1.8


Baekhyuns Haut fühlte sich an, wie ein Schwamm der zu viel Wasser eingesaugt hatte. Ganz feucht und schrumpelig. Dafür fühlte er sich von den Zehenspitzen bis in seine Flügelspitzen völlig entspannt.

Chanyeol war vor Überraschung aus dem Becken gehüpft, als Baekhyun plötzlich seine Flügel geöffnet hatte, es war niemand außer ihnen da gewesen. Baekhyun fand er hatte mit seiner Reaktion übertrieben.

Sie entschieden sich für Zimmerservice und ließen sich etwas zu essen nach oben bringen. Offiziell weil sie ja versteckt bleiben mussten, aber tatsächlich waren beide zu faul, um sich anzuziehen und nach unten zu gehen. Außerdem weigerte sich Baekhyun seine Flügel zu verstecken.

„Können wir für immer hier bleiben?", seufzte Baekhyun und ließ sich ins Bett fallen. Er war voll von dem guten Essen und noch immer erstaunlich warm von der heißen Quelle.

„Das könnten wir nicht finanzieren."

Baekhyun stütze den Kopf auf eine Hand ab und grinste Chanyeol durch den Raum zu. „Aber wenn wir es könnten, dann hättest du nichts dagegen zu bleiben?"

Chanyeol schwieg für eine überraschte Sekunde. „Wenn du alles selbst finanzieren könntest, dann würdest du mich nicht brauchen."

„Natürlich würde ich das", erwiderte Baekhyun. „Ich wäre ziemlich verloren ohne dich. Außerdem gelangweilt."

„Freut mich, dass ich dich amüsiere." Er sagte es ohne Schärfe in der Stimme und versuchte ein Lächeln zu unterdrücken. „Ich denke jedoch an Seoul führt kein Weg vorbei. Ich will wirklich nicht Arbeitslos werden."

Baekhyun konnte nachvollziehen, worum es Chanyeol ging. Irgendwie zumindest. Sein Leben spielte sich in Seoul ab. „Verstehe."

„Hast du...Angst?", fragte Chanyeol vorsichtig. „Angst, dass die Engel wiederkommen?"

„Unsinn", Baekhyun war kein guter Lügner. Im Himmel hatte er nie Gelegenheit dazu gehabt, es zu erlernen.

„Du musst nicht", setzte Chanyeol an, brach jedoch ab. „Ich weiß ehrlich gesagt selbst nicht, wie es weitergehen soll. Vielleicht bist du wirklich nicht sicher in Seoul."

Baekhyun nickte. „Vielleicht."

„Du könntest hier bleiben", dachte Chanyeol laut nach. „Du könntest dir ein kleines Zimmer mieten und ich schicke dir monatlich etwas Geld auf ein Konto, auf das du zugreifen kannst."

„Aber du würdest nicht bleiben", es war nicht wirklich eine Frage, da Baekhyun die Antwort ja bereits kannte. „Du würdest zurückfahren."

„Baekhyun-"

„Ich bin müde", unterbrach Baekhyun mit einem Gähnen. „Heute ist so viel passiert."

Er beobachtete wie Chanyeol zaghaft nickte. „Du hast Recht. Gute Nacht."

„Kommst du nicht?" Baekhyun hob die Decke an, damit er hinunterschlüpfen konnte und schenkte Chanyeol einen erwartungsvollen Blick.

Chanyeol lief bei der Frage rot an. „Das Bett ist zu klein für uns beide."

„Es ist ein King-size Bett."

„Deine Flügel..."

„Willst du ernsthaft auf dem Divan schlafen? Es gibt nur eine Decke."

Chanyeol zögerte nur noch einen kleinen Augenblick, bevor er einsehen musste, dass Baekhyun Recht hatte. „Kannst du die Flügel einziehen? Ich will dich nicht verletzen."

„Ich schlafe auf dem Bauch", schlug Baekhyun vor. Er klappte seinen linken Flügel für einen Moment zusammen, damit Chanyeol sich neben ihn unter die Decke legen konnte. Als er seinen Flügel wieder aufklappte, fiel er über Chanyeol bis auf den Boden.

„Sind sind...leichter als gedacht."

„Die Knochen sind ganz fein", bestätigte Baekhyun und schmiegte sein Gesicht in das weiche Kopfkissen. „Ganz zu schweigen von den Federn natürlich."

Chanyeol strich zaghaft über den schwarzen Federteppich der über seine Brust drapiert war. „Wirklich ganz weich."

Baekhyun seufzte. „Fühlt sich gut an", murmelte er.

„Du magst es wenn man deine Federn streichelt?"

„Das wusste ich bisher auch noch nicht", murmelte Baekhyun. Er war nicht wirklich schläfrig. Er musste ja nicht schlafen, wenn er sich dazu entschied es nicht zu tun. Jetzt gerade fühlte er sich jedoch noch entspannter, als vorhin in den Bädern.

„Wusstest du das Hauskatzen nie wirklich erwachsen werden? Sie behalten ihre kindlichen Triebe bei, weshalb sie manchmal nach Zuneigung und Nähe betteln, wie sie es von ihrer Mutter kannten. Das ist der Grund wieso sie sich von uns streicheln lassen. Nicht alle natürlich."

„Das heißt Katzen haben eine Art Mutter-Komplex?"

„Kann man so sagen", lachte Chanyeol, während er weiterhin sanft über Baekhyuns Flügel strich. „Wir Menschen sind ihre Mutterkatzen und wenn wir sie streicheln, erinnert sie das an das Ablecken der Mutter in ihren frühen Lebenstagen."

„Chanyeol?"

„Ja?"

„Es macht mich nicht glücklicher, wenn du mich mit einer Katze vergleichst, statt mit einem Vogel."

Chanyeol seufzte. „Ich versuche nur dich zu verstehen."

„Ist das deine Art mit Menschen umzugehen? Auch bei allen anderen? Tiffany? Jongin?" Chanyeols Hand stillte und Baekhyun hätte sich gerne mit der Hand über das Gesicht geschlagen. Wieso war er gerade jetzt auf Jongin zu sprechen gekommen? „Chanyeol, das-"

„Jongin ist kein Tier", sagte Chanyeol leise und streichelte weiter über Baekhyuns Federn. „Du bist etwas anderes."

Baekhyun war erstaunlich enttäuscht über Chanyeols Worte. Sie hatten viele Scherze darüber gemacht...zumindest hatte Baekhyun immer angenommen, dass Chanyeol Scherze machte, aber er konnte doch nicht ernsthaft denken, Baekhyun hatte mehr mit einem Tier, als mit einem Menschen gemein, nicht wahr?

Und dann wiederrum, war es vielleicht die Wahrheit? Wie viel Mensch steckte noch in Baekhyun? War überhaupt noch etwas seiner alten Menschlichkeit in ihm?

„Nein", flüsterte er in sein Kopfkissen hinein. Er war schon so lange kein Mensch mehr.

Vielleicht war das der Grund, weshalb Chanyeol keine andere Möglichkeit sah, als Baekhyun mit Tieren zu vergleichen. Tiere, die so Gewissenlos waren wie Engel.

„Chanyeol", flüsterte Baekhyun in die Dunkelheit hinein.

„Hm?"

„Wie...fühlt es sich an ein Mensch zu sein?"

„Solltest du das nicht wissen?"

Baekhyun runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich an meine Tage auf der Erde, aber sie - ich weiß nicht – sie bedeuten mir einfach nichts. Manchmal denke ich an meine Schwester und...ich spüre Bereuen, denke ich, aber..." Baekhyun wusste nicht wie er in Worte fassen sollte, was er dachte. Er hatte Sehnsucht nach der Erde verspürt als er im Himmel gewesen war, weil er der Überzeugung war – und es noch ist – dass er ein ziemlich düsteres und nutzloses Leben als Mensch geführt hatte.

„Menschsein", setzte Chanyeol plötzlich an. „Ist als würde dich jemand vor eine Kiste setzen, die du dir nicht selbst aussuchen kannst und die du eventuell niemals wirklich haben wolltest. Du öffnest sie und schaust hinein - das ist dein Leben. In dieser Kiste sind mehrere neue Kisten. Du ziehst eine davon heraus und öffnest sie wieder. Das sind die Veränderungen in deinem Leben, denn du hast die Wahl welche Kiste du ziehst, aber weißt nie was in ihr steckt – wie sich dein Leben dadurch verändern kann. Manchmal öffnest du gar keine Kisten mehr, weil du Angst davor hast, was sich darin befindet, aber letztlich ist das der Sinn des Lebens."

„Der Sinn des Lebens ist Kisten aus Kisten zu ziehen?"

Chanyeol lachte leise. „Der Sinn des Lebens ist zu wachsen. Weiterzuwachsen. Wenn du keine Kisten mehr öffnest – nichts Neues entdeckst, keine Entscheidungen triffst, keine Risiken eingehst - dann bleibt dein Leben stehen, während Menschen um dich herum weitere Kisten auspacken. Du gefrierst in deinem Leben und du wirst anfangen es zu hassen. Es liegt in der Natur des Menschen sich vor Veränderungen zu fürchten und gleichzeitig nicht ohne sie leben zu können. Wir sind Geschöpfe der Evolution und Anführer des Fortschritts."

„Und dann?", flüsterte Baekhyun.

„Es wird unendlich viele Kisten geben. Du wirst nicht alle öffnen, aber du wirst in viele hineingesehen haben, an manche wirst du gerne zurückdenken und...andere wirst du hassen. Abgrundtief. Du wirst bereuen sie gezogen zu haben und sogar versuchen sie wieder zu verschließen, aber letztlich kannst du Fehlgriffe nur mit noch mehr Kisten wieder gutmachen."

Chanyeol machte eine kurze Pause.

„Eines Tages wirst du eine Kiste öffnen und in dieser wird nur noch eine einzige, letzte Kiste zu finden sein. Das ist der Tod. Du hast keine andere Wahl als sie zu öffnen, denn du kannst sie nicht ignorieren. Es ist unmöglich."

„Das bedeutet also Menschsein?"

„Nein", lächelte Chanyeol und drehte sich plötzlich unter Baekhyuns Flügel zur Seite, so dass er ihm ins Gesicht sehen konnte. „Ich habe keine Ahnung was Menschsein bedeutet."

„Aber die Kisten...?"

„So stelle ich es mir vor. Es hat mir geholfen wenn ich vor schwierigen Entscheidungen stand und nicht wusste, was ich nun tun sollte."

„Was für schwere Entscheidungen?", fragte Baekhyun. Chanyeols Augenlider schlossen sich für einen Moment, bevor er sie wieder träge öffnete.

„Ich-", Chanyeols Stimme brach. Baekhyun rückte ein wenig näher zu ihm heran, so dass ihre Arme sich berührten. „Ich habe Jongin vor zwei Jahren einen Heiratsantrag gemacht", setzte Chanyeol wieder an. „Ich wusste, dass wir nicht heiraten können, nicht in Südkorea, aber ich wollte ihm diesen Ring schenken und ich...ich denke ich wollte ihm zeigen, dass ich für immer mit ihm zusammen sein wollte."

„Was ist passiert?", fragte Baekhyun leise. Chanyeols Stimme war immer trauriger geworden und Baekhyun war sich sicher, Chanyeols Stimme war nicht dazu gemacht so traurig zu klingen. Jemand wie Chanyeol sollte niemals so verletzt klingen.

„Er hat mir erzählt, dass er mich betrogen hat." Er atmete tief aus. „Nur wenige Monate zuvor. Eine Arbeitskollegin von ihm sie...sie ist wirklich nett", Chanyeol lachte, aber es war kein glückliches Lachen. „Sie ist schön und lustig und nett und ich mochte sie als er uns vor mehreren Jahren zum ersten Mal einander vorgestellt hat. Ich mochte sie sehr."

„Chanyeol-"

„Es ist ein einziges Mal passiert hat mir Jongin gestanden. Nur ein einziger Ausrutscher, als sie beide...ich weiß nicht was an dem Abend passiert ist und ich will es nicht wissen."

„Du hast ihm einfach verziehen?"

„Jongin ist...ich kenne Jongin schon so lange und ich liebe Jongin seit ich denken kann. Er war immer da, verstehst du? Immer – wir haben uns gemeinsam durch die Mittelstufe gekämpft und haben uns auf dem Spielplatz unserer Kindheit zum ersten Mal geküsst und...Ich wusste nicht was ich tun sollte. Ich hatte das Gefühl zwei unendlich schwere Kisten in den Händen zu halten und eine davon würde mich von Jongin trennen. All die Zeit, die wir miteinander verbracht haben. All die guten Momente zunichte gemacht, nur wegen einem, dummen Fehler."

„Also hast du dich für die andere Kiste entschieden?"

Chanyeol nickte, Baekhyun hörte es mehr als das er es sehen konnte. „Ich konnte nicht anders und ich bereue es nicht."

Baekhyun dachte an Jongin und wie erschrocken er gewesen war, als er ihn in Chanyeols Bett vorgefunden hatte. „Ich denke er bereut es. Ich denke er will dich nicht verlieren und ich denke du bedeutest die Welt für ihn."

„Das aus dem Mund eines Engels? Hast du nicht noch eben gefragt, was Menschsein bedeutet?" Chanyeol versuchte seinen Stimmton leicht zu halten, aber Baekhyun konnte heraushören, wie tief ihn seine Worte getroffen hatten.

„Ich weiß nicht. Ich denke jeder würde so denken, wenn es um dich geht Chanyeol." Chanyeol, der gutmütigste und wundervollste Mensch, den die Erde zu bieten hatte. Baekhyun war froh, gerade in seine Nähe gefallen zu sein.

„Baekhyun?"

„Ja?"

Chanyeol antwortete lange nicht und Baekhyun war sich sicher, dass er bereits eingeschlafen war, als ein winziges ‚Dankeschön' gegen sein Ohr gehaucht wurde.

Für einen Moment glaubte er fast, dass das Herz in seiner Brust wieder geschlagen hatte.

~*~

Baekhyun hörte Chanyeols stetigem Atem zu, während die Nächtlichen Stunden verstrichen. Chanyeol hatte sich drei Mal unter seinem Flügel gedreht, zwei Mal hatte er nach Baekhyun gekickt und vier Mal hatte er versucht ihn an sich zu ziehen. Baekhyun war in einem Zwiespalt zwischen belustigt und genervt.

Es war eine Stunde nachdem die Sonne hinter dem Horizont aufgetaucht war, dass Baekhyun plötzlich die Augen aufriss. Kalte Angst schoss durch seine Adern.

„Hätte ich ein Herz, ich fände euch bestimmt Herzerwärmend."

Es brauchte einen Herzschlag von Chanyeol, bis Baekhyun unter den Bettdecken hervorgesprungen war und sich flach an die Wand in seinem Rücken presste.

„Für einen Engel hast du schreckliche Reflexe. Ganz zu schweigen von deiner Wahrnehmungs-Gabe natürlich. Weißt du wie lange ich schon hier sitze? Ermüdend."

„W-wer bist du?" Auf dem Divan lag ein Mann – falsch, ein Engel – ausgestreckt und betrachtete ihn mit einem müden Lächeln. Es war derselbe blondhaarige Engel mit den schwarzen Schwingen, dem er auch im Park vor Chanyeols Wohnungskomplex begegnet war.

„Du hast mich letztes Mal ziemlich sitzen lassen mit dem Erzengel."

Auf dem Bett bewegte sich Chanyeol. Baekhyun schluckte schwer hinunter. Er musste hier herauskommen, ohne dass der Engel Chanyeol verletzen konnte.

„Und Jonghyun ist wirklich ein nerviger Erzengel."

Wenn er weglief, würde der Engel ihm dann folgen? Wenn er schnell genug wäre, dann könnte er genug Abstand zwischen dem Engel und Chanyeol bringen und...

„Baekhyun? Was machst du an der Wand?", fragte Chanyeol und rieb sich müde über die Augen.

„Oh der Mensch ist aufgewacht."

„Ich weiß nicht was du willst, aber tu ihm nicht weh. Er hat nichts mit uns zu tun." Baekhyuns Stimme zitterte wie die Hände an seinen Seiten.

„Hm", machte der Engel nachdenklich und legte den Kopf zur Seite. Seine Augen waren so dunkel wie verbranntes Holz. „Das ist eine sehr Gefühlvolle Aussage für einen Engel, findest du nicht? Ist das der Grund weshalb man dich vom Himmel gestoßen hat?" Der Engel lächelte ihm freundlich ins Gesicht, während seine Augen eiskalt waren. Er war schön – schöner als alle Engel, die Baekhyun kannte – aber er hatte auch etwas Schreckliches an sich. Etwas Unbeschreibliches.

„Ich bin nicht vom Himmel gestoßen worden", flüsterte Baekhyun. Es war das einzige, was ihm durch den Kopf schoss. Chanyeol gab einen erschrockenen Laut von sich und stolperte aus dem Bett.

„D-das ist der Typ vom letzten Mal!", rief er und deutete mit den Zeigedinger auf den fremden Engel, als wäre nicht komplett offensichtlich dass er hier war.

„Natürlich bist du vom Himmel gestoßen worden", sagte der Engel belustigt.

„Das ist nicht wahr." Baekhyun ballte die Hände an seinen Seiten zu Fäusten.

„Ganz zu schweigen davon, dass normale, schwache Engel wie du nicht auf der Erde wandeln, wie erklärst du mir deine schwarzen Flügel?" Der Engel stand auf, wodurch die gesamte Pracht seiner eigenen Flügel zu sehen waren. So pechschwarz wie Baekhyuns eigene. „Du hast eine unverzeihbare Tat begangen und zur Strafe hat man dich vom Himmel gestoßen." Der Engel zuckte die Achseln. „Deine Federn sind beim Sturz verbrannt. Geschieht jedes Mal wieder."

Baekhyun konnte ihn nur fassungslos anstarren. „Ich habe nichts verbrochen."

„Dann werden Engel heutzutage also einfach so auf die Erde gestoßen? Interessante Vorstellung." Der Engel verschränkte die Arme vor der Brust. „Ehrlich mir ist egal, was du verbrochen hast."

„Wieso hast du uns geholfen?", fragte Chanyeol plötzlich, er klang genauso nervös wie Baekhyun sich fühlte.

Er betrachtete Chanyeol für einen Moment. „Wieso hast du versucht dem Engel zu helfen?", er deutete auf Baekhyun. „Du hast dein menschliches Leben riskiert."

Chanyeol öffnete den Mund ohne dass Worte über seine Lippen kamen.

„Lass ihn in Ruhe", mischte sich Baekhyun ein. Seine Brust schmerzte bei dem Gedanken Chanyeol in der Nähe dieses gefährlichen Engels zu wissen.

„Du bist ein eigenartiger Engel. Wie heißt du?"

Baekhyun schluckte schwer. „Baekhyun."

„Freut mich Baekhyun. Ich heiße Luhan und ich nehme an du bist nun einer von uns."

„Einer von euch?" Baekhyun blinzelte ihn verständnislos an. „Was bedeutet das?"

„Ein gefallener Engel." Luhan schüttelte genervt den Kopf. „Setzen wir uns hin, das wird länger dauern, als ich gehofft hatte."

„Ich-"

„Ich bin nicht gefährlich", versicherte Luhan. „Überstrapazier dein Köpfchen nicht." Luhan ließ sich auf den Divan nieder und überkreuzte die langen Beine. Das Licht der aufkommenden Sonne strahlte ihn von hinten an und in seiner Schrecklichkeit war er bezaubernd. Atemberaubend schön. Baekhyun hatte einen Engel wie ihn noch nie zuvor gesehen.

Baekhyun setzte sich auf einen der Hocker, weit genug von Luhan entfernt und Chanyeol kroch vorsichtig ins Bett zurück, wo er im Schneidersitz in die Matratze einsank.

„Was hat das alles zu bedeuten?", fragte Baekhyun nach einem Moment der Stille. „War der andere Engel wirklich einer der Erzengel und wieso hast du mir geholfen und-"

„Ganz langsam", unterbrach Luhan. „Lass mich der Reihe nach erzählen." Seine Haut strahlte, so hell war er. „Ich bin schon eine Weile hinter dir her, seitdem man mir gesagt hat, dass ein Engel auf die Erde gefallen ist."

„Wer hat dir davon erzählt?" Baekhyun wusste es könnte nur Sehun gewesen sein, da nur er davon gewusst hatte.

„Mein Boss."

„Dein...Boss?"

„Lucifer. Der Herrscher über die Hölle."

Chanyeol verschluckte sich an Luft und Baekhyun wusste mit Gewissheit, dass er doch nicht von Sehun sprach. „Woher weiß...dein Boss so etwas?"

„Er spürt es...denke ich? Ehrlich ich habe keine Ahnung, wie er es macht – bei den meisten Dingen nicht – aber er ist sehr mächtig und wusste auf der Stelle von dir, als du auf die Erde gefallen bist." Luhan machte eine Pause, als erwarte er mehr Fragen, aber Baekhyun war zu perplex um Fragen zu stellen. „Es ist meine Aufgabe gewesen dich aufzugabeln und zusammen zu flicken. Aber es hat eine Weile gedauert, bevor ich dich gefunden habe." Luhan sah ihn neugierig an. „Wusstest du, dass es den Erzengeln und mir schwerer fallen würde dich zu finden, wenn deine Flügel geschlossen sind?"

Baekhyun lief rot an. „Nein ich..."

„Es ist dir peinlich, dann gilt das Schließen der Flügel im Himmel also noch immer als beschämend." Luhan zuckte die Achseln. „Besser du gewöhnst dich daran, so lange du auf der Erde bist. Die Spielregeln hier sind anders. Im Gengensatz zum Himmel ist es hier gut wie ein Mensch auszusehen."

„Das ist es also?", bemerkte Chanyeol überrascht. „Es gilt als Schande, nur weil ihr dadurch menschlich ausseht?" Chanyeol klang verletzt. „Fühlt ihr euch Menschen so überlegen?"

Luhan sah Chanyeol überrascht an. „Das ist die Art und Weiße wie die Engel im Himmel denken. Für sie sind Menschen nur-..."

„Tut mir leid", fiel Baekhyun Luhan ins Wort und sah auf seine Hände hinunter. „Tut mir leid Chanyeol", wiederholte er.

„Interessant", sagte Luhan nach einer Pause. „Nun denn, wo war ich stehen geblieben? Richtig. Ich hatte Schwierigkeiten dich zu finden Baekhyun, auch weil ich nicht vermutet habe, dass du Unterschlupf bei einem Menschen gefunden hast. Dem Erzengel musste es jedoch wie mir ergangen sein. Weißt du dass du unheimliches Glück hattest?"

Baekhyun hatte an viele Worte gedacht, um seine Situation zu beschreiben. Glück war keines davon. „Inwiefern?"

„Wenn Engel...fallen, dann fallen sie nicht willkürlich auf die Erde."

„Oh", das war Baekhyun nicht bewusst gewesen.

„Sie fallen immer in die Nähe eines Erzengels", erklärte Luhan. „Dass Jonghyun so lange gebraucht hat, um dich aufzuspüren grenzt an ein Wunder."

„Aber er hat mich gefunden", murmelte Baekhyun.

Luhan nickte. „Sie finden jeden früher oder später. Wir wären mehr, wenn die wenigen die vom Himmel fallen, auch tatsächlich überleben würden."

„Wieso wollte er mich töten?"

„Dir ist klar, dass er dich ausgelöscht hätte?"

Baekhyun zuckte zusammen. „Ich...hatte es im Gefühl."

„Er hätte es getan", bestätigte Luhan. „Es ist die Strafe dafür, dass du vom Himmel gefallen bist."

„Wie oft soll ich noch sagen, dass das alles nur ein Missverständnis ist?", seufzte Baekhyun. „Wenn ich mit dem Erzengel hätte reden können..."

„Bist du verrückt?", fragte Luhan. „Du bist auf der Erde und hast schwarze Schwingen. Das ist dein Todesurteil gewesen Baekhyun. Egal was du dir einbildest, du bist hier und du wirst nicht versuchen mit einem Erzengel zu reden wenn dir dein Leben lieb ist!"

„Wieso kümmert es dich so sehr?", fragte Chanyeol vorsichtig. „Ich will nicht sagen, dass ich dir nicht dankbar bin, dass du Baekhyun gerettet hast, aber ich verstehe nicht, was für dich dabei herausspringt."

Luhan verzog das Gesicht. „Lucifer will dich. Wir sind nicht viele gefallene Engel und diejenigen, die nicht von den Erzengeln aufgespürt worden sind leben in ständiger Angst und Vorsicht. Sie kommen so gut wie nie aus der Hölle heraus."

„Und du? Wieso hast du keine Angst?"

Luhan grinste Chanyeol breit an. „Weil ich anders bin. Ich bin mächtiger als die gewöhnlichen Gefallenen, deshalb lässt mich Lucifer auf der Erde wandeln."

„Hast du keine Angst vor den Erzengeln?"

Luhan zögerte. „Meine Konfrontationen mit ihnen sind bisher allesamt glimpflich ausgefallen."

„Mehr oder weniger", sagte eine Stimme plötzlich.

Baekhyun drehte sich um, wo ein Junge mit braunen Haaren und verschränkten Armen vor der Brust stand. „Wie bist du hier hereingekommen?", fragte Baekhyun und schoss von seinem Hocker auf.

„Wer?"

Baekhyun deutete auf den Neuankömmling, der den Raum durchquerte um sich neben Luhan zu setzen.

„Was?" Chanyeol blinzelte Baekhyun mehrfach an, ohne zu verstehen.

„Mach dir keine Mühe", sagte Luhan. „Menschen können ihn nicht sehen."

Baekhyun sah den Fremden mit großen Augen an. „Wieso nicht? Ist er...kein Engel?"

„Nein." Luhan schüttelte den Kopf, dann wandte er sich dem braunhaarigen zu. „Ich dachte wir hatten abgemacht, dass du draußen wartest."

„Ich habe euch zugehört. Sie sind nicht gefährlich."

„Das-"

„Was geht hier vor sich?", fragte Chanyeol und sah verwirrt zwischen Baekhyun und Luhan hin und her. „Macht ihr euch wieder lustig darüber, dass ich ein Mensch bin?"

Der braunhaarige lächelte. „Er ist witzig."

„Baekhyun, Chanyeol, das ist Minseok."

„Wer ist Minseok?"

„Der Typ den du nicht sehen kannst", murmelte Baekhyun ohne seine Augen von Minseok zu wenden. Er sah völlig normal aus, also menschlich-normal. Es war nun offensichtlich, dass er kein Engel war, ihm fehlte neben den Flügeln auch der natürliche Glanz eines Engels.

„Ich verstehe nicht..."

„Minseok ist was man eine ‚Verlorene Seele' nennt", erklärte Luhan ohne jemanden anzusehen.

Chanyeol sah Baekhyun fragend an, aber Baekhyun wusste keine Antwort. Er hatte davon noch nie gehört. „Was bedeutet das?"

„Ich bin gestorben ohne die Erde zu verlassen." Er sah Luhan eindringlich an. „Schlimmer noch, ich bin hier festgekettet", antwortete Minseok düster.

„Wie ist das möglich?", fragte Baekhyun überrascht. „Ich dachte es gibt nur eine Richtung nach dem Tod." Baekhyun deutete mit dem Finger nach oben.

„Es gibt solche Fälle", antwortete Luhan und räusperte sich.

„Worum geht es?" Chanyeol sah frustriert aus und sein Gesichtsausdruck brachte Baekhyun beinahe zum Lachen.

„Minseok ist eine Seele, die nach dem Tod nicht in den Himmel gegangen ist, sondern auf der Erde geblieben ist. Das stimmt so, nicht wahr?" Minseok nickte nach einem Zögern.

„Deshalb kannst du ihn nicht sehen", setzte Luhan fort. „Er gehört mehr zur anderen Welt, als in diese."

„Und mit anderer Welt meinst du...?"

„Den Himmel."

„Natürlich", murmelte Chanyeol und ließ sich in die Kissen in seinem Rücken sinken. „ Unsichtbar. Fast wie Flöhe", murmelte er. „Einfach wie Flöhe."

Minseok warf Baekhyun einen verwirrten Blick zu. „Er ist Tierarzt", versuchte Baekhyun zu erklären. Es gelang ihm jedoch nicht so recht. Er schüttelte den Kopf um seine Gedanken zu sortieren. „Was auch immer, das wichtigste ist, die Frage was ich jetzt unternehmen soll?"

Luhan sah ihn belustigt an. „Ganz einfach: Du verschwindest."

„Verschwinden?" Baekhyun schluckte schwer hinunter. „Wohin?"

„Die Hölle", antwortete Minseok trocken.

„H-hölle?" Baekhyun hörte wie die Bettlaken raschelten, als sich Chanyeol vom Bett erhob um sich neben ihn zu stellen. Der Bademantel, den er zum Schlafen angezogen hatte, war locker geworden und offenbarte einen großen Teil seiner Brust.

„Natürlich. Es ist der einzige Ort, wo die Erzengel nicht hingehen. Dort bist du sicher."

„Ich soll in die Hölle?"

Luhan und Minseok nickten.

„Ich bin ein Engel!", protestierte Baekhyun. „Ich kann nicht in die Hölle, das ergibt keinen Sinn. Ich gehöre nachhause! In den Himmel!"

„Wie willst du zurückkehren?" Luhan sah ihn kühl an. „Denkst du deine verbrannten Flügel schaffen es bis vor die Himmelspforten?"

„Wenn ich wüsste wo der Himmel ist, dann könnte ich-"

„Schlag dir diese Idee aus dem Kopf. Du musst als Mensch sterben, um in den Himmel zu kommen. Das oder du bist ein Erzengel. Und du bist offensichtlich keins von beidem."

Baekhyun spürte seine Schultern hinuntersacken und vergrub das Gesicht in den Händen. Erst jetzt verstand er plötzlich das volle Ausmaß dessen, was ihm geschehen war. Verbannt vom Himmel, verbrannte Flügel und Schutz in der Hölle, vor den Erzengeln, die im Himmel alle verehrten.

„Gibt es keine andere Möglichkeit für ihn?", fragte Chanyeol vorsichtig. „Kann man Engel kontaktieren? Er hat erzählt, dass er Freunde im Himmel hat...vielleicht können sie ihm helfen. Mit den Erzengeln reden vielleicht, wenn er es schon nicht kann."

„Wieso ist ein Mensch überhaupt involviert?", fragte Minseok mit verzogener Miene. Luhan antwortete ihm nicht.

„Wie stellst du dir das vor?", wandte der blonde Engel an Chanyeol. „Denkst du es gibt eine Telefonleitung in den Himmel?"

Chanyeol lief rot an. „Natürlich nicht, aber es muss doch eine Möglichkeit geben..."

„Mein Auftrag lautet, den gefallenen Engel in Sicherheit vor den Erzengeln zu bringen. Der einzige sichere Ort ist die Hölle." Luhan erhob sich seufzend. „Lass uns gehen Minseok."

„Wohin geht ihr?"

„Wir verschwinden und geben Baekhyun ein bisschen Zeit zum Nachdenken. Heute Abend bei Sonnenuntergang kommen wir zurück und nehmen dich mit, Baekhyun. Viel länger wird uns nicht bleiben, bevor sich ein Erzengel wieder auf dich stürzt."

Baekhyun antwortete nicht.

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Ich hoffe das ich mit meinem nächsten Update den ersten Teil beenden kann....Diese blöden Kapitelnamen sind echt lästig...was soll nach 1.9 kommen? 1.10 ? :/- das wäre  blöd. Wenn irgendjemand einen kreativen Vorschlag für Kapitelnamen hat dann bin ich ganz Ohr ^^ Ich könnte sie nach wichtigen Engeln aus der Bibel benennen, aber wahrscheinlich würden mir bald die Namen ausgehen, oder Vogelsorten Chanyeol zu Ehren...aber das würde komisch klingen. Mh einer  himmlischen Norm? Zu kompliziert. Wolkensorten? xD Sterne? Mir fällt echt nichts ein :O Schreibt mir falls euch etwas einfällt :)
Und ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen!

Liebe Grüße

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