4.4
Als Luhan langsam das Bewusstsein zurückerlangte, lag er auf feuchtem, kaltem Boden und sein Körper schmerzte noch immer. Er setzte sich langsam auf und hisste über den Schmerz der durch seinen Rücken schoss. Als erstes kam die Erinnerung an Jinki zurück und wie er versucht hatte Luhan seinen Flügel aus dem Rücken zu reißen, dann die gewaltige Macht die er versehentlich freigelassen hatte und...Minseok und das Haus...Rahil und die Kinder. Wo waren Rahil und die Kinder?
Luhan sah sich um und entdeckte, dass er in einer dunklen Höhle ohne Licht war. Er hörte das Klimpern von Ketten und drehte den Kopf in die andere Richtung. Jemand saß zusammengekauert gegen die Wand der unterirdischen Höhle gelehnt, die Arme fest um die Knie geschlungen und das Gesicht darin versteckt.
„Minseok?", flüsterte Luhan. „Bist du es?"
Minseok antwortete nicht, doch Luhan hörte ihn leise Schluchzen und wusste, dass es seine Stimme war. Er würde sie immer und überall wiedererkennen. Luhan versuchte aufzustehen, doch seine geschundenen Flügel warfen ihn aus der Balance.
„Minseok", sagte Luhan wieder und hielt dann inne.
„Dieser Mann...Kris sagte ich soll dir ausrichten, dass er draußen wache hält. Du sollst hier unten bleiben, bis du deine Flügel...ich weiß nicht, was er gemeint hat, keine Ahnung."
„Minseok", sagte Luhan und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht, wo sind Rahil und die Mädchen? Haben wir sie einfach alleine gelassen?"
Minseoks Ketten klimperten erneut, als er mit Schwung den Kopf hob. „Wage es nicht jemals wieder von ihnen zu reden!"
Luhan zuckte zusammen und legte die Arme um sich. „W-was?"
Minseok sah ihn mit so tiefer Abscheu in den Augen an, dass Luhan die Tränen in die Augen gestiegen wären, wenn er nicht so überwältigt gewesen wäre.
„Wieso sagst du das?" Minseok sah fort und die Tränenstriemen auf seinen Wangen brachen Luhan das Herz. „Wieso hast du geweint?", flüsterte er und konnte nun doch nicht verhindern, dass ihm ebenfalls Tränen in die Augen stiegen. „W-was habe ich getan Minseok? Was ist geschehen?"
Minseok sah ihn nicht an und Luhan spürte Panik in sich aufkommen. Jinki und Minseok waren in seiner Nähe gewesen, als Luhans Macht explodiert ist, aber sie...die Kinder waren doch im Haus und Rahil...wo war Rahil gewesen?
Luhan dachte an die verwüstete Landschaft, das fehlende Haus, die braune Erde, wo ehemals Gras und Blumen und- Luhan beugte sich mit einem Keuchen nach vorne und griff mit zitternden Fingern in sein Haar. Er hatte sie getötet, so wie er Minseok getötet hatte. Er...er hatte sie einfach ausgelöscht.
Luhan sah wieder zu Minseok herauf, der ihn mit kalten Augen beobachtete. „Das...das wollte ich nicht", flüsterte er. „Minseok ich schwöre ich wollte niemals, dass-"
„Wieso bist du je aufgetaucht?", unterbrach ihn Minseok. „Wieso bist du jemals zu uns gekommen Luhan?"
„Ich-"
„Kris hat mir erzählt wer du bist." Er blinzelte mehrfach. „Du...er sagte du bist ein Engel, der vom Himmel gefallen ist. Er sagte die Erzengel wollen dich auslöschen, weil du eine Todsünde begangen hast." Er nahm einen tiefen Atemzug. „Was hattest du bei meiner Familie zu suchen Luhan? WAS, LUHAN?!" Er schrie die letzten zwei Worte und sie hallten an den Wänden nach.
„Ich wollte doch nur-"
„Wieso musstest du sie in Gefahr bringen? Wieso bist du gekommen, wenn du wusstest wer hinter dir her ist?!"
„E-es tut mir leid", hauchte er und konnte nicht verhindern dass noch mehr Tränen seine Wange hinunterliefen. „Es tut mir wirklich so unendlich-"
Minseok wandte sich ab. „Ich will dich nie wiedersehen", flüsterte er. „Es war ein Fehler dich aufgenommen zu haben." Minseok lachte Freudlos auf. „Letztlich ist mir der Teufel wohl doch hinterhergekommen. In deiner Gestalt."
Seine Worte trafen Luhan härter, als jeder Schlag des Erzengels. Etwas in Luhan zerbrach und er wusste nicht ob es sein Herz oder seine Seele war.
„Luhan", meldete sich eine neue Stimme zu Wort. Es war Kris.
„W-was?"
„Wir müssen gehen", informierte der Engel ihn sanft. „Lucifer ruft nach uns und dein Wunsch..." Er ließ den Satz unbeendet, doch Luhan wusste was er hatte sagen wollen: ‚Er ist in Erfüllung gegangen.' Luhan wollte, er könnte es wieder rückgängig machen. „Außerdem kann jede Minute der Erzengel wiederkommen."
„Wieso hast du uns nicht gleich zurückgebracht?", fragte Luhan und versuchte erneut aufzustehen.
Kris sah zu Minseok hinüber. „Er ist verkettet mit der Erde Luhan..."
„Und?"
„Die Kette wird brechen, wenn wir versuchen ihn mit in die Hölle zu nehmen und in der Sekunde in der sie bricht, dann-", ein weiterer Satz den Luhan in seinem Kopf vollenden konnte: ‚Dann verschwindet er.'
„Ich kann nicht gehen", sagte er daraufhin entschlossen.
„Dir bleibt keine andere Wahl."
Luhan funkelte Kris wütend an. „Wer sagt das?"
„Lucifer. Es ist mein Auftrag dich zurückzubringen und so stark du auch sein magst...ich bezweifle dass du jetzt gerade eine Chance gegen mich haben wirst."
„Aber Minseok-"
„Wird hierbleiben", sagte Kris. Minseok hatte ihr Gespräch stumm beobachtet und duckte nun seinen Kopf wieder ein, als er bemerkte dass Luhan ihn ansah.
„Ich kann ihn hier nicht alleine lassen", flüsterte Luhan.
„Die Erzengel haben kein Interesse oder eine besondere Spürgabe für verlorene Seelen. Desto weniger du in seiner Nähe bist, desto sicherer ist er vor ihnen."
Luhan schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht gehen, nicht nachdem-"
Kris seufzte tief. „Überrede Lucifer dazu zurückkehren zu dürfen, mehr kannst du nicht tun."
Luhan wusste dass Kris es ernst mit seinem Auftrag meinte und noch bewusster war ihm, dass er tatsächlich keine Chance gegen den anderen Engel haben würde, sollte er versuchen sich zu wehren.
„Ich habe dir Zeit gegeben, um ihn noch einmal zu sehen. Mehr kann ich nicht für dich tun Luhan."
Der blonde Engel schluckte schwer. Er machte ein paar wackelige Schritte auf Minseok zu und sah wie er sich anspannte. Er blieb stehen. Was sollte er ihm sagen? Wie sollte er ihm erklären, dass er niemals beabsichtigt hatte, dass die Dinge sich so entwickelten.
„D-die Ketten werden verblassen", flüsterte er. „Sie sind noch frisch und...ihr Eisen leuchtet wegen der Macht in ihnen, aber...bald wird man sie nicht mehr sehen." Minseok sah ihn weder an, noch reagierte er auf seine Worte. „I-ich komme wieder", versprach Luhan leise. „Ich verspreche dass ich wiederkomme und ich-"
„Ich will nicht, dass du wiederkommst", sagte Minseok ohne ihn anzusehen. „Bleib mir einfach fern."
„Minseok-" Kris hielt Luhan an der Schulter fest und schüttelte den Kopf. Noch mehr Tränen stiegen in Luhans Augen, doch er wandte sich von Minseok ab. Kris öffnete das Portal zur Hölle an der entgegengesetzten Höhlenwand und schritt langsam hindurch. Luhan sah noch einmal zu Minseok zurück, der noch immer zusammengekauert an der Wand saß.
„Ich komme zurück", flüstert er. „Ich weiß, dass du das nicht hören willst aber ich komme wieder und...es tut mir leid. So unendlich leid."
Und Luhan durchschritt das Tor zur Hölle und ließ Minseok alleine zurück.
„Bist du in Ordnung?", fragte Kris, als der Steinboden von grüner Wiese und die Dunkelheit von Tageslicht ersetzt wurden. „Dein Flügel sieht schrecklich aus."
„Er wird heilen", murmelte Luhan. Er spürte das Metall-Halsband, an welchem seine eigene Kette befestigt war, plötzlich enger werden und griff überrascht mit den Fingern danach. Es verengte sich so sehr, dass es nun direkt an seiner Haut klebte und nicht mehr locker saß.
„Was ist geschehen?", fragte Kris verwirrt. „Wieso bist du verkettet?"
Luhan versuchte sich zu beruhigen, das Gefühl erwürgt zu werden noch zu vertraut nach seinem Kampf mit Jinki. „Es gehört zu meinem Deal mit Lucifer. Er...er hielt meinen Wunsch für zu extravagant, also haben wir verhandelt und einen Vertrag geschlossen."
„Und das ist das Ergebnis? Woran hat er dich verkettet?"
Luhan schloss gepeinigt die Augen. „An sich selbst."
Kris starrte ihn mit großen Augen an. „Aber das bedeutet-" Kris war für einen Moment völlig fassungslos. „Dich an...an ein anderes Wesen zu binden, ist deutlich schlimmer als sich an einen Gegenstand zu binden. Hölle Luhan, was hast du nur getan? Und ausgerechnet Lucifer, er-"
„Erzähl es niemandem", bat er. „Sobald die Ketten verblassen können wir ins Schloss zurückkehren, aber...bitte erzähle es niemandem."
Kris versprach es und sie setzten sich auf die Wiese. Es würde noch eine Weile dauern bis das Metall verblasste und bis dahin hätte Luhan Gelegenheit zu heilen.
„Was genau hast du ihm erzählt?", fragte Luhan nachdem lange Zeit Stille zwischen ihnen geherrscht hatte.
„Nicht viel", murmelte er. „Er war nicht in der Verfassung, viel aufzunehmen. Ich weiß nicht einmal, ob er verstanden hat, dass er Tod ist."
Luhan beugte sich über seine Knie, als der Schmerz in seiner Brust wieder einsetzte. „Ich habe sie getötet Kris." Der Engel antwortete nicht. „Ich habe sie einfach vernichtet, ohne...ohne es bemerkt zu haben."
„Luhan-"
„Wie soll Minseok mich jemals wieder ansehen? Wie soll ich mir selbst jemals wieder ins Gesicht sehen?"
„Es sind Menschen", sagte Kris sanft und zog ihn an sich. „Sterben liegt in ihrer Natur. Jetzt sind sie Engel. Es wird ihnen gut gehen, das weißt du." Er küsste seine Schläfe und Luhan spürte wie seine Haut und seine Knochen schneller heilten und etwas von dem Schmerz verschwand. Luhan seufzte erleichtert. Er war selbst für seine eigene Heilung zu schwach.
„Was geschieht nun?", fragte Luhan müde. „Was soll ich tun, wenn Lucifer mir nie wieder gestattet auf die Erde zu gehen?"
Kris schüttelte den Kopf. „Mach dir darüber noch keine Gedanken."
Und Luhan versuchte es, aber wie könnte er nicht die ganze Zeit an Minseok denken? Minseok war immerzu in seinen Gedanken gewesen und er würde es auch heute sein. Und morgen und bis ans Ende seiner Existenz.
~*~
Lucifer hielt Luhan zwei Jahrzehnte in der Hölle gefangen.
Lucifer nannte es seine Strafe dafür, dass er der Hölle so lange ferngeblieben war, obwohl er Luhan nur ein paar Tage für die Erfüllung seines Wunschs eingeräumt hatte. Er tat nichts anderes. Er schlug ihn nicht, oder legte seine Flügel in Ketten...nein er verbot ihm einfach zu gehen und sah dabei zu wie Luhan mit jedem Tag weiter welkte, weiter litt.
Nur ein Jahr in seine Gefangenschaft hinein, glaubte er bereits er würde den Verstand verlieren. Er flehte und bettelte, warf sich vor Lucifers Füße und ließ sich den Kopf tätscheln nur um Lucifer nicht zu erbosen.
„Bitte", flehte er und sah von unten zu ihm hinauf. Seine langen Wimpern gesenkt und der Ausdruck auf seinem Gesicht weich und ergeben. Er legte eine Hand auf Lucifers Knie und schob sich zwischen seine Beine. Nähe suchend wie ein ergebenes Tier. „Bitte Lucifer."
„Luhan", lachte der gefallene Erzengel. „Denkst du, du kannst mich mit einem hübschen Gesicht verführen?" Er stieß ihn mit der Hand zurück, so dass Luhan die drei Treppenstufen hinunter rollte und ging nur einen Moment darauf vor seinem Körper zu Boden.
Er strich sein Gesicht mit den Fingerspitzen entlang und drehte sein Kinn in seine Richtung. „Du bist nicht schön genug um meine Gunst zu erlangen, du dummer Engel." Er grinste und beugte sich nach vorne. „Du siehst erbärmlich aus", flüsterte er ihm ins Ohr.
„Bitte", wiederholte der Engel. „Lass...bitte lass mich gehen."
Er seufzte und stand wieder auf. „Aber Luhan, wie könnte ich? Das letzte Mal dass ich dich gehen ließ, da hätte dich ein Erzengel beinahe vernichtet." Er schüttelte den Kopf. „Was für einen Wert hast du noch für mich, wenn du nicht mehr bist?"
Luhan biss sich auf die Unterlippe. „Ich werde nicht sterben", brachte er hervor.
„Nicht? Aber wie willst du mir das garantieren mein Engel? Jinki ist so ein mächtiger Erzengel und du hast ihn wirklich wütend gemacht. Er wird dich vernichten, in der Sekunde in der er deine Anwesenheit auf der Erde spürt."
„I-ich kann es mit ihm aufnehmen."
„Spricht da der Wahnsinn anstelle deines Verstands?", fragte Lucifer belustigt. „Du hast keine Chance gegen Jinki kleiner Engel." Seine Augen weiteten sich. „Vielleicht, Luhan vielleicht wenn du es mit mir aufnehmen könntest, dann hättest du eine Chance, doch..." Luhan griff sich an die Kehle wo das Halsband plötzlich zu brennen begann. Schmerz schoss ihm durch die Kehle und er schrie auf. „Was für eine banale Idee nicht wahr?" Er ließ von Luhan ab und der Engel fiel keuchend zur Seite. „Eines Tages lasse ich dich vielleicht wieder auf die Erde. Nur jetzt noch nicht." Er grinste und verschwand aus seinem Thronsaal. Luhan blieb geschunden liegen und sah zu den Engeln mit den schwarzen Flügeln empor, die an die Decke gemalt waren.
Lucifer würde ihn noch eine lange Zeit festhalten und es würde noch eine lange Zeit dauern, bevor es Luhan gestattet wurde zu Minseok zurückzukehren.
Minseok, der ihn gar nicht sehen wollte.
Minseok, der wahrscheinlich besser ohne Luhan dran war.
Luhan rollte sich zu einem Ball zusammen und legte seine Flügel um sich, während das bekannte Gefühl der Verzweiflung in seinem Inneren wütete.
~*~
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Hey :)
Damit enden die Rückblicke aus Luhans und Minseoks Perspektive (zumindest aus Vergangenheits-Perspektive). Ich hoffe ihr fandet diesen Teil spannend und versteht nun, was es mit Minseok und Luhan auf sich hat.
Teil 5 dreht sich wieder voll und ganz um Baekhyun und seine Ausbildung, ich hoffe ihr freut euch darauf!
Liebe Grüße!
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