicht daran, dass er es wert war an Jongins Seite zu sein. Auch wenn er es sich so dringend wünschte.
„Ich kann dich nicht dazu zwingen", fügte Jongin hinzu. „Und ich werde es auch nicht. Aber ich bitte dich darum, weil du die einzige Person bist, der ich mein Leben voll und ganz anvertraue und ich will das du mir dein Leben ebenfalls anvertrauen kannst." Er sah ihn eindringlich an. „Ich bitte dich Chanyeol."
Und Chanyeol nickte, weil er kein Sklave mehr sein musste, weil es ihm einen Grund gab an Jongins Seite bleiben zu dürfen und weil er fühlte, dass es das Richtige war. „Okay", hauchte er.
„Das bedeutet dann ‚für immer'", lächelte Jongin. Chanyeol blickte ihn an, das wilde blonde Haar, die smaragdgrünen Augen und die Blutverschmierte Kleidung.
„Für immer", bestätigte Chanyeol leise.
Und es würde ein ‚Für Immer' sein.
~*~
Chanyeol und Jongin wurden am nächsten Morgen informiert dass Semachites nicht auf sie warten würde und sie sich stattdessen den Tag frei nehmen sollten, bis zu den Festlichkeiten am Abend. Jongin kratzte sich noch immer über die Haut, obwohl sie gestern stundenlang in den königlichen Bädern verbracht hatten, um das Blut von ihrer Haut zu bekommen.
„Wollen wir rausgehen?", schlug Chanyeol vor, der glaubte frische Luft und etwas Ablenkung würden Jongin gut tun.
Jongin nickte erleichtert und sie machten sich auf den Weg zum Strand, wo das Meer gegen die Küste brandete und Seemöwen schrien und ab und an in die Gischt stürzten, wo sie Fische fingen.
Jongin nahm einen tiefen Atemzug, der salzigen Luft und vergrub die Zehnen im weißen Sandstrand. „Chanyeol, kennst du die Geschichte von Achilles? Achilles dem Prinzen von Phthia?"
„Du meinst den Heros der Ilias?"
Jongin nickte ohne den Blick vom Meer zu nehmen. „Emonedos hat mich das ganze Epos lesen lassen als ich noch sehr jung war. Achilles war der Sohn des König Peleus und der Meeresnymphe Thetis. Damit war er ein Halbgott und beinahe unverwundbar."
„Bis auf seine Ferse", erinnerte sich Chanyeol, von den Geschichten, die ein älterer Palastsklave ihm in seiner Kindheit erzählt hatte.
„Richtig. Es heißt Thetis habe ihren Sohn Achilles nach seiner Geburt in den Unterweltfluss ‚Styx' eingetaucht, der ihn unverwundbar machte. Nur die Ferse, an der sie ihn festhielt, wurde vom Fluss nicht berührt und wurde somit zu dem schicksalhaften Fleck, der ihn sterblich und verwundbar machte."
„Das wusste ich nicht", sagte Chanyeol, er setzte sich in den Sand und Jongin tat es ihm gleich. Ein weiteres Buch, dass Chanyeol lesen musste.
„Patroklos war sein Hetairoi", erzählte Jongin weiter und lächelte Chanyeol an. „Als Patroklos vor den Toren Trojas von Achilles Erzfeind Hektor von einem Speer durchbohrt wurde, nahm er schreckliche Rache. Er war so außer sich vor Wut, dass er Hektor in einem schnellen, ungleichen Kampf erlegte. Den Leichnam von Hektor band er anschließend an seinen Streitwagen und fuhr Tagelang mit ihm um die Burg Trojas herum. Die Götter waren natürlich erzürnt über diese Schandtat, aber Achilles fand keinen anderen Weg, um Patroklos Verlust zu rechen. Geschweige denn, ihn zu verkraften."
Chanyeol sah Jongin ernst an. „Ich denke ich hätte das gleiche getan." Er schwieg für einen langen Moment. „Nein, ich würde das Gleiche tun, aber ich werde nicht zulassen, dass dir jemand zu nahe kommt." Und während er es aussprach, verstand er, dass er die Wahrheit sagte. „Ich werde dich nicht sterben lassen. Nicht so wie Achilles Patroklos sterben ließ."
Jongin wirkte so überrascht, dass er Minutenlang keine Worte fand, dann senkte er den Kopf und lächelte still in sich hinein. „In Ordnung", sagte er sanft. „Ich vertraue dir."
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Upps. Ich habe nicht gedacht, dass das Kapitel nur so kurz ist. Ich dachte ich hätte noch etwas mehr für Teil 8 - sorry~
Falls es euch interessiert, diese ganze 'Hetairoi'-Geschichte gab es wirklich im Alten Griechenland und je nach Quelle wird das ganze auch homoerotischer als es ein paar Historikern lieb wäre (Hell yes!). Achilles und Patroklos sind ein fiktives Beispiel für Hetairoi Beziehungen. Die zwei berühmtesten, echten Gestalten sind wahrscheinlich Alexander der Große und sein 'Hetairoi' Hephaistion. Also so zu Zeiten von Sokrates/Platon/Aristoteles (um 500 vor Chr.) und früher war das ganz normal dass sich zwei Männer (meistens ein jüngerer und ein älterer) 'zusammenschlossen' - wie gesagt in manchan historischen Quellen, sollten die älteren die jüngeren Männer nur erziehen und sie lehren oder so und in anderen Fällen waren das eben männliche Liebschaften. (Alle hatten Nebenher noch Ehefrauen - ist ja klar - und Kinder etc. Tja das Frauenbild im Alten Griechenland war nicht so dufte, aber das zieht sich ja noch eine ganze Weile hin).
Gut, das wäre alles was ich zum Kapitel zu sagen habe. Ich hatte heute eigentlich nicht vor zu updaten, aber ich bin super mies drauf weil ich den dümmsten Fehler aller Zeiten über einen zwei Seiten langen Test immer wieder eingebracht habe und...das klingt lächerlich, aber die Sache verfolgt mich. Ich weiß nicht was ich mir dabei gedacht habe...ich hoffe meine Professorin lacht wenigstens oder so.
Also mh, Frust-Update? Ich hoffe ihr hattet einen schöneren Freitag :)
Liebe Grüße!
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