21. Avery

Hi, ich bins, wenn ihr nicht kommentiert bin ich traurig und werde die Story einfach löschen, okay? (Mach ich natürlich nicht, aber ich mag Kommentare und wenn Leute mir mal ne Meinung sagen, hihi)

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Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich Brielle nur den Tee angeboten, um meinen Fingern eine Beschäftigung zu geben, aber den sanften Blick auf ihrem Gesicht zu sehen, nachdem ich ihr die Tasse hingestellt habe, hat mir gezeigt, dass ich damit auch für sie die richtige Entscheidung getroffen habe.

Brielle zieht die Tasse zu sich, schlingt die Finger darum, presst ihre Haut so fest gegen das Keramik, dass ich Sorge habe, es wird unter dem Druck zerspringen.

Selbst als es um Coach Gould ging, selbst als es so gewirkt hat, als hätte sie verloren und würde nicht dem Team beitreten können, hat sie nicht so geschlagen ausgesehen. Ich weiß mittlerweile, wie sehr Brielle Eishockey liebt und wie sehr es sie geschmerzt hätte, wenn sie nicht auf dem Eis stehen könnte, aber trotzdem hat sie nicht ein einziges Mal die Beherrschung verloren, wenn es darum ging, dass Gould ihr den Zutritt verweigert hat. Sie ist nicht laut geworden, als er sie ein dummes Mädchen genannt hat, sie ist nicht laut geworden, als er sie erneut und erneut abgewimmelt hat, sie ist nicht einmal laut geworden, als er sie vor dem gesamten Team blamiert hat, in der Hoffnung, sie würde von allein wieder austreten.

Aber sie hat die Beherrschung verloren, als es um ihre Mutter ging.

Ihre Mutter, von der ich so wenig weiß, nicht einmal einen Namen oder ein grobes Aussehen, nicht einmal, ob sie auch so in Eishockey vernarrt ist. Brielle ist verschwiegen, wenn es um das Tabuthema geht, das ihre Mutter ist und doch war sie es, die sie dazu gebracht hat, die Beherrschung zu verlieren.

Ich bin kein Therapeut und ich habe erst recht keine Ahnung von der menschlichen Psyche, aber mir scheint es so, als hätte Brielle diese Wut schon sehr lange in sich getragen. Sie hat sie tief in sich vergraben, sodass niemand sehen konnte, wie sehr es sie wirklich schmerzte. Ein Tropfen hat gereicht. Ein Tropfen, der alles zum Explodieren gebracht hat. Ein Tropfen und alles, was sie sorgfältig vor mir und allen anderen versteckt hatte, war zum Vorschein gekommen.

Wäre ich eine bessere Freundin, dann hätte ich schon früher gemerkt, wie Brielle still und heimlich gelitten hat. Dann hätte ich schon früher etwas tun können, früher mit ihr reden können. Ich bin nicht sicher, ob ich etwas hätte tun können, ob ich es erkannt hätte, wenn ich besser aufgepasst hätte, aber ich weiß, dass Brielle mich jetzt braucht, auch wenn sie es nicht zugeben will.

Mein Tee ist fast kalt, als ich endlich den Mund öffne. „Du solltest sie sehen", sage ich langsam, aber mit fester Stimme, die kein Zittern, kein Zögern zulässt.

Brielle blickt nicht auf. „Wieso?" Wenn ich nicht gesehen hätte, wie sie sich ihre Lippen ganz leicht bewegt hätten, dann würde ich glauben, ich hätte mir die Antwort eingebildet.

„Ich glaube, es würde dir guttun", erwidere ich. „Offensichtlich gibt es eine Menge, die du mit ihr bereden willst, bevor –" Erneut stocke ich und hindere mich daran, etwas Dummes und Unsensibles zu sagen.

„Bevor es zu spät ist?", endet Brielle.

Ich schlucke schwer. „Ja."

„Keine Ahnung", murmelt sie neben mir, die Finger um die Teetasse geschlungen, obwohl der Inhalt längst geleert ist. „Ich weiß nicht einmal, ob ich sie überhaupt sehen will oder was ich ihr sagen würde, selbst wenn ich die dreihundert Meilen bis Edmonton überwinden kann." Sie schnaubt, fast schon ein Lachen. „Ich weiß ja nicht einmal, wie ich dahin kommen sollte."

„Was ist mit deinem Dad?", frage ich.

„Nein", meint sie, ein wenig Schärfe in ihrer Stimme. „Ich will nicht, dass er sie ein weiteres Mal in seinem Leben zu Gesicht bekommen muss."

Ich wäge für einen Moment ab, ob ich es fragen sollte, atme dann tief durch und: „Ist es denn wirklich deine Entscheidung? Liegt es nicht an deinem Dad, das zu entscheiden?"

Brielle setzt zu einer Antwort an, die Knöchel an ihrer Hand stechen heller von ihrer Haut hervor, als sie die Tasse fester umklammert, aber kaum hat sie die ersten Töne herausgebracht, stockt sie, presst die Lippen fest zusammen, sodass sie zu einer dünnen Linie auf ihrem Gesicht werden. Als sie erneut versucht, ist ihre Stimme leiser als sonst. „Du hast nicht gesehen, wie es ihn mitgenommen hat. Ich weiß, dass er versucht hat, es vor mir zu verbergen, aber er hat nächtelang nicht geschlafen und – und keine Ahnung, er wirkte anders, irgendwie leer. Die ersten Wochen hab ich ihn kaum wiedererkannt. Ich bin abends ins Bett gegangen und habe ihn am nächsten Morgen noch immer auf der Couch vor dem Fernseher wiedergefunden. Jedes Mal hat er gesagt, er sei einfach nur früh aufgestanden, aber ich bin nicht blöd. Ich hab die dunklen Ringe unter seinen Augen gesehen, hab gesehen, wie er immer wieder zur Tür geguckt hat, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass Mom klingeln und ihm sagen würde, dass das alles nur ein Missverständnis sei. Ich ..." Erneut hält sie an.

Holt tief Luft.

Schließt die Augen.

Brielle sagt eine Weile nichts, die einzigen Geräusche in meiner Küche sind das mechanische Ticken der Uhr und der Wind, der vor dem Fenster heult. Ich bin nicht sicher, wie lange es ruhig ist, wie lange wir so sitzen und ich nicht weiß, was ich tun oder sagen soll, nicht weiß, wie ich meiner Freundin helfen kann, während sie ganz offensichtlich leidet. Mit jeder Minute fühle ich mich nutzloser.

Als sie weiter redet, reißt mich ihre Stimme zurück in die Realität. „Ich glaube, er hätte sie zurückgenommen, wenn ich nicht gewesen wäre."

Mein Hirn benötigt einen Moment, um zu verstehen, was sie damit meint. „Bist du sicher?"

Brielle schüttelt vorsichtig den Kopf, wobei die dunklen kurzen Locken jeder Bewegung folgen, ehe sie wieder still liegen bleiben. „Nicht hundertprozentig. Aber ich glaube schon, dass er es getan hätte. Ich ... als sie es mir erzählt haben, bin ich wütend geworden. Ich hab – die Stimme gehoben", gibt sie zu, meidet meinen Blick, Scham in ihren Augen, „und verlangt, dass meine Mom sofort auszieht. ich bin mir sicher, dass mein Dad protestieren wollte, aber Mom ist ihm zuvor gekommen und hat zugestimmt. Keine Ahnung, ob sie das auch Liebe zu uns getan hat oder weil sie schon eine neue Familie mit irgendeinem anderen Kerl hatte, aber es hat mich auch nicht interessiert." Sie holt erneut tief Luft. „Dad und ich sind in der Wohnung geblieben und irgendwann hat er gesagt, dass wir dann umziehen werden. Die ganze Zeit habe ich immer nur gedacht, dass er aus der Wohnung wollte, weil sie ihn zu sehr an Mom erinnert hat und weil er ein neues Leben für uns wollte, aber mittlerweile glaube ich, dass er auch deswegen weg wollte, weil er ihr sonst verziehen hätte. Und ich ... ich weiß nicht, was ich dann getan hätte." Freudlos lacht sie auf, ein unnatürliches Geräusch in einem Gespräch wie diesem. Eine ihrer Schultern zuckt. „Vielleicht wäre ich einfach weggelaufen."

Selbst als Brielle mir das erste Mal von ihrer Mutter und dem Grund für ihren Umzug erzählt hat, habe ich nicht so viele Emotionen von ihr gespürt wie jetzt. Es scheint, als hätte sie nur auf den richtigen Augenblick gewartet und so morbide es auch ist, aber der richtige Augenblick musste ein schrecklicher Unfall sein.

„Du musst mit ihr reden", sage ich ein weiteres Mal. „Es gibt zu viele ungesagte Dinge zwischen euch und wenn ich ganz ehrlich bin, dann glaube ich, dass sie dich ziemlich belasten, auch wenn du es nicht zugeben willst." Als sie den Mund zum Protest öffnet, hebe ich eine Hand, damit sie mich weiterreden lässt. „Nein, ich meine es so. Du kannst tough und cool und stark sein und trotzdem deine Gefühle für deine Mutter zulassen. Wenn du dich nur dann wirklich fühlen lässt, wenn du auf dem Eis stehst, dann wirst du früher oder später erneut die Beherrschung verlieren. Glaube ich."

Brielle sagt nichts, blickt mich an, als wäre ich ein Geist.

„Du musst nicht auf mich hören", füge ich etwas langsamer an. „Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du es bereuen wirst, wenn du es jetzt nicht tust. Wenn du nicht mit deiner Mom reden willst, dann wenigstens mit deinem Dad. Er verdient es, dass du ehrlich mit ihm bist."

„Ich glaube nicht, dass ich", fängt sie an, aber stockt. Ihre Stimme hat gezittert, ein winzig kleines bisschen und ich kann es mir eingebildet haben, aber die Art, wie sie mit ihren Händen ringt, ist mir eigentlich Beweis genug. „Ich glaube nicht, dass ich ihm dann wieder in die Augen gucken kann", sagte sie schließlich. „Dad ist alles, was ich noch an Familie habe. Ich will nicht, dass er – dass er anders von mir denkt."

„Deine mentale Gesundheit wird deinen Dad dich nicht anders sehen lassen", sage ich, obwohl ich ihren Vater nicht persönlich kenne. Ich bin aber ziemlich überzeugt davon, dass er seine einzige Tochter nicht in den Wind schießen wird, nur weil sie Anzeichen von Problemen zeigt. Das würde nicht mit dem Bild von dem Mann übereinstimmen, das Brielle mir gemalt hat. „Wenn du ihm wichtig bist, dann –"

Brielle unterbricht mich. „Ich kann es ihm jetzt nicht sagen. Ich kann es nicht. Nicht jetzt." Sie fleht mich fast an. „Nicht jetzt."

„Irgendwann musst du es aber."

„Ich weiß. Aber ... aber nicht jetzt. Nach Weihnachten. Nach den Feiertagen. Aber nicht jetzt. Ich kann – ich kann ihm das nicht kaputt machen." Sie schluckt, holt Luft, schluckt erneut. Ein Wirbel aus Falten steht zwischen ihren Augenbrauen. „Du verstehst das, oder? Du verstehst, dass ich es jetzt nicht kann."

Ich halte den Blickkontakt, den Brielle zittrig aufbaut, ehe ich nicke. „Ich verstehe. Aber", füge ich an, greife mit der Hand über den Tisch, ziehe ihre Finger von der Tasse und umschlinge sie mit meinen, „du musst mir versprechen, dass du mit ihm redest. Du kannst das nicht die ganze Zeit mit dir herumschleppen, davon wird nichts besser."

Brielle nickt langsam, das kleinste Zucken in ihren Mundwinkeln. „Versprochen. Und", sie schluckt, „Danke."

„Hey", sage ich und drücke ihre Finger etwas fester, „ich bin deine Freundin. Dazu bin ich da, oder?"

„Es ist aber nicht deine Verantwortung, mir und meinem abgefuckten Kopf zu helfen", erwidert Brielle, ihre Stimme leise, aber ihre Worte scharf.

„Abgefuckt würde ich das nicht bezeichnen", antworte ich vorsichtig. „Leid und Trauer manifestieren sich bei allen Menschen anders", füge ich an, denke dabei an Quinn, der das Gegenteil von Brielle ist. Brielle bündelt alles in sich, versucht es zu verschließen und bricht dann aus, wie ein Vulkan aus Gefühlen, während Quinn alles in die hintersten Ecken seines Kopfes verbannt, nicht daran denkt, was er fühlt und ruhig, leise alles hinnimmt, was man ihm sagt. Ich wünschte, ich könnte auch zu Quinn durchdringen.

Brielle nickt, aber ich sehe ihr an, dass sie nicht überzeugt ist. Sie kaut auf ihrer Lippe, während sie vorsichtig meine Haut ertastet, ihre Berührung wie ein Stoß an elektrischer Energie, die durch unsere Körper pulsiert. „Wie", fängt sie an, aber bricht ab, schüttelt den Kopf. „Egal."

„Sag schon", fordere ich sie heraus. „Ich höre zu."

Für einen Moment presst sie die Lippen zusammen, dann nickt sie erneut, die dunklen Locken auf ihrem Kopf in ihrem eigenen Rhythmus. „Wie würden wir nach Edmonton kommen? Um meine Mom zu sehen, meine ich. Wie stellst du dir das vor?"

„Oh."

Ein schwaches Schnauben entkommt ihr, als sie meine Reaktion missversteht. „Dachte ich mir. Egal, vergiss –"

„Wir fahren natürlich", unterbreche ich sie, als wäre es eine überaus logische Antwort. Was es irgendwie ist, finde ich. Geld für Flugtickets haben wir sicherlich nicht und Züge fallen damit auch weg. Aber Moms Auto steht unbenutzt in der Auffahrt, der Sturm hat in den letzten Minuten nachgelassen und ich bin mir sicher, dass wir es nach Edmonton und zurück schaffen würden, bevor meine Mom etwas mitbekommt. „Heißt das, du willst sie sehen?"

Brielle starrt mich entgeistert an, ihre Finger haben aufgehört, sich in meiner Hand zu bewegen. „Bist du übergeschnappt?", fragt sie schließlich, was nicht unbedingt die Reaktion ist, die ich erwartet habe.

„Fällt dir etwas anderes ein?", frage ich und warte, während sie mich mit nachdenklichem Ausdruck ansieht. Ich warte, bis sie ebenfalls Flugzeug und Zug ausgeschlossen hat, ehe ich sage: „Siehst du? Ich glaube nämlich kaum, dass du deinen Dad bitten wirst, zu fahren, oder?"

Erneut presst sie die Lippen zusammen, starrt zu mir, als hätte ich etwas vollkommen Absurdes von mir gegeben, dann sacken ihre Schultern zusammen. „Du meinst das ernst?", fragt sie leise. „Du würdest", sie stockt kurz und räuspert sich, „wirklich mit mir bis nach Edmonton fahren?"

Ich zucke mit den Schultern. „Warum auch nicht? Du bist meine Freundin", sage ich, weil damit für mich alles erklärt ist. Als Brielle immer noch nicht überzeugt aussieht, füge ich an: „Außerdem habe ich heute sowieso noch nichts zu tun. Ein Road-Trip kann da doch nicht schaden."

***

Der Zweifel, ob wir wirklich das richtige tun, bleibt in der Auffahrt zurück, als ich Moms Auto auf die Straße manövriere. Der Schnee hat weitestgehend aufgehört vom Himmel zu fallen und mit der angeschalteten Heizung ist es sogar recht angenehm im Inneren des Wagen. Brielle neben mir hat die Hände in ihrem Schoß vergraben, den Kopf gesenkt. Sie weigert sich, auf die Straße zu blicken, auch, als ich eine enge Kurve nehme, um aus der Stadt zu fahren.

Wir passieren ein Diner an der Straßenseite, dessen Namen ich nicht schnell genug lesen kann, als Brielle das erste Mal etwas sagt, seit wir losgefahren sind. „Du fährst erstaunlich sicher."

Ich werfe ihr einen kurzen Blick zu, ehe ich die Augen wieder auf die Straße richte. „Meine Mom ist sichergegangen, dass ich mich wohl hinter dem Steuer fühle, bevor sie mir die Schlüssel anvertraut hat. Sie meinte, ich soll keine Angst davor haben, einen Unfall zu bauen oder das Auto abzuwürgen, sondern einfach ein Gefühl fürs Fahren bekommen."

Brielle nickt. „Ich könnte das nicht", sagt schließlich, als St. Dorothea bereits aus der Reflektion im Rückspiegel verschwunden ist. „Autofahren", fügt sie an. „Ich hätte viel zu viel Panik, in jemand anderen zu fahren."

„Hatte ich anfangs auch", gebe ich zu, „aber es wird besser. Je mehr ich gefahren bin, desto sicherer wurde ich und schließlich hab ich mit Mom den Parkplatz vom Einkaufszentrum verlassen und bin das erste Mal auf den Highway gebogen. Es war ein seltsames Gefühl, das weiß ich noch. Ich hab mich für einen Moment fast schon – hm – schwerelos gefühlt. Als könnte mir jetzt wirklich nichts mehr anhaben." Ich warte, in der Erwartung, dass Brielle etwas erwidern wird, aber als sie still bleibt, fahre ich fort: „Es hat immerhin über eine halbe Stunde gedauert, bis ich beinahe eine rote Ampel überfahren und in einen Truck gedonnert wäre."

Meine Freundin reißt den Kopf herum, um mich geschockt und perplex anzustarren. „Was?", spuckt sie aus.

Ich bemerke, wie sie eine Hand in den Halterung an der Tür befestigt und verdrehe die Augen. „Das war das erste und einzige Mal", sage ich. „Seitdem habe ich jede Regel befolgt, jede Ampel beachtet und bin offensichtlich in niemanden reingefahren." Für einen Moment nehme ich eine Hand vom Steuer, damit ich sie ihr beruhigend auf den Oberschenkel legen kann, aber bei meiner Berührung zuckt Brielle zusammen, sodass ich die Finger wieder ums Lenkrad schließe.

„Sorry", murmelt sie ein paar Minuten später, in der lediglich die Hintergrundbeschallung des Radios für Geräusche im Auto gesorgt hat. „Normalerweise bin ich nicht so nervös, was das Autofahren angeht."

„Ich schätze, normalerweise fährst du auch keine dreihundert Meilen, um deine Mutter im Krankenhaus zu sehen." Ich versuche beiläufig zu klingen, damit sie ein wenig ihrer Anspannung verliert und als ich einen weiteren Blick zu ihr wage, scheint es auch geholfen zu haben.

Brielle hat aufgehört ihre Finger zusammenzudrücken und hält den Blick nach vorne gerichtet, während sie mit den Augen die Schilder am Rand verfolgt. Ab und zu huschen ihre Augen rüber zum Navi, das über dem Radio angebracht ist und unsere Route anzeigt, als müsste sie sichergehen, dass wir richtig fahren.

Dass das kein Traum ist.

„Wenn Nate mich mitnimmt, denke ich meistens einfach nicht daran, im Auto zu sitzen", sagt sie langsam. „Es hilft auch, dass er und die anderen Jungs meist die ganze Zeit über Reden und dumme Witze reißen, dass ich gar nicht erst soweit kommen könnte, um zu bemerken, dass ich mich auf der Straße befinde."

„Weißt du", fange ich an, „ich bin wirklich froh, dass Nate und die anderen dich unter ihre Fittiche genommen haben." Als sie überrascht zu mir sieht, fahre ich fort: „Du warst von Anfang an zwar selbstbewusst und wolltest nicht durchscheinen lassen, wie sehr du nicht bei uns sein wolltest, aber es war spätestens dann erkennbar, als Gould dich nicht ins Team lassen wollte. Ich ... Ich wollte es nicht ansprechen, weißt du, falls ich falsch liege und dir damit zu nahe getreten wäre, aber ich hab es dir schon irgendwie angesehen. Ich meine, wahrscheinlich wäre es jedem so gegangen, der so plötzlich so weit umziehen muss." Ich schenke ihr ein rasches Lächeln, meine Augen verlassen dabei nie für länger als eine Sekunde die breite Straße vor uns, die vor geschmolzenem Schnee und Scheinwerferlicht glänzt. „Ich hab mich wirklich für dich gefreut, als du mir gesagt hast, Austin hätte dich zum Training eingeladen. Er und die anderen waren wirklich gut zu dir."

„Waren sie", antwortet Brielle. „Sind sie", verbessert sie dann. „Nate hat es sehr deutlich gemacht, dass ich jetzt nicht nur Austins Platz füllen sondern auch noch erweitern muss."

Ich lache. „Wenn ich nicht wüsste, dass du lieber was von mir willst", ich zwinkere ihr kurz zu, als sie mit den Augen rollt, „dann hätte ich dich wahrscheinlich versucht mit ihm zu verkuppeln. Ihr seid beide viel zu besessen von Eishockey. Hm." Ich ziehe die Stirn in Falten. „Dann wiederum wäre das irgendwie fies Quinn gegenüber gewesen", füge ich ohne nachzudenken an.

„Was?"

„Hm? Oh, gar nichts. Vergiss, dass ich das gesagt habe, es ist – ein Geheimnis, eigentlich."

„Ist Quinn in Nate verknallt?", fragt Brielle schließlich mit verschwörerisch leiser Stimme. Sie hat sich sogar näher zu mir gebeugt, als hätte sie Sorge, Nate würde sich im Kofferraum verstecken und uns belauschen.

„Von mir weißt du es nicht, klar?", sage ich. „Ich hab Quinn vielleicht unterstellt, dass Nate sein heimlicher Freund gewesen war und dann hat er irgendwie so nebenbei zugegeben, dass er ihn süß findet."

„Wie gibt man sowas nebenbei zu?"

„Na gut, vielleicht hab ich ihn ausgefragt und hab mich nicht abwimmeln lassen", gebe ich zu.

Brielle lacht. „Das klingt schon eher nach der Wahrheit." Sie lässt eine kurze Pause, in der sie sich wieder zurücklehnt, dann fragt sie: „Sollen wir die beiden verkuppeln?"

Ich verziehe das Gesicht. „Lieber nicht", erwidere ich. „Er hat gerade erst das ganze Lucas-Drama hinter sich", in mir verkrampft es sich unangenehm, als ich an Lucas denke, „ich glaube nicht, dass er es dann gebrauchen kann, wenn wir versuchen, Amor zu spielen. Außerdem", füge ich an, werfe ihr dabei einen vielsagenden Blick zu, „erkennt man sogar mit geschlossenen Augen, dass Nate nicht auf Jungs steht."

Im Rückspiegel kann ich sehen, wie Brielles Augenbrauen in die Höhe wandern. „Bist du dir sicher?", fragt sie. „Also, hat er dir das gesagt und du weißt es aus erster Hand oder stellst du nur eine Vermutung auf?"

„Ich meine, wenn man es so will, dann ist es nur eine Vermutung, aber – aber ich kenne Nate schon ziemlich lange!", füge ich an, als Brielle mich zweifelnd ansieht. „Ich glaube, ich weiß wie er so tickt."

Ein belustigtes Schnauben entkommt Brielle, bevor eine ihrer Hände ihren Weg an meine findet, daran entlanggleitet und schließlich auf meinem Bein liegen bleibt. Hitze kribbelt durch meine Haut. „Du weißt, wie er so tickt, aber weißt nicht, wie es um deine eigene Sexualität so steht?", fragt sie mit neckendem Unterton in der Stimme, der meine Wangen heiß werden lässt. „Das Spekulieren über die Sexualität von anderen sollten wir lieber bleiben lassen, nicht wahr?"

Ich seufze. „Schon klar, schon klar. Es würde mir nicht gefallen, wenn jemand das bei mir machen würde, hab's verstanden." Ich drehe ein wenig am Lautstärkeregler des Radios, damit die Pop-Musik lauter durchs Auto hallt. „Wobei ich dann auch gleich zugeben kann, dass ich nicht glaube, dass Nate so ein toller Fang wäre."

Brielle hebt die Augenbrauen, woraufhin ich die Lippen zusammenpresse. Sie schüttelt lächelnd den Kopf. „Und ich dachte, du würdest dir nichts aus Gossip machen."

„Wie jeder verantwortliche Teenager habe ich Gossip Girl geguckt", erwidere ich grinsend. „Eine gesunde Dosis Gerüchte muss auch mal sein. Außerdem darf ich das sagen, ich kenne Nate schon, bevor er ein Sport-Fanatiker war."

„Das hat damit wohl nicht viel zu tun, aber ich schätze, ich kann dir nicht großartig widersprechen."

Ich grinse triumphierend.

Wir verbringen die nächste Stunde damit, Gerüchte auszutauschen, uns über die Musik im Radio zu unterhalten und zum Spaß zu spekulieren, in welchem Jahr Austin den Mut haben wird, Zoe um ein Date zu bitten. Wir reden über so gut wie alles, außer den Elefanten im Raum. Brielles Mutter.

Ich weiß nicht, ob ich es wagen sollte, anzusprechen, was mir auf der Zunge brennt. Seit wir losgefahren sind, hat Brielle sich zwar sichtlich entspannt, aber zu sagen, dass sie vergessen hätte, wohin wir unterwegs sind, wäre unsinnig. Wahrscheinlich zählt sie in ihrem Kopf die Minuten, die auf dem Bildschirm des Navis zu sehen sind, während wir über die endlos lange Straße vor uns fahren. Wir sind bei Weitem nicht die einzigen, die sich dazu entschieden haben, Heiligabend dazu zu nutzen, um in eine andere Stadt zu fahren; dutzenden Autos begleiten uns auf der Strecke, von Single-Fahrern zu Familien mit Kindern, die auf iPads spielen oder schlafen, ist alles dabei. Ein paar Lastwagen biegen hier und da in eine der Abfahrten ein, um die umliegenden Kleinstädte zu befahren, ansonsten folgt ein Großteil den Schildern, die uns in Richtung der nächsten großen Stadt führen.

Es ist schon ewig her, seit ich St. Dorothea verlassen und so weit weggefahren bin. Das letzte Mal ist sicher schon mehrere Jahre her. Ich glaube, da war Quinns Vater noch am Leben und ist mit uns und seinen Stiefbrüdern in irgendeinen Vergnügungspark gefahren. Trotz der Anwesenheit der Zwillinge, kann ich mich daran erinnern, dass es ein guter Tag gewesen war. Sie waren nicht immer so schlimm gewesen.

Ich trommele mit den Fingern auf dem Lenkrad, als die Stille das Auto befüllt, nur durchbrochen vom Sound des Radios. Brielle blickt aus dem Fenster, aber ich kann in der Reflektion des Glases erkennen, dass ihre Augen immer wieder hin und her zucken, als würde sie nach etwas suchen. Auch ohne zu wissen, was sie auf dem Herzen hat, würde ich mir Sorgen um sie machen.

„Wie", fange ich vorsichtig an und räuspere mich leise, als sie den Kopf kaum merklich zu mir wendet, „war es, bevor – also bevor, du wusstest, dass – du weißt schon."

Es dauert lange, bis Brielle antwortet. Das kontinuierliche Geräusch der Reifen auf dem Asphalt hat sich wie ein dumpfes Pochen in meinen Ohren eingelassen, als ihre Stimme schließlich zu mir dringt. Sie redet zögerlich, aber sie redet. „Wir waren glücklich. Ich – ich weiß, dass es jetzt seltsam klingt, das zu sagen, aber so war es. Wir waren eine glückliche Familie und ich kann mich an kaum Dinge erinnern, die mich vor der ganzen Sache gestört haben."

Brielle lehnt den Kopf vorsichtig an die Scheibe und betrachtete mich mit einem Seitenblick, während ich die Augen auf der Straße halte. Sie lächelt, als ich einen raschen Blick wage.

„Mom hat viel gearbeitet", sagt sie. „Sie war – oder ist, ich weiß es nicht – Lehrerin an einer Grundschule. Sie hat immer Bilder mit nach Hause gebracht, die ihre Schüler ihr gemalt haben und davon erzählt, welche neuen Lehrpläne sie nach den Ferien mit den Kindern austesten will. Ich schätze, sie hat ihren Job geliebt, denn sie hat jede freie Minuten, die sie zuhause war, damit verbracht, Unterrichtsstunden für die Schüler zu planen. Sie hat sich meistens trotzdem noch Zeit genommen, um mit mir zu lernen, mich zum Training zu fahren oder mit meinem Dad zu kochen. Es ist ... es kommt mir manchmal unwirklich vor, dass sie tatsächlich Zeit dafür gehabt haben soll, neben ihrem Job und uns noch eine weitere Familie zu haben." Ihre Stimme hat ein bitteres Echo in sich, aber es verschwindet, als sie weiterredet. Ihre Augen verlassen mich nicht. „Sie hat es geliebt zu kochen", meint Brielle. „Meine Mom. Sie hat immer neue Rezepte ausprobiert und hat immer verlangt, dass Dad mit ihr gemeinsam kocht. Ich bin mir fast sicher, dass Dad es nicht wirklich leiden kann zu kochen, aber er hat nie gemeckert, wenn sie ihn dazu verdonnert hat, Kartoffeln zu schälen oder Gemüse zu schneiden. Während sie gekocht haben, hat sie immer die Musik viel zu laut angemacht, sodass ich nie die Kommentatoren im Fernsehen verstehen konnte. Und mitgesungen hat sie auch." Brielle lacht tatsächlich kurz auf. „Mom hat eine schreckliche Singstimme, aber das hat sie nicht aufgehalten. Sie hat zu jedem Lied mitgesungen, ob sie den Text wusste oder nicht. Es hat mich zwar manchmal wahnsinnig gemacht, wenn ich in Ruhe ein Spiel sehen wollte oder Hausaufgaben machen musste, aber es war auch irgendwie ... beruhigend, schätze ich. Wenn ich sie singen gehört habe, hab ich gewusst, dass sie glücklich war." Sie seufzt leise. „Im Nachhinein frage ich mich, wer wirklich dafür verantwortlich war, dass sie sie immer so glücklich war."

Ich versuche einen Grund dafür zu finden, dass sich jemand dieses Leben kaputt machen würde, aber mir will nichts einfallen. Sicherlich hat Brielles Mom irgendwie eine Begründung gehabt, ihre Familie zu hintergehen, aber was auch immer es ist, es kommt mir feige vor. Wie kann sie etwas aufgeben, das in Brielles Erzählung wie ein perfektes Leben klingt? Was kann sie aus einer geheimen Affäre bekommen, dass sie in ihrer Familie nicht bekommen konnte?

„Dad hat mir gesagt, dass es lange Zeit so ging", fährt Brielle fort. „Dass Mom sich lange Zeit komisch verhalten hat und er es auf den Stress in der Arbeit geschoben hat. Sie hat viele Extraschichten übernommen, hat sie gesagt, um zu erklären, wieso sie für mehrere Stunden nicht nach Hause kommt, sie hat uns gesagt, sie hätte mehrere Schulungen gehabt, die sie an Wochenenden in anderen Städten verbringen muss und wir haben es nicht hinterfragt, weil keiner von uns geglaubt hat, sie könnte uns je hintergehen. Ich ... ich weiß nicht, wie er es herausgefunden hat", fügt sie mit langsamerer Stimme an, „aber als er es hat, war er so unendlich traurig und ich bin so, so wütend geworden. Ich habe meine Gefühle mit aufs Eis genommen, habe Hockeyschläger zerbrochen, gegnerische Spieler ein wenig härter in die Bande gepresst und mich nicht darum gekümmert, wenn ich mit voller Geschwindigkeit ins Tor gefahren bin. Foul hin oder her, ich wollte einfach nur diese überschüssigen Emotionen aus mir pressen und es hat eine Zeitlang auch gut geholfen. Bis es dann nicht mehr genug war."

Ich warte, bis sie weiter redet, aber als sie schweigt und nur die Pop-Musik aus dem Radio vermischt mit den Reifen auf dem Asphalt das Auto mit Geräuschen füllen, blicke ich vorsichtig zu ihr. Eine Hand hat sie in den Schoß gedrückt, mit der anderen zupft sie an ihrer Haut herum, als würde es gar nicht mitbekommen. Ich unterdrücke ein besorgtes Stöhnen und richte den Blick wieder nach vorne. „Hast du je mit deiner Mom darüber gesprochen?", frage ich langsam. „Über – ich meine, was du gefühlt hast?"

Brielle schüttelt den Kopf und zu meiner Überraschung zerrt ein Lachen an ihren Mundwinkeln. „Wie könnte ich?", erwidert sie, den Blick starr geradeaus. „Jedes Mal, wenn ich auch nur daran denken musste, was sie Dad angetan hat, bin ich so sauer geworden, dass ... keine Ahnung. Ich bin froh, dass ich nicht mit ihr reden musste, weißt du?" Dieses Mal dreht sie den Kopf zu mir. Ich kann im Rückspiegel ihre Augen sehen, tiefbraun und auf mein Gesicht gerichtet. Traurigkeit spiegelt sich darin wider. „Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn sie versucht hätte, sich zu erklären", sagt Brielle langsam und sie muss nicht aussprechen, was sie denkt, damit ich es verstehe.

Die Brielle, die ich kenne, neigt nicht wirklich zur Gewalt, aber ich weiß nicht, wie die Brielle vor einem halben Jahr das gesehen hat. Ich weiß nicht, ob sie etwas getan hätte, was sie heute bereuen würde. Ich will auch eigentlich nicht darüber nachdenken.

Die Vergangenheit ist geschehen und wir können sie nicht ändern, egal wie sehr wir uns an die Hoffnung klammern. Brielles Mutter hat betrogen. Quinns Dad ist gestorben. Ich kann nichts davon ändern, nichts wieder gutmachen, so sehr ich auch will. Ich hasse es, wenn Menschen, die mir wichtig sind, leiden, aber ich kann ihnen nicht den Schmerz nehmen.

Ich greife über den Sitz nach Brielles Hand, ziehe sie ein wenig zu mir, sodass sie aufhört, an ihrer Haut zu zupfen und drücke so fest zu, wie ich kann, ohne dass es wehtut. Es gibt so viele Dinge, die ich sagen könnte, so viel, dass ich wahrscheinlich sagen sollte, aber ich hoffe, dass Brielle versteht, dass ich nicht weiß, wie ich das tun soll.

Als ich erneut ihren Blick streife, ist er ein wenig wärmer. „Danke", sagt sie. „Für's Fahren."

Lächelnd drücke ich ein weiteres Mal zu, spüre, wie sie meine Hand ebenfalls hält, sich an meine Finger hängt, als wäre ich ein Rettungsseil. Sie ist warm. Brielle ist Wärme, die sich in mir ausbreitet. „Jederzeit."


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