1.5
Chanyeol ließ sich mit der Untersuchung von Baekhyuns Flügel viel Zeit. Er wollte dieses Mal keinen Fehler machen und Baekhyun zu früh erlauben, seinen Flügel uneingeschränkt zu benutzen.
„Und?"
„Ich denke alles ist gut gegangen. Die Knochen sind schön verheilt."
„Das heißt wir gehen raus?"
„Wenn du bereit dazu bist?" Chanyeol zuckte die Achseln. „Dann habe ich nichts dagegen auszusetzen."
„Gut." Baekhyun strich sich über die Federn und klappte die Flügel dann zusammen. In der nächsten Sekunde war nichts mehr von ihnen zu sehen.
„Wie machst du das?", fragte Chanyeol neugierig. „Sie einfach verschwinden zu lassen, meine ich."
„Das? Ich stelle es mir einfach vor."
„So einfach?"
„Es ist nicht einfach", protestierte Baekhyun und griff nach hinten, um sein Shirt über den Kopf zu ziehen. „Ich hasse es. Jeder hasst es. Ich liebe meine Flügel, es ist nervig sie wegzupacken und peinlich. Wenn ich Engel ohne Flügel im Himmel treffe, weiß ich immer, dass sie etwas Dummes angestellt haben."
„Wie das?"
„Es ist eine Form von Entschuldigung", sagte Baekhyun über seine Schulter und verschwand geschwind ins Schlafzimmer. Er kam mit dem Pullover in der Hand zurück, den Chanyeol für ihn gekauft hatte. Der dunkle mit dem Heiligen Schein. „Oder Unterwerfung. Es ist peinlich. Chanyeol, das Etikett ist noch dran."
„Ich gebe dir eine Schere."
Chanyeol ging an Baekhyun vorbei in die Küche. Erst als er sich umdrehte und zurück ins Wohnzimmer ging, realisierte er das Baekhyun Oberkörperfrei war. Aber noch viel wichtiger...Er trat nahe an Baekhyun heran.
„Man sieht rein gar nichts."
„Was?"
Chanyeol zeigte auf Baekhyuns Schulterblätter ohne den Engel zu berühren. „Da sind keine Schnitte oder sonst irgendetwas. Nur glatte Haut. Wie sind die Flügel an deinen Rücken befestigt?"
„Wie? Hm, ich nehme an es ist eine Erweiterung der Wirbelsäule?"
„Das ist echt interessant."
Er reichte Baekhyun die Schere und ließ sich auf die Couch nieder. Baekhyun hatte helle, makellose Haut. Wie eine griechische Statue aus weißem Marmor. Seine Schwester liebte es Chanyeol in Archäologie Museen zu schleifen, er fragte sich ob Baekhyun sich dafür interessieren würde.
„Wenn es Engel gibt", überlegte Chanyeol laut. „Gibt es dann auch den Teufel?"
Baekhyuns Kopf blieb für einen Moment in seinem Pullover stecken, bevor er den Stoff ordentlich herunterzog. „Ich denke schon."
„Du weißt es nicht sicher?"
„Alle wissen, dass es Lucifer gibt – der Erzengel, der vom Himmel verbannt wurde. Aber der Teufel auf klassische Art, wie ihn die Menschen sehen...Es gibt auf jeden Fall Gruselgeschichten darüber, die man sich unter Engeln erzählt. Die Erzengel wissen es wahrscheinlich, ich glaube sogar Kyungsoo weiß es, aber als ich ihn einmal gefragt habe, hat er nur gesagt, dass man über solche Dinge nicht sprechen soll."
„Und was glaubst du?"
Der Pullover war ihm an den Ärmeln zu groß, sah ansonsten aber gut aus. „Ich denke, dass Menschen alleine gar nicht für so viel Boshaftigkeit auf ihrem Planeten verantwortlich sein können."
„So habe ich das noch nicht betrachtet. Bist du fertig?"
„Ja, lass und gehen."
Baekhyun hatte den ganzen gestrigen Tag damit verbracht sich Touristensehenswürdigkeiten im Internet anzusehen (Chanyeol hatte ihm sein Passwort aufgeschrieben und ein Post-it an den Bildschirm geklebt). Er musste zugeben, er war ein bisschen begeistert über die Vielzahl an Dingen, die Baekhyun sehen wollte.
„Womit wollen wir anfangen?", fragte Baekhyun sobald Chanyeol die Haustüre hinter sich geschlossen hatte.
„Ich dachte an den N Tower? Es ist das was Touristen üblicherweise immer tun."
„Okay, dann zum Namsan Berg!"
„Du hast dich wirklich gut erkundigt."
„Etwas."
Baekhyun strahlte wie ein Kind an seinem Geburtstag, während sie zur Bushaltestelle gingen. Er sah sich um, als würde er Ausstellungsstücke in einem Museum betrachten und blieb immer mal wieder kurz stehen und ging dann staunend weiter.
Chanyeol hatte ihm, im seven-eleven um die Ecke bereits eine T-Money Karte gekauft und hoffte, bei Baekhyuns Liste, der Betrag darauf würde für den heutigen Tag ausreichen.
„Wann warst du zuletzt hier?", fragte Baekhyun, eine Haltestelle bevor sie aussteigen mussten. Er hatte die ganze Fahrt über an der Fensterscheibe geklebt und jetzt zum ersten Mal gesprochen.
„Vor ein paar Jahren wahrscheinlich."
„Mit Jongin?"
Chanyeol nickte. Er wusste ehrlich gesagt nicht mehr, ob es Jongin oder seine Schwester war mit der er zuletzt auf dem Namsan Berg gewesen war.
Der Bus erreichte ihre Haltestelle und vor ihnen ersteckte sich eine Reihe Treppenstufen. Chanyeol erinnerte sich nicht daran, wann er zuletzt laufen gewesen war.
Sie begannen das erste Stück zum Tower zu besteigen, was die ersten sieben Minuten ganz gut ging, bevor Chanyeol um eine Pause bat. „Treppen bringen mich um", keuchte er und hielt sich am Geländer fest. „Bist du gar nicht außer Atem?"
„Nicht wirklich", antwortete Baekhyun Achselzuckend.
Baekhyun schien auch nicht so sehr zu schwitzen wie Chanyeol. Sein Pullover klebte ihm auf unangenehme Weise am Rücken fest. „Dich stört das echt gar nicht?"
„Ich muss nicht atmen, deshalb komme ich auch nicht außer Puste." Ein kleines Mädchen, dass Chanyeol gerade überholt hatte, warf ihnen einen neugierigen Blick zu.
„Wieso frage ich überhaupt", seufzte er. Engel waren in Sache Ausdauer klar im Vorteil.
„Wir sind gleich da", Baekhyun zeigte auf die Gondel, die sich am Ende der nächsten Treppenreihe versteckte. „Damit können wir das letzte Stück nach oben hochfahren."
Chanyeol schickte ein Stoßgebet in den Himmel.
„Baekhyun?"
„Brauchst du noch eine Pause?"
Sie waren gerade oben angelangt. „Nicht das, ich habe mich gerade nur gefragt, ob Engel die Gebete von Menschen eigentlich hören können."
„Eure Gebete?"
„Unsere Wünschen und Bitten, die wir in den Himmel schicken." Chanyeol ließ kaum Abstand zwischen ihnen, damit ihr Gespräch nicht zu viel Aufmerksamkeit erweckte.
„Ich habe noch nie versucht hinzuhören. Ich weiß nicht, ob ich es könnte", antwortete er. „Aber vielleicht hören Kyungsoo und die Erzengel zu? Oder der Oberste Schöpfer."
Chanyeol verstand den Sinn und Zweck der Engel noch nicht so genau, wollte Baekhyun hier jedoch nicht darüber ausfragen...außerdem war es eventuell unhöflich eine Person (Geflügel, was auch immer) nach dem Sinn seiner Existenz zu frage.
Baekhyun wirkte nicht so begeistert wie Chanyeol, oder alle anderen Insassen der Gondel als diese sich langsam nach oben bewegte. Seoul wurde immer kleiner je höher sie stiegen. Baekhyun stand mit dem Rücken zur Glasscheibe und beobachtete stattdessen zwei kleine Kinder, die begeistert auf und ab hüpften (zum Horror ihrer verängstigten Mutter).
„Hast du Höhenangst?", fragte Chanyeol und deutete mit dem Kinn auf die Aussicht hinter ihm. „Du schaust gar nicht."
Baekhyun blickte ihn für einen Moment überrascht an, dann beugte er sich plötzlich nach vorne. Er lachte lauthals. „Oh Himmel."
„W-was ist los?"
Er konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen.
„Hey Baekhyun, was ist?"
„Chanyeol", sagte er als er sich schließlich beruhigt hatte. Er bedeutete ihm mit einer Handbewegung näher zu kommen und Chanyeol beugte gehorsam den Kopf zu ihm hinunter. „Du hast einen Engel gerade gefragt, ob er Höhenangst hat", sein Atem kitzelte Chanyeols Ohr als er leise kicherte. „Ich lebe im Himmel, ich habe mehr Angst vor festem Boden unter meinen Füßen."
Chanyeols Wangen verfärbten sich schlagartig in ein tiefes rot. „S-stimmt, ich vergaß."
Baekhyun wischte sich Tränen von seinen Augenwinkeln weg. „Das erzähle ich Jongdae wenn ich wieder nachhause komme. Und Kyungsoo! Sogar er wird darüber lachen."
Chanyeol wäre gerne im Boden versunken.
Es fiel ihm erst ein, als sie bereits vor dem N Tower standen und beeindruckt nach oben blickten. „Ich Idiot", stöhnte er.
„Was ist?"
„Du willst gar nicht auf den N Tower, richtig?"
„Nicht wirklich, nein", grinste Baekhyun. „Ich bin an einen Ausblick von oben gewöhnt."
„Wieso sind wir dann hier?"
„Du meintest das machen Touristen so." Er zuckte die Achseln. „Außerdem hat jemand in ein Online-Forum hineingeschrieben, dass es hier die besten Kartoffelspiralen zu kaufen gibt."
„Das heißt wir sind wegen Kartoffelspiralen diese ganzen Treppen hochgelaufen?"
„Bist du wütend?" Baekhyun sah tatsächlich ein wenig besorgt aus. Chanyeol lachte.
„Nein, aber du hättest mir sagen können, dass du nur wegen was zu essen hier bist."
Chanyeol kaufte zwei Spieße Kartoffelspiralen, während sich auf dem großen Platz vor dem Tower Menschenmassen sammelten. Es dauerte einen Moment bis er Baekhyun an vorderster Front der Menschen antraf.
„Hier."
Baekhyun bedankte sich ohne seine Augen von dem anbahnenden Spektakel abzuwenden. „Was passiert hier?"
„Oh, eine Vorstellung. Das gibt es hier täglich, um noch mehr Touristen anzulocken."
Es waren fünf Männer in traditioneller Kleidung, die gerade ihre Requisiten vorbereiteten.
„Sie tragen die gleichen Klamotten, wie Menschen zu meiner Zeit", sagte der Engel mit staunenden Augen. „Beinahe zumindest."
„Ernsthaft?"
Er nickte. Kurz darauf ertönte Trommelschlagen und einer der Männer trat in die Mitte der Menge.
„Das sind traditionelle Tänzer. Sie versuchen die koreanische Kultur zu erhalten."
„Es ist ‚Pungmul'."
„Oh, mh ich kenne mich damit nicht aus."
„Ich habe es in der Schule gelernt", sagte Baekhyun abwesend. „Als ich noch ganz jung war. Es war Unterrichtsfach." Er lächelte still in sich hinein. „Mein Großvater hat mich nur dafür in die Schule geschickt. Es soll böse Geister vertreiben und die Ernte üppig ausgehen lassen. Ich war so schlecht darin, wahrscheinlich ist deshalb kein Korn auf Großvaters Feld gewachsen." Die Erinnerung brachte ihn wieder zum Lachen. Es wirkte nicht sehr aufrichtig.
„Die Instrumente, die sie benutzen sind: buk, janggu, jing und kkwaenggwari. Meine Schwester hat unheimlich gut auf der buk gespielt."
Chanyeol zögerte. „Du hast gesagt du hattest keine Schwester."
„Ich habe gelogen, ich hatte eine."
„Was..."
Baekhyun antwortete, bevor Chanyeol seine Frage aussprechen konnte. „Sie ist verstorben. Noch vor mir. Verhungert." Die Artisten erreichten den Höhepunkt ihrer Show und das wilde Trommeln der buk schien auch Chanyeols Herzschlag in ihren Bann gezogen zu haben. „Ich konnte nicht auf sie aufpassen. Meinetwegen ist sie schon im Kindesalter verstorben." Gesang setzte ein. „Ich wünschte ich wäre ihr noch einmal begegnet. Im Himmel." Die Artisten überschlugen sich, wilde, bunte Bänder umkreisten ihre niemals-ruhenden Körper. „Ich habe sie nie wiedergesehen."
„Baekhyun-"
Ein letzter Trommelschlag, dann war die Show beendet und das umstehende Publikum applaudierte lautstark.
„Sie waren nicht so gut", sagte Baekhyun mit einem Funkeln in den Augen.
„Was?"
„Die Artisten. Sogar ich bin besser gewesen. Mein alter Lehrer hätte sie zur Strafe Stundenlang auf Kieselsteinen Knien lassen. Nackt versteht sich."
„Baekhyun..."
„Pansori, darin bin ich immer gut gewesen. Begleitet von der buk ist Pansori unglaublich schön anzuhören. Außerdem hatte ich schon damals eine schöne Stimme."
Chanyeol seufzte. „Deine Kartoffelspirale. Du hast sie nicht angerührt."
„Verdammt", Baekhyun schien sich erst jetzt daran zu erinnern. „Du hast Recht, sie ist ganz kalt geworden."
Chanyeol beobachtete ihn dabei wie er anfing alles schnell hinunterzuschlingen, als würde es jetzt noch um Geschwindigkeit gehen.
„Hey, wollen wir noch eine kaufen?"
„Du hast deine doch erst gegessen."
„Eine zweite schadet nicht."
„Bist du wirklich noch hungrig?"
„Was bedeutet hungrig?"
Letztlich kaufte Chanyeol eine zweite Kartoffelspirale.
Was Chanyeol zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass Baekhyuns weitere Besichtigungs-Ziele sich weiterhin nur um Essen drehen würden.
Der Engel lächelte still in sich hinein, während er auf seinen warmen Kartoffeln kaute.
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