1.7
„Wie nervig", murmelte Baekhyun und setzte sich auf eine Bank. Er war bis zum Park neben Chanyeols Wohngebäude gekommen, bevor er keine Lust mehr zu Laufen hatte. „Ich kann nicht einmal meine Flügel benutzen." Er seufzte und lehnte den Kopf gegen die hölzerne Rückenlehne. „Wenn ich einfach die Flügel ausstrecke und in den Himmel fliege, wo lande ich dann?"
„Das sind interessante Überlegungen."
Baekhyun zuckte vor Schreck zusammen. Neben ihm saß ein junger Mann mit spitzen Gesichtszügen und braunem Haar. Er wirkte belustigt über Baekhyuns heftige Reaktion.
„D-das war nur meine Phantasie."
„Phantasie also", lächelte er. Baekhyun hatte wirklich nicht gehört, wie er sich neben ihn gesetzt hatte. „Klang eher wie ein Angriffs-Plan."
„Ein...was?" Baekhyun hatte noch nie einen so schönen Menschen gesehen. Der braunhaarige lehnte sich nach vorne und seine Augen blitzten, als er Baekhyuns Blick erwiderte.
„Ein Angriff, auf den Himmel."
„Nein, ich meinte nur-"
„Hat dir niemand gesagt, dass das verboten ist?"
„Was?" Was geschah hier? Der Mann streckte seine Hand nach ihm aus und Baekhyun konnte sich nicht bewegen.
„Du hast dich strafbar gemacht. Verrat ist ein ziemlich schweres Delikt, musst du wissen."
‚Verrat?!', hallte es durch seinen Kopf, aber er brachte noch immer kein Wort über die Lippen.
Die Hand des Mannes strich über seine Wange, dann hinunter zu seiner Kehle und drückte mit unerwarteter Kraft zu. Sein Gesichtsausdruck hatte sich in den letzten Minuten nicht einmal verändert. „Du hast deine Würde verloren, Baekhyun."
Ein sengender Schmerz fuhr ihm durch die Kehle. Seine Augen begannen zu brennen. Er konnte sich noch immer nicht bewegen.
„Ich schicke dich dahin, wo du hingehörst gefallener Engel." Er lächelte und Baekhyun wusste, mit der Sicherheit, die er vor hunderten von Jahren auf einer Brücke über dem Hanriver auch empfunden hatte, dass er gleich sterben würde. Und dann-
„Baekhyun!"
Chanyeols Stimme klang atemlos, als wäre er in großer Eile hierher gerannt. Baekhyun konnte es kaum glauben.
Die Hand ließ von seiner Kehle ab und Baekhyun fiel zu Boden. Als er hustete spritzte Blut über den Boden. Es war sein eigenes.
Der junge Mann stand auf und wandte seine Aufmerksamkeit Chanyeol zu, während dieser nur Kreideweiß zwischen ihm und Baekhyun hin und her sehen konnte.
„B-baekhyun?"
„Oh das kam unerwartet", seufzte der Kerl. Seine Stimme war unheimlich melodisch „Ich hatte nicht mit Zuschauern gerechnet." Er machte einen Schritt auf Chanyeol zu und Baekhyun geriet in Panik.
„Renn weg", krächzte er. Der Blutgeschmack in seinem Mund war widerlich. „Verschwinde Chanyeol!"
„Ein Freund?", fragte der braunhaarige im Plauderton und sah belustigt zwischen Baekhyun und Chanyeol hin und her. „Du hast deine Zeit auf der Erde ja richtig ausgekostet."
„Wer...bist du?" Chanyeol machte einen Schritt zurück als der Mann einen auf ihn zu tat.
„Das braucht dich nicht zu kümmern."
Schwarze Flecken tanzten vor Baekhyuns Augen. Es war der falsche Moment um das Bewusstsein zu verlieren.
„Ich...ich will nur..."
„Du hast einen wunderschönen Glanz um dich, er wirkt beinahe vertraut", lächelte der braunhaarige. „Aber jetzt solltest du gehen", sagte er sanft. „Geh Nachhause, vergiss was hier geschehen ist, dass du je etwas mit Baekhyun zu tun hattest."
„Ich-" Baekhyun sah wie Chanyeol einen weiteren Schritt zurück machte. „Baekhyun."
Als die leuchtenden Fingerspitzen des Fremden nur noch Zentimeter von Chanyeols Brust entfernt waren, wusste Baekhyun dass er handeln musste. Dieses...Wesen würde Chanyeol verletzen. Chanyeol, der warmherzig und gütig war und Flügel reparieren konnte.
Sein Körper bewegte sich mit einer ihm unbekannten Geschwindigkeit. Baekhyun spürte wie sich seine Flügel durch seine Kleidung bohrten, den Pullover durchlöcherten und durch seine dicke Jacke drangen.
Als der Mann sich in Überraschung umdrehte, stand Baekhyun bereits vor ihm und rammte ihm seine Faust ins Gesicht, so fest er nur konnte.
Der braunhaarige fiel mit einem Aufschrei zur Seite und verdeckte sein Gesicht mit den Händen.
„Komm", schrie Chanyeol, der sich als erstes gefangen hatte. „Baekhyun LAUF!" Chanyeol packte seine Hand und zog ihn hinter sich her. Baekhyun schnappte aus seiner Starre heraus und rannte mit ihm.
Ihre Füße trommelten über den Boden, durch den Park so schnell sie konnten. Sie liefen an verwirrten Menschen vorbei und Kindern, die auf Baekhyun zeigten, aber er hatte keinen Kopf für sie.
Baekhyun stürzte, als etwas gegen seinen Rücken prallte, gerade so an seinen Flügeln vorbei. Der Engel schaffte es nur sich auf Hände und Knie aufzustützen als er, mit einem Tritt, zur Seite gestoßen wurde. Er schlitterte mehrere Meter über den Boden und keuchte Staub und Blut hervor. Sein gesamter Körper zitterte vor Schmerz und seine Flügel zuckten hilflos unter seinem Gewicht.
„Baekhyun!" Chanyeol erschien an seiner Seite. Seine Hände umschlossen seinen Arm um ihm aufzuhelfen. Vergebens. Der Mann stand plötzlich wieder über ihnen, ein blendendes Lächeln auf dem Gesicht. Der Schnitt auf seiner Unterlippe, den Baekhyun gerade erst verursacht hatte, heilte direkt vor ihren Augen. Selbst für einen Engel ging das viel zu schnell.
„Na na, Gefallener wohin so eilig?"
„Was willst du? Was soll das?", fragte Chanyeol und baute sich zwischen Baekhyun und ihrem Verfolger auf. Er war deutlich größer als der Fremde, nur mit Abstand nicht so einschüchternd wie er.
„Das ist eine Familienangelegenheit", sagte der braunhaarige ruhig. „Ich denke ihr Menschen kümmert euch auch auf eure eigene Art und Weise um eure Blutsverräter. Jetzt, aus dem Weg."
„Nur über meine Leiche", knurrte Chanyeol. Baekhyun war sich sicher, er hatte den Verstand verloren.
„Lustige Art wie du die Dinge formulierst." Der Mann machte einen Schritt auf Chanyeol zu. „Leider kann ich auf diesen Deal nicht eingehen." Er machte eine wegwerfende Handbewegung und Chanyeol flog zur Seite. Einfach so. Als wäre er nicht mehr als eine Stoffpuppe. Baekhyun schrie, als Chanyeol zu Boden krachte.
„Was für ein wundersamer Mensch", murmelte der Mann, bevor er weiter auf Baekhyun zu schritt. „Nun zu dir Gefallener."
Der Engel kroch rücklings über den Kieselsteinboden. „W-was habe ich verbrochen? Wieso bist du hinter mir her?"
„Ich finde wir haben genug geredet."
‚Chanyeol bewegt sich nicht', dachte Baekhyun während der Mann sich zu Baekhyun hinunterbeugte. Wieso stand Chanyeol nicht auf? War er tot? ‚Wieso bewegt er sich nicht?'
„Das ist dein Ende...Gefallener."
Baekhyun kniff die Augen zusammen, als der Fremde seine Hand nach Baekhyun ausstreckte.
‚Schon wieder', schoss es ihm durch den Kopf. ‚Schon wieder schaffe ich es nicht, diejenigen die mir etwas bedeuten zu retten. Ich bin unverbesserlich.'
„Hey!"
Baekhyun öffnete ein Auge, als der erwartete Schmerz aussetzte.
„Interessant", murmelte der braunhaarige und stand von Baekhyun auf. „Du hast Freunde gerufen."
„W-was?" Baekhyun blickte in die Richtung in die auch der Mann sah. Dort stand ein anderer Kerl, blond, erkannte Baekhyun aus der Entfernung.
„Es ist eine Weile her", rief der Neuankömmling über den Platz. „Aber du bist so kleinwüchsig wie eh und je Jonghyun." Baekhyuns Verfolger schnaubte, dann war er verschwunden. Einfach in...Luft aufgelöst.
„Bist du in Ordnung? Baekhyun rede mit mir, bist du in Ordnung?"
Es dauerte eine Weile, bevor Baekhyun realisierte, dass es Chanyeol war, der plötzlich neben ihm aufgetaucht war. „Chanyeol!" Baekhyuns Augen füllten sich mit Tränen. „Gott Chanyeol du lebst."
„Wir müssen verschwinden. Kannst du aufstehen?"
„Wo sind-?" Er hatte die Frage nicht vollendet, als er die zwei Gestalten wiederfand. In der Luft. „Engel", keuchte Baekhyun. „Es sind Engel!" Sie schienen sich beim Fliegen zu bekämpfen, während Menschen mit offenen Mündern zu ihnen auf starrten.
Der braunhaarige Mann hatte weiße, riesige Schwingen, so hell und funkelnd, dass sie das Sonnenlicht spiegelten. Der andere Kerl, der den braunhaarigen bei seinem Unterfangen Baekhyun das Licht auszublasen, unterbrochen hatte, hatte ebenfalls Flügel nur waren diese-
„Lass uns erst verschwinden. Komm." Chanyeol zog ihn auf die Beine, hisste aber vor Schmerzen auf, als er selbst auf sein Bein auftrat.
„Du bist verletzt."
Chanyeol verzog das Gesicht. „Der Sturz."
„W-was jetzt?"
„Verschwindet ihr Idioten!", schrie eine Stimme von oben. Der blondhaarige. Eine Sekunde darauf, wurde er mit einem kräftigen Tritt vom braunhaarigen Engel auf die Erde zurück befördert. Der Boden zitterte bei der Wucht seines Aufpralls und Menschen schrien.
Baekhyun nahm einen tiefen Atemzug. Sie mussten wirklich, so schnell wie irgendwie möglich, von hier verschwinden. „Halt dich fest, in Ordnung? Halt dich sehr, sehr gut fest Chanyeol." Baekhyuns Flügel vibrierten.
„Was hast du vor?" Chanyeols Panik war ein genaues Ebenbild seiner eigenen Emotionen. „Baekhyun?"
Es riss sie beide von den Füßen, als Baekhyun seine Schwingen hob und mit all seiner Kraft hinunterriss.
~*~
Chanyeol spürte Baekhyuns Hände um seinen Oberkörper geschlungen, dann nur noch den Wind in seinen Haaren und in seinem Gesicht. Bäume, Häuser, Menschen, alles zog in Form eines farbigen Strichs an ihnen vorbei. Er konnte nichts erkennen, nichts anderes sehen. Er wusste nicht wo sie hinflogen und wie Baekhyun wusste, dass sie nicht gegen ein Wohngebäude oder einen Passanten flogen.
Chanyeol hatte keine Ahnung, wie lange der Zustand angehalten hatte, doch plötzlich kollidierten sie mit dem Boden, Baekhyuns Arme noch immer um ihn geschlungen und seine Flügel schützend um sie geschlungen. Für einen Augenblick hörten sie nur ihren schweren Atem. Dann löste sich Baekhyun langsam von ihm und rollte auf den Rücken, Arme und Beine weit von seinem Körper gestreckt. Sie lagen auf Laubblättern, um sie herum waren nur Bäume.
„Was war das?", flüsterte Chanyeol ehrfürchtig und setzte sich auf
„Wir sind geflogen."
„Ich habe mir das ganz anders vorgestellt. Weniger...schnell."
„Ich kann nicht glauben, dass du es dir vorgestellt hast." Baekhyun lachte auf. Es musste am Adrenalin liegen. Oder am Flug. Chanyeol fühlte sich ebenfalls sehr leicht im Kopf.
„Bist du verletzt?", fragte Chanyeol und beugte sich über Baekhyun. Sein Gesicht sah ihn Ordnung aus. Hatte der kranke Killer Typ ihn sonst noch irgendwo berührt?
„Mir geht es gut", versicherte Baekhyun.
„Das ist gut", er atmete erleichtert aus.
„Nur eine Sache, Chanyeol?"
„Was ist?"
„Kannst du von meinem Flügel aufstehen?"
„Oh", Chanyeol sprang vor Überraschung ein Stück zur Seite und bereute es sogleich, als sein Knöchel sich bei ihm bedankte. „Autsch."
„Du bist verletzt." Baekhyun setzte sich auf und griff nach seinem Bein. „Das rechte?"
Chanyeol nickte. Unter der Hose war der Knöchel bereits dick angeschwollen und lila verfärbt. Es sah schlimmer aus als Chanyeol angenommen hatte.
„Nicht bewegen", flüsterte Baekhyun.
„Was-" Er beugte sich nach vorne, seine Flügel von seinem Körper gestreckt und legte seine Lippen sanft auf die lilafarbene Stelle. Chanyeol hielt vor Schrecken den Atem an.
„Ich habe keine Ahnung, ob das funktioniert", gab Baekhyun zu. „Der Legende nach können Engel ihre heilenden Fähigkeiten teilen, aber ich hatte nie Grund es auszuprobieren."
„D-danke. Trotzdem."
„Danke auch", Baekhyun sah ihn an, als hätte er Chanyeol noch nie gesehen. Ein kleines, rotes Laubblatt hing in seinem Haar. „Ich kann nicht glauben, dass du mich beschützen wolltest. ‚Nur über meine Leiche'", sagte Baekhyun in einem Ton, der überhaupt nicht (vielleicht ein wenig) nach Chanyeol klang.
„Du hast mich schlecht getroffen." Seine Wangen fühlten sich heiß an. Seine Ohren auch.
„Ernsthaft Chanyeol. Danke. Du hast mir das Leben gerettet." Dann seufzte Baekhyun plötzlich und lies den Kopf auf die Brust fallen. „Mein unsterbliches Leben! Was hat das nur zu bedeuten?!"
„Du weißt also wirklich nicht, was zur Hölle gerade passiert ist?"
„Nein, keine Ahnung. Da war plötzlich dieser Typ neben mir auf der Bank und dann wollte er mich umbringen und dann bist du gekommen und er ist uns gefolgt und dann wollte er mich wieder umbringen und dann war da plötzlich dieser zweite, fremde Kerl...Ich verstehe es nicht."
„Den zweiten kanntest du auch nicht? Er...es schien zumindest so, als hätte er uns helfen wollen."
„Ich weiß nicht. Nur, beide waren Engel. Und der blonde...er hatte Flügel wie ich. Seine waren auch schwarz."
„Hat das etwas zu bedeuten?"
„Ich weiß es nicht", seufzte Baekhyun. „Ich weiß rein gar nichts."
„Okay, denken wir später darüber nach. Erst einmal...wo sind wir hier? Wo hast du uns hingebracht?"
„Huirisan", antwortete Baekhyun. „In etwa."
„Huirisan?" Es brauchte einen Moment bevor die Antwort einsickerte. „Huirisan?! Das ist fast vier Stunden von Seoul entfernt!!"
„Wir waren schnell."
„Das ist unglaublich", sagte Chanyeol fassungslos. „Wir sind doch kaum eine Minuten geflogen."
„Ich hatte es auch wirklich eilig."
„Das heißt also, wir sind in einem Naturpark, vier Stunden von Seoul entfernt?"
„Richtig."
Chanyeol nahm einen tiefen Atemzug. „Großartig. Was jetzt?"
„Verstecken", schlug Baekhyun vor. „Nachdenken."
Chanyeol hielt es für einen guten Vorschlag.
„Wieso Huirisan?", fragte er während sie einen Weg aus dem Wald hinaus suchten.
„Es stand auf der Liste, von Orten die ich besichtigen möchte während ich auf der Erde bin. Gleich über Paris."
„Verstehe." Chanyeol hatte es nur um Haaresbreite geschafft nicht in einem fremden Land, ohne Visum und gültigen Papieren aufzutauchen. Plötzlich klang Huirisan gar nicht mehr so mies.
Erst ein paar Minuten später, bemerkte er, dass sein Knöcheln überhaupt nicht schmerzte.
~*~
Bis auf seine Geldbörse, seinen Hausschlüssel und den Klamotten, die er am Körper trug hatte Chanyeol nichts weitere mitgenommen. (Bis auf die zwei Streifen Kaugummi in seiner rechten Hosentasche, aber wen kümmerte das).
„Am besten wir suchen uns für den Tag ein Hotelzimmer und fahren morgen nach Seoul zurück", dachte Chanyeol laut nach. Huirisan war eine übliche Touristengegend und um sie herum gab es reichlich Gaststätten und Hotels, in denen sie unterkommen könnten.
„Du willst dorthin zurück?", fragte Baekhyun und erschauderte sichtlich.
„Natürlich müssen wir nach Seoul zurück. Bis dahin sind...wer auch immer die Kerle waren auch bestimmt über alle Berge."
„Hoffentlich nicht über die Berge, die uns von ihnen trennen."
Chanyeol beobachtete Baekhyun aus den Augenwinkeln. Baekhyun hatte seine Flügel eingezogen, sobald sie ihren Fußmarsch durch den Wald begonnen hatten. Er sah ausgelaugt aus und in seinem Haar hing noch immer ein Laubblatt. Seine Jacke war am Rücken völlig zerrissen und seinem Pullover würde es nicht anders gehen.
„Was ist?", fragte Baekhyun. Chanyeol hatte gar nicht bemerkt, dass Baekhyun seinen Blick erwidert hatte.
„Nichts", er räusperte sich. „Lass uns in diese Richtung gehen. Wir können in der Gaststätte dort hinten nachfragen, ob sie noch freie Betten haben."
Baekhyun nickte nur schweigend.
Der ältere Herr hinter dem Schalter offenbarte ihnen erfreut, dass er tatsächlich noch ein freies Zimmer hatte. Er beschwerte sich im gleichen Atemzug darüber, wie kurzfristig die Leute ihren Urlaub heutzutage stornierten.
„Vielleicht eine Grippe oder ein Beziehungsstreit, vielleicht ein Todesfall in der Familie, gar die Katze, wer weiß das schon", seufzte er. „Sie zahlen mit ihrer Kreditkarte?"
„Ja." Chanyeol reichte ihm die Geldkarte.
„Abendessen gibt es ab achtzehn Uhr dreißig, sie sind frei die Bäder zu benutzen, wir haben eine wunderschöne Außenanlage und die natürlichen Warmwasser Quellen besitzen heilende Wirkungen."
„Davon habe ich genug", lächelte Baekhyun. „Aber vielen Dank für den Hinweis." Chanyeol zwickte Baekhyun in die Seite.
„Die Jugend von heute", lachte der Mann. Er gab Chanyeol seine Karte wieder. „Frühstück gibt es von acht bis zwölf und wenn sie fragen haben, die Nummer zur Rezeption steht auf einem Zettel, der am Telefonhörer festklebt. Ihr Zimmer befindet sich im zweiten Stockwerk, gleich rechts neben dem Aufzug. Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt. Ihr Gepäck wird gerne von einem Pagen übernommen."
„Oh wir-", Chanyeol dachte angestrengt nach. „Reisen generell mit sehr wenig Gepäck."
„Sehr wenig", bestätigte Baekhyun.
„Vielen Dank Ihnen." Chanyeol nahm die zwei Zimmerkarten schnell von der Rezeptionstheke.
„Denkst du nicht, das Hotel ist ein wenig zu extravagant?"
„Ich weiß nicht, ich hatte keine Gelegenheit auf die Preise zu schauen."
„Es sieht sehr edel aus." Baekhyun meinte die roten Filswände und den großen Spiegel mit dem goldenen Rahmen, der im Aufzug angebracht war. „Die Rezeption sah auch sehr schön aus."
„Bist du enttäuscht darüber, dass wir nur eine Nacht bleiben?"
Der Aufzug erreichte ihr Stockwerk, während Baekhyun antwortete: „Huirisan scheint wirklich ein schöner Ort zu sein und ich wollte auch schon immer mal herkommen." Chanyeol scannte die Zimmerkarte und drückte die Tür nach innen auf. „Jetzt ist wahrscheinlich nur der falsche Zeitpunkt."
„Wir können-" Der Rest seines Satzes ging unter, als Baekhyun und Chanyeol in den Raum traten. „Wow." Angefangen von den Wänden bis zu den Stühlen, schien alles in diesem Raum mit Sorgfalt und Liebe ausgesucht zu sein. Die Wände waren geschmückt von Zeichnungen des Waldes. Das große Doppelbett frisch bezogen, mit einem braun-goldenen Überzug und der Schrank, geschnitzt im alten Barock Stil, war imposant und riesig. Es gab keinen Fernseher, oder ähnliches, wie in den meisten anderen Hotels, dafür standen Topfpflanzen auf Regalen neben Büchern und kleinen Holzschnitzfiguren.
„Es sieht wirklich extravagant aus."
Baekhyun streckte seinen Kopf ins Bad und kam grinsend wieder zurück. „Mitten im Raum steht eine goldene Badewanne und es gibt zwei vergoldete Waschbecken an der Wand."
„Ich glaube wir wurden ein bisschen übers Ohr gehauen."
„Es gibt nur ein Bett", bemerkte Baekhyun erstaunt.
„Ich glaube er hat uns eine Suite angedreht." Chanyeol seufzte. Klar, er hatte ja auch nicht expliziert, was für ein Zimmer er wollte. Großartig.
„Mir gefällt es." Baekhyun ließ sich ins Bett fallen und zog einen Moment später seine Jacke und dann plötzlich auch seinen Pullover aus.
„Was machst du da?"
„Ich will meine Flügel öffnen."
„Der Pullover ist doch ohnehin schon kaputt, du hättest ihn auch anlassen können." Chanyeols Wangen wurden warm.
Baekhyun sah traurig zu dem Kleidungsstück hinüber. „Ich will nicht, dass er noch mehr beschädigt wird."
„Okay, wie du willst." Chanyeol ließ sich auf einen der Ledersessel nieder und schloss für einen kurzen Augenblick die Augen. „Ich kann nicht glauben, was heute alles passiert ist." Baekhyun sah ihn eindringlich an.
„Ich bin dir wirklich dankbar für dein Erscheinen, ehrlich. Als...der Kerl mich attackiert hat, war ich mir für einen Moment absolut sicher, dass ich nicht überleben werde. Dass mir gleich etwas Schreckliches geschehen würde." Er seufzte. „Ich bin unsterblich, aber in diesem Moment habe ich mich nicht so gefühlt. Ehrlich gesagt, zweifle ich mittlerweile daran, ob ich wirklich unsterblich bin."
„Baekhyun-"
„Aber", unterbrach der Engel. „Ich...wieso bist du gekommen Chanyeol? Was ist mit Jongin und wie hast du mich gefunden?"
Chanyeol spürte die aufkommende Anspannung in seinen Schultern, bei dem Gedanken an Jongin. „Ich wusste, dass du im Park sein würdest. Es erschien mir der einzig, richtige Ort. Wegen den Laubblättern und deiner Begeisterung für den Herbst."
Baekhyun nickte. „Ich bin wohl wirklich etwas durchschaubar."
„Und...und Jongin. Ich fand ungerecht dich fort zu schicken nur weil Jongin die Lage missverstanden hat. Außerdem ist es meine Wohnung und du bist mein Gast."
„Dann hast du ihn einfach stehen lassen?"
Chanyeol zuckte zusammen und Baekhyun entschuldigte sich leise. „Ich hatte das Gefühl, wenn ich dir jetzt nicht hinterher gehe, dann werde ich dich wahrscheinlich nie wiedersehen." Es fühlte sich komisch an, seine Sorgen laut auszusprechen. „Vielleicht lag ich auch falsch, aber du hattest keinen Ort, wo du hingehen könntest, kein Geld, keine Papiere. Du bist hilflos und es wäre meine Schuld gewesen, wenn dir etwas passiert wäre."
„Es wäre nicht deine schuld gewesen, egal was heute geschehen wäre", sagte Baekhyun nach einem Moment des Schweigens. „Du bist mir rein gar nichts schuldig Chanyeol. Ich stattdessen habe dir eine Menge zu verdanken und wenn dieser kranke Engel dich heute getötet hätte, dann-" Baekhyun schüttelte ratlos den Kopf. „Ich weiß nicht, was ich getan hätte."
„Kannst du dir irgendeinen Grund vorstellen, weshalb er es auf dich abgesehen hatte?"
Baekhyuns Flügel waren über das gesamte Bett gespannt und streiften über den Boden, wie eine zu lange Tagesdecke.
„Ich weiß es nicht", seufzte er. „Es muss mit meinem Auftauchen hier zu tun haben. Engel sind normalerweise nicht gestattet auf der Erde zu wandeln, aber in meinem Fall war es ja ein schweres Missverständnis."
Chanyeol neigte den Kopf zur Seite. „Wenn Engel nicht auf der Erde sein dürfen, was hatten die zwei Engel von heute Mittag dann hier zu tun?"
Baekhyun blinzelte mehrfach. „Es gibt Ausnahmen. Die Erzengel-" Baekhyun brach ab und Chanyeol konnte genau sehen wie ihm alle Farbe aus dem Gesicht wich. „Erzengel! Der Mann - der Engel - der mich angegriffen hat, ist ein Erzengel. Es gibt keine Engel, denen es erlaubt ist in ihrer Gestalt auf der Erde zu sein. Nur die Erzengel. Sie bewahren den Frieden auf der Erde. Sie leben hier. Oh Gott."
„Was ist? Ist alles in Ordnung mit dir?"
„Ich bin einem Erzengel begegnet Chanyeol! Ein Erzengel hat es auf mich abgesehen, das ist schrecklich. Das ist unvorstellbar schrecklich."
„Was ist der Unterschied zwischen einem Erzengel und einem normalen Engel?"
Baekhyun nahm ein paar beruhigende Atemzüge (er musste nicht einmal atmen). „Ich habe dir von der Hierarchie im Himmel erzählt. Ganz oben, der Oberste Schöpfer, dann die Erzengel, dann ihre Stellvertreter oder Assistenten im Himmel und zuletzt alle anderen Engel.
Erzengel sind die einzigen Engel mit befehlender Macht. Sie regieren den Himmel von der Erde aus –durch die Stellvertreter – und kümmern sich gleichzeitig um die Balance auf der Erde. Man nennt sie auch Wächter der Menschen."
„Wächter?"
„Natürlich!" Baekhyun setzte sich auf, als wäre er vom Blitz getroffen worden. „Deshalb hat dich der Erzengel auch nicht umgebracht! Er darf es nicht, Erzengel dürfen Menschen nicht verletzen."
„Gut, aber wovor beschützen Erzengel die Menschen denn?" Chanyeol dachte mit Verwirrung an Kriege, Terrorismus, Krankheiten, Hunger, Hass und die restliche Dunkelheit die es auf der Erde gab.
„Ich hätte wirklich zur Schule gehen sollen", stöhnte Baekhyun und zerzauste in Frustration seine Haare. „Da wird all das erklärt, aber Jongdae war so überzeugend als er von Ausruhen und durch die Gegend fliegen erzählt hat. Kyungsoo hat mir jedoch ein bisschen erzählt." Er verzog das Gesicht. „Ich hätte ihm besser zuhören sollen."
„Was weißt du denn? Alles könnte hilfreich sein."
„Okay, also ich glaube zu wissen, dass Erzengel nicht in menschliche Handlungen eingreifen dürfen und es kümmert sie auch nicht, wenn Menschen sich gegenseitig die Köpfe zerschlagen."
„Wofür sind sie dann da?"
„Ich weiß nicht, ich meine-" Seine Augen weiteten sich. „Du!"
„Ich?"
„Ja du! Du hast mich doch gefragt, ob es den Teufel gibt! Und das Engels-Äquivalent zum Teufel ist -natürlich – Lucifer! Sie beschützen die Menschen vor Lucifer!"
„Dann sind die Erzengel wegen ihm auf der Erde", vollendete Chanyeol den Satz. „Ich denke das ergibt Sinn."
„Ich denke auch."
Chanyeol verschränkte die Arme vor der Brust. „Hat dich das nie interessiert? Ich meine, die Erzengel scheinen eine große Nummer zu sein, wenn sie so weit oben in der Rangliste stehen."
„Das verstehst du, wenn du ein Engel bist." Er zuckte die Achseln. „Ich habe die Erzengel nie gesehen, ich weiß dass sie wichtig sind, aber sie kümmern mich nicht, ebenso wenig kümmert mich was sie auf der Erde tun. Engel schauen auf die Erde, als würden sie sich einen Film ansehen. Unbeteiligt, aus der Distanz."
Chanyeol schwieg für einen Moment. „Hättet ihr die Fähigkeit einzugreifen? Wenn eine Mutter um ihr krankes Kind fleht, hättet ihr die Chance etwas zu bewirken?"
„Wir machen uns strafbar, wenn wir eingreifen", sagte Baekhyun. Er wich Chanyeols Blick aus.
„Das ist nicht die ganze Wahrheit, nicht wahr?" Baekhyun musste nichts sagen, Chanyeol hatte bereits verstanden. „Es kümmert euch wirklich nicht, nicht wahr? Selbst wenn jemand zu Unrecht stirbt, es ist euch egal. Nur ein Film. Vielleicht freut ihr euch sogar über das Drama."
„Chanyeol-"
„Ihr könntet helfen! Ihr hättet die Fähigkeit die Erde so viel schöner zu machen!"
„Wir sind keine Menschen", sagte Baekhyun und sah Chanyeol endlich wieder in die Augen. „Wir sind nicht menschlich, wir denken nicht wie Menschen, wir fühlen nicht wie Menschen. Wir haben auch kein Gewissen, kein lenkendes."
„Du hast gesagt, du wüsstest nicht was du getan hättest, wenn der Erzengel mich heute getötet hätte."
„Das ist etwas anderes."
„Inwiefern?!" Chanyeol hatte nicht beabsichtigt zu schreien und war über sich selbst überrascht.
„Weil du anders bist. Du bist gut und hilfsbereit und aufopferungsvoll", antwortete Baekhyun. „Es ist der Grund, weshalb du mich von der Straße aufgegabelt hast, mich verarztest hast, mich bei dir wohnen gelassen hast, obwohl du keine Gegenleistung von mir bekommst. Du hast nie eine erwartet und heute-! Himmel Chanyeol, du hättest dich für mich geopfert! Für einen Fremden!"
„Es war das richtige." Daran glaubte Chanyeol wirklich und er bereute es nicht.
„Du bist ein Mensch Chanyeol und wahrscheinlich einer der besten, die es gibt." Baekhyun senkte seine Augen. „Du bist die Art Mensch, die ich immer sein wollte."
Chanyeol wusste nicht was er sagen sollte. Solche Dinge hatte noch nie zuvor jemand zu ihm gesagt. Noch nie zuvor hatte jemand so viel Gutes in ihm gesehen. Sein Herzschlag beschleunigte sich. „Entschuldige, dass ich wütend geworden bin."
„Schon in Ordnung. Natürlich würde dich das nicht unberührt lassen." Baekhyun lächelte auf seine Hände hinunter.
„Okay, was ist mit dem anderen Engel? Der, der uns geholfen hat zu fliehen. War das auch ein Erzengel?"
„Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich schon."
„Wieso hat er seinen Erzengel-Kollegen dann angegriffen?"
Baekhyun zuckte die Achseln. „Keine Ahnung."
„Seine Flügel waren schwarz...so wie deine, ist das üblich bei Erzengeln?"
„Es ist überhaupt nicht üblich. Für keinen Engel. Alle sollten weiße Flügel haben."
„Dann ist der Engel wahrscheinlich so wie du?"
„So wie ich?"
Chanyeol zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht, ich suche nur nach Parallelen und wenn du schwarze Flügel hast und es eigentlich nicht die Norm ist, dann müssen du und der andere Engel etwas gemeinsam haben."
„Klingt logisch", sagte Baekhyun Kopfnickend. „Vielleicht ist er auch...du weißt schon."
„Was?"
Baekhyun seufzte. „Vom Himmel gefallen."
„Das. Okay, nur...wie fällt man vom Himmel?"
Baekhyun öffnete den Mund, als hätte er eine Antwort und schloss ihn wieder. „Keine Ahnung. Ich bin gefallen, weil mich ein Engel mit wenig Erfahrung auf die Erde befördert hat. Bei der Widergeburt muss etwas schiefgelaufen sein."
„Ist es wahrscheinlich, dass das dem anderen Engel auch passiert ist?"
Baekhyun schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht, dass Sehun regelmäßig Engel vom Himmel stößt. Ich hoffe es zumindest."
Chanyeol seufzte erschöpft. „Wir kommen nicht weiter. Lass uns später oder morgen weiter darüber nachdenken, mein Kopf schmerzt schon."
Baekhyun nickte und streckte die Arme über den Kopf. „Ich will duschen."
„Geht mir genauso." Der Schmutz von seiner Begegnung mit dem Engel und seiner Fähigkeit ihn durch die Luft zu schleudern klebte ihm noch immer am ganzen Körper. Er dachte an den älteren Herrn von der Rezeption zurück. „Wenn wir schon hier sind, dann könnten wir tatsächlich in die heißen Bäder gehen. Ein wenig Entspannung ist bestimmt keine schlechte Idee."
Baekhyun grinste, plötzlich ganz der Alte. „Eine weitere Sache, die ich von meiner Liste streichen kann."
„Du musst mir deine Liste mal zeigen", sagte Chanyeol während er aufstand. „Wenn dort etwas Verrücktes draufsteht, dann will ich vorgewarnt sein."
„Ich habe nur spannende Sachen aufgeschrieben."
„Genau das ist es ja, was mich beunruhigt."
Baekhyun lachte leise.
*************************************************
Zwischen zu kurzen und zu langen Kapiteln ist so ein verdammt schmaler Grad...ich denke meistens, vier Seiten sind zu wenig? Aber wenn ich dann die nächste Stellte bis zu den Sternchen dazu nehme...dann ist es plötzlich das doppelte geworden. Ich muss wirklich lernen gleichmäßige Parts zu schreiben. :D Ich hoffe euch stört das weniger als mich.
Anyway, shit is going down. Ward ihr überrascht als Jonghyun aufgetaucht ist? (Es handelt sich um SHINee's Jonghyun falls ihr euch gewundert habt, wen ich meine). Was denkt ihr wird Baekhyun jetzt tun?
Ich hoffe es hat euch gefallen ^^
Liebe Grüße!
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top