1.4


„Gut...ich gehe dann besser." Jongin wechselte unruhig von einem Fuß auf den anderen. „Es...nimmt es mir nicht übel, aber es fühlt sich ein bisschen eigenartig an meinen Freund und einen anderen Kerl zu verabschieden."

„Oh, richtig." Baekhyun räusperte sich. „Sorry deswegen. Ich bleibe nur so lange, bis ich mir etwas Eigenes leisten kann. Keine Sorge."

„Nein, schon in Ordnung, entschuldige wenn ich unhöflich war Baekhyun. Du bist Familie."

„Vielen Dank", er sah zwischen den beiden hin und her. „Ah, ich gehe dann mal ins Wohnzimmer. Wir sehen uns bestimmt bald wieder Jongin." Baekhyun machte schnell auf dem Absatz kehrt und floh ins Wohnzimmer. Selbst von hier hörte er noch wie Jongin und Chanyeol sich leise unterhielten und gute Nachtwünsche zwischen Küssen austauschten.

Menschen, sind so...absurd und voller, komplexer Gefühle. Die Haustüre wurde leise geschlossen und kurz darauf erschien Chanyeol im Wohnzimmer. Er seufzte tief.

„Himmel, war das schwierig."

„Wem sagst du das", Baekhyun stand auf und streckte die Arme über den Kopf. Gleichzeitig entließ er seine Flügel. Chanyeol schrie auf vor Überraschung.

„W-wo sind die gewesen?! Wo hast du sie die ganze Zeit versteckt?"

„Ich habe sie weggepackt, nichts allzu großes dabei." Baekhyun zuckte zusammen, als er seinen rechten Flügel bewegte.

„Alles in Ordnung?"

„Au, ich denke es ist schon eine Weile her, dass ich sie so lange verstecken musste."

„Lass mich mal sehen."

„Ich bin keiner deiner tierischen Patienten", erinnerte ihn Baekhyun.

„Du funktionierst aber sehr ähnlich und jetzt halt den Mund."

Baekhyun war überrascht über Chanyeols Offenheit. „Behandelst du mich jetzt wirklich wie deinen Knast-Cousin dritten Grades?"

Baekhyun klappte den linken Flügel ein, damit er sich auf die Couch setzen konnte. Das Polster hinter ihm dippte ein wenig unter Chanyeols Gewicht, als er sich hinter ihn setzte. „Wo kam diese Geschichte her? Bist du wirklich so Fantasiereich?"

„Zum Teil", antwortete Baekhyun. „Der Rest war die Wahrheit."

„Kanonenkugeln, die dir an die Füße gebunden wurden? Ich denke nicht, dass das außerhalb von Filmen wirklich passiert."

„Es ist wahr", sagte Baekhyun und schloss die Augen. Chanyeol tastete ganz sanft seine Federn ab. Es war ein gutes Gefühl. „So bin ich gestorben. Ertrunken im Hanriver."

„Ernsthaft? Wann ist das gewesen?"

„Ein paar Jahrhunderte zurück. Keine schöne Zeit um am Leben gewesen zu sein."

„Wie alt bist du gewesen?"

Baekhyun musste tatsächlich einen Momentlang darüber nachdenken. „Sechzehn? Siebzehn höchstens."

„Das..." Chanyeol fand keine Worte. „Weil du dir Geld geliehen hast?"

„Weil ich mich bei den falschen Leuten verschuldet habe."

„Du...siehst nicht aus wie siebzehn."

„Jetzt gerade? Alle Engel sind im Dreh so gegen vierundzwanzig Jahre alt. Vom äußerlichen Erscheinen her."

„Verstehe. Hattest du wirklich eine Schwester?"

Baekhyun spürte wie sich sein Flügel anspannte und er zwang sich dazu sich wieder zu entspannen, bevor Chanyeol es bemerken würde. „Nein, das ist nur Produkt meiner Phantasie gewesen."

„Okay."

„Wieso konntest du vorhin nicht antworten? Auf die Frage wieso du und Jongin noch nicht zusammengezogen seid?"

„Wir haben uns noch nicht dazu entschieden."

„Hm...er war ziemlich eifersüchtig, als er mich gesehen hat. Ich habe es in seinen Augen gesehen."

„Dir würde es nicht anders gehen."

Baekhyun dachte darüber nach. Er wusste es nicht. Liebe hatte ihm nie etwas bedeutet.

„Er ist verstaucht und die Knochen sind schief zusammengewachsen. Das kommt davon, wenn du sie nicht ordentlich heilen lässt."

„Bist du jetzt Experte für Engels-Flügel?"

„Du bist nicht großartig anders als eine Taube gebaut, okay?" Dann schwieg Chanyeol für einen Moment. „Im Tierheim würde ich bei so einer Situation dazu raten, dass Tier einschläfern zu lassen."

Baekhyun warf ihm über die Schulter einen finsteren Blick zu. „Versuch es nicht einmal. Ich bin ein Engel, okay? Ich lasse mich nicht so einfach einschläfern."

„Was auch immer. Der Flügel muss noch einmal gebrochen werden, damit die Knochen ordentlich zusammenwachsen können."

„N-nein!"

„Baekhyun..."

„Nicht noch einmal", flehte der Engel. „Bitte, einmal war schon schlimm genug."

„Du kannst deinen Flügel doch kaum bewegen. Es gibt keine andere Möglichkeit."

Baekhyun spürte ernsthaft Tränen in seinen Augen aufkommen. „Nein, bitte nicht. Schläfer mich lieber ein."

„Baekhyun...ich kann dir eine Betäubungsspritze geben. Ich gebe dir eine starke okay? Eine die man benutzt um Nilpferde außer Gefecht zu setzten."

„W-was?"

„Ja, damit man sie in Ruhe von Gehege zu Gehege tragen kann, ohne dass sie sich oder einen Mitarbeiter verletzen."

„Chanyeol?"

„Ja?"

„Hast du mich gerade mit einem Nilpferd verglichen?"

„Uh, mh, vielleicht. Kann gut sein."

Baekhyun seufzte. „Ein Nilpferd also." Er wandte sich ab. „Brich mir den Flügel morgen."

„Okay."

~*~

„Ich mh, habe dir Eiscreme mitgebracht", sagte Chanyeol vorsichtig am Mittwochnachmittag und spähte ins Wohnzimmer herein. Baekhyun saß auf der Couch, neben ihm sein verbundener, rechter Flügel.

Das Betäubungsmittel, dass Chanyeol extra aus der Tierarztpraxis mitgehen ließ, hatte nicht eingeschlagen und Baekhyun hatte die ganze Nacht um seinen erneut, gebrochenen Flügel geweint. Chanyeol hatte sich ziemlich mies gefühlt.

„Hey, gehst dir gut Baekhyun? Bist du noch wütend?"

„Was für Eiscreme hast du gekauft?"

„Schokolade mit Keksstücken...wenn dir das etwas sagt."

„Kein Stück, aber ich probiere es trotzdem sehr gerne."

Mit einem Löffel und Servietten ausgestattet, beobachtete Chanyeol wie Baekhyun sich an dem Familieneimer Eiscreme vergriff. Im Fernsehen lief eine Kinderserie, von der seine jüngste Cousine ihm immer viel erzählte, wenn er und Jongin zu Besuch bei seinem Onkel waren.

„Wie geht's deinem Flügel, tut er noch weh?"

Baekhyun schüttelte langsam den Kopf. „Er heilt."

„Tut mir leid, dass es so wehgetan hat, ich dachte wirklich ich hätte dir genug Betäubungsmittel gegeben."

„Schon gut."

Chanyeol schwieg für einen Moment. „Weißt du, bei der Arbeit heute ist mit zum ersten Mal aufgefallen, dass meine Patienten normalerweise nicht wirklich die Möglichkeit dazu haben mir zu sagen, ob ich ein guter oder schlechter Arzt bin. Und wenn ich ihnen wehtun muss, dann können sie mich auch nicht ausschimpfen."

„Ich habe es nicht böse gemeint, ich war nur...ziemlich unter Schmerzen."

„Schon gut."

„Du hast mich gerade wieder mit deinen tierischen Patienten verglichen."

Chanyeol fand es war Zeit sich um das Abendessen zu kümmern. Sie aßen Eintopf, den Baekhyun deutlich weniger interessant fand, als sein Schokoladeneis.

„Können Engel an Fettleibigkeit sterben? Oder an Karies?"

„Ich denke nicht, dass Engeln sowas passieren könnte. Wir nehmen auch keine Bakterien und Viren oder sonst etwas auf. Wir brauchen nicht einmal Luft zum Atmen, oder eine Körpertemperatur."

„Wirklich interessant. Ah, noch etwas, du brauchst Anziehsachen. Meine Klamotten stehen dir nicht wirklich."

Baekhyun sah auf das Shirt herunter, dass Chanyeol ihm geschenkt hatte. Er hatte extra große Löcher für seine Flügel in seinen Rücken geschnitten. „Ich mag deine Klamotten."

„Ich kann dir aber nicht erlauben, alle meine Shirts zu zerschneiden."

„Auch richtig", gab Baekhyun zu. „Also?"

„Kennst du...deine Kleidergröße?" Baekhyun sah ihn ausdruckslos an. „Gut, dachte ich mir. Das kleinste wird es sein, oder?"

„Kann ich nicht einfach mit dir kommen? Ich war seit Tagen nicht mehr vor der Tür."

„Dein Flügel ist noch nicht verheilt. Du solltest warten, bis wirklich alles wieder an Ort und Stelle ist. Danach können wir von mir aus rausgehen. Wenn du deine Flügel versteckst, wie am Montag."

„Okay", sagte Baekhyun mit Vorfreude in der Stimme.

„Du bist noch nie in Seoul gewesen richtig?"

„Ich bin hier geboren worden. Damals als alles noch ganz anders aussah."

„Oh stimmt, daran habe ich nicht gedacht."

Baekhyun lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Es ist nicht mehr dasselbe wie damals. Jongdae – mein bester Freund – hat im selben Jahrhundert wie ich gelebt und jetzt schwärmt er die ganze Zeit von der Fortschrittlichkeit Seouls im Gegensatz zu unserem Zeitalter."

„Habt ihr euch gekannt? Ich meine damals, als ihr beide noch Menschen wart?"

Baekhyun verneinte. „Jongdae ist in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen. Letztlich hat ihm eine schwere Erkältung das Licht ausgeblasen, aber er ist sehr alt geworden und hatte ein gutes Leben."

„Baekhyun", Chanyeol zögerte.

„Was ist?"

„Ich habe mich gerade gefragt, wieso du auf die Erde zurückkehren wolltest. Ist es eine zu persönliche Frage?"

Der Engel lachte hell auf. „Keine Sorge, ich bin sehr offen. Es...ich weiß nicht, es war ein kurzes Leben, ein bedeutungsloses. Ich wollte immer besser sein als das was ich war. Mehr sein." Er zuckte die Achseln. „Deshalb habe ich so lange gebettelt, bis man mir die Erlaubnis für eine Wiedergeburt gegeben hat."

„Verstehe." Chanyeol wirkte nachdenklich.

„Was auch immer, jetzt bin ich hier und muss darauf warten, bis ich abgeholt werde. Ich bin mir sicher Kyungsoo wurde bereits informiert und wird bald nach mir schicken lassen."

„Bestimmt."

Chanyeol fuhr eine Stunde darauf mit dem Bus in die Innenstadt. Es war bereits kurz vor sechs und ihm blieben noch gute zwei Stunden, bevor die Einkaufsläden ihre Türen verriegelten.

Chanyeol war noch nie für einen anderen Mann einkaufen gewesen, nicht einmal für Jongin, und Baekhyun war von seiner Körperstruktur so ganz anders als er.

Chanyeol entschied sich letztlich für zwei Paar Schuhe (er hoffte einfach sie würden passen), außerdem mehrere Shirts und Hosen, wie auch zwei dickere Jacken und ein paar Wollmützen – alles Klamotten, die ihm selbst gut gefielen und die er auch für sich selbst gekauft hätte. Er achtete darauf, alles davon in der kleinstmöglichen Größe zu erwerben.

Gerade als er zur Kasse gehen wollte, sprang ihm noch ein besonderer Pullover ins Auge. Er war aus dunkler Wolle gefertigt und auf der Brust stand in weißen, kursiven Buchstaben ‚Angel' mit einem Heiligenschein darüber. Auf dem Rücken waren zwei kleine, weiße Schwingen aufgemalt.

„Wie passend", lachte er still in sich hinein und nahm den Pullover mit.

Als Baekhyun, später am Abend, Chanyeols Einkäufe begutachtete blieben seine Augen an dem Engel-Pullover hängen.

„Gefällt er dir nicht?"

„Das ist es nicht."

„Es war nur als Scherz gemeint, wenn er dir nicht gefällt, dann gebe ich ihn wieder zurück."

Baekhyun schüttelte den Kopf. „Die Flügel sind weiß", sagte er und fuhr die gemalten weißen Schwingen entlang. „Meine sind schwarz."

„Baekhyun?"

„Danke, die Sachen sind wirklich schön." Er teilte den Kleiderhaufen in zwei Stapel auf. Die einen würde er für draußen benutzen und somit keine Löcher für seine Flügel hineinschneiden. In die andere Hälfte der Shirts, schnitt er den halben Rücken heraus, damit seine Flügel bequem hindurchpassten.

Der Pullover mit den Schwingen wurde nicht zerschnitten.

„Ah, Jongin hat angerufen, erst mehrmals auf dein Handy und dann aufs Festnetzt Telefon."

„Oh", Chanyeol hatte gar nicht bemerkt dass er sein Telefon Daheim vergessen hatte.

„Ich bin drangegangen - ans Festnetztelefon. Ich hoffe das war in Ordnung?"

„Klar", Chanyeol wunderte sich nur nebenher, wieso Baekhyun so viel von moderner Technologie verstand. Wobei er den Fernseher ja auch wie ein Profi bediente. „Was wollte Jongin?"

„Er hat nur nach dir gefragt und mich ausgelöchert wie es mit meiner Wohnungssuche aussieht."

Chanyeol räusperte sich. „Er meint es nicht böse, nur damit du es weißt."

„Schon gut. Ich denke Jongin hat Recht und ich sollte mir wirklich etwas Eigenes suchen."

„Wie willst du das anstellen? Du hast keinen Job, keinen Ausweis – überhaupt keine Papiere."

Baekhyun strich sich ein paar schwarze Strähnen aus den Augen. „Richtig, Geld." Er seufzte. „Wie nervig."

„Es macht mir nichts aus, wenn du eine Weile länger bleibst, lass dich nicht von Jongin verunsichern."

„Bin ich keine Last?"

Baekhyun aß wie ein Müllschlucker und seine Wasser- und Heiz-, aber vor allem seine Stromkosten würden in die Höhe schießen, da Baekhyun den gesamten Tag nur in der Wohnung verbrachte. Dennoch würde er Baekhyun nicht vor die Tür setzen. Einen Engel rauszuwerfen würde sich bestimmt schlecht auf sein Karma auswirken.

„Du bist mein Patient, ich werfe dich nicht einfach auf die Straße."

„Chanyeol?"

„Ja?"

Baekhyun sah ihm neugierig in die Augen. „Weißt du was mich schon seit geraumer Zeit beschäftigt?"

Chanyeol runzelte die Stirn. „Was?"

„Wo sind die ganzen verwaisten Hunden und Katzen? Du hast kein einziges Haustier in deiner Wohnung, aber du benimmst dich wie jemand der es nicht übers Herz bringen würde an einem Karton Katzenbabys vorbei zu laufen."

„Oh, das. Jongin hat eine Tierhaarallergie, deshalb kann ich keine Tiere haben. Ihm kratzt schon die Nase, wenn ich nach den Arbeit nicht duschen gehe."

„Das ist es also." Baekhyun lachte. „Gut, dass er nicht gegen Federn allergisch ist, das hätte mich wahrscheinlich auffliegen lassen."

~*~

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