10.5
Sie hatten eine Menge auf dem Schlachtfeld gelernt. Das man Macht und Überlegenheit an dem Blut messen konnte, dass man auf gegnerischen Seiten vergossen hatte zum Beispiel oder dass man im Zuge der erlangten Beute gierig und eitel werden konnte.
Es war ihr sechstes Jahr in der Schlacht. Seit sechs Jahren saß Jongin im Sattel eines Pferdes und regierte von dort aus. Sein Vater erfreute sich indes bester Gesundheit, Jongins Sohn wuchs gesund und stark heran und hatte seinen Vater, den Prinzen, nicht einmal zu Gesicht bekommen. Jongin liebte dieses Leben als Eroberer über Länder und Menschen. Er war mächtig und angesehen, hatte die Ländereien seines Vaters bisher verdreifacht und die Schätze verzehnfacht.
Sechs Jahre im Sattel, ungeschlagen in jeder Schlacht und niemand wagte es auch nur noch ein Wort der Kritik über Jongin zu sprechen. Er hatte sich mehr als bewiesen.
Natürlich ahnte Chanyeol dass sich etwas verändert hatte. Manchmal sah er die müden Gesichter der Soldaten und wusste dass sie sich nach ihrem Zuhause sehnten, dass sie zu ihren Frauen und Kindern zurückkehren wollten und das stimmte Chanyeol vorsichtig. Er bemerkte auch die scharfen Blicke, die sich Jongins Berater hinter seinem Rücken zuwarfen und die falschen Lächeln, die sie ihm schenkten sobald er sich zu ihnen umwandte.
Chanyeol wusste also das ein Komplott bevorstand. Die Frage war, wer es wagen würde sich zuerst aufzulehnen. Jongins Berater oder die Soldaten. Beides waren starke Mächte, die Jongin auf ihre spezielle Art und Weise schaden könnten.
Das Zelt war leer als sich Chanyeol an diesem Abend zurückzog. Jongins Gemächer pulsierten für gewöhnlich vor Leben, weil immerzu Leute ein Anliegen an den Prinzen hatten oder neue Strategien besprochen wurden. Diese neue Ruhe fühlte sich an wie ein Atemzug, der lange in Chanyeols Lungen festgesessen war und den er nun endlich loswerden konnte.
Er streifte seine Kleidung ab und ging zu der Wanne hinüber, die ein Diener vorhin mit frischem Flusswasser gefüllt und erwärmt hatte. Seine Gedanken waren bei Jongin, während er seine Haut mit Wasser abschrubbte und anschließend mit Öl einrieb. Es war immerzu, zu jedem Augenblick, jemand an Jongins Seite, doch mittlerweile vertraute er nur noch Semachites und sich selbst genug um diese Aufgabe zu verrichten.
Semachites hatte im Laufe der Schlacht vor zwei Jahren einen Arm verloren, sich aber geweigert das Schlachtfeld und damit Jongin und Chanyeol zurückzulassen. Er blieb als ihr Berater und auch wenn ihm sein guter Arm abhandengekommen war, konnte sich Chanyeol darauf verlassen dass er auch mit der linken Hand ein unglaublicher Schwertkämpfer blieb.
Chanyeol hörte wie die Soldaten vor den Zelten die Hacken klirrend zusammenstießen, bevor die Zeltplanen am Eingang zur Seite geschoben wurden. Auf den vielen Fellen und dem ganzen Leder, die den Boden bedeckten, waren Jongins Schritte so gut wie lautlos aber Chanyeol wusste natürlich dass er zu ihm kommen würde.
Jongins Finger waren rau als sie ihm die Haare aus dem Nacken strichen. „Brauchst du Hilfe?"
„Ich bin gerade fertig geworden", erwiderte Chanyeol ohne sich umzudrehen.
„Hm? Wie langweilig." Seine Rüstung klirrte als er sich bewegte. „Soll ich einen Diener rufen oder hilfst du mir mit der Rüstung?"
Chanyeol stand auf, unbekleidet und noch ein wenig feucht, und half Jongin mit den Schnallen seines Burstpanzers. „Ist alles in Ordnung da draußen?"
„Alles ruhig", bestätigte Jongin. „Auf deiner Seite?"
„Nichts Ungewöhnliches."
Jongin lachte leise. „Möchtest du wissen, was Semachites vorhin zu mir gesagt hat während wir über die Felder geritten sind?"
„Hoffentlich nicht die Geschichte wie sein Pferd während eines Rennens Durchfall bekommen hat und seinem Verfolger damit...Unannehmlichkeiten bescherte. Die hat er schon viel zu oft erzählt."
„Sie ist immer wieder unterhaltsam", sagte Jongin und grinste breit. „Nein er meinte du musst dir die Haare schneiden."
„Ich? Seit wann stört sich Semachites an meinem Haar?"
„Er sagt du siehst aus wie ein Barbar aus dem höchsten Norden. Du weißt schon. Wie die Männer die Helme tragen und Keulen umherschwingen."
„Sind das nicht nur Legenden?"
„Es heißt ein Kriegsführer wäre einst soweit hoch gekommen, dass er solche Menschen gesehen hat. Er sagte sie ähneln Wölfen und Bären."
„Und diese Geschichte hat dir Semachites also erzählt und mich anschließend mit diesen Barbaren verglichen? Wie reizend von ihm."
Jongin strich ihm mit den Fingerspitzen ein paar seiner dunklen Strähnen zurück. „Auch wenn du aussiehst wie ein Barbar - ich finde es steht dir."
„Du denkst nicht wirklich-" Chanyeol brach Kopfschüttelnd ab. „Was sagt er denn zu deinen Haaren?" Jongins blondes Haar fiel ihm mittlerweile in Locken bis zu seinen Schulterblättern.
„Oh er war grausamer zu mir als zu dir."
Chanyeol hob eine Augenbraue an. „Was du nicht sagst?"
„Nein wirklich. Er meinte ich sehe von hinten aus wie eine Frau." Jongin nahm eine seiner eigenen Locken in die Hand und drehte sie dort zwischen den Fingern. „Natürlich nur wenn ich sie nicht mit einem Lederband zusammenbinde."
„Also will Semachites dass wir beide uns einem Haarschnitt unterziehen? Ist das die Moral seiner Geschichten?"
„Nicht wir beide. Nur du."
„Und was ist mit dir?"
Jongin hob die Arme an damit Chanyeol ihm den Brustpanzer ausziehen konnte. „Semachites meint, es würde die Motivation der Männer bestärken wenn ich weiterhin aussehe wie eine Frau." Er flatterte mit den Wimpern zu ihm herauf. „Was denkst du darüber?"
„Ich denke Semachites sollte sich in einem der nächsten Dörfer dass wir passieren, unbedingt eine Frau suchen. Er fantasiert zu viel." Jongin war schön genug. Selbst jetzt, grob und abgehärtet von den Jahren auf dem Schlachtfeld, war er schön und strahlend. Er hatte natürlich Muskeln erlangt und war nicht mehr schmächtig wie zu seinen jüngeren Jahren aber noch immer schön genug um Köpfe herum zu drehen, wohin er auch ging.
„Oh ich habe dich verärgert", bemerkte Jongin erfreut. Chanyeol spürte wie er seine Hand über seinen Nacken in sein Haar gleiten ließ. „Entschuldige ich habe mir nur einen Spaß erlaubt." Momente wie diese, in denen sie Zärtlichkeiten austauschten und intim miteinander wurden, waren im Laufe der Jahre seltener geworden. Nicht immer teilten sie sich ein Bett, weil sie ihren Schlaf bitter nötig hatten aber Chanyeol war immerzu in seinem Zelt geblieben. Für Jongins Sicherheit und vielleicht auch für Chanyeols eigene.
Auch wenn sie Berührungen nur noch selten austauschten, so hatten sich ihre Blicke nicht verändert. Im Gegenteil die Jahre und die Gefahren der Schlacht hatten sie zusammengeschweißt, so dass sie ein unglaubliches Verständnis für die Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und Belangen des anderen entwickelt hatten.
Sie waren auf dem Feld wahrlich erwachsen geworden und auch wenn sie nicht mehr unschuldig und gut wie in alter Zeit waren, so hatten ihre Veränderungen sie nicht entzweit.
~*~
Sie waren zu siebt. Sieben bewaffnete Soldaten die ihre Schwerter auf Chanyeol richteten. Hinter ihnen standen vier von Jongins Beratern, es war also klar wer in Wahrheit die Strippen dieses Überfalls zog. Chanyeol war unbewaffnet aus dem Fluss gestiegen, triefend nass und nackt.
„Ihr wollt mich töten noch bevor ich meine Kleidung anlegen konnte? Gewehrt einem Mann doch zumindest ein klein wenig Ehre."
Seine Kleider wurden daraufhin untersucht und die Dolche aus seinen Taschen und Gürtelschnallen entfernt. So viel dazu. Sie reichten ihm seine Tunika, jedoch nicht die Rüstung. Chanyeol hob versöhnlich die Hände an. Er war unbewaffnet aber gewiss nicht machtlos. Er könnte den ein oder anderen von ihnen gewiss überwältigen und sobald er in Besitz eines Schwertes kam...
„Es geht uns nicht um dich", sagte einer von Jongins Beratern in diesem Moment. „Wir wollen dich nicht töten."
Chanyeol würde für den Moment mitspielen müssen. „Worum geht es Euch dann werter Berater? Denn sieben Schwerter auf mich zu richten drückt meiner Meinung nach eine deutliche Botschaft aus."
„Die Schwerter sind nur dazu da, dass du dir unser Angebot anhörst."
„Ah ein Angebot also. Ich bin ganz Ohr."
Ein anderer Berater trat vor. Er war alt und gebrechlich. „Der Prinz ist krank, wir wollen ihn nur dazu bringen zur...zur Vernunft zu kommen. Verstehst du? Wir wollen ihm nicht schaden."
Chanyeol runzelte die Stirn. Jongin hatte eine Erkältung, das halbe Lager lag mit einer einfachen Grippe im Bett, es war keine Epidemie oder ähnliches – was bereits vorgekommen und bekämpft worden war – es gab keinen Grund wegen einer solchen Krankheit... „Ihr sprecht wohl von einer Krankheit des Geistes? Ihr denkt Jongins Geist ist erkrankt?"
„Gewiss, so ist es. Ich bin ein Erfahrener Heiler musst du wissen, ich sehe die Anzeichen wenn die Götter einen Geist verdorben haben."
Das war alles reiner Schwachsinn, Jongin war so scharfsinnig und klug wie eh und je und er hatte auch keine Charakterstörung oder andere Belastungen, die auf eine Krankheit des Geistes hinwiesen. „Haben Sie das den Soldaten erzählt? Haben Sie sie mit praktischen Lügen gefüttert um Jongin aus dem Weg zu räumen? Was bezwecken Sie damit? Wollen Sie endlich nachhause zurückkehren und sich mit seinem plötzlichen Ableben noch all seinen Ruhm einverleiben?"
Ein Auge des Beraters zuckte.
„Und diesen Männern haben Sie wohl Gold und Edelsteine in Hülle und Fülle versprochen." Chanyeol verdrehte die Augen. „Und das alles im Gegenzug für das Leben ihres Prinzen."
„Der Prinz", zischte sein Gegenüber wütend. „Ist KRANK. Er ist dem Geflüster von Ares erlegen. Er ist gierig nach dem Krieg."
Chanyeol lächelte. Er fand sich seiner Theorie nun endlich bestätigt. „Verstehe." Diese Bastarde hatten sich von dem König Heritius bestechen lassen. Dieser alte Mistkerl. Chanyeol hatte geahnt dass er kein glaubwürdiger Verbündeter war. Dann sollten diese Männer Jongin also zur Strecke bringen, die Soldaten würden glauben es hätte aufgrund einer Geisteskrankheit dazu kommen müssen aber so sehr würden sie sich ohnehin nicht darüber aufregen, weil alle so dringend in die Heimat zurückkehren wollten. Währenddessen würden die Berater bei König Heritius Unterschlupf und wahrscheinlich großen Reichtum erlangen. So viel ergab in Chanyeols Augen Sinn. Stellte sich nur noch die Frage, wie er in diese Gleichung passte.
„Du wirst mit uns kooperieren", setzte der ältere Mann fort. „Und weder dir noch deinem Prinzen wird etwas geschehen."
Das war eine Lüge und eine so schlechte das Chanyeol beinahe gelacht hätte. „Er ist auch euer Prinz wenn ich mich recht entsinne." Die Soldaten wurden langsam nervös, ihre Arme schwer vom Gewicht der Waffe. Chanyeol hätte leichtes Spiel wenn-
„Du wirst den Prinzen aus seinem Zelt locken und ihn von dem Lager fortbringen." Plötzlich lächelte der Berater und es war ein Lächeln, dass Chanyeol verriet dass dieser Mann keine guten Absichten hatte. „Dann lassen wir Semachites frei."
Chanyeol starrte ihn an. „Wie bitte?"
„Euer Meister Semachites befindet sich in unserer Gewalt." Er nickte einem der Soldaten zu, der in seine Tasche griff und einen dreckigen Stofffetzen hervorzog. Chanyeol dachte zunächst der Stoff wäre schwarz doch er war scharlachrot und feucht. Chanyeol griff nach dem Bündel und biss sofort fest die Zähne zusammen. Es waren zwei Finger in den Stoff gewickelt. An einem hing noch der dicke Goldring den Semachites seit der Hochzeit mit seiner Frau immerzu getragen hatte.
„Wo ist er?", fragte Chanyeol ruhig. Eisige Kälte klang aus seiner Stimme heraus.
„Du wirst den Prinzen holen und dich von den Soldaten zu ihm bringen lassen. Nimm keine Waffen mit und das gilt ebenso für den Prinzen. Überzeug ihn davon mit dir Auszureiten. Wenn du ihm auch nur ein Sterbenswörtchen mitteilst dann wird einer der Männer vorreiten und das war es dann für euren Meister." Er zeigte in den Kreis der Soldaten. „Das sind nur sieben unserer Gefährten. Das Zelt, der Prinz und du werdet die ganze Zeit über umstellt sein, vergiss das nicht."
Chanyeol nickte schließlich. „In Ordnung."
Der Berater grinste triumphierend. „Keine falschen Spielchen verstanden? Ich wiederholte, dein Meister ist Tod wenn du auch nur den Finger in die falsche Richtung krümmst."
Chanyeol nickte erneut. Er musste sich etwas einfallen lassen, es ging um das Leben von Semachites, der ihm und Jongin über die Jahre wie ein Vater geworden war.
Er wurde von zwei Soldaten zu den Zelten zurückbegleitet, während die anderen sich in entgegengesetzte Richtung aufmachten. Es würde noch zwei Stunden dauern bis die Sonne unterging.
Chanyeol fragte sich gerade ob er es wagen sollte sich zu befreien und den anderen Verrätern mit einem Pferd hinterher zu galoppieren aber er bemerkte die Soldaten, die zwischen den Zelten lauerten und zu ihm herübersahen. Der Berater hatte also nicht gelogen, es gab mehr Soldaten die ihn beschatteten und nur darauf warteten, dass er einen falschen Schritt tat. Außerdem, und das war das was Chanyeol am meisten beunruhigte, war Jongin alleine. Semachites musste ihm ein paar vertrauenswürdige Offiziere abgestellt haben bevor er, aus welchem Grund auch immer, seine Seite verlassen hatte aber das musste nichts bedeuten. Natürlich hätten sie sich die ganze Sache sparen können, wenn sie Jongin bereits zur Strecke gebracht hätten aber Chanyeol fühlte sich dennoch nicht wohl bei dem Gedanken Jongin könnte ohne ihn oder Semachites krank im Bett liegen.
Er würde also vorerst tun, was die Berater von ihm verlangten aber was dann? Wie sollte er Jongin klarmachen, dass er sich in Gefahr befand?
„Vergiss nicht was du zu tun hast, verstanden?", zischte einer der Männer hinter Chanyeol noch einmal zur Warnung. Sie erreichten das größte aller Zelte und die Soldaten vor dem Eingang schoben gefügig die Zeltplanen beiseite. Im Inneren saß Jongin auf ein paar Kissen, eigerahmt von bewaffneten Offizieren die Chanyeol selbst ins Amt gerufen hatte. Euklipedes war unter ihnen und Chanyeol wusste dass er ihm Jongins Leben im Notfall in die Hände legen konnte.
Jongin sah auf als Chanyeol eintrat. „Du kommst gerade Recht. Bist du Semachites über den Weg gelaufen?"
Die Soldaten hinter Chanyeol schabten nervös mit den Beinen. „Nein", antwortete Chanyeol und zuckte die Achseln. „Ich hatte erwartet er würde sich hier herumtreiben."
„Das hat er, bevor er nach draußen gerufen wurde." Jongin seufzte. „Treibt sich wahrscheinlich mit den Soldaten herum und leert eine Weinflasche, während er mit seiner Frau prahlt."
Trotz allem lächelte Chanyeol ein wenig über das Bild. „Klingt ganz nach dem guten alten Semachites. Brauchst du etwas Bestimmtes von ihm?"
„Nein, nur diese eine Passage auf diesem Dokument will sich mir nicht enträtseln." Er kniff sich mit Daumen und Zeigefinger in den Nasenrücken. „Ich bin mir sicher er wüsste etwas damit anzufangen."
„Du solltest dich nicht überanstrengen mein Prinz. Du bist seit Tagen hier eingesperrt. Wie wäre es wenn wir ein wenig ausreiten?"
Jongin schwieg für eine Sekunde, bevor er den Kopf kreisen ließ. „Das klingt nach einer guten Idee, ich fühle mich deutlich besser und vermisse es an der frischen Luft zu sein."
Chanyeol nickte. „Brechen wir gleich auf, bevor die Sonne untergeht."
„Soll ich mitkommen?", fragte Euklipedes in diesem Moment.
Jongin verneinte lachend. „Ich habe Chanyeol an meiner Seite, was sollte schon geschehen?"
„Euklipedes hat jedoch Recht. Wir nehmen die zwei Soldaten hinter mir mit. Das wird genügen."
Jongin zuckte die Achseln. „Mir ist es recht." Er stand von seinem Kissen auf und streckte die Arme über den Kopf aus. „Ich denke ich ziehe mir nur geschwind einen Mantel über." Jongin ließ die Arme wieder sinken und blickte noch einmal auf seine Dokumente hinunter „Ha! Chanyeol du Glücksbringer! Ich weiß nun was das zu bedeuten hat. Er griff nach einem Blattpapier und seiner Feder und kritzelte sich eine Notiz auf das Papier. „Euklipedes räum' das auf und sorg dafür dass Semachites in Besitz dieses Dokuments kommt, er soll mir später seine Meinung dazu mitteilen. So und jetzt mein Mantel."
Jongin kramte für ein paar Augenblicke in seiner Truhe herum und zog schließlich einen schwarzen Umhang mit einer Goldbrosche hervor, die er über dem Hals befestigte. „Gehen wir", urteilte er schließlich und trat Chanyeol voraus aus dem Zelt heraus.
Chanyeol wusste nicht wo er hingehen sollte, also späte er für einen Augenblick zurück zu den Soldaten. Einer von ihnen deutete mit dem Kopf zum Fluss also schlug Chanyeol diese Richtung ein.
„Was ist mit Pferden?", fragte Jongin überrascht.
„Ich habe vorhin ein paar auf die Weide zum rasten gestellt. Die Wiese am Fluss du weißt welche ich meine, nicht wahr?" Das war nicht einmal gelogen. Dort standen tatsächlich viele Pferde.
Jongin erzählte ihm von dem Dokument dass er vorhin bearbeitet hatte, völlig unbeschwert und gelassen. Chanyeol tat so als ob er zuhören würde, während er mit den Augen nach Soldaten suchte, die sie verfolgten. Er zählte vierzehn verschiedene Männer. Er könnte es also vergessen sich nun noch loszureißen.
Auf der Weide angelangt schnappten sie sich vier Pferde und setzten sich in ihre Sattel. Chanyeol zählte auch hier wieder. Es waren genug Pferde so dass auch ihre Verfolger sich eines davon schnappen könnten um ihnen hinterher zu reiten. Großartig.
„Hast du eine bestimmte Rute im Sinn?", fragte Jongin in diesem Moment. „Ich kenne mich in diesem Areal noch nicht genug aus, verdammt sei diese dumme Grippe."
Chanyeol dachte nach wurde jedoch von dem Räuspern eines der Soldaten unterbrochen. Der Mann lächelte sehr freundlich. „Wie wäre es mit den Weizenfeldern hinter dem Wald? Wir haben aus dieser Richtung die Wägen mit dem Proviant abgeholt und es sah nach einem schönen Ort aus."
Jongin strahlte auf. „Das klingt doch gut! Reiten wir dorthin."
Chanyeol fand das Jongin es seinen Entführern fast zu einfach machte und hätte gerne aufgestöhnt oder ähnliches. „Ich finde auch dass das nach einem guten Ziel klingt", sagte Chanyeol also gezwungenermaßen. Er schlug die Zügel auf und ritt neben Jongin her – wahrscheinlich in ein großes Unglück hinein.
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Während des gesamten Ritts wurden sie von ihren zwei Soldaten flankiert, die mittlerweile grinsten wie Verrückte. Chanyeol sah außerdem das Männer im Wald abgestellt waren und wusste dass eine Horde von ihnen von hinten folgte. Er fand es war an der Zeit, dass ihm ein sehr guter Einfall kam. Mit reiner Gewalt würden weder Jongin und er, noch Semachites, das alles hier überleben.
Chanyeols Gedanken liefen im Kreis, während Jongin den Ausritt tatsächlich genoss. Er freute sich über den Wind in seinem Haar und die warme Sommerluft auf seiner Haut. Er betrieb sogar rege Konversation mit den zwei Soldaten die nun links und rechts neben ihnen her ritten.
Chanyeol wusste, dass sie nicht weiterreiten dürften. Er wusste dass er Jongin verlieren würde, wenn er nichts unternahm, und das einzig richtige wäre, die beiden Soldaten hier zu stellen und mit hoher Geschwindigkeit davon zu reiten. Ihre Überlebenschancen bei so einer Aktion waren jedoch genau so gering wie die Überlebenschancen die sie hätten wenn sie nun weiterritten.
Chanyeol hatte noch keine Entscheidung getroffen, als sie die Weizenfelder passiert und eine Lichtung erreicht hatten. Eine Lichtung voller bewaffneter Soldaten.
„Sieh an, da ist Semachites", sagte Jongin fröhlich. Er beugte sich vertraulich etwas zu dem Soldaten neben sich. „Ich wusste einfach Semachites würde hier mit ein paar anderen Soldaten Wein trinken. Das ist so verdammt typisch für den alten Mann." Jongin sah Chanyeol lächelnd an. „Ist es nicht so, mein erster Offizier?"
Chanyeol war nicht zu Lächeln zu mute. Überhaupt nicht.
„Mein Prinz!", rief einer der Berater, sobald sie in Hörweite geritten waren. „Wie schön, dass sie sich uns anschließen."
„Oh das war nur ein Zufall" antwortete Jongin lachend. Er stieg elegant von seinem Pferd hinunter um seinem Berater entgegen zu kommen. Chanyeol tat es ihm gleich und spürte sogleich die Hand eines der Soldaten auf seinem Oberarm. Verflucht, verflucht, verflucht... „Wir wollten nur einen kurzen Ausritt genießen", elaborierte Jongin gerade. „Aber ich hätte mir denken können das Semachites sich hier betrinkt." Er sah an seinem Berater vorbei, wo Semachites von zwei Soldaten aufrecht gehalten wurde. „Hast du dich JETZT SCHON betrunken alter Mann?", rief er ihm zu und schüttelte empört den Kopf. „Das ist das Alter, früher konnte er sich viel länger auf den Beinen halten. Aber wir werden alle mit der Zeit alt, ist es nicht so?"
Verwirrung machte sich langsam unter den Soldaten breit, Jongins offenkundige Ahnungslosigkeit brachte sie deutlich aus dem Konzept.
„Chanyeol", sagte Jongin und wandte sich nur halb zu ihm um. „Sollen wir uns Semachites für eine Flasche anschließen? Ich bin mir sicher der alte Trunkenbold hat noch mindestens zwei in seinen Manteltaschen versteckt."
Der Berater lachte nun polternd. „Mein Prinz ich denke das wird Ihnen nicht möglich sein."
Jongin legte den Kopf schief, Chanyeols gesamter Körper spannte sich an. Was nun? Sollte er ihm zuschreien dass er wegrennen sollte? Was um Himmels Willen sollte er tun?
„Wie meinen Sie das?", wollte Jongin lächelnd wissen. Etwas Metallisches glitzerte hinter dem Rücken des Beraters auf. Ein Messer, eine Klinge!!
„Nun, wie ich das meine ist wohl..." Ein fettes Grinsen erschien auf seinem abgemagerten Gesicht. „Dass sie nicht eine Minute länger überleben werden." Chanyeol stieß seine Wache von sich aber er wusste - wusste einfach! – das er Jongin nicht nahe genug war, dass er es nicht rechtzeitig schaffen würde.
Der Berater holte mit seiner Klinge aus und – ließ sie aus der Hand fallen. Ein Keuchen entkam seiner Kehle, seine Augen weiteten sich, was Chanyeol gut sehen konnte weil sein blasses Gesicht ihm zugewandt war. Sein Mund schloss und öffnete sich mehrfach ohne dass er Worte fand. Er blickte hinunter.
Jongin zog seine eigene Klinge aus dem Bauch des Beraters heraus und stieß den Mann zurück. Er ließ die Klinge um seine Finger gleiten. „Das war unschön Herr Berater, man sagt nicht einfach den Tod eines Menschen hervor. Das ist das Privileg der Götter."
Stille fiel über die Lichtung.
„Aber...aber er KONNTE es nicht wissen! Es hat...es hat keine Anzeichen gegeben, dass-", stotterte einer der Soldaten hinter Chanyeol. Sie waren so verblüfft dass sie vergessen hatten wieder nach Chanyeol zu greifen.
„Oh es hat einen sehr deutlichen Hinweis gegeben", erwiderte Jongin mit einem Grinsen. „Aber natürlich habt ihr ihn nicht verstanden."
Chanyeol strich sich mit der Hand seine Haare aus der Stirn. „Du hast es also wirklich bemerkt? Unglaublich."
„W-was?!"
Jongin zwinkerte dem Soldaten zu. „Ich verrate dir das jetzt so unter uns. Chanyeol hat mich seit etwa sieben Jahren nicht mehr mit ‚mein Prinz' angesprochen und immer wenn er es früher getan hat, dann aus Spott. Deutlicher das etwas nicht stimmt, hätte er nicht sein können."
„Schön dass dein Titel doch noch für etwas gut ist."
Jongin seufzte. „Sage ich doch."
Den Soldaten blieb keine Zeit noch mehr Staunen zu bekunden, denn Chanyeol nutzte ihre Ablenkung um nach dem Schwert an der Hüfte von einem von ihnen zu greifen und nutzte den Schwung um ihm gleichzeitig den Kopf von den Schultern zu trennen. So viel dazu.
Jongin hatte gleichzeitig seinen Dolch geworfen, der in der Brust eines der Männer stecken blieb, die Semachites festhielten. Der alte Schwertkunst Meister nutzte diesen Moment um seinem zweiten Soldaten mit dem Fuß zwischen die Beine zu treten und ihm ebenfalls sein Schwert abzunehmen. Chanyeol hatte indes seinen zweiten Soldaten erledigt und warf Jongin auch dessen Schwert zu.
„Zu Semachites. Dem armen Mann wurde der Mund verbunden und ich kann mir denken, dass er so einiges zu erzählen hat."
„Jongin uns bleiben trotzdem mindestens..."
„Dreißig", antwortete Jongin. „Und weitere zwanzig hinter uns, ich weiß. Aber ich habe einen Plan. Verschaff uns so viel Zeit wie möglich und vergiss nicht, dabei nicht draufzugehen. In Ordnung?"
Chanyeol nickte. „Das gilt auch für dich." Mittlerweile hatten alle Soldaten ihre Schwerter gezückt aber Semachites war bereits auf sie zugelaufen und befand sich nun zumindest bei ihnen, während die Soldaten einen Kreis um sie schlossen und langsam näher kamen. Jongin löste seine Mundbinde.
„Weißt du was das für Idioten sind?", keifte Semachites los, sobald der Stoff um seinen Hals baumelte. „Sie haben sich mindestens eine halbe Stunde lang darüber gestritten, wie sie einem einarmigen Mann die Arme verbinden sollen! Solche Volltrottel! Gut das ihr hier seid, noch länger und ich hätte mich selbst an einer ihrer Klingen aufgespießt."
„Was ist mit deiner Hand?", fragte Chanyeol.
„Die Hälfte ist noch dran", antwortete Semachites grummelnd. „Wenn sie klug gewesen wären hätten sie mir den Daumen abgehackt aber wie gesagt alles nur Volltrottel."
Jongins Augen weiteten sich in Schock. „Bei allen Göttern! Das werden sie büßen."
„Das ist das Ziel", sagte Semachites grimmig. „Keiner dieser Bastarde wird überleben das schwöre ich bei meiner Ehre."
Sie waren in unglaublicher Unterzahl aber entschlossen wie nie zuvor. Sie waren die drei besten Schwertkämpfer ihres Bataillons und Jongin hatte um Zeit und nicht um einen Sieg gebeten. So viel zumindest konnte Chanyeol ihm geben, das wusste er mit Sicherheit.
Die Soldaten stürzten sich mit einem Kampfesschrei auf sie aber sie waren mehr als bereit.
~*~
Es war nicht schwer gegen die Männer anzukommen, ihr einziger Nachteil bestand darin, dass sie so gravierend in der Unterzahl waren. Chanyeol behielt ein Auge auf Jongins Rücken und wusste das Jongin dasselbe bei ihm tat, aber wenn sich fünf Soldaten auf einmal auf sie stürzten, dann gerieten auch sie kurz ins Stolpern.
Chanyeol hatte eine klaffende Wunde am Arm und sah aus den Augenwinkeln, dass Semachites müde wurde. Er musste bereits viel Blut verloren haben und war geschwächt von seinen Wunden.
„Jongin", sagte Chanyeol und lief mit dem Rücken gegen seinen. Augen immerzu auf seinem Gegner. „Du sagtest du hättest einen Plan, wie viel Zeit brauchst du noch?"
Jongin stieß einen Soldaten zu Boden und rammte ihm sein Schwert in die Kehlte. „Ich weiß es nicht Chanyeol, es kann nicht mehr lange dauern."
‚Nicht mehr lange' war leider keine genaue Zeitangabe und Chanyeol hatte keine Ahnung wie lange sie noch durchhalten würden. Semachites stürzte in diesem Moment plötzlich zu Boden, drei Männer ragten über ihm auf.
Jongin warf einen zweiten Dolch, der aus seiner Manteltasche kam nach dem Mann der gerade mit dem Schwert nach Semachites ausholen wollte und Chanyeol nutzte die Überraschung um sich vor Semachites zu stellen und die anderen zwei Männer zur Strecke zu bringen. Er half seinem alten Meister auf die Beine, während sich ein neuer Kreis um sie bildete. Er konnte Jongin nicht mehr sehen.
„Verflucht", zischte Semachites. „Was nun?"
„Jongin hat einen Plan", weihte er ihn ein. „Ich weiß nicht welchen aber er sagte er braucht mehr Zeit."
„Zeit ist gerade so eine Sache, die uns langsam durch die Finger rinnt."
„Das spielt nicht zur Sache. Wir müssen es trotzdem versuchen." Vor allem musste Chanyeol versuchen aus dem Kreis dieser Soldaten zu brechen um zurück zu Jongin zu gelangen.
Chanyeol hatte gerade drei Männer nacheinander niedergestochen, als der vierte Mann, der hinter ihm gerade nach ihm ausgeholt hatte vor Schreck lautstark nach Luft schnappte. Chanyeol dachte für eine Sekunde dass Semachites ihn wohl ebenfalls von hinten überrascht haben musste, doch dann folgte er seinem Blick und lächelte plötzlich.
„Wie hat er das angestellt?", fragte Semachites überrascht.
„Keine Ahnung", antwortete Chanyeol. „Aber es wundert mich weniger als es wohl sollte."
Am Rande des Getreidefelds stand eine ganze Truppe bewaffneter Männer. Mehr als die dreißig die sich anfänglich auf der Lichtung befunden hatte (und von denen nun nur noch die Hälfte übrig waren).
Euklipedes ritt an ihrer Spitze und forderte die Reiter hinter sich plötzlich mit Gebrüll zum Angriff auf. Die Soldaten um Semachites und Chanyeol wichen augenblicklich davon, drehten sich um und rannten panisch davon. Nun waren sie es, die deutlich in der Unterzahl waren.
Chanyeol seufzte erleichtert aus und joggt an Jongins Seite, dessen Angreifer ihn ebenfalls in ihrer Flucht völlig vergessen hatten.
„Mein Prinz!", schrie Euklipedes und sprang von seinem Pferd, während seine Männer die Verräter verfolgten und kurzen Prozess mit ihnen machten. „Seid ihr unversehrt? Bei allen Göttern ihr seid Blutüberströmt!"
„Keine Sorge, es ist nicht mein Blut aber Meister Semachites sollte schnellstmöglich zu einem Heiler gebracht werden."
„Mir geht es bestens", bemerkte Semachites in diesem Moment und präsentierte ihnen seinen verbleibenden Daumen. „Ich lasse mir doch nicht entgehen diesen Idioten eine Lektion zu erteilen!" Damit rannte er den flüchtenden Soldaten hinterher, bereit für noch mehr Unheil zu sorgen.
„Ich bin froh, dass wir rechtzeitig gekommen sind."
„Woher wusstest du dass Jongin sich in Gefahr befand?", fragte Chanyeol und sah zwischen den beiden hin und her.
„Sobald du mich mit ‚mein Prinz' angesprochen hast wusste ich dass etwas nicht stimmen konnte, also habe ich Euklipedes vorsichtshalber eine Notiz hinterlassen auf der stand, dass er uns heimlich mit einem Trupp folgen soll."
Euklipedes nickte bestätigend. „Mir stank die Sache gewaltig. Wir haben die meisten Verräter die euch gefolgt sind zur Strecke gebracht und ein paar Männer kümmern sich gerade um diejenigen die bei den Zelten geblieben sind." Er schüttelte den Kopf. „Es gleicht einem Massaker."
„Das ist in Ordnung", erwiderte Jongin. „Ich will dass jeder Mann, der auch nur den Anschein macht an diesem Komplott beteiligt gewesen zu sein, zur Strecke gebracht wird." Seine Augen wurden dunkler. „Dasselbe gilt für meine Berater."
„Alle sieben?", wiederholte Euklipedes erstaunt.
Jongin sah zu Chanyeol herüber. „Erinnerst du dich an das, was ich damals zu dir gesagt habe? Dass du mich aufhalten sollst wenn ich einen schrecklichen Fehler begehe?"
Chanyeol nickte.
„Und?"
„Ich schweige", antwortete Chanyeol.
„Gut. Dann alle sieben."
„Verstanden Eure Hoheit." Euklipedes bedeutete anschließend ein paar Soldaten bei ihnen zu bleiben und ritt selbst davon um zu überprüfen, dass auch wirklich alle Verräter umgekommen waren.
Chanyeol wandte sich erneut Jongin zu und wischte ihm mit dem Daumen sanft etwas Blut von der Wange. „Entschuldige dass ich dich in Lebensgefahr gebracht habe."
„Nun du konntest nicht anders." Jongin lächelte. „Und einer von und musste ja einen Plan haben."
„Gut dass ich mich auf deinen Scharfsinn verlassen kann."
Jongin zwinkerte ihm zu. „Und ich mich auf deine weiße Wortwahl."
Dieser Komplott wurde noch Jahre später als Geschichte weitergeben und Jongin, Semachites und Chanyeol als Titanen dargestellt, die es zu dritt geschafft hatten sich zu beweisen obwohl sie in deutlicher Unterzahl gewesen waren. Sie wurden zu Helden und Halbgöttern, so wie die Männer in den Liedern und Gedichten, deren Geister auf ewig in ihnen weiterlebten.
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Nächstes Mal kommt der letzte Part dieses Teils. Ich hoffe ihr mochtet dieses kurze Abenteuer dass Chanyeol, Jongin und Semachites erlebt haben :D
Bis bald!
Liebe Grüße :)
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