8.1

Es war schnell klar, dass Chanyeol der geschickteste Schwertkämpfer unter den Jugendlichen war, er war auch der kräftigste wenn Semachites sie gegeneinander ringen ließ und der treffsicherste mit Pfeil und Bogen auch wenn Chanyeol versicherte, dass er noch nie zuvor einen Bogen in der Hand gehalten hatte. Er hatte eben ein natürliches Talent.

Die anderen Jungen verachteten Chanyeol sehr, weil sie sich gedemütigt fühlten. Er war nur ein Sklave, das niedrigste Mitglied der Gesellschaft und doch schien Semachites ihm großen Respekt zu zollen! Einem Sklaven! Es war lächerlich.

Wenn Semachites nicht hinsah erinnerten sie ihn an ihre höhere Abstammung mit fiesen Worten und verächtlichen Blicken, sie spuckten ihm vor die Füße und ins Gesicht und wenn sie ihn bei seinen nachmittäglichen Aufgaben als Palastsklaven beobachteten, dann kippten sie ihm sein dreckiges Putzwasser über den Kopf oder schütteten Erde auf die Fußböden, die er bereits gewischt hatte. Chanyeol wehrte sich nicht gegen die Hänselleien der anderen Jugendlichen, weil sein Stand es ihm nicht gestattete. Aber Chanyeol verstand, dass er sich den anderen Jungen gegenüber nicht mehr wie ein Sklave fühlte.

Morgens war er ein Schüler des Schwertkämpfers Semachites, so wie alle anderen Jungen es waren und wenn Semachites ihn gegen einen der Jungen antreten ließ, dann erinnerte er sich an die Dinge, die sie ihm angetan hatten und rächte sich indem er sie in einem fairen Kampf besiegte – das, so wusste er, war die größte Niederlage und bedeutendste Demütigung für sie.

Wenn er machmittags dann wieder zu seinen Aufgaben als Sklave zurückkehrte war Chanyeol nicht verbittern oder traurig. Im Gegenteil, am nächsten Morgen würde er wieder ein Schüler des Semachites sein und könnte alles vergelten. Morgens ein Schüler Semachites – gar der Beste -, mittags ein Sklave und nachts ein Heros.

Die anderen Jungen verstanden dass sie Chanyeol kaum etwas anhaben konnten und griffen bald zu wirklich widerwärtigen Mitteln. Es war Arastro, der Anführer der Jungen, weil er vor Chanyeols Auftauchen der geschickteste Schwertkämpfer aber auch derjenige mit dem höchsten Stand unter ihnen gewesen war, der Chanyeol eines Nachmittags überraschte.

„Hey Sklave!", rief er aus. Chanyeol trug gerade einen Korb Lebensmittel in die Küche die für das Abendmahl des Prinzen gedacht waren, als Arastro und drei anderen Jungen – Lybis, Omezides und Fakulta – ihn zu sich heranwinkte. Chanyeol ignorierte sie, weil er wirklich dringend seiner Aufgabe nachgehen musste.

„Sklave!", riefen sie lauter, dann standen sie ihm im Weg mit erhobenen Schwertern. Nicht die hölzernen, die sie meistens im Training verwendeten, sondern echte, scharfe Klingen die Chanyeols Gesicht spiegelten, als die Jungen die Schwerter auf ihn richteten.

„Was wollt ihr?", fragte er also und wandte sich ihnen zu.

„Ist das die Art wie ein Sklave mit seinen Herren spricht?", zischte Arastro und kam einen Schritt auf Chanyeol zu, so dass die Spitze der Klinge fast seinen Adamsapfel berührte. Es war natürlich nicht die Art und Weiße wie ein Sklave mit irgendjemanden, der kein Sklave war, zu reden hatte, aber Chanyeol fühlte nicht mehr wie ein Sklave, vor allem nicht vor Jungen, die ihm im Schwertkampf so deutlich unterlegen waren.

„Dreckiger Hund! GEH ZU BODEN VOR DEINEM HERRN!", schrie Arastro, wütend über den entschlossenen Ausdruck in Chanyeols Augen.

Chanyeol legte seinen Korb auf den Boden neben sich und sank dann langsam auf ein Knie. Nicht wie ein Sklave, sondern wie ein Adliger, der einen anderen Adligen grüßte.

„DU SOLLST ZU BODEN GEHEN!", polterte Arastros Stimme durch den Saal, andere Sklaven zogen die Köpfe ein und verschwanden wie Schatten in den Ecken des Saales. Chanyeol war keiner dieser Schatten mehr. Er blieb auf einem Knie und senkte auch nicht den Kopf. Arastro lief rot an vor Wut, schmiss sein Schwert zur Seite und griff stattdessen nach dem Korb, der neben Chanyeol lag.

„Stopp!", rief Chanyeol als Arastro das Brot herausholte. „Die sind für den Prinzen!"

„Sind sie das?", grinste Arastro und bedeutete den anderen dreien dann dass sie ihre Schwerter auf Chanyeol richten sollten. Chanyeol wollte aufspringen als Arastro das Brot zerbrach.

„Stopp!"

Jetzt schienen die anderen, Freude an der Situation zu finden, denn sie waren erleichtert das Chanyeol eine Reaktion zeigte. Arastro warf eine der Brothälften auf den Boden und trat mit seinen verstaubten Sandalen darauf, die andere Hälfte warf er in Chanyeols Gesicht. Sie brachen in lautes Gelächter aus, dann zog Arastro Tomaten aus dem Korb und drückte sie auf Chanyeols Kopf aus. Das hellrote Fruchtwasser floss ihm wie Blut ins Gesicht. Die nächsten Tomaten drückte er in seinem Gesicht aus, dann Trauben, dann warf er mit Äpfeln nach ihm und hob sie immer wieder auf, bis sie ganz braun und weich waren. Und das die ganze Zeit unter höhnischem Gelächtern.

Chanyeol entglitt seine Selbstbeherrschung. Es war einfach Omezides sein Schwert aus der Hand zu entwenden, weil keiner der Jungen wirklich achtsam war. Sie lachten nur lauthals und hielten sich mit einem Arm die Bäuche fest, während sie ihre Schwerter locker in ihren Händen festhielten. Erst als Chanyeol das Schwert nun in seinen Besitz gebracht hatte und sich vor ihnen erhob wurden ihre Gesichter schlagartig ernst und bleich.

„L-lass sofort das Schwert fallen Sklave! S-sklaven dürfen keine Waffen besitzen, d-das ist verboten!" Chanyeol scherte sich nicht darum. Er war genug von ihnen gedemütigt worden. Das einzige was er sich mit Mühe ins Gedächtnis rief, war dass er sie nicht verletzten dürfte, sonst wäre sein Schicksal damit tatsächlich besiegelt und so wollte er sein Leben nicht enden lassen.

Keiner der Jungen war ihm im Schwertkamp gewachsen und es war ein leichtes für Chanyeol gegen alle drei gleichzeitig anzukämpfen. Er entwaffnete sie mit geschickten und kräftigen Schwerthieben und stieß sie dann mit Tritten zu Boden. Es war ein schneller Kampf und als alle vier Jungen am Boden lagen und Chanyeol ihre Schwerter weit weggeworfen hatte, wandte er sich schließlich von ihnen ab. Er richtete nicht einmal ein Wort an sie, um ihnen damit zu bedeuten, dass sie seine Aufmerksamkeit nicht wert waren.

Er sammelte seinen Korb ein und ging in die Küche, wo er sich elendig zu Boden werfen musste und sich das Geschrei des Koches anzuhören hatte. Der Mann hatte ein schreckliches Temperament und es war ihm natürlich gleich, wie es kommen konnte dass Chanyeol die Lebensmittel verloren hatte. Er verprügelte ihn noch in der Küche, bis Chanyeols ganzer Körper vor Schmerz pulsierte und er seine Augen kaum öffnen konnte weil beide von zwei gut gesetzten Fausthieben schwer geschwollen waren.

Er kam mit seinem Leben davon, was ein großes Glück war, wohl jedoch auch der Hast des Koches, neue Lebensmittel aufzutreiben, zu verdanken war.

Semachites warf ihm nur einen schnellen Blick zu, als Chanyeol am nächsten Morgen mit seinen dunkelblauen, geschwollenen Augen und den dicken, roten Wangen zum Training erschien. Er seufzte tief und gab den Jungen Aufgaben während er den Sklavenjungen zur Seite nahm.

„Ich habe gehört was gestern passiert ist, war das das Werk von Arastro und seinen Freunden?"

Chanyeol konnte nicht anders als zu lächeln, obwohl seine aufgeplatzte Lippe schrecklich schmerzte. „Meister Sie müssen falschen Informationen erlegen sein. Arastro kann mir nichts anhaben und meine Wunden stammen von einem weitaus gefährlicherem Gegner."

„Ein Gegner, der gefährlicher ist als vier dumme Jungen, die sich an der Waffenkammer bedient haben?", fragte Semachites überrascht. „Wer soll das gewesen sein?"

„Der Koch, Meister. Legen Sie sich niemals mit dem Koch an."

Semachites lachte beherzt los und schlang einen Arm um Chanyeols Schultern. „Diesen Rat werde ich mir gründlich merken, vielen Dank Chanyeol!"

Am Ende des Monats verkündete Semachites Chanyeol dass er nun endgültig von seinen Arbeiten als Sklave befreit war.

„Wie meint Ihr Herr?"

„Ich habe mich mit dem König unterhalten und ein langes Gespräch mit ihm geführt. Du bist zu wertvoll um weiterhin Boden zu schrubben Chanyeol. Ich habe eine weitaus bedeutendere Aufgabe für dich."

Chanyeol verstand nicht was Semachites damit meinte, aber er erklärte ihm nur dass er seine Sachen aus dem Sklavenquartier einsammeln sollte, weil er ein neues Zimmer beziehen würde und am nächsten Morgen würde er nicht zur Vormittagssonne zum Training kommen, sondern bei Sonnenaufgang in den Gärten erscheinen. Er solle sich außerdem gründlich waschen und sich von ein paar Sklavenmädchen die Haare schneiden lassen.

Chanyeol nickte gehorsam und ging den Rest des Tages diesen Aufgaben nach, anstelle seiner üblichen Sklavenaktivitäten. Er begegnete Arastro auf den Palastgängen als ein Sklavenjunge ihn zu seinem neuem Quartier brachte, aber der andere Junge senkte nur den Kopf und ging stur an ihm vorbei. Offensichtlich hatte er seine Lektion gelernt.

Chanyeols neues Quartier war ein kleines Zimmer, kaum größer als eine Abstellkammer, aber darin stand ein Bett – ein richtiges Bett, mit Holzrahmen und Rückenlehne, anstelle einer einfachen Matratze, die auf dem Boden lag - außerdem lagen frische Laken, Decken und ein Federkissen darauf. Das Zimmer hatte außerdem einen kleinen Tisch auf dem ein Krug Wasser und ein Becher stand, daneben ein kleiner Hocker, ein Nachttopf lag in einer Ecke und ein Schrank stand an einer der Wand gegenüber des Tischchens. Besonders freute sich Chanyeol über das kleine Fenster und die dicken, purpurnen Vorhänge, die er davor ziehen könnte, wenn es ihm beliebte. Noch nie in seinem Leben hatte er so viel Raum nur für sich gehabt. Die Sklavenquartiere waren zwar groß, aber für viele Menschen gedacht, so dass sich Matratze an Matratze reihte und immerzu der beißende Gestank von Urin in der Luft hing – wegen der Kinder, die Nachts ihr Bett befeuchteten oder der Nachttöpfe, die schnell sehr voll wurden.

Chanyeol hatte das Gefühl als hätte er nun einen Platz auf dieser Welt. Er hatte seinen eigenen Raum, sein eigenes bisschen Leben. Er dachte an seine Eltern, die ihrem anstrengenden Leben bereits entflohen waren und an seine Geschwister, von denen er nichts wusste. Ob sie einen Platz in diesem Leben hatten, so wie er es nun hatte? Er würde es niemals erfahren.

Chanyeol ging in die Bäder, zum ersten Mal als Gast, anstelle eines Hilfssklaven und ließ sich ordentlich abschrubben, sein Haar wurde gestutzt und gekämmt und nachdem er sich abgetrocknet hatte wurde seine Haut in eine dünne Ölschicht gerieben. Er fühlte sich so sauber wie noch nie zuvor und wahrscheinlich war er zum ersten Mal in seinem Leben auch völlig Flohfrei, was ihm das Sklavenmädchen versichert hatte, als sie sich um seine Haare gekümmert hatte. Chanyeol war praktisch ein neuer Mensch.

Zurück in seinem Zimmer, legte er seine Kleidung ab, setzte sich auf das weiche Bett und sah auf seine Hände hinunter. Sie waren rau und hatten Schwielen an den Fingern, gezeichnet von harter Arbeit als Palastsklave wenn er die Böden schrubbte und schwerem Training wenn er abends mit einem Holzpfahl die Schwertkunst erlernte.

„Du bist kein neuer Mensch", flüsterte Chanyeol seinen Händen zu. „Du bist derselbe nur unter anderen Umständen." Er schloss seine Hände zu Fäusten und schwor sich, egal wie seine Hände in zwei, fünf oder zehn Jahren aussehen würden, dass er niemals vergessen würde welch harte Arbeit und welche Entschlossenheit ihn zu dem gemacht hatten, wer er war.

Er löschte die Öllampe und stieg unter seine Decken, morgen würde er bei Morgengrauen von Semachites seine neue Aufgabe erfahren und was auch immer diese ‚bedeutsame' Angelegenheit war, er würde sein Bestes geben.

Sein Herz war aufgeregt und pulsierte in schmerzhafter Antizipation auf die neue Aufgabe, bis die Nacht ihn schließlich in ruhigen Schlaf deckte.

~*~

Chanyeol war vor Semachites in den Gärten angelangt. Er hatte in seinem neuen Kleiderschrank einige Kleidungsstücke gefunden, die edler waren als alles was Chanyeol bisher getragen hatte, edler noch als die Kleidung, die die anderen wohlgeborenen Schüler von Semachites beim Training getragen hatten, was Chanyeol schwer überrascht hatte. Er war zu aufgeregt gewesen um zu Essen, hatte also nur einen großen Krug stark verdünnten Wein hinunter gekippt und war anschließend hinunter zu den Gärten gerannt.

Von Semachites war noch keine Spur zu sehen – die Sonne war auch noch kaum über dem Horizont aufgetaucht – also setzte sich Chanyeol auf die Treppenstufen die den Palast und die Gärten verband. Hier, hatte er jeden Morgen die Böden geschrubbt während er dem Prinzen und Meister Semachites heimlich bei ihrem Unterricht belauscht hatte. Es war kaum vier Monate her, dass das noch sein Alltag gewesen war, aber nun wirkte dieses alte Leben wie in weite Ferne gerückt.

Er hatte Gedankenverloren auf den Boden gestarrt, als plötzlich zwei Füße, in Sandalen geschnallt, in sein Sichtfeld traten. Chanyeol hob den Kopf an und blinzelte mehrfach. Das Gesicht des Jungen war in Schatten gehüllt, doch nur einen Sekundenbruchteil später erkannte Chanyeol die Smaragdgrünen Augen und das blonde Haar wieder. Chanyeol stolperte die Treppenstufen zurück und warf sich dann am Fuße der Treppe mit dem Gesicht voraus zu Boden. Sein Herz schlug wie verrückt in seiner Brust und sein Blut rauschte ihm in den Ohren.

„V-verzeihung, b-bitte habt Gnade mit diesem elenden Diener, ich hatte k-kein Recht Eurer Hochwohlgeborenen ins Gesicht zu sehen. Bitte verzeiht meine Dreistigkeit." Chanyeol starrte den gelben Boden vor sich mit großen Augen an. Der Prinz! Es war der Prinz!

„Steh auf, ich bin dir nicht böse." Der Prinz seufzte als Chanyeol sich nicht rührte. „Na mach schon, ich bin wirklich nicht wütend."

Chanyeol kam langsam auf Hände und Knie und verlagerte sein Gewicht dann nach hinten, so dass er vor dem königlichen Prinzen kniete. Den Kopf gesenkt, weil er nicht wagte noch einmal in seine smaragdfarbigen Augen zu sehen.

„Semachites schickt dich, nehme ich an?"

„Ja Prinz."

„Dann bist du es also", sagte er. „Wie lautet dein Name?" Chanyeol antwortete ihm mit einem Tremor in der Stimme. „Und wie alt bist du?"

„Fünfzehn Herr."

„Dann sind wir wohl im selben Alter", sagte der Prinz. „Steh auf Chanyeol."

Chanyeol kam dem königlichen Befehl, nach einem Moment des Zögerns, nach und bemerkte dass der Prinz auf der untersten Stufe der Treppe stand. So war er nur wenig größer als Chanyeol.

„Prinz, Chanyeol, ihr habt einander schon kennengelernt", kam nun Semachites dazwischen und lächelte breit.

„Sie sind zu spät Lehrer Semachites", bemerkte der Prinz und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Aber nicht doch, ich dachte ich lasse euch jungen Leuten noch ein wenig Zeit um einander kennenzulernen."

Der Prinz sah nicht überzeugt aus. „Wahrscheinlich sind Sie erst eben aus dem Bett gefallen, nicht wahr?"

„Das ist keine Frage die mein Stolz mir erlaubt zu beantworten", lachte der Schwertkunstmeister und reichte anschließend erst dem Prinzen und dann Chanyeol ein Holzschwert. „Chanyeol du bist wahrscheinlich überrascht nehme ich an? Ich muss zugeben ich suche schon lange nach einem geeigneten Trainingspartner für unseren Prinzen. Jemand, der besser ist als er aber nicht ganz so...eitel wie die anderen Jungen, die ich trainiere, wenn du verstehst was ich meine."

Chanyeol war so überrascht, die Information wollte ihn kaum erreichen. „Aber wie könnte ich mir anmaßen gegen den Prinzen zu kämpfen?"

„Oh mach dir keine Gedanken darüber, der junge Prinz hat einen schrecklichen Charakter du wirst dich darüber freuen ihm ordentlich eine verpassen zu dürfen." Chanyeols Kinnlade fiel hinunter. Niemals hätte er sich ausmalen können, dass es einen Menschen geben würde, der so mit dem Prinzen – DEM PRINZEN!! – sprechen würde. Er sah schockiert zur Seite, vergaß sogar demütig den Blick zu senken, und war noch weitaus mehr überrascht als er bemerkte dass der Prinz nicht verärgert oder beleidigt wirkte. Im Gegenteil, ein Lächeln spannte seine Lippen, und seine grünen Augen blitzte amüsiert. Chanyeol sah wie das Licht der aufgehenden Sonne in seinen grünen Edelsteinen funkelte und hielt den Atem an.

„Semachites, alter Mann, Sie wollen doch nicht sagen, dass es Ihnen so ergangen ist in all unseren gemeinsamen Jahren?"

„Gewiss nicht mein Prinz, wo denken Sie hin, ich hielt es nur für eine Möglichkeit."

Der Prinz lachte nun, Chanyeol hatte ihn noch nie lachen gesehen. Dann wandte er sich Chanyeol zu. „Nun gut, ich bin gespannt, Chanyeol, wieso Semachites dich für meinen geeigneten Trainingspartner hält."

„A-aber ich bin doch nur ein Sklave."

„Genug damit", donnerte die Stimme des Prinzen. „Mir ist egal welchen Rang du bekleidest, so lange wir hier trainieren." Er hob sein Holzschwert an. „Im Training entledigen wir uns unserer Ränge, hast du verstanden? Wie sonst sollte ich besser werden, wenn niemand es wagt gegen mich anzutreten?"

Chanyeol wusste es nicht. Wahrscheinlich könnte er sich seine Gegner einbilden, so wie Chanyeol es getan hatte, aber natürlich war das keine Antwort, die er dem Prinzen geben konnte. Chanyeol hob sein Schwert, zum Zeichen dass er verstanden hatte, und der Prinz nickte zufrieden.

„Jetzt musst du mir nur noch in die Augen sehen, sonst-" Der Prinz holte aus und Chanyeol hatte Mühe den Hieb zu parieren. „Sonst kannst du gleich wieder verschwinden."

Also hob Chanyeol die Augen und bohrte seinen Blick in den des Prinzen. Es musste eigenartig für beide sein und es grenzte an Bodenlose Frechheit, was Chanyeol tat, aber es war ein Befehl gewesen nicht wahr? Und Chanyeol wollte nicht wieder gehen müssen, er hatte die ‚bedeutende Aufgabe' kennengelernt, von der Semachites gesprochen hatte, und er wollte sie nicht so schnell wieder verlieren.

Er holte aus, der Prinz parierte, machte drei elegante Schritte zurück, war aber nicht schnell genug um Chanyeols nächsten Hieb auszuweichen. Der Prinz verlor sein Schwert aus der Hand und fiel mit einem lauten Ächzen auf sein Hinterteil.

Semachites brach in lautes Gelächter aus, während der Prinz Chanyeol wütend anfunkelte. Chanyeol war so erstarrt vor Schreck dass er sich nicht einmal zu Boden werfen konnte.

„Schön, wahrscheinlich bist du ein würdiger Gegner", murmelte der Prinz. Anschließend hielt er Chanyeol seine Hand hin. „Hilf mir auf!"

Chanyeol ergriff die Hand des Prinzen und zog ihn zurück auf die Beine.

~*~

Es dauerte nur knapp einen Monat, bevor Chanyeol nicht mehr ständig das Gefühl hatte, er müsse sich zu Boden werfen jedes Mal wenn er den Prinzen entwaffnete, er seinetwegen über seine eigenen Füße stolperte oder Chanyeol ihn zu Boden stieß. Der Prinz schien nicht von ihm zu erwarten ihm gegenüber demütig zu sein, oder sich zu entschuldigen wenn er ihre Probekämpfe gewann – was immerzu der Fall war.

Chanyeol würde nicht sagen, dass der Prinz ein schlechter Schwertkämpfer war. Er war geschickt und hatte die richtigen Techniken mehr oder weniger drauf. Er war wahrscheinlich besser als die Meisten der anderen Schüler von Semachites, die dieser trainierte sobald der Prinz sich seinem Philosophieunterricht zuwenden musste. Aber er war nicht sonderlich kräftig und viel zu ungeschickt. Es war nach einem besonders schlecht gelaufenen Trainingsmorgen, dass Semachites dem Prinzen das Schwert aus der Hand nahm und ihn ordentlich zusammenstauchte. Chanyeol fand auch dass der Prinz dumme Fehler gemacht hatte, aber natürlich hatte er kein Recht etwas zu sagen.

Semachites seufzte schwer und wandte sich dann ab. „Das ist genug für heute. Wir sehen uns morgen wieder." Er funkelte den Prinzen an, bevor er sich abwandte und davon ging.

Der Prinz ballte die Hände zu Fäusten und sah wütend zu Boden, seine Zähne knirschten aufeinander. „Wieso?", fragte er dann und seine Stimme zitterte vor unterdrückten Gefühlen. „Wieso bin ich so schlecht?!"

Chanyeol war überrascht über den plötzlichen Ausbruch. Normalerweise behielt der Prinz immer seine Ruhe aber heute musste es wirklich zu viel für ihn gewesen sein. „Sie...Sie sind nicht schlecht", sagte Chanyeol, weil er das Gefühl hatte er müsste etwas sagen.

Der Prinz schnaubte und wandte sich ab. „Was weißt du schon."

Schock und eine eiskalte Starre setzten sich in seine Gelenke, nach dieser kalten Abfuhr, dann flutete ihn etwas anderes. Es war Enttäuschung. Chanyeol hätte beinahe darüber gelacht. Es war immerzu der Prinz gewesen, der sich nicht die Mühe gemacht hatte, ihren Standesunterschied zu betonen, im Gegenteil er war es gewesen, der gemeint hatte sie waren einander ebenbürtig im Training. Und nun? „Natürlich, was verstehe ich schon, ich bin nur ein dummer Sklave", entkam es ihm sarkastisch.

Der Prinz wirbelte zu ihm herum und war mit drei großen Schritten direkt vor ihm. Seine blonden Haarsträhnen fielen ihm in die Stirn und seine Augenfarbe wirkte dunkler als sonst. „Machst du dich über mich lustig?"

„Wohl kaum Herr, das würde jemand so wertloses wie ich nicht wagen."

Der Prinz stieß ihm mit einem Fluch fort und wirbelte herum. Mit schnellen Schritten erklomm er die Treppen zurück ins Gebäude, wo seine wütenden Schritte von den Wänden widerhallten, als er sich entfernte.

Chanyeol atmete ebenfalls schwer, aber aus Nervosität. Hatte er gerade alles zerstört? Alles wofür er gearbeitet hatte? Er zischte und vergrub die Hände im Haar. Er war voller Staub und brauchte dringend ein Bad. Und am besten ein kühles Bad, das seine Nerven wieder beruhigte.

~*~

Am nächsten Morgen fiel es, sowohl dem Prinzen, als auch Chanyeol, schwer sich gegenseitig in die Augen zu blicken. Das Training lief ab wie immer, nur halbherziger als sonst und Chanyeol fühlte keinen Triumph als er ihren Probekampf gewann. Er hatte gespürt, dass der Prinz mit den Gedanken ganz woanders war.

Semachites beendete ihr Training schließlich wortkarg. „Seid morgen gefälligst wieder bei der Sache", knurrte er und sah beide mit finsterer Miene an, bevor er davonging.

Chanyeol blickte zu Boden und wartete darauf, dass der Prinz zuerst ging, damit er nach ihm verschwinden konnte, aber der andere Junge bewegte sich nicht.

Chanyeol sah schließlich auf und bemerkte dass der Prinz sich auf die Unterlippe biss – eine nervöse Angewohnheit.

„Komm mit mir", sagte er schließlich und ging durch den Garten, anstatt zurück in den Palast. Chanyeol folgte ihm, weil ehrlich, er wagte es nicht dem Königssohn nicht zu gehorchen, und bald darauf ließen sie den Garten hinter sich und traten auf die Weizenfelder hinaus, die hinter dem Palast wucherten.

Der Prinz durchschritt das hohe Gras ohne Mühe und als wüsste er genau wohin er ging, obwohl die hochwachsenden Pflanzen es ihnen unmöglich machte sich zu orientieren. Nach einer Weile spürte Chanyeol Nervosität in sich aufkommen, der Prinz sollte nicht ohne Wachschutz hier sein. Das war viel zu gefährlich.

Er war bereit den Prinzen anzusprechen, als sie bei einer Felsengruppe anhielten. Um sie herum wucherte noch immer ein Kreis aus Getreide, aber wegen der Felsen war dieses Fleckchen Erde nicht bewachsen. Wie eine Insel im Meer vielleicht.

Der Prinz setzte sich mitten in den Steinkreis hinein und bedeutete Chanyeol das er sich ebenfalls setzen sollte.

„Ist es okay dass wir hier sind?", fragte Chanyeol schließlich, als er seine Unsicherheit nicht mehr im Zaun halten konnte. Das Getreide wuchs so hoch dass er den Palast nicht mehr sehen konnte und niemand war hier, der den Prinzen schützen könnte.

„Ich bin oft hier", antwortete der Prinz als würde das Chanyeols Sorgen mildern. „Es gefällt mir ein wenig alleine zu sein."

„Ihr solltet nicht-"

„Ich weiß, schon gut, setzt dich Chanyeol."

Chanyeol setzte sich und lehnte seinen Rücken gegen einen der Steine. Die Luft roch nach Getreide und die Zikaden sangen hier lauter als im Palastgarten.

„Du hast mich missverstanden."

„Was?"

„Gestern, nach dem Training. Du hast mich missverstanden."

Chanyeol blinzelte mehrfach. „Mh, bitte verzeiht mir."

Der Prinz schüttelte den Kopf. „Willst du nicht wissen, was du missverstanden hast, bevor du dich entschuldigst?"

„Letzten Endes werde ich mich ohnehin entschuldigen", sagte Chanyeol mit einem Achselzucken. Der Prinz seufzte.

„Lass es mich dir trotzdem verraten. Als ich gesagt habe, dass du...dass du es nicht verstehst, meinte ich nicht wegen unserer Ränge oder unserer Abstammung." Er nahm einen tiefen Atemzug, als würden ihm die nächsten Worte nur schwer über die Lippen kommen. „Ich meinte, den Umstand nicht...niemals stark genug zu sein." Er wandte den Kopf zur Seite um Chanyeol ins Gesicht zu sehen. „Du bist wahrscheinlich von Natur aus so talentiert mit dem Schwert nicht wahr? Semachites hat nur Lobwörter über dein Haupt gesungen, wie also solltest du, ein natürliches Talent, es nachvollziehen können, wie es ist jeden Tag zu trainieren und doch nicht stark genug zu sein?"

Chanyeol war sprachlos. Er...er hatte den Prinzen tatsächlich missverstanden. „Das meintet ihr also", sagte er langsam. „Aber Prinz ihr...ihr denkt doch nicht wirklich ich würde nicht verstehen wie Ihr euch fühlt?"

Der blondhaarige blinzelte mehrfach. „Natürlich nicht. Du bist so gut, wie solltest du dich in mich hineinversetzen können?"

Chanyeol brach in lautes Gelächter aus, weil ihre Situation einfach bodenlos komisch war. Der Prinz hatte ihn wahrscheinlich noch nie so ausgelassen lachen gesehen und er war verwundert und ein wenig verlegen der Auslöser dafür zu sein. „Was ist? Wieso lachst du?"

„Prinz Ihr vergesst tatsächlich, dass ich nur ein Sklave bin! Natürlich verstehe ich die Ohnmacht desjenigen, der sich nach Stärke sehnt aber sie niemals erreichen kann. Ich bin in meiner Haut gefangen, so wie Sie, mein Prinz, in Ihrer Haut gefangen seid. Ob nun Stärke im Sinne der Abstammung oder im Sinne eines guten Schwerthiebs ist doch fast dasselbe."

Der Prinz war feuerrot angelaufen als Chanyeol ausgesprochen hatte was er sagen wollte. „Das...Verzeihung ich habe dich unterschätzt, du hast natürlich Recht."

Nach dem ersten Schock, dass der Prinz sich bei ihm –BEI IHM!- entschuldigt hatte, konnte Chanyeol nicht anders als breit zu grinsen. „Macht euch keine Gedanken, Sie werden noch stärker werden, viel stärker und –" Er hielt ihm seine Hände hin, so dass seine Handflächen parallel zu seinem Gesicht waren. „Auch ich habe hart trainiert um ein Schwert ordentlich zu schwingen. Geben Sie nicht auf."

Der Prinz schlang die Arme um die Knie und zog sie eng an seine Brust. Mittlerweile waren auch seine Ohren rot geworden. „D-danke."

Chanyeol konnte die Male, an denen sich jemand bei ihm bedankt hatte wahrscheinlich an einer Hand abzählen und dieses Wort gerade vom Prinzen zu hören, erweckte wieder seinen Impuls sich vor ihm zu Boden zu werfen. „Nicht doch Prinz ihr müsst nicht-"

„Du kennst doch meinen richtigen Namen, nicht wahr? Semachites und du ihr nennt mich immer nur Prinz, dabei kennt ihr meinen Namen nicht wahr?"

Chanyeol stockte. Natürlich kannte er den wahren Namen des Prinzen aber wer war er schon ihn in den Mund zu nehmen?

„Nenn mich von nun an bei meinem richtigen Namen Chanyeol."

„Herr, das kann ich nicht tun."

„Du kannst mich also im Kampf in den Staub werfen aber nicht meinen Namen aussprechen?", fragte der Prinz und hob eine Augenbraue an.

„Ich...ich sollte wirklich nicht-"

„Es ist kein Befehl", seufzte der Prinz. „Ich will dir keine Befehle erteilen Chanyeol, es...es ist vielmehr eine Bitte." Er stand auf und klopfte sich den Staub von den Hosen. „Wir sollten jetzt zurückgehen, der alte Emonedos wird mich noch fiese Sachen ausfragen, wenn ich den Philosophieunterricht noch weiter vor mich hinschiebe."

Er sah noch einmal zu Chanyeol zurück als dieser keine Anstalt gemacht hatte, sich zu erheben. „Kommst du? Oder denkst du, du findest alleine wieder zurück?"

Chanyeol sah auf und schluckte dann schwer hinunter. „In Ordnung."

„Was?"

„Ich werde Sie bei Ihrem Namen nennen", sagte Chanyeol und stand auf wackelige Beine auf. Er stellte sich direkt vor den Prinzen. „Dafür werde ich Ihnen, mein Prinz, ebenfalls eine schier unmögliche Bitte stellen." Chanyeol verstand seine eigenen Worte kaum, dafür rauschte das Blut in seinen Ohren viel zu laut.

„Was ist es?", fragte der Prinz und begegnete Chanyeols Augen ohne mit der Wimper zu zucken. Chanyeol war größer und breiter als er, aber der Prinz hatte deutlich weniger Furcht in sich.

Chanyeol nahm einen tiefen Atemzug, bevor er seine Bedingung stellte – die einzige Bedingung, die er jemals gestellt hatte. „Ich nenne Sie bei ihrem Namen Herr, wenn Sie schwören mich niemals wie einen Sklaven zu behandeln."

Die Lippen des Prinzen spalteten sich in ein breites Lächeln. „Was für ein vergeudeter Wunsch Chanyeol." Chanyeols Herz sank ihm in die Magengrube. „Das hatte ich ohnehin nicht vor. Ich bin ein ehrenhafter Mann, weißt du? Und du hast mich im Schwertkampf besiegt, daher hast du meinen Respekt erlangt." Das war nicht die Wendung mit der Chanyeol gerechnet hatte. Es dauerte einen Moment, bevor Chanyeol verstand.

„Okay", sagte Chanyeol und versuchte sich an einem Lächeln. Er streckte dem Prinzen seine Hand entgegen, die der andere ohne zu zögern ergriff.

„Das macht uns zu Freunden, einverstanden Chanyeol?"

„In Ordnung...Prinz Jongin."

Es war ihnen unmöglich zu verstehen, was einmal aus ihnen werden würde.

~*~

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Zählt das auch als Plottwist? Ich bin mir nicht sicher, aber hey Jongin ist mit von der Partie und ebenfalls verdammt alt wer hätte das gedacht? ^^ Ich hab mir überlegt ob ich statt Jongin 'Kai' für diesen Part benutze, aber das hätte wieder nur Fragen aufgeworfen und ich wollte sichergehen dass klar ist, dass DER Jongin gemeint ist. Falls ihr euch also wundert wie es sein kann, dass sie in diesem Teil und am Anfang immer die gleichen Namen hatten, das ist natürlich eigentlich nicht möglich, aber da das eine Fanfik ist habe ich nicht viel Spielraum mit Namen :)

Ich hoffe ihr mögt Chnayeols Geschichte bisher und seit mittlerweile weniger verwirrt? Wenn nicht, keine Sorge, in Teil  9 (dauert bis dahin aber noch) kommt alles raus :)

Viele liebe Grüße~

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