4.3

Rahil und Minseok tauschten besorgte Blicke aus, wenn sie glaubten dass Luhan nicht hinsah. Seit dem Besuch im Freudenhaus war Luhan in sich gekehrter, ruhiger, seine Augen leuchteten nicht mehr wenn er mit den Kindern spielte und er sprach nur noch wenige Worte.

Es war nach der Arbeit, dass Minseok die Mädchen mit nach oben nahm und Rahil Luhan darum bat ihm beim Kochen des Abendessens zu helfen.

„Bist du in Ordnung?", fragte sie ihn sanft. In einer Schüssel knetete sie Teig zu einem runden Ball. Luhan nickte nur. „Du kannst mit mir reden", sprach Rahil weiter. „Ich...ich weiß dass ich so gut wie eine Fremde für dich bin, aber ich mag dich wirklich sehr gerne Luhan und ich möchte nicht, dass es dir schlecht geht."

Luhan schnitt sich beinahe mit dem Messer in den Finger, als er zusammenzuckte. „Bitte", er schloss die Augen. „Bitte sag so etwas nicht."

Rahil hielt inne und wandte sich zu ihm um. „Was ist mit dir?" Ihre Stimme klang so vorsichtig. Er verdiente ihre Fürsorge nicht. Er verdiente weder ihre Freundlichkeit noch irgendeine nette Geste von ihr. Nicht wenn er vorhatte ihr so viel wegzunehmen...

„Rahil bitte", flüsterte er. Er ließ das Messer sinken und spürte seine Beine schwach werden. „Bitte sei nicht so gut zu mir."

„Wieso nicht?", fragte sie und trat zu ihm heran. Zwischen ihren Fingern klebte Teig und auf ihren Wangen lag etwas Mehl, während sie besorgt den Abstand zwischen ihnen verringerte.

Luhans Gedanken liefen wild umher. All die Schuldgefühle, all das Verlangen und die Angst. „Ich verdiene es nicht", flüsterte er.

Rahil legte ihre Hand auf seine Wange und Luhan sah sie an. Sah sie richtig an. Ihre schönen Haselnussbraunen Augen in die sich Minseok sofort verliebt hatte, ihr schwarzes, glattes Haar, das kleine, schmale Gesicht mit dem sanften Lächeln. „Es ist in Ordnung traurig zu sein und es ist okay zu lieben, wen du liebst."

Luhan riss die Augen auf. „Das-"

„Mach dir keine Sorgen, niemand wird dich verurteilen für deine Gefühle."

„Aber...wie kannst du so...ruhig und verständnisvoll sein, wenn ich doch-"

Sie zuckte die Achseln. „Ich glaube an die wahre Liebe und ich denke sie hat keine Grenzen, nur...ich denke du verdienst mehr Luhan. Jemand der dich wirklich liebt und wertschätzt."

Es traf Luhan wie ein Schlag ins Gesicht. Sie sprach von Kris, nicht von Minseok. Natürlich sprach sie von Kris – sie hatte die Szene im Bordell missverstanden und Luhan hatte sie nicht über den Fehler aufgeklärt. Er zog sie an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem Nacken. „Rahil es tut mir so leid."

Sie lachte. „Wieso entschuldigst du dich, du dummes Kind?" Sie küsste sein Haar. „Alles wird gut Luhan. Alles wird wieder gut."

Er schüttelte den Kopf. „Es wird niemals gut werden", flüsterte er. „Es gibt etwas das ich tun kann um glücklich zu werden, aber es würde die andere Person unglücklich machen."

Rahil trat einen Schritt zurück um ihm ins Gesicht zu sehen. „Steht dein Glück nicht an erster Stelle?", fragte sie und lächelte breit.

Er brachte es nicht übers Herz ihr zu erklären, wie unrecht sie doch hatte. Er nickte und hasste sich dafür, sie das sagen gelassen zu haben. Wenn sie nur den Wert hinter ihren Worten verstanden hätte...wenn sie gewusst hätte, was Luhan vorhatte...

Rahil lachte und wischte Luhans Tränen fort. „Du bist voller Mehl", entschuldigte sie sich.

„Ist schon in Ordnung."

Sie lächelte und Luhan wusste, dass er sie liebte. So wie er die Kinder liebte.

Nur liebte er Minseok mehr.

~*~

Luhan träumte nicht, aber manchmal wenn er Nachts in Rahils und Minseoks Zimmer schlich und die beiden beim Schlafen beobachtete dann dachte er daran, wie es wäre zu träumen und worüber er träumen würde.

Er dachte an den Himmel und stellte sich vor was für Engel Rahil und Minseok und die Kinder einmal werden würden. Er stellte sich vor, wie sie gemeinsam im Himmel existieren würden. Luhan hätte so weiße Flügel wie Minseok und Rahil und sie würden zusammen sein. Auf ewig.

Vielleicht würde Minseok Luhan niemals so lieben, wie er ihn liebte, aber im Himmel wäre es egal, denn Luhan wäre bei ihnen und er würde für immer bei ihnen sein.

Luhan hatte seine Chance auf diese Zukunft vertan, als er Minseoks Leben gerettet hatte und er brachte es nicht über sich, es zu bereuen, denn wenn Minseok nicht gelebt hätte, was wäre dann aus Rahil geworden? Wie würde eine Welt ohne die zwei Mädchen aussehen? Nein, Luhan bereute es nicht.

Es war als er in ihre ruhigen, schlafenden Gesichter sah, dass Luhan endlich eine Entscheidung getroffen hatte. Er würde sie nicht auseinander reißen. Er würde gehen und er würde sie niemals wiedersehen, aber es wäre ein Preis, den er zahlen konnte. Für Minseok, Rahil und die Mädchen.

~*~

Das Gespräch zwischen Luhan und Rahil musste gutgelaufen sein, entschied Minseok, denn Luhan lachte wieder und verbrachte viel Zeit mit den Kindern. Er war in wenigen Wochen ein so wichtiger Teil ihrer Familie geworden, dass Minseok sich nicht vorstellen konnte, wie es einmal wäre, wenn Luhan das Haus verließe um zu heiraten...es würde Rahil wahrscheinlich das Herz brechen.

„Wieso siehst du mich so an?", fragte Luhan belustigt und hielt Minas Beine fest, damit sie nicht von seinen Schultern rutschte.

„Es ist nichts", erwiderte er und nahm Mina von Luhan fort.

„Wieso hast du sie Mina genannt?", fragte Luhan ohne ihn anzusehen.

Minseok sah seine kleine Tochter an und küsste ihre Wange, was sie mit Lachen erwiderte. „Ich hatte einen kleinen Bruder und eine kleine Schwester", erzählte er. „Es waren Zwillinge. Jino und Mina. Es ist wahrscheinlich dumm seine Kinder nach seinen verstorbenen Geschwistern zu benennen, aber ich hielt es für richtig und Rahil mochte die Namen ebenfalls." Minseoks Augen wurden traurig. „Ich wünschte sie wären aufgewachsen wie Jia und Mina. Ich wünschte sie hätten ein besseres Leben geführt. Ich wünschte ich hätte-"

„Es ist nicht deine Schuld Minseok", sagte Luhan sanft. „Du...du hast alles richtig getan."

Er sah Luhan mit traurigen Augen an. „Das kannst du nicht wissen, oder?" Er seufzte. „Du bist in ihrem Alter weißt du? Sie wären so alt wie du, wenn sie heute noch am Leben wären."

„Sie wären zu großartigen Menschen herangewachsen."

„Ich weiß es nicht."

„Doch, ganze bestimmt", Luhan betonte seine Worte, indem er kräftig mit dem Kopf nickte. „Weil du sie aufgezogen hättest, so wie Jia und Mina dank dir großartige Menschen sind."

„Du hast eine so hohe Meinung von mir", sagte Minseok und versuchte seine Stimme leicht klingen zu lassen.

„Natürlich, wie könnte ich nicht?"

Minseok dachte an vieles, an die Jahre, die er sich blind gestellt hatte, während Kindern im Waisenhaus die Gliedmaßen abgetrennt wurden. An den Mord, den er an jenem Mann in seiner ersten Nacht alleine in London, vollbracht hatte. An die Waisenhausleiterin und den Hausmeister, die seinetwegen gestorben waren. An die Flammen...den Teufel, den er wahrscheinlich beschworen hatte um zwei Menschenleben auszulöschen. Und wenn Minseok tatsächlich den Teufel beschworen hatte – und daran glaubte er – dann würde der Teufel auch ihn eines Tages holen. Er erschauderte bei dem Gedanken.

„Woran denkst du?", fragte Luhan und legte den Kopf schräg.

„Nichts. Willst du mich auf den Markt begleiten? Ich muss ein paar Dinge besorgen."

„Ich auch!", rief Mina, woraufhin Minseok den Kopf schüttelte. „Du bleibst bei Mama und hütest mit ihr das Haus, in Ordnung? Das ist eine wichtige Aufgabe."

Mina's Augen weiteten sich, begeistert dass man ihre einen so wichtigen Auftrag erteilt hatte. „Okay!", rief sie und wandte sich aus Minseoks Armen. Er stellte sie auf die Beine und beobachtete wie sie die Treppe ins obere Stockwerk hinaufschoss.

„Jia, Liebes, könntest du ein Auge auf deine Schwester werfen?" Jia blickte enttäuscht zu Luhan herüber, der ihr aufmunternd zulächelte, dann nickte sie und verschwand ebenfalls nach oben. „Dann gehen wir mal", er reichte Luhan seine Hand um ihn auf die Beine zu ziehen und Luhan nahm die Hilfe dankend an.

Rahil gab Minseok eine Liste mit Dingen mit, die sie besorgen mussten und küsste beide zum Abschied auf die Wange. „Bleibt nicht zu lange weg", warnte sie mit einem Lächeln.

Um zum Markt zu kommen mussten Minseok und Luhan in die Stadt hineinlaufen, was eine Weile dauerte, aber sie unterhielten sich ausgelassen über die Arbeit und das Wetter und belanglose Kleinigkeiten, die ihnen auf dem Weg einfielen und die Stunde ging viel zu schnell vorüber.

Luhan hatte für einen Moment geglaubt, dass es der Markt sei, an welchem sich Minseok und Rahil zum ersten Mal begegnet waren, aber es war ein anderer. Viel weiter am Stadtrand und etwas kleiner. Dennoch priesen auch hier Menschen ihre Lebensmittel an. Sie liefen mit gerümpften Nasen an Ständen, wo Fisch und Fleisch verkauft wurde vorbei und hielten den Atem an, als sie am Käse vorbeikamen.

Sie kauften Gemüse und etwas Obst und zwei Kleider für die Kinder. „Sie wachsen viel zu schnell", seufzte Minseok. Luhan tröstete ihn indem er ihm auf die Schulter klopfte.

„Schöner Junge!", rief eine Verkäuferin und winkte ihn mit zusammengekniffenen Augen zu sich heran. Sie stand gebückt über einem kleinen Tisch da und trug ein Kopftuch, an dem goldene Münzen hinunterhingen. Ihr Gesicht war faltenreich und ihre Finger sahen aus wie alte Äste eines Baumes, als sie mit ihnen nach ihm griff. Sie lächelte ihm mit schiefen, schwarzen Zähnen zu und Luhan wäre beinahe zurückgezuckt. „Soll ich dein Glück beschwören?", fragte sie mir krächzender Stimme.

„Mein Glück beschwören?"

„Aber ja mein Kind. Nur eine kleine Münze und ich gewähre dir ewigwährendes Glück."

Luhan schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich."

„Dann möchtest du nicht glücklich werden?"

„Doch natürlich."

„Wieso zögerst du dann?" Sie streckte ihm ihre braune Hand entgegen mit der Handfläche nach oben. „Gib mir deine Hand mein Junge."

Minseok stieß Luhan den Ellenbogen in die Seite und deutete mit einem Kopfnicken auf die ältere Dame. „Mach schon."

Luhan reichte ihr zögerlich seine Hand und sobald sie die raue Haut der alten Frau berührte, zog sie ihn mit unerwarteter Kraft näher zu sich heran. Sie murmelte Worte in einer unbekannten Sprache, eine Sprache, die es auf dieser Welt nicht gab, bevor sie inne hielt und ihn wieder ansah. „Es scheint als hättest du dein Glück bereits aufgebraucht."

„Was?"

„Oh mein guter Junge, du kannst nicht mehr glücklich werden. Es ist zu spät."

Luhan stand da wie vom Blitz getroffen. „Aber...ich..."

Die alte Frau ließ seine Hand los und wandte sich ab. „Geht nun. Ich kann nichts für euch tun. Geht."

„Eine eigenartige Frau", sagte Minseok als sie sich abgewandt hatten. „Normalerweise erzählen sie ein paar Standard-Sachen und beten für einen. Sie muss einen schlechten Tag gehabt haben, mach dir darüber nicht zu viele Gedanken."

Luhan nickte. „Du hast bestimmt Recht."

„Sollen wir ein paar Zuckerbonbons kaufen?"

Luhan wusste wie sehr Jia und Mina sie liebten und nickte begeistert. Die Worte der alten Dame sogleich in weite Ferne gerückt.

„Wir sollten uns überlegen was wir in Zukunft machen sollen."

„Was meinst du?", fragte Luhan an dem Bonbon in seinem Mund vorbei. Sie hatten den Markt hinter sich gelassen und waren den Heimweg angetreten.

„Du brauchst dein eigenes Zimmer, denkst du nicht? Und ein ordentliches Bett in dem du schlafen kannst. Die Couch ist viel zu klein für dich."

Luhan sah Minseok überrascht an. „Aber-"

„Rahil und ich haben beschlossen dich nicht gehen zu lassen, bevor du heiratest", er zögerte. „Zumindest bis du ein eigenes Heim mit deinem Lebenspartner haben möchtest."

Luhan stieg ein dicker Kloß in die Kehle. „Was wenn ich niemals heiraten oder fortgehen wollte?"

„Das ist nicht schlimm", grinste Minseok. „Wir behalten dich auch. Wir haben uns ohnehin schon seit längerem überlegt ein größeres Haus zu kaufen. Du könntest deinen eigenen Bereich darin haben."

Luhan dachte ernsthaft darüber nach, wie es wäre den Ruf Lucifers für immer zu ignorieren und bei Minseok und Rahil zu bleiben, solange sie am Leben waren. Er müsste sie nicht verlassen, nicht wahr? Er könnte einfach...Aber Luhan würde niemals älter werden und eines Tages könnten die Erzengel oder Kris zurückkehren.

Luhan seufzte. Für einen Moment, hatte er sich gestattet einfach darüber nachzudenken, wie es wäre auf ewig bei ihnen zu bleiben, doch es war unmöglich.

„Du bist so ruhig", sagte Minseok verwirrt. „Sind wir zu weit gegangen mit dieser Idee?"

„Nein", korrigierte er schnell, weil er Minseok nicht enttäuschen wollte. „Nein, das ist es nicht."

„Dann ist wohl alles abgemacht", grinste er. „Rahil wird vor Freude in Tränen ausbrechen!"

Luhan lächelte nur still in sich hinein. Nur noch ein bisschen, er wollte dieses Leben nur noch ein kleines bisschen länger leben.

~*~

Schon vor der Haustüre hörte Luhan das Lachen von Rahil und den Kindern und er musste unweigerlich selbst grinsen. Minseok öffnete die Tür und Luhan schloss sie hinter sich als sie eingetreten waren. Als er sich umdrehte ließ er vor Schreck die Korb mit den Lebensmitteln aus seinen Händen fallen. Ein roter Apfel rollte über den Boden.

„Bist du überrascht?", fragte Rahil grinsend.

Am Esstisch saß ein Mann mit bronzefarbenem Haar und einer Tasse Tee in der Hand. Er wandte sich lächelnd zu ihm herum. „Da bist du ja Luhan."

Luhan trat unweigerlich einen Schritt zurück und kollidierte mit der Tür in seinem Rücken. Seine Hände und Lippen zitterten, als der Mann ihn betrachtete. Seine Gedanken schrien wild durcheinander, alles in ihm wünschte sich, dass er halluzinierte, dass er Dinge sah, die nicht möglich waren.

„J-jinki", brachte er hervor. Minseok legte ihm eine Hand auf den Arm und runzelte die Stirn.

„Wer sind Sie?", wollte Minseok mit erhobener Stimme erfahren.

„Ich bin ein guter Freund von Luhan, wir sind uns vor-", er legte nachdenklich den Kopf zur Seite. „Wie lange ist es nunmehr her Luhan? Mehr als ein Jahrzehnt, nicht wahr?"

„B-bitte-", flüsterte Luhan. Er konnte sich nicht bewegen, er war wie erstarrt vor Angst. „B-bitte lass uns das nicht..."

„Willst du dich nicht auch setzten? Der Tee ist köstlich."

Rahil und die Kinder waren bleich vor Schrecken geworden, während sie zwischen Jinki und Luhan hin und her sahen.

„Was geht hier vor sich?", verlangte sie zu erfahren. „Du bist kein Freund von Luhan? Du hast mich belogen?!"

Jinki schüttelte den Kopf. „Wo denken Sie hin, werte Frau? Luhan muss vergessen haben, wie nahe wir uns beim letzten Mal gekommen sind."

Luhan zuckte heftig zusammen und plötzlich stand Minseok schützend vor ihm. „Sie sollten jetzt gehen."

„Ach nein, sollte ich?"

„Sofort!", rief Minseok.

Jinki erhob sich aus seinem Stuhl und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nun Luhan, ich denke du hast gehört was der Herr des Hauses gesagt hat, wir sollten gehen, denkst du nicht auch?"

Luhan hörte seinen zittrigen Atem und spürte die Ohnmacht am Rande seines Bewusstseins. Er musste bei Verstand bleiben!

„Luhan wird nirgends hingehen."

„Ich denke ihm wird keine andere Wahl bleiben."

„Du wirst ihn zu nichts zwingen."

„Ist schon in Ordnung", flüsterte Luhan und musste sich räuspern. „Ehrlich Minseok. Ich werde gehen."

„Was?", zischte dieser und blickte ihn mit wilder Wut in den Augen an. „Das kann nicht dein ernst sein!"

„Du hast gehört was er gesagt hat", bemerkte Jinki belustigt. „Luhan will mit mir gehen."

„Er wird nirgendwohin gehen", wiederholte Minseok mit fester Stimme und umklammerte Luhans Handgelenk.

„Lass ihn los."

„Den Teufel werde ich tun!"

Jinkis Augen verengten sich.

„Nein Minseok!", rief Luhan panisch aus. „Lass mich los, bitte!"

„Wie kann ich dich mit ihm gehen lassen, wenn du zitterst als hättest du den Teufel persönlich gesehen!", schrie Minseok und zog an seinem Handgelenk, so dass sie die Tür freimachten. „Und jetzt verschwindest du!"

Jinki sah Minseok für einen Moment an und das Lächeln auf seinen Lippen verschwand allmählich. „Du gehst mir auf die Nerven, Mensch."

„Minseok!"

„Du nennst die falsche Person den Teufel", fuhr Jinki fort.

„Sprich nicht weiter!", flehte Luhan. „Bitte! Kein Wort mehr!"

„Wovor fürchtest du dich?", fragte Jinki. „Dass ein paar Menschen über dich Bescheid wissen?" Er schnaubte. „Ich werde ihre Erinnerung an dich ohnehin komplett auslöschen." Luhan zuckte heftig zusammen. Auslöschen... die wundervolle Zeit, die er mit ihnen verbracht hatte einfach...

„Wovon spricht er?", flüsterte Rahil. Sie hatte die Kinder von ihren Stühlen gezogen und sie hinter sich geschoben.

„Wovon ich spreche?" Jinki schien Freude an der Situation zu haben. „Nun Gefallener, wo soll ich mit deiner Geschichte anfangen? Bei dem Umstand, dass du bereits vor mehreren Jahrhunderten gestorben bist? Oder erst die Tatsache dass du zwei Menschen getötet hast und deshalb vom Himmel fielst?"

„Er...er ist wahnsinnig", flüsterte Rahil und zuckte zurück, als Jinki sie mit verengten Augen betrachtete.

„Lass sie in Frieden!", riefen Minseok und Luhan gleichzeitig, woraufhin Jinki nun vollends in Gelächter ausbrach.

„Luhan das ist köstlich, du fühlst nicht nur wie ein Mensch du denkst auch wie einer."

„Komm ihr nicht zu nahe", knurrte er. Er wusste nicht, wo dieser plötzliche Mut hergekommen war, aber er ließ ihn einen Schritt von Minseok fort tun und ihn seine Schultern straffen.

„Mach keine Scherze", lächelte Jinki wie der wunderschöne Engel, der er war. „Ich bin deinetwegen hier, nicht wegen den Menschen. Apropos-" Luhan keuchte vor Schrecken, als er Jinkis Atem plötzlich auf seinem Gesicht spürte. „Es wird Zeit für dich." Luhan konnte nicht reagieren, da stieß ihn Jinki bereits mit seinem Zeigefinger zurück. Luhan krachte durch das Holz der Tür und schlug auf der Erde auf, wo er lange über den Boden rollte. Jinki war bei ihm, noch bevor er wieder wusste wo oben und unten war. „Ach Luhan", seufzte er und ging in die Hocke. „Kyungsoo hatte großes für dich geplant musst du wissen. Er hat aus tiefstem Herzen gehofft, dass du eines Tages ein Erzengel wirst. Solch eine Verschwendung für ein so schönes Wesen wie dich."

„Luhan!" Minseok war aus dem Haus gerannt, Rahil direkt hinter ihm.

„Was für Nervensägen", murmelte Jinki und stand auf.

„N-nicht!", flehte Luhan an dem Schmerz vorbei. „Bitte, bitte komm ihnen nicht zu nahe."

Jinki sah ihn nachdenklich an. „Für diesen Menschen hast du deine Existenz aufgegeben. Er muss dir unheimlich viel wert sein." Das Lächeln auf den Lippen des Erzengels war nicht mehr schön, es war schrecklich und Unheil verheißend. „Vielleicht bringe ich dich ja dazu dich selbst umzubringen, wenn ich dir zeige, was für schöne Dinge, ich mit dem Menschen anstellen kann."

„Nein!", schrie Luhan und richtete sich auf zitternden Armen auf. „Komm ihnen nicht zu nahe! Jinki!" Doch der Erzengel schritt auf Minseok und Rahil zu, die vor Schreck wie eingefroren waren. „Jinki!" Luhans Körper bewegte sich schneller als sein Verstand. Seine schwarzen Flügel brachen durch sein dünnes Shirt hindurch und er stürzte sich auf den Erzengel mit einer Kraft, die er, bei ihrer ersten Begegnung vor zehn Jahren, noch nicht besessen hatte.

Jinki wandte sich mit leuchtenden Augen zu ihm herum und schickte ihn mit einer lässigen Handbewegung zur Seite. Luhan flog erneut durch die Luft und krachte tief in die Erde ein. Er spuckte Blut aus, als ein Hustenreiz ihn ergriff.

„W-was geschieht hier?", flüsterte Rahil. Ihr Blick glitt von Jinki zu Luhan und zu seinen schwarzen Schwingen.

„Lass sie in Frieden", flehte Luhan erneut und kam wieder auf die Beine.

„Wen zuerst?", fragte Jinki und sah von Minseok zu Rahil, die Hände dabei in die Seiten gestammt. „Den Mann oder die Frau?" Er sah Luhan gespannt an. „Die Frau nicht wahr? Das denkst du doch auch."

Luhan schüttelte panisch den Kopf. Er hob wieder ab um Jinki aufzuhalten, doch der Erzengel sah gar nicht hin, als er ihn dieses Mal erneut mit einer kleinen Handbewegung in die andere Richtung katapultierte. Luhan schlug hart auf einem spitzen Stein auf und wimmerte vor Schmerzen. Schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen, doch er stand wieder auf.

„Was soll ich mit ihr tun?", rief Jinki über seine Schulter. „Gliedmaßen-Abschneiden hat eine langjährige Geschichte in eurer gemeinsamen Vergangenheit, ließ ich mir sagen." Rahil schrie, als Jinki ihren Arm ergriff und Minseok schlug drohend auf ihn ein, doch der Erzengel schien ihn gar nicht wahrzunehmen. „Und, was denkst du Luhan?"

Luhan hörte die feinen Knochen in Rahils Handgelenk knacksen, gefolgt von ihrem gepeinigten Schreien.

Es war zu viel.

Viel zu viel.

Und Luhan verlor die Kontrolle über seine Wut. Sie riss ihn mit sich wie die Fluten eines wilden Flusses und er stürzte sich auf Jinki. Dieses Mal war der Erzengel nicht schnell genug und Luhan kollidierte mit seinem Körper wie ein einschlagender Meteorit. Sie wurden beide über den Boden geschleift, Luhan noch immer auf Jinki und seine Hände um seinen Hals verkrampft.

„Das war ein Fehler", knurrte der Erzengel sobald sie zu einem Halt kamen und stieß Luhan von sich. „Das war ein gewaltiger Fehler, Gefallener." Plötzlich öffnete Jinki seine weißen, riesigen Flügel und Luhan wusste, dass er hier nicht lebend herauskommen würde.

~*~

Jinkis Schläge waren kräftig, aber sie hielten Luhan auf den Beinen und mieden absichtlich sein Gesicht. Er spielte mit ihm, verstand Luhan während sein Körper von einer in die andere Richtung stolperte. Er machte sich nur einen Spaß aus ihm.

„Weißt du", sagte der Erzengel plötzlich und schloss seinen Griff um Luhans Hals. Der Engel griff verzweifelt mit seinen Fingern nach seiner Hand, aber alles Ziehen löste Jinkis kräftige Hände nicht von ihm. „Es ist erstaunlich, aber du erinnerst mich tatsächlich ein bisschen an meinen kleinen Bruder."

Luhan glaubte zu sterben, als Jinki ihn mit Schwung in die Erde rammte.

„Nicht dass das zu deinem Vorteil wäre. Ich hasse Taemin." Er neigte den Kopf zur Seite. „Hey bist du noch bei Bewusstsein?" Er schlug ihm ins Gesicht. „Oh, ja. Wie gesagt, wie macht sich Taemin?", fragte er.

Luhan hätte gerne Blut ausgehustet, aber Jinkis Griff war zu verkrampft um seinen Hals als das er sich bewegen könnte.

„Hörst du mich? Wie macht sich der Höllenspross?", wiederholte er.

„T-taemin?"

Jinki verdrehte die Augen. „Taemin, Lucifer, Verräter des Obersten Schöpfers und ein gefallener Erzengel, Luhan ich bitte dich, verlier mir nicht den Verstand nur wegen ein paar kleinen Kratzern."

Luhan war bereit ihm ins Gesicht zu lachen, wenn sein Körper nicht so unglaublich geschmerzt hätte. „Ich habe eine Idee", sagte er plötzlich. „Taemin hat es sehr gefallen, wie wäre es wenn ich es auch bei dir ausprobiere?"

Luhan hatte eine schreckliche Vorahnung und begann sich erneut zu wehren. „Nein!", rief er. „NEIN!"

„Oh es muss Eindruck hinterlassen haben", lächelte er. Seine Finger strichen sanft über Luhans Federn. Der Flügel zuckte hilflos. „Welchen Flügel haben wir Taemin herausgerissen?" Plötzlich verstärkte sich sein Griff um den oberen Knochenwirbel und Luhan schrie.

„Nein! Stopp, bitte nicht!"

„Shh", machte Jinki und schüttelte den Kopf. „Du hast kein Recht dich über mein Urteil zu beschweren. Du hast alle deine Rechte und deine Würde verwirkt mein Guter."

Und Jinki zog.

Luhan schrie wie er noch nie zuvor geschrien hatte. Während Jinki seine Kehle in den Boden rammte und an seinem Flügel zog, fühlte es sich an, als versuche er Luhan entzwei zu reißen. Er spürte wie sein Rücken aufriss, wie Blut hinaussickerte und wandte sich verzweifelt unter seinem Griff.

Jinki hielt inne als ein Schatten über sie fiel und plötzlich schnellte eine Metallstange auf den Erzengel hinunter und warf ihn zur Seite. Luhan zuckte unkontrolliert auf dem Boden, blind und betäubt von den Schmerzen. Erleichtert, dass der Erzengel nicht weiterriss.

„Luhan", sagte Minseok mit zitternder Stimme. „Oh Gott Luhan." Minseok versuchte ihn aus dem Loch zu heben, doch er war voller Blut und jede seiner Berührungen schien dem Jungen schmerzen zu bereiten.

„Minseok", keuchte er durch den Nebel der Bewusstlosigkeit. „Minseok verschwinde. Rette dich, bitte rette dich."

„Schon in Ordnung", sagte er sanft. „Ich habe ihn bewusstlos geschlagen. Du bist sicher."

Luhan schüttelte den Kopf und hisste. „Lauf Minseok, lauf. Erzengel, sie...sie werden nicht bewusstlos."

Und auf sein Wort erhob sich Jinki wieder. Die Kopfwunde war verheilt, aber etwas Blut klebte ihm noch an der Schläfe. Er seufzte. „Ich kann nicht glauben, was dieser Mensch für Schwierigkeiten auslöst." Er packte nun Minseok an der Kehle, der sich überrascht zu ihm herumgedreht hatte. „Du hast einen Engel von der Erde aus verführt und es gewagt einen Erzengel zu berühren kleiner Mensch." Minseok keuchte, als seine Luftröhre abgeschnitten wurde. „Ich darf dich nicht töten, aber so einfach sollte ich dir deine Vergehen nicht verzeihen, nicht wahr?"

„Minseok!"

Jinki lächelte als er Minseoks Kehle noch fester zusammenpresste, so dass Minseok verzweifelt nach Luft röchelte. Luhan spürte Panik in sich aufkommen und seine Hand begann vor Hitze zu vibrieren. In seiner Zeit in der Hölle hatte er viel gelernt, allem voran wie er Schläge von seinen sieben Ausbildern einstecken und parieren konnte. Nichts was ihm helfen würde gegen einen so mächtigen Erzengel wie Jinki zu bestehen, doch diese Macht, die sich in seiner Hand sammelte, die er so lange Vorbereitet hatte, würde den Erzengel unvorbereitet treffen. Luhan richtete sich auf mit kaltem Hass in den Augen, seine Hand von sich gestreckt und auf Jinkis Gesicht gerichtet. Der Erzengel sah ihn nur aus den Augenwinkeln an.

„Lass ihn los", brachte Luhan schweratmend hervor.

„War das ein Befehl?", fragte der Erzengel belustigt.

Luhan hatte geglaubt er hatte gelernt seine Macht zu kontrollieren, aber er lag falsch. So unglaublich falsch. In einer Situation in der Verzweiflung mit Schmerz um die Kontrolle in seinem Bewusstsein kämpften, gewann die pure Angst.

Die Macht in Luhans Hand explodierte unkontrolliert wie ein alter Stern im Universum. Er hatte zu viel Macht auf einmal gesammelt und zu viel auf einmal freigelassen. Er war immerzu stark gewesen, selbst für einen Engel, aber niemand hatte geahnt wie stark er tatsächlich war. Luhan an letzter Stelle.

Die Macht ging wie schwarzes Licht von ihm aus, in dünnen Strahlen, die in die Entfernung hin breiter wurden. Jinki stolperte erschrocken zurück, als die schwarze Macht auf ihn zugeschossen kam. Er schrie gepeinigt auf, als sie ihn ins Gesicht traf und er bewegungslos zu Boden stürzte.

Für einen Moment versank die Welt in Dunkelheit und dann klärte sich der Himmel langsam wieder auf und Luhans Keuchen war das einzige, das in der Stille zu hören war.

„I-ich habe es geschafft", flüsterte er. „Ich habe es geschafft!", rief er lauter. Er war so erleichtert.

Er suchte Minseok mit den Augen und fand ihn unweit von ihm entfern auf dem Boden liegend. Luhan kroch mit aller Kraft zu ihm herüber, mit Freudentränen in den Augen. „Minseok! Ich habe den Erzengel getroffen", flüsterte er dem braunhaarigen zu und legte ihm eine Hand auf die Wange. „Hey Minseok. Hey-" Luhans Augen weiteten sich in Schock. Minseok hatte ein klaffendes Loch in seiner Brust, wo doch eigentlich...Haut und Gewebe und Knochen und Fleisch und...Luhan schrie auf. „Minseok! Minseok! Nein, oh Himmel, NEIN!"

„Luhan!" Es war Kris Stimme, die sich ihm näherte, aber Luhan hörte nicht auf verzweifelt Minseoks Schultern zu schütteln. „Luhan", wiederholte er wieder.

„K-Kris", flüsterte er. „Was ist mit ihm? Er bewegt sich nicht. Er öffnet die Augen nicht."

Kris sah ihn nur schockiert an. „Luhan, das..."

„Wieso bewegt er sich nicht?", weinte er und rüttelte noch kräftiger an Minseoks Körper. Dann blickte er panisch auf. „Oh Gott wo ist Rahil? Wo sind die Kinder? Wir müssen sie retten. Wir müssen sie und Minseok von hier wegbringen. Wir müssen-"

Kris starrte ihn mit großen, ungläubigen Augen an, dann wandte er den Blick ab. Luhan wollte ihn gerade fragen, wieso er ihm nicht antwortete, als Luhan sich umsah. Wirklich umsah. Sie saßen in der Mitte einer Wüste. Wo ehemals grüne Wiesen und Bäume vor dem kleinen Haus von Minseok und Rahil gestanden hatten, war nun nur noch trockener, brauner Boden. Das Haus war weg. Der Weg war weg. Das kleine Blumenbeet, aus dem Rahil die Blumen für den Tee nahm...alles war weg.

„K-Kris wo sind wir?", fragte Luhan.

„Lass uns gehen, bevor der Erzengel wieder aufsteht", sagte der andere Engel sanft. „Komm Luhan, lass uns gehen."

„Was meinst du damit? Wir können doch nicht einfach...einfach gehen. Wir müssen Rahil und die Kinder suchen! Wir müssen Minseok...Minseok..."

„Minseok ist hier", flüsterte Kris und deutete mit dem Kopf zur Seite. Luhan wandte seinen Kopf langsam nach links, wo...wo ein Junge mit braunem Haar neben ihm saß und auf den leblosen Körper von Minseok starrte. Um seinen Hals und seine Handgelenke lagen blasse, schwarze Ketten, die tief in die Erde hineinzugehen schienen. Der Junge blickte auf und es war...es war Minseok, aber er sah jünger aus, als der Minseok mit dem Luhan die letzten Wochen verbracht hatte und sein Gesicht war blass, fast durchscheinend.

„Luhan?", flüsterte er und starrte ihn mit dem gleichen Schock an, der auch auf Luhans Gesicht abgezeichnet war. „Was ist geschehen Luhan? Wieso...wieso liege ich dort und...und bin doch hier?"

Ein dicker Kloß verengte Luhan die Kehle als Realisation in seinen Kopf einkehrte. „Ich habe ihn getötet", flüsterte er sich selbst zu. „Ich habe getan, was Lucifer mir aufgetragen hat und er...er hat meinen Wunsch erfüllt." Luhan griff sich mit zitternden Fingern an den Hals. Seine Finger gingen durch die Ketten hindurch, doch er wusste dass sie dort waren.

Er hatte ihn getötet und...und er hatte Minseok an die Erde gekettet.

Luhan wurde ohnmächtig.

~*~

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Ich update mal wieder in Eile, weil ich ein Idiot bin und nicht dazu lerne. Wahrscheinlich ist das Kap viel zu lange geworden und ich werde mich nächstes Mal super darüber aufregen weil das nächste Kap zu kurz wird aber...ich fand der Schluss klang dramatisch genug für ein nettes Ende.
Ich hab eigl viele Fragen aber ich muss los also...schreibt mir einfach alles woran ihr gedacht habt? (xD gosh ich muss echt los........)

Liebe Grüße!

AH! Jinki! Hasst ihn nicht, er ist wundervoll!! <3

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