6.2
Noch mehr Jahre strichen ins Land aber der Erzengel traf auf keinen Gefallen Engel mehr und Hoseok war froh darüber. Manchmal, wenn er an jene Nacht zurückdachte, bereitete ihm die Erinnerung an den kalten Zorn in den Augen des Erzengels noch immer schweres Unbehagen, aber seit damals kam dieser angsteinflößende Ausdruck niemals wieder.
Sie begegneten ein paar weiteren Verlorenen Seelen, die der Engel allesamt in den Himmel schickte und Hoseok lernte auch was es mit Dunkeln Auren auf sich hat.
„Sie stäken die Dunkelheit in Menschen?", hakte Hoseok nach. Aus der Ferne beobachteten sie eine Dunkle Aura, die sich gerade an einem Menschen zu schaffen machte. Die Dunkle Aura war nicht mehr als ein dunkler Rauch – eine dunkle Materie – ohne Gliedmaßen aber etwa in der Größe eines ausgewachsenen Mannes.
„Sie existieren davon", bestätigte der Erzengel. „Sieh zu was die Dunkle Aura mit dem Menschen macht. Wenn er sich an ihn heftet wird seine Dunkelheit größer und gefährlicher. Wenn zu viel Dunkelheit in dem Menschen vorhanden ist und wenn die Dunkle Aura sie ins unermessliche treibt, dann könnte dieser Mensch seiner Dunkelheit erlegen und zu grausamen Taten übergehen."
„Das ist es also? Das macht manche Menschen zu solchen...Unwesen?"
„Richtig", bestätigte der Erzengel.
„Wäre es dann nicht viel einfacher die Dunklen Auren einfach auszulöschen? Wenn es sie nicht gäbe wäre es doch viel unwahrscheinlicher dass Menschen einander Schaden zufügen wollten, nicht wahr?"
„Dunkelheit existiert ja bereits in den Menschen, die Dunklen Auren stärken sie nur. Natürlich hast du Recht und es würde bei vielen Menschen viel länger dauern, bis sie ihre Grenze an Dunkelheit erreicht haben wenn es die Dunklen Auren nicht gäbe, aber ich darf trotzdem nicht handeln."
„Wieso nicht?"
Er lächelte auf Hoseok hinunter. „Es ist nicht mein Recht das Leben eines Menschen der Existenz einer Dunklen Aura vorzuziehen. Der Oberste Schöpfer hat entschieden dass sie existieren und so soll es sein."
Hoseok beobachtete wie die Dunkle Aura sich weiter an sein Opfer schmiegte und fragte sich was wohl mit diesem Menschen geschehen würde. War vielleicht nicht genug Dunkelheit in ihm vorhanden, so dass die Dunkle Aura ihn nicht weiter beeinflussen konnte? Oder war bereits so viel Dunkelheit in ihm, dass die Dunkle Aura ihn an sein Limit führen würde? Was würde er tun wenn dieses Limit überschritten war? Würde er nachhause kehren und seine Frau und Kinder verprügeln? Würde er zum Mörder oder Dieb werden? So viele düstere Vorstellungen.
Hoseok und der Erzengel beobachteten die Dunkle Aura noch für einen Moment, bevor sie sich abwandten und weitergingen.
~*~
Nur wenige Monate nach dieser Beobachtung sollte sich Hoseoks Schicksal komplett verändern.
Der Erzengel hatte ihm viel von den Dunklen Auren erzählt und sobald er wusste nach was er Ausschau halten musste, sah er sie auch immer wieder auf ihrem Weg durch Dörfer und Städte schweifen – immer dort, wo viele Menschen zugegen waren.
Was er nicht erwartet hatte, war dass es eine Dunkle Aura gab, die so dunkel war, dass selbst Hoseok ihren Zorn spürte.
Sie kamen durch ein verlassenes Dorf, dessen Einwohner auf den Straßen lagen, schon lange ausgeblutet, mit Pfeilen und Schwertern in Brust und Rücken. Der Anblick war grauenhaft.
„Was ist hier passiert?", fragte Hoseok schockiert, während sein Blick über Leichen, totes Vieh, und ausgebrannte Häuser strich.
„Ein Massaker", antwortete der Erzengel mit einem Stirnrunzeln. „Aber wieso sollte jemand dieses winzige Dorf überfallen?"
„Es war kein Überfall", antwortete eine Stimme. Ein Mann schritt zwischen zwei verkohlten Häusern heraus und stellte sich in ihren Weg. Er war...Hoseok hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Er war in Dunkelheit gehüllt wie eine Dunkle Aura, aber Hoseok erkannte auch Gliedmaßen und Augen und...eine menschliche Gestalt.
„Wieso kann dieser Mensch uns sehen?", hauchte Hoseok überrascht, während das Wesen sie seinerseits neugierig musterte.
„Es ist eine Verlorene Seele", antwortete der Erzengel nach einem Moment. „Zumindest war er es einmal."
Hoseok konnte es nicht glauben. DAS DA sollte eine Verlorene Seele, wie er eine war, sein? „Aber wie?"
„Seine Dunkelheit muss ihn übermannt haben und er ist zu einer Dunklen Aura geworden."
Hoseok blinzelte das Wesen an, er hatte nicht gewusst, dass Verlorene Seelen zu Dunklen Auren werden können.
„Du bist ein Erzengel", sagte das Wesen langsam und sah Hoseoks Weggefährten neugierig an. „Du bist voller Licht."
Der Erzengel nickte langsam. „Hast du dieses Dort so zugerichtet?"
Die...Dunkle Aura lächelte breit, sein Mund bestand aus noch mehr Dunkelheit. „Es war ganz einfach die Dorfbewohner gegeneinander aufzuhetzen. Sie hatten wahrscheinlich sogar mehr Freude daran sich gegenseitig umzubringen, als ich es hatte ihnen dabei zuzusehen."
Hoseok erschauderte, aber der Erzengel blieb ganz ruhig. „Du bist sehr mächtig, du musst lange umher geirrt sein, bevor du so geworden bist."
„Sehr lange", bestätigte die Dunkle Aura, Hoseok wich unweigerlich ein paar Schritte zurück als seine Dunkelheit noch dichter wurde. „Ich...ich erinnere mich nicht mehr an alles aber", er sah den Erzengel an. „Ich suche nach jemandem. Ich weiß nicht...ich erinnere mich nicht mehr genau aber..."
Der Erzengel legte den Kopf zur Seite. Die ehemalige Verlorene Seele bestand nun aus so viel Dunkelheit dass nur ihre menschliche Form zu erkennen war, weder Gesicht noch Hautfarbe oder etwas anderes. „Wen auch immer du suchst, die Person muss vor Jahrhunderten verstorben sein."
„Das ist mir egal", sagte das Wesen. „Ich muss ihn finden. Ich muss zu ihm..." Er brach ab und schwankte von einer zur anderen Seite, während Schwaden von Dunkelheit von seinem Körper stiegen. „Ich muss zu ihm. Er hat geschworen, dass er an meiner Seite bleibt und doch..."
„Dein Umherirren kann ein Ende haben", sagte der Erzengel sanft um das verwirrte Gestotter der Dunklen Aura zu beenden. „Ich kann dich in den Himmel schicken, wenn du möchtest."
„Der Himmel?", wiederholte die Dunkle Aura. Er schwieg für einen langen Moment. „Ich bin einem Gefallenen Engel begegnet, der mir von Erzengeln und dem Himmel erzählt hat. Es schien mir kein Ort an dem ich meine Zeit verschwenden wollte."
„Gefallene Engel sind wahrscheinlich nicht die besten Richter über den Himmel", lächelte der Erzengel und nun war es die Dunkle Aura, die zurückwich. „Der Himmel ist der Ort an den alle verstorbenen Menschen zurückkehren. Ich kann dich dorthin schicken und dir helfen zu finden, wen auch immer du suchst."
Hoseok glaubte nicht daran, dass der Erzengel es vollbringen könnte dieses abgrundtief dunkle Wesen umzustimmen, aber die Dunkle Aura schwieg bedächtig.
„Ich habe noch nie davon gehört, dass ein Wesen wie ich in den Himmel kommen könnte."
„Dunkle Auren können das auch nicht", bestätigte der Erzengel sanft. Er ging langsam auf das Wesen zu. „Aber du bist einmal eine Verlorene Seele gewesen und weit davor warst du ein Mensch – ich weiß dass ich dich in unser rechtmäßiges Zuhause schicken kann." Er machte eine Pause. „Ich kann dir helfen, dich erlösen."
Hoseok hatte den Erzengel in ihren gemeinsamen Jahren gut kennengelernt und immer wenn sich ihm die Möglichkeit geboten hatte einem unschuldigen Wesen zu helfen, so war er Feuer und Flamme dafür. Hoseok bezweifelte dass dieses Wesen allzu unschuldig war, aber der Erzengel schien nichtsdestotrotz vor Entschlossenheit zu erstrahlen.
„Wer garantiert mir, dass ich nicht sterbe sobald ich in den Himmel komme?", fragte die Dunkle Aura. Der Erzengel und die Dunkle Aura standen sich nun so nahe, dass nur noch wenige Zentimeter sie trennten. Hoseok hatte sich vor Angst keinen Zentimeter fortgerührt.
„Ich garantiere es dir", antwortete der Erzengel sanft. „Ich werde dich begleiten wenn es dir Sicherheit gibt."
„Du erinnerst mich an..." Das Wesen zog seine Dunkelheit zurück, bis sie ihm eng am Körper anlag. „Du erinnerst mich an leere Versprechungen und einen Schwur, vor...vor so langer Zeit."
Der Erzengel antwortete darauf nicht. Stattdessen, streckte er dem Wesen seine Hand entgegen. „Lass mich dir helfen. Ich verspreche dich zu begleiten, bis du findest, wen du suchst."
Hoseok verstand nicht, dass diese Worte alles verändern würden.
Die Dunkle Aura schwieg für eine Weile, bevor sie schließlich den Kopf nickte. „Dann schick mich in den Himmel", bat er, so wie es viele Verlorene Seelen vor ihm getan hatten.
Der Erzengel sah nicht zu Hoseok zurück, als seine Hände zu leuchten begannen und er sagte auch keine Worte des Abschieds, die Hoseok vorgewarnt hätten.
Der Erzengel legte der Dunklen Aura seine Hände auf die Wange, woraufhin grelles Licht von ihm ausstrahlte, dass Hoseok für einen Moment blendete.
Als das Licht verschwunden war, waren sowohl die Dunkle Aura, als auch der Erzengel verschwunden. Hoseok stand inmitten des zerstörten Dorfes und verstand, dass er zurückgelassen wurde.
~*~
Hoseok verbrachte Jahrhunderte mit Ausharren. Er rührte sich nicht vom Fleck und wartete bis der Erzengel zurückkehrte, doch dieser kam niemals wieder. Jahrhunderte verstrichen in zähen, langsamen Jahren ohne dass der Engel sich jemals wieder blicken ließ.
Hoseok hatte vergessen, dass der Erzengel nicht im Bewusstsein seiner Gefühle war– nicht wie Hoseok, der glaubte in dem Erzengel einen guten Freund gefunden zu haben.
~*~
Wahrscheinlich war es bereits vor Jahren geschehen, aber Hoseok merkte erst viel später dass eine Veränderung mit ihm stattgefunden hatte. Es musste die Verzweiflung gewesen sein, oder die Einsamkeit. Vielleicht das Wissen einen wichtigen Freund verloren zu haben...was auch immer es war, Hoseok war keine Verlorene Seele mehr.
„Ich habe es nicht bemerkt", murmelte er Gedankenverloren, während schwarzer Rauch sich um seine Arme und Hände bündelte. Wahrscheinlich sah er aus wie das Wesen, dass der Erzengel vor Jahrhunderten mit sich in den Himmel geführt hatte. Es war nur ironisch, dass Hoseok selbst nun auch eine Dunkle Aura geworden war.
Und er war mächtig.
Hoseok verließ den Ort an dem er so lange gewartet hatte, denn er hatte jegliche Hoffnung auf ein Wiedersehen mit dem Erzengel verloren. Und es kümmerte ihn auch gar nicht mehr so sehr. Es musste daran liegen, dass er eine Dunkle Aura geworden war. Seine menschlichen Gefühle, die ihm als Verlorene Seele noch so präsent gewesen waren, bewegten ihn nun nicht mehr und es machte ihm auch nichts mehr aus, alleine zu sein oder von nichts und niemandem wahrgenommen zu werden.
Das war es also was eine Dunkle Aura ausmachte. Was für eine erlösende Art von Ignoranz.
~*~
Wenn Hoseok seinen Zustand zu beschreiben hätte, dann würde er sagen, es fühlte sich an als hätte jemand eine Mauer in seinem Inneren erbaut. Eine Mauer die seine Gefühle von seinem Bewusstsein abtrennte. Er fühlte kaum noch und es war ihm egal, dass er nicht fühlte. Nur einzelne Emotionen schlichen sich noch an die Oberfläche seines Bewusstseins. Als würden diese wenigen Empfindungen sich durch die Ritze in der Mauer fressen.
Manchmal lachte Hoseok wenn er die Menschen beobachtete, manchmal fühlte er sich schlecht wenn er einem Mann zu nahe trat, der schon zu viel Dunkelheit in sich hatte und Hoseoks bloßes Näherkommen ihn zu schrecklichen Taten antrieb.
Hoseok bemerkte auch, dass es ihm mit jedem Mal mehr Freude bereitete einen Menschen in seiner eigenen Verzweiflung zu ertränken.
Das musste es also auch bedeuten eine Dunkle Aura zu sein.
Hoseok verstand dass er seine Menschlichkeit verlor. Bald würde er so sein wie das Wesen, dass der Erzengel eigenhändig in den Himmel bringen musste. Hoseok wollte so nicht werden, weil er ehrlich zugeben musste, dass er wütend auf das Wesen war. Immerhin hatte es ihm seinen Erzengel-Begleiter gestohlen.
Wahrscheinlich war es also aus reinem Protest, dass Hoseok sich seine Menschlichkeit bewahrte und versuchte die Dunkle Aura, die er nun einmal geworden war, so in Zaum zu halten, dass er die Verlorene Seele in sich nicht gänzlich verlor. Es war ein wenig absurd gegen Splitter seines eigenen Selbst anzukämpfen, aber gut. Aus Protest und für seine Menschlichkeit.
Tatsächlich machte Hoseok dieser Sinneswandel sogar recht glücklich. Dunkle Auren konnten keine hellen Gefühle entwickeln – das war unmöglich und würde sie umbringen – also lachte Hoseok und zwang so viele seiner Gefühle durch die Spalten in der Mauer hindurch wie nur möglich.
Dadurch wurde Hoseok als Dunkle Aura mit der Zeit immer stärker aber verlor den ehemaligen Menschen in sich nicht. Hoseok wusste nicht dass er die erste Verlorene Seele war, die dieses Unterfangen jemals gemeistert hatte. Alle anderen Verlorenen Seelen, die in Dunkle Auren gewandelt worden waren hatten sich hoffnungslos in sowohl fremder als auch eigener Dunkelheit verloren und schreckliches Unheil auf der Erde verursacht.
Hoseok indes ging lächelnd durch seine Existenz, während er Dörfer brennend zurückließ und aus liebenden Familien hasserfüllte Mörder machte.
Der Teil in ihm, der nun einmal eine Dunkle Aura war, konnte nicht anders. Denn Hass und Dunkelheit zu verbreiten, war eben was eine Dunkle Aura ausmachte.
~*~
Hoseok begegnete Jungkook in der schnell expandierenden Stadt New York. Seitdem unzählige Menschen hierher siedelten, war unverkennbar dass dieses Stück Land einmal eine der größten Städte der Erde werden würde.
Im Tumult dieser stetig wachsenden Stadt kam Hoseok in Bekanntschaft mit einer Dunklen Aura, die auf ihn ausgehungert und schwach wirkte, obwohl die Dunkelheit in ihr beachtlich war. Hoseok ergriff sogleich das Interesse.
Die Dunkle Aura seufzte tief und ihre formlose Gestalt schien in sich zu versinken, wie ein Mensch, der die Schultern hängen ließ. Es brachte Hoseok zum Lachen, woraufhin sich die Dunkle Aura zur Seite wandte.
„Du stirbst wenn du lachst", sagte die Dunkle Aura, die nicht überrascht schien, dass Hoseok an ihrer Seite erschienen war.
„Nicht ich, mein Freund", sagte er. „Ich bin nicht ganz wie du, aber erzähl mir doch lieber, wieso du so bedrückt aussiehst?"
Hoseok konnte sich gut vorstellen wie die Dunkle Aura ihn komisch angesehen hätte, wenn sie denn Augen gehabt hätte. „Ich habe genug von eigenartigen Wesen", sagte er mit schrecklich viel Frust in der Stimme. „Lass mich bitte in Ruhe."
„Was für eigenartigen Wesen bist du denn noch begegnet?"
Die Dunkle Aura fiel noch weiter in sich zusammen. „Ein Mensch", gab er zu. „Ein...ein Engel von einem Menschen."
Hoseok war nun wirklich erstaunt. „Ein Engel? Ein Erzengel vielleicht?" Hoseok konnte nicht verhindern, dass seine Stimme Aufregung in sich trug.
„Nein, wenn er nur ein richtiger Engel wäre, dann würde ich es ja verstehen!", rief er genervt aus. „Aber es ist definitiv ein Mensch!"
Hoseok fragte sich, ob die Dunkle Aura den Verstand...oder zu viel dunkle Rauchschwaden verloren hatte. „Ich kann nicht ganz folgen."
Die Dunkle Aura blieb stehen. Menschen gingen durch sie hindurch aber es kümmerte sie nicht. Dann erzählte Jungkook ihm eine der unglaublichsten Geschichten, die Hoseok je gehört hatte.
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Nächstes Mal bekommt ihr die Geschichte von Jungkook und Hoseok zu hören und ich spreche lieber jetzt schon ein paar Warnungen aus. Nächstes Kapitel wird unschön, also unschön im Sinne von Minseoks Geschichte (vielleicht noch ein wenig schlimmer, je nachdem). Liest mit Bedacht :)
Liebe Grüße!
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