22. Brielle

Ich habe mir eine fette Erkältung eingefangen, also müsst ihr mir jetzt alle schreiben, wie mega geil ihr dieses Kapitel findet, denn es ist der emotionale Klimax der Story und ich bin sehr stolz darauf ok!!!! Außerdem gibt es danach nur noch ein Kapitel und ich bin mir sicher, ihr wollt nicht, dass ich es umschreibe damit ein Unfall passiert.

Oder doch???

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Edmonton sieht aus, wie ein altes Gemälde, das in meinen Erinnerungen hängt. Ich erkenne Straßen und Häuser, Cafés und Parks wieder, als wäre ich nie gegangen, aber gleichzeitig scheint ein Filter über der ganzen Stadt zu liegen, der es mir erschwert, mich wirklich an meine alte Heimat zu erinnern. Es ist ein halbes Jahr her, dass ich das letzte Mal hier war, ein halbes Jahr, seitdem ich den Asphalt berührt und in den Himmel geblickt habe, aber ich fühle mich nicht wie jemand, der zu einem vertrauten Ort zurückkehrt.

Es fühlt sich an, als wäre ich eine Fremde in meiner Heimat. Ich erkenne alles wieder, und doch fühlt es sich an, als wäre ich nie hier gewesen. Als hätte ich Edmonton nur aus Bildern gekannt und würde jetzt das erste Mal in der Stadt sein, in der großgeworden bin.

Ich weiß nicht, was es ist, aber hier zu sein, lässt mich erschaudern.

Dank des Navis findet Avery sich in der Stadt zurecht und lotst uns durch die Straßen und Gassen, bis wir unser Ziel erreichen. Das Krankenhaus thront in meinem Blick in die Höhe, baut sich bedrohlich vor uns auf, während Avery nach einem freien Parkplatz sucht. Das Radio ist aus. Es ist still. Nur der Motor spricht.

Die Geräusche um uns sterben, als wir parken. Über uns steht der Himmel in einem hellen Grau, gespickt mit düsteren Wolken und dem Versprechen nach Regen, doch noch ist es trocken. Die gesamte Fahrt über hat weder Regen noch Schnee versucht uns von der Straße zu bringen, aber jetzt, da wir unser Ziel sicher erreicht haben, scheinen sich die Naturgewalten gegen uns zu wenden. Ein bedrohliches Brummen erklingt irgendwo am Horizont, abgeschwächt durch die Fensterscheiben, aber es reicht, damit ich erneut erschaudere.

Ich presse die Hände zusammen. Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich Menschen über den Parkplatz laufen, sehe Autotüren auf und zu gehen, Kinder an den Händen ihrer Eltern, Hunde, die sich gegen die Leinen bäumen. Ich sehe, wie die Stadt existiert, ohne dass ich atme und sinke zusammen.

„Die Besuchszeit endet bald", sagt Avery, durchbricht damit die Stille, die uns eingehüllt hat und vertreibt sie wie einen Geist. „Wenn du ... ich meine, wenn du deine Mom heute noch sehen willst, dann müssen wir jetzt rein."

Sie drängt mich nicht. Sie gibt mir keinen Schubs, damit ich die Tür öffne und in die kühle Luft treten, sie wartet. Wartet, bis ich atme, wartet, bis ich rede.

Wartet, bis ich mich finde.

„Es ist", fängt sie an, bricht ab. Sie holt Luft. „Es ist seltsam, dich so zu sehen", sagte sie schließlich.

Mein Blick bleibt gesenkt. Wenn ich den Kopf hebe, dann muss ich mein Spiegelbild in der Scheibe sehen, muss sehen, wie lächerlich ich mich versuche möglichst klein zu machen, als würde das irgendwas bringen. Ich bin mir nicht einmal sicher, vor wem ich mich verstecken will.

„Du musst nicht reingehen", sagte Avery. „Wenn du es wirklich nicht willst, dann drehen wir um und tun so, als wären wir nie hier gewesen. Aber", ihre Stimme bricht ein wenig, „ich glaube wirklich, dass es gut für dich wäre. Wenn du ..." Sie lässt den Rest unausgesprochen.

Blindlings taste ich nach ihrer Hand und finde sie, als sie ihre Finger mit meinen verschränkt. „Ich will sie sehen", sage ich mit matter Stimme, auch wenn ich meinen eigenen Worten nicht wirklich traue. „Ich muss sie sehen."

„Dann los", erwidert meine Freundin, drückt meine Finger, ehe sie mich vorsichtig loslässt. Kalte Luft strömt ins Auto, als sie die Tür öffnet. „Es wird spät."

Ich blicke auf die Uhr im Radio, doch mein Kopf ist voll mit Nebel, sodass ich die Zeit nicht lesen kann. Schwerfällig schlucke ich, bevor ich die andere Tür öffne, aussteige und sie wieder zuschlage, bevor ich mich anders entscheiden kann. Der Parkplatz schwankt ein wenig unter meinen Füßen. Die Welt dreht sich für einen Moment zu schnell. Ich halte mich am Dach fest, damit ich nicht falle.

Avery stellt sich neben mich, greift nach meiner Hand. Sie zieht mich zum Gebäude.

Nein, geleitet mich. Meine Füße laufen von allein. Ich muss mich nicht zwingen, ich muss nur mein Tempo finden. Ich habe keine Angst, meine Mom zu sehen.

Vage kann ich mich daran erinnern, in diesem Krankenhaus schon einmal gewesen zu sein, doch ich kann nicht ganz zuordnen, wieso. Vielleicht war es, als ich mir das Bein gebrochen habe, als ich acht war. Oder als meine Großmutter wegen einer Lungenentzündung eingeliefert wurde. Ich weiß nur, dass ich mich an die weißen Wände und das in weiß gekleidete Personal erinnern kann. Ob sie mir bekannt vorkommen, kann ich dabei nicht sagen. Die Gesichter verschwimmen ein wenig, wann immer wir an jemandem vorbeilaufen.

Avery führt mich, den Pfeilen und Aushängen folgend, an einem Wartezimmer vorbei, in dem ein paar Leute darauf warten, aufgerufen zu werden, vorbei an einem Wasserspender mit einem überfüllten Mülleimer daneben, bis sie ein paar Meter vor dem Empfang stehen bleibt. Ein großer Pfeil auf dem Boden zeigt direkt auf die Annahmestelle, an der eine Frau mit grau melierten Haare und sehr viel Augen-Make-Up sitzt. Irgendwo in einer anderen Etage klingelt ein Telefon und ich kann das leise Plingen der Fahrstuhltüren hören, die auf und wieder zugehen.

„Du musst dich anmelden", sagt meine Freundin zu mir. Sie lässt meine Hand los, aber die Wärme bleibt auf meiner Haut bestehen.

Mir wird klar, was sie vorhat, als ich zwei Schritte auf den Empfang zugegangen bin. Ich drehe mich um. „Du kommst mir, oder?"

„Oh." Avery sieht mich überrascht an. „Soll ich denn?"

„Natürlich. Ohne dich wäre ich gar nicht erst hier." Ich warte, bis sie wieder neben mir ist, dann wende ich mich an die Dame am Empfang. „Ah, Hi."

Mit einem erwartungsvollen Blick hebt sie den Kopf. „Wie kann ich euch helfen?", fragt sie.

„Ich", fange ich an. Die Worte bleiben mir im Hals stecken. Tief hole ich Luft und versuche mir vorzustellen, dass irgendwo über mir meine Mutter liegt. „Ich würde gerne meine Mutter besuchen, Annabell Taylor. Man hat mir gesagt, sie würde hier sein."

Die Empfangsdame tippt etwas auf der Tastatur ihres Computers ein – wahrscheinlich Moms Namen -, dann sagt sie: „Ich muss Sie bitten, sich auszuweisen."

Es muss an ein Wunder grenzen, dass ich das Haus nicht ohne mein Portemonnaie verlassen habe, denn sonst würde ich jetzt ohne Ausweis dastehen. Mit vor Aufregung zitternden Fingern krame ich meinen Schülerausweis hervor, dazu meinen Personalausweis und, weil ich nicht weiß, was die Frau noch alles sehen will, auch meinen Bibliotheksausweis. Ich schiebe alles über die Theke.

„Eins reicht aus, Danke", erwidert sie, greift sich den Personalausweis und lässt den Rest liegen. „Was ist mit Ihnen?"

„Oh, ich", Avery knetet mit den Händen unterhalb des Empfangs, „ich gehöre nicht zur Familie, ich –"

„Sie muss mit rein", unterbreche ich. „Avery gehört zur Familie."

Avery blickt mich mit einem überraschten, gerührten Blick an, aber die Empfangsdame redet vor ihr weiter: „Das ist schön und gut, aber solange sie nicht wirklich Teil der Familie ist, kann ich sie nicht reinlassen. So sind die Regeln, tut mir leid."

„Das ist schon okay", sagt Avery, bevor ich den Mund öffnen kann. „Ich kann vor der Tür warten, oder? Ich würde gern in Brielles Nähe bleiben, wenn's möglich ist."

Die Frau am Schalter schüttelt kaum merklich den Kopf und sagt etwas, das ich nicht verstehe, dann spricht sie etwas lauter: „Dann weisen Sie sich bitte auch aus. Sie können Miss Taylor begleiten, müssen aber außerhalb des Zimmers der Patientin warten."

Ein erleichtertes Lächeln fällt auf ihre Lippen, bevor Avery ebenfalls ihren Ausweis hervorholt und der Frau gibt. Sie schenkt mit einen aufmunternden Blick, während wir warten.

Das kontinuierliche Tippen der Tastatur klingelt in meinen Ohren. Die Frau am Schalter ist damit beschäftigt, unsere Daten in ihren Rechner zu übernehmen und ich bin damit beschäftigt, meinen Atem zu regulieren. Es dauert nur ein paar Minuten bis sie uns unsere Ausweise zurückgibt, aber für mich hat es sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Meine Beine bohren sich in meinen Körper. Einhundert Satzanfänge schwimmen in meinem Kopf und nichts fühlt sich gut genug an, nichts spricht wirklich aus, was ich fühle. Wie soll ich Mom gegenübertreten, wenn ich nicht einmal weiß, was ich sagen soll?

„Bitteschön." Die Empfangsdame schiebt uns zwei Papiere entgegen. „Das sind Ihre Besucherpässe. Fahren Sie mit dem Fahrstuhl auf der linken Seite in die dritte Etage, dann folgen Sie dem Gang. Ihre Mutter befindet sich in Zimmer 305, eine Kollegin sollte sich derzeit in der Nähe befinden und kann Ihnen zur Not den Weg zeigen." Während sie redet, deutet sie mit der Hand in die Richtung, in die wir gehen sollen, als hätte sie Angst, wir könnten uns nicht an die Anweisungen halten oder hätten die großen Schilder übersehen, die überall aushängen.

„Vielen Dank", sagt Avery, zieht beide Besucherpässe zu sich, ehe sie unsere Ausweise verstaut. Sie drückt mit vertrauter Wärme gegen meine Hüfte.

„Ich weiß nicht, ob ich allein rein kann", sage ich leise, als wir uns in Richtung Fahrstuhl bewegen.

Avery schenkt mir ein sanftes Lächeln und einen beschatteten Blick, bevor sie einen Finger im Stoff meiner Jacke verhakt. „Ich kann dir sowieso nicht helfen", erwidert sie. „Was auch immer du deiner Mutter sagen willst, ich kann es dir nicht vorsagen. Das musst du leider allein wissen, Brielle."

Ich seufze, was im Klingeln des Fahrstuhls untergeht, als er mit einem sanften Ruck zum Stehen kommt. Die Türen gleiten zur Seite auf und wir drücken uns schnell aus dem Weg, als eine in weiß gekleidete Krankenschwester mit einem fahrbaren Metallregal voller Akten und Dokumenten aussteigt. Sie beachtet uns nicht.

„Komm." Avery zieht mich mit dem verhakten Finger mit sich, wartet, bis die Türen sich wieder geschlossen haben, dann drückt sie auf den Knopf für die dritte Etage. Es ruckt erneut und der Fahrstuhl gleitet kaum spürbar nach oben. „Du weißt, ich werde dich nicht zwingen, in dieses Zimmer zu gehen und zu reden, aber ich glaube wirklich, dass du es brauchst. Wenn es", sie holt Luft, „wenn es wirklich deine letzte Chance ist, dann kann es dir helfen, wenn du dir wenigstens einmal alles von der Seele reden kannst."

„Ich weiß, ich weiß", brumme ich fast missmutig. „Warum musst du auch so rational und unterstützend sein?"

Sie schnaubt. „Jahrelange Erfahrung. Es hat meinen Charakter immens geformt, dass ich mich die ganze Zeit um Quinn sorgen muss, jetzt mache ich das beinahe schon im Schlaf und kann es nicht mehr abstellen. Du musst da durch. Sorry", fügt sie an, auch wenn ich weiß, dass sie es nicht so meint. Ihre Augen verraten sie.

Ich schüttle den Kopf. „Nicht", entgegne ich, als eine mechanische Stimme innerhalb des Fahrstuhls ankündigt, dass wir in der dritten Etage angekommen sind. Ein Ruck, sanftes Stehenbleiben, dann gleiten die Türen auf. Wir treten in einen Gang, wie ich ihn bestimmt schon einhundert Mal in Krankenhaus-Sendungen gesehen habe. Beinahe erwarte ich Filmequipment an den Wänden und einen Regisseur, der lauthals: „Cut!", ruft, weil wir in seine Szene gelaufen sind.

Niemand ruft: „Cut!" Stattdessen ist die Luft mit Geräuschen gefüllt, die alle übereinanderfallen und sich nur nach eingingen Sekunden zuordnen lassen. Stimmen, die Anweisungen rufen, das stete Piepen von Herzmonitoren, die ratternden Reifen von umhergefahrenen Patienten und Metallregalen, Schritte und das beinahe lautlose Summen der Heizung. Es ist nicht wirklich warm genug, damit ich meine Jacke abstreifen will, aber es ist nicht mehr eisig, wie der Winter, der draußen herrscht und Schneebilder auf die Fenster gemalt hat.

„Ich glaube, wir müssen hier lang", sagt Avery und deutet auf eins der Schilder, die neben den vielen Türen in den Wänden hängen. Hinter dem glänzenden Plastik, das das Licht der Neonröhren an der Decke reflektiert, entdecke ich die Nummer 342, sowie eine etwas darunter liegende Halterung, in der eine Akte steckt. Vielleicht Informationen zum Patienten, der im Zimmer liegt. Eine Tür weiter befindet sich die Nummer 340 hinter dem Plastik. Auf der anderen Seite, schräg zwischen 342 und 340 befindet sich Zimmer 341.

Ich protestierte nicht, als Avery weitergeht und ich erneut von ihr mitgezogen werde. Meine Füße werden mit jedem Schritt schwerer, sind in Blei getunkt und sinken in den weiß-beigen Boden. Die Erwartung klebt wie dicker Honig in meinem Hals. Perlen benetzen meine Stirn, feucht und klein und glänzend. Ein Atemzug entkommt mir zitternd, den nächsten halte ich inne.

Avery wartet nicht, bis mein Körper sich an die bevorstehende Konfrontation gewöhnt hat, sondern zieht mich weiter den Gang. Zimmer 337 und 335 fließen an uns vorbei, die Zahlen verschwimmen in meinem Blickwinkel für einen Moment, dann sind wir bei 329 angelangt.

Ich schlucke schwer. Atme schwerer. Schließe die Augen und befehle meinen bleischweren Beinen weiterzugehen.

Eine Stimme, die nicht zu meiner Freundin gehört, lässt mich aufblicken. „Kann ich euch helfen?"

Die Frau, zu der die Stimme gehört, steht mit einer Akte in einem goldbraunen Umschlag vor einer offenstehenden Tür. Sie trägt ebenfalls weiß, wie alle anderen auch, wodurch sie sich sehr gut in das Bild des Krankenhauses einfügt. Sie blickt uns fragend und abwartend an.

„Wir sind Besucher", sagt Avery. „Wir wollen zu –"

„Wir wollen Zimmer 305 besuchen", unterbreche ich sie abrupt, werfe ihr einen entschuldigenden Blick zu. „Meine Mutter liegt dort."

Die fragende Miene der Frau weicht auf. „Ich verstehe. Kann ich einen Blick auf eure Besucherpässe werfen?", fragt sie, wobei sie nicht so klingt, als würde sie glauben, wir wären irgendwelche Unruhestifter.

Avery löst ihren Finger aus meiner Jacke, geht einen Schritt voran und hält sie ihr hin. „Ich werde draußen warten", erklärt sie der Frau. „Keine Familienverbindung."

Nickend reicht die Frau ihr die Pässe zurück. Sie schließt die Akte, die in ihrer Hand liegt, klemmt sie sich unter den Arm und sagt: „Das Zimmer ist gleich hier vorne. Du", sie blickt zu Avery, „kannst hier warten." Mit einer Hand deutet sie auf eine Nische in der Wand, in der zwei unbequem wirkende Stühle stehen. Graues Plastik auf schwarzen Metallröhren. Die Sitzfläche ist sichtbar abgenutzt. Ähnliche Stühle befinden ich den ganzen Gang über verteilt.

Avery nickt. „Ich bleibe hier, okay?", sagt sie an mich gewandt, ihre warmen Finger streifen für einen Moment meine kalte Hand.

Ich nicke ebenfalls, denn ich traue meiner Stimme nicht zu brechen, wenn sie mich jetzt ansieht. So viele Gefühle, so viele Emotionen brodeln gerade in mir, ich weiß nicht, ob nicht alles direkt herausplatzt, wenn ich den Mund öffne.

Avery lächelt, als würde sie verstehen, was in mir vorgeht. Sie geht an mir vorbei und setzt sich einen der Stühle. Ihr Blick geht wieder zu mir. Bleibt. Hält mich fest und am Boden, obwohl die Welt sich weiterdreht.

„Möchtest du vielleicht etwas Wasser?", fragt die Krankenpflegerin mich, als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkt. Als ich rasch nicke, lächelt sie mich an. „Einen Moment." Sie betritt das Zimmer, vor dem sie gestanden hat, das, wie ich jetzt bemerke, keine Nummer sondern ein Schild mit der Aufschrift „Zutritt nur für Mitarbeiter – Lager 3B", besitzt. Es ertönt ein leises Gurgeln und Glucksen, dann tritt sie keine Minute später wieder aus dem Zimmer und reicht mir einen mit kaltem Wasser gefüllten Papierbecher.

„Danke", presse ich mit trockener Zunge hervor, bevor ich das Wasser in einem Zug leere. Kühl fließt es meine Kehle hinab, erfrischt mich von innen. Es hilft nicht, damit das Zittern aufhört, aber es hilft. Das ist genug.

„Liebend gern." Sie nimmt mir den leeren Becher ab, wirft ihn um eine Ecke in den Raum (ich vermute einen Mülleimer, der außer Sichtweite liegt), dann bedeutet sie mir, dass ich ihr folgen soll. Ihre Schritte sind überraschend schnell, überraschend resolut, als sie den Gang entlangläuft und nicht wartet, um sich zu vergewissern, dass ich auch wirklich hinter ihr bin. Der Weg zum Zimmer meiner Mutter ist kurz, aber es fühlt sich trotzdem so an, als würde ich einen Marathon laufen, dessen Ziel immer wieder ein wenig in die Ferne rutscht. Die Tür ist in Greifweite und dann doch wieder viel zu weit entfernt. Ich kann die Zahlen lesen. Ich kann sie nicht lesen. Die Pflegerin bleibt vor der Tür stehen. Die Pflegerin läuft eine halbe Ewigkeit.

Ein elektrischer Stoß geht durch meinen Körper, als die Frau ihre Hand an die Klinge legt. Anstatt die Tür zu öffnen, dreht sie den Kopf zu mir. „Studien", sagt sie langsam, „haben gezeigt, dass Menschen in komatösen Zuständen hören können, was um sie herum geschieht. Es ist eine gute Idee, wenn du mit deiner Mutter reden würdest, auch wenn es so aussieht, als könnte sie dich nicht hören. Manchmal zeigen die Werte einen Anstieg der Frequenzen, wenn sie Stimmen von geliebten Menschen vernehmen, als würden sie von allein versuchen das Koma zu bekämpfen. Rede mit ihr, erzähl dir alles von der Seele, okay?" Sie schenkt mir ein Lächeln, eines der sympathischen, aber mitleidigen Sorte, die ich eigentlich verabscheue.

Ich hasse es nicht. „Danke", sage ich mit trockenem Mund.

„Ich bin noch eine Weile auf der Ebene. Wenn irgendwas ist, dann frag einfach." Sie öffnete die Tür für mich, tritt einen Schritt zur Seite und deutet mit einer einladenden Geste, dass ich eintreten soll.

Ungewissheit überkommt mich. Ungewissheit und Angst und Wut. Nur ein paar Schritte entfernt liegt die Frau, die mein altes Leben ruiniert hat und ich werde sie in wenigen Sekunden sehen können. Meine Hände zittern. Ich nicke.

Die Pflegerin wartet, bis ich das Zimmer betreten habe, dann geht sie davon, ihre Schritt ein leises Echo in meinen Ohren.

Was auch immer ich erwartet habe, es ist anders und doch genau das Bild, das ich mir die Fahrt über ausgemalt habe. Ein Bett mit hellen Laken füllt den Großteil des Raumes aus, durch ein halb von Lamellen verdecktes Fenster scheint der letzte Rest Tageslicht hinein, ein Monitor mit dutzenden Werten, Zahlen, Linien und Symbolen, die ich nicht verstehe, steht neben dem Bett. Schläuche führen von einer kompliziert aussehenden Maschine in einen reglosen Arm, der meinem sehr ähnlich sieht. Ein paar Schrammen bedecken die Haut.

Moms Gesicht ist wie in meiner Erinnerung. Ihre kräftige Nase, das flüchtende Kinn, die dichten, dunklen Locken, die ihr wild in die Stirn fallen. Ihre Augen sind geschlossen, aber ich weiß, dass sie hellbraun sind. Ein Verband reicht unter der Decke bis zu ihrem Schlüsselbein, ein anderer bedeckt Teile ihres Unterarms, lässt die Finger aber frei. Ich kann die Reste ihrer Maniküre entdecken, lange, falsche, orangefarbene Nägel.

Der Nagel am Zeigefinger ist abgebrochen und entblößt damit den farblosen echten Nagel darunter. Kein dunkelroter Lippenstift bedeckt ihren Mund, kein Puder ihre Wangen. Die Lider sind farblos. Überall Haut und Haare. Sie sieht aus wie immer und doch so anders, als wäre sie eine fast identische Kopie meiner Mutter.

Meine Mutter. Ich schlucke schwer und gehe einen Schritt auf die Frau im Bett zu. Sie rührt sich nicht. Atmet langsam. Mit jedem Atemzug erscheinen neue Linien und Symbole auf dem Monitor. Eine Maske, die an einem Atemgerät hängt, ist lose um einen Maschinenarm gehangen, sodass man sie im Notfall direkt an Moms Mund anbringen kann. Ein Tropf steht hinter dem Bett, der Schlauch dazu geht direkt in ihre Armbeuge, wo die Einstichstelle mit Pflastern gehalten wird.

Mom hasst Nadeln.

„Hi", bringe ich hervor, bevor ich den Mund zusammenpresse. Meine Stimme klingt rau und ich spüre, wie das Zittern in meinen Fingern stärker wird, sodass ich die Hände zu Fäusten balle. „Hi", sage ich erneut. „Hi Mom."

Sie reagiert nicht. Und ich weiß, dass sie es nicht tun wird, aber aus irgendeinem Grund macht es mich wütend. So wütend, dass ich den ganzen Weg zu ihr gefahren bin, um mit ihr zu reden und dann wird sie mir nicht antworten. Wird nur daliegen und zuhören und mich nicht wissen lassen, wieso sie es getan hat.

„Ich ... ich weiß nicht, wo ich anfangen soll." Es gibt keinen richtigen Weg, alles anzusprechen, was mir auf der Seele brennt, deswegen versuche ich es gar nicht erst. „Ich schätze, ich will, dass du weißt, dass es mir und Dad gut geht. Wir haben uns gut eingelebt und ich habe neue Freunde gefunden. Zum Beispiel Nate und Austin, aus dem Eishockeyteam. Naja, Austin jetzt nicht mehr. Er hat mir seinen Platz gegeben, weil der Couch mich nicht ins Team nehmen wollte. Ist 'ne lange Geschichte. Dann sind da noch Zoe und Finnley. Finnley ist auch im Team, Torwart. Und Zoe ist echt nett. Sie erzählt gern Gerüchte weiter und hat als einzige die Jungs im Griff. Sie hindert sie meist daran, dummen Unsinn anzustellen, auch wenn ich weiß, dass sie meistens lieber mitmacht, als es zu verhindern. Sie und Avery haben mir geholfen, zu versuchen den Coach zu überreden, Mädchen ins Team zu holen. Es hat zwar nicht so geklappt, wie wir uns das vorgestellt haben, aber immerhin bin ich jetzt im Team. Ich hab auch schon das erste Spiel gewonnen, indem ich mitspielen konnte. Ich hab dem Coach richtig bewiesen, was er für einen Fehler gemacht hat, mich nicht direkt mitmachen zu lassen." Einmal angefangen, kommen mir die Wörter förmlich aus dem Mund geflogen. Sie sprudeln hervor, sodass ich kaum Zeit habe, die Gedanken zu formen. Ich rede einfach.

„Dann sind da noch Quinn und Robin. Quinn ist – Er ist ein wenig zu ruhig für meinen Geschmack, aber er hat ein ziemlich schweres Familienleben. Ich will nicht ins Detail gehen, aber als ich seine Brüder kennengelernt habe, musste ich mich ziemlich zusammenreißen. Robin ist auch wirklich klasse. Ich weiß nicht, ob du weißt, was genderfluid bedeutet, aber Robin hat sich kürzlich erst als das geoutet und versucht sich jetzt an wechselnden Pronomen mithilfe von Armbändern, die Avery angefertigt hat. Sie", fange ich an, merke, wie mein Mund trocken wird und breche ab.

Ich blicke meiner Mutter ins Gesicht, die natürlich nicht reagiert. Sie atmet, sie liegt, sie lebt noch. Sie weiß vielleicht, dass ich da bin. Sie hört vielleicht alles. Ich hole einen tiefen Atemzug.

„Avery ist meine Freundin. Meine feste Freundin-Freundin", füge ich an. „Damit es keine Missverständnisse gibt. Ich bin seit Halloween mit ihr zusammen, da haben wir uns das erste Mal geküsst. Sie ist ... sie ist unglaublich. Ohne sie wäre ich jetzt wahrscheinlich nicht mal, um mit dir zu reden, also schulden wir ihr beide wohl etwas. Ich – Ich weiß nicht, ob du es vorher schon wusstest, aber ich bin auf jeden Fall bisexuell. Ich habe Avery wirklich gern, wirklich, wirklich gern. Mein Herz schlägt immer ein wenig schneller, wenn ich mit ihr zusammen bin und es gibt nichts Besseres, als ihre Hand zu halten. Ich", erneut stocke ich kurz, sammle meinen Atem zusammen, schließe kurz die Augen. „Ich bin eigentlich hier, weil ich nicht wusste, ob du – ich meine, ob wir noch einmal die Chance gehabt hätten. Zu reden. Eine Frau vom Krankenhaus hat angerufen und mir gesagt, du hättest einen Autounfall gehabt." Ich werfe einen Blick auf die Uhr, die an der Wand hängt. „Wohin warst du unterwegs? Es sind Ferien. Wolltest du – wolltest du deinen neuen Freund besuchen?"

Kälte dringt wie Eis in meine Stimme, als ich abbreche. Mom antwortet nicht, rechtfertigt sich nicht. Ich presse die Hände an meine Seite.

Vor dem Fenster fällt Schnee.

„Liebst du ihn?", frage ich mit wutbenetzter Stimme. „Liebst du ihn mehr als Dad?"

Natürlich bleibt der Raum ruhig. Lediglich der Monitor gibt leise Lebenszeichen von sich. Vielleicht versucht er anstelle meiner Mutter mir zu antworten. Der Drang, den Bildschirm wegzudrehen, wird stark und ich gehe sicherheitshalber einen Schritt zur Seite, sodass sich mein Blickwinkel auf meine Mutter verändert. Ich sehe jetzt, wie sich ihre Brust unter der Decke gemächlich hebt und senkt. Als würde sie schlafen. Ich könnte wirklich glauben, sie würde schlafen, wenn dort nicht die Schläuche und Verletzungen an ihrem Körper wären, die das stille Bild zerstören.

„Wenn du ihn liebst, wieso hast du es verheimlicht?" Ich muss nicht sagen, wen ich meine. Es ist beiden gegenüber gewesen, dass sie so lange geschwiegen hat. „Du hättest die Scheidung einreichen können, wenn du ihn mehr als Dad liebst", sage ich. „Dann hätte ich dich vielleicht nicht so sehr gehasst." Hassen ist übertrieben, merke ich, als ich es ausspreche. Ich hasse meine Mutter nicht. Aber ich weiß auch nicht, ob ich sie noch liebe. „Wir hätten uns trotzdem sehen können. Ich bin mir sicher, Dad hätte es verstanden, obwohl er verrückt nach dir ist. War."

Wie wäre mein Leben weitergegangen, wenn es so gewesen wäre? Wären wir in Edmonton geblieben und ich hätte jedes zweite Wochenende bei Mom und ihrem neuen Freund gewohnt? Ich hätte trotzdem gesehen, wie sie in der Küche singt. Hätte zuhören können, wenn sie Unterrichtspläne für ihre Erstklässler zusammenstellt? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gewollt hätte, aber es wäre deutlich besser gewesen als das, was passiert ist. So habe ich zwar Avery kennengelernt, habe Quinn und Robin und Nate getroffen, aber es hätte so nicht sein müssen.

„Ich hab immer gedacht, als Erwachsener trifft man gute Entscheidungen", spreche ich langsam weiter. „Aber du hast – du hast so viele falsche Entscheidungen getroffen. Wieso? Wieso musstest du lügen und betrügen und Dad hintergehen? Wieso hast du mich hintergangen? Wie hast du uns das antun können?" Ich brauche Antworten. Ich spüre, wie mein Herz brennt, als würde jede Minute, ohne Antwort, einen weiteren Dolch in mein Fleisch jagen.

Meine Augenwinkel fangen an zu brennen. „Ich will dich so sehr dafür hassen, was du getan hast, aber ich kann es nicht. Ich kann dich nicht hassen, nicht, solange ich weiß, dass du mich großgezogen hast. Du hast an meinem Bett gesessen, als ich Albträume hatte. Du hast mir meinen ersten Eishockeyschläger gekauft. Du hast am lautesten bei meinem ersten Tor gejubelt. Noch lauter als Dad", füge ich an und ein Lachen entkommt mir bei der Erinnerung. Es ist mit unvergossenen Tränen getränkt.

Lauthals ziehe ich die Nase hoch und wische mir mit dem Ärmel übers Gesicht. „Ich verstehe einfach nicht, wie du es tun konntest. Ich hab versucht, einen Grund zu finden, der es erklären würde, der mir zeigen würde, dass du im Recht warst, als du uns verraten hast, aber ich finde keinen. Ich weiß nicht, ob es einen gibt, aber wenn ja, dann will ich ihn nicht mehr wissen. Mittlerweile bin ich viel zu zufrieden damit, dich aus meinem Leben verbannen zu können." Erneut balle ich die Hände zu Fäusten. „Es sind nur noch Dad und ich und das reicht. Wir brauchen dich nicht."

Selbst wenn Mom wach wäre, könnte sie mir nicht sagen, ob das wahr oder falsch war. Ich war mir selbst nicht ganz sicher, ob ich es nur sagte, weil ich wütend war, oder ob ich es wirklich so meinte, aber wenn mir die letzten Monate eines gezeigt hatten, dann dass ich auch ohne sie aufkomme. Die Zeit, in der ich eine Mutter hatte, ist jetzt vorbei. Vielleicht wird sie nie wiederkehren.

Unweigerlich muss ich an Avery denken, die nur mit ihrer Mutter lebt, oder an Quinn, der nur seine Stiefmutter hat. Robin nur mit Robins Vater. Vielleicht ist das der Weg, den die Natur gehen soll. Ein Elternteil. Es ist wie Zellteilung, denke ich trüb. Haben die Eltern ihren Zweck erfüllt, teilen sie sich und lassen ihre Kinder zurück. Wer weiß schon, ob es nicht so sein soll?

„Wenn ich heute zurück nach St. Dorothea fahre", sage ich mit wankender Stimmlage, die sich nicht ganz entscheiden kann, ob sie säuerlich leise oder emotional zitternd sein will, „dann war es wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich dich gesehen habe. Ich", die Wörter bleiben mir in der Kehle stecken, zusammengefasst zu einem dicken Kloß, den ich nicht schlucken und nicht herauswürgen kann.

Ich will dich nicht mehr sehen, denke ich. Ich will nicht mehr an dich denken müssen, weil ich dann nur wütend werde und ich will nicht wütend sein, wenn ich an meine eigene Mutter denken muss. Wieso? Wieso musstest du es alles ruinieren und unser Leben verändern?

„Du bist egoistisch", presse ich hervor, den Rest meiner Gedanken für mich behaltend. Ich würde sowieso keine Antwort bekommen. Keine, die mich befriedigt. „Du hast an dein Glück gedacht und dabei das von mir und Dad mit Füßen getreten. Ich bin mir sicher, wir hätten es verstanden, hätten", ich schlucke schwer, „hätten eine Lösung gefunden. Aber du hast uns alles abgenommen und dein Glück an erster Stelle gestellt, egal was für Schmerzen du damit anderen bereitet hast."

Ich schüttele den Kopf, mein Blick dabei die ganze Zeit auf das regungslose Gesicht meiner Mutter gerichtet. Die winzigen Anzeichen, die ich suche, dass sie mich hört und dass sie es bereut, was sie getan hat, finde ich nicht. Kein hektisches Zucken hinter den geschlossenen Lidern, kein Kratzen der Finger auf dem rauen Laken, nicht einmal ein winziges Zucken der Mundwinkel. Sie liegt und vielleicht hört sie mich, aber sie sagt nichts.

Es ist egal, ob sie etwas sagen will oder nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es hören will. Sie hatte ein halbes Jahr lang Zeit, sich bei mir zu melden und zu erklären, warum sie es getan hat, und in diesem halben Jahr hat Stille das Telefon regiert. Sie hat nicht angerufen. Sie hat nicht geschrieben. Keine SMS, keine E-Mail, keinen Brief, nichts. Wenn sie jetzt etwas zu sagen hat, dann will ich es nicht hören.

„Das war alles, was ich sagen wollte." Die Worte schmerzen in meinem Mund, stechen wie Nadeln auf meiner Zunge und lassen meine Kehle brennen. Die Tränen, die ich die ganze Zeit versucht habe, zurückzuhalten, fallen endlich. Meine Wangen sind feucht, als ich sage: „Leb wohl, Mom. Ich hoffe, du wachst wieder auf und ich hoffe, du hast ein schönes Leben. Ohne uns."

Ich drehe mich so schnell auf der Stelle um, dass mir kurz schwindlig wird, aber ich weiß nicht, ob ich es wirklich in mir habe, zu gehen, wenn ich weiterhin auf das fast leblose Gesicht meiner Mutter blicke. Mir kommen erneut die Tränen, aber ich fühle mich auch seltsam befreit. Ich drücke den Rücken durch, straffe die Schultern. Das Gewicht, das ich überhaupt nicht gespürt habe, ist von mir gefallen.

Beinahe lache ich. Natürlich hatte Avery Recht. Wie konnte ich auch an ihr zweifeln?

Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht, gehe mit zwei festen Schritten auf die Tür zu, lege eine Hand an die Klinke und – warte. Für mehrere Augenblicke, vielleicht mehrere Minuten, bleibe ich stehen und warte. Die dumme, unsinnige Hoffnung, dass eine Stimme aus dem Zimmer mich aufhalten würde, erlischt. Kopfschüttelnd öffne ich die Tür und gehe zurück in den Gang.

Avery steht sofort auf, als sie mich sieht. Rasch kommt sie auf mich, ihre warme Hand findet den Weg an meinen Arm. Sie fragt nicht, wie es mir geht oder sonst was, sondern sieht mich einfach nur an. Einen Moment lang schaut sie nur, dann lächelt sie, als ich langsam nicke. „Ich bin stolz auf dich", sagt sie.

„Danke", erwidere ich mit erstickter Stimme.

„Sollen wir zurückfahren?", fragt sie.

Ich runzle die Stirn, als ich den leichten Zwang in ihren Worten raus höre. „Was ist?"

Avery holt Luft, seufzt und nickt dann in Richtung der Fahrstühle. Sie hat unsere Besucherpässe fest in der anderen Hand umschlossen, sodass das Papier knittrig und angerissen ist. „Meine Mom hat angerufen", murmelt sie. „Sie war ... sagen wir, sie war nicht gerade glücklich, dass ich dreihundert Meilen mit dem Auto gefahren bin, ohne sie vorher zu fragen."

Ich sauge scharf die Luft ein und bleibe stehen. „Lass mich mit ihr reden", sage ich sofort. „Ich klär das! Es war nicht deine Schuld, es ist –"

„Schon gut", unterbricht Avery mich sanft. „Ich wusste, dass sie es irgendwie herausfinden wird und ich war drauf vorbereitet." Sie lächelt mich an, als ich sie schockiert anblicke. „Oh bitte, guck nicht so. Ich würde es wieder für dich tun, Brielle. Außerdem hab ich ihr nicht gesagt, wieso wir hier sind. Sie glaubt wahrscheinlich, wir würden einen Weihnachtsausflug machen oder so." Avery zuckt kurz mit den Schultern, dann geht sie weiter. „Was ist schon ein wenig Hausarrest, wenn ich dir dafür helfen konnte?"

Wärme durchflutet mich, warme, lodernde Hitze brennt in meinem Bauch und füllt meinen gesamten Körper aus, als ich das Mädchen ansehe, das einen Schritt vor mir geht. Ich strecke die Hand aus und zwinge sie damit zum Stehenbleiben. „Du bist unglaublich", sage ich.

Sie lacht. „Ich weiß."

Mitten auf dem Krankenhausgang ziehe ich ihr Gesicht zu mir und küsse sie, in der Hoffnung, dass ich ihr damit meine gesamte Wärme teilen kann, dass ich ihr alles sagen kann, was ich fühle, ohne meine Stimme zu nutzen. Ihre Hand schließt sich um meinen Arm, als sie mich ebenfalls küsst, ihr warmer Atem streift meine Lippen. Es ist morbide, es ist ein wenig unsensibel, glaube ich, aber ich grinse in den Kuss hinein, trotz Krankenhausgang. Ich küsse Avery, bis ich keine Luft mehr habe, dann löse ich mich von ihr. Ihre Augen glänzen, als hätten sie gerade die Geburt eines Universums gesehen. Ich bin mir sicher, dass ich Sterne in ihnen erkennen kann.

Die Welt hat nicht aufgehört, sich zu drehen, als ich meine Mutter gesehen habe, die Welt hat nicht aufgehört, sich zu drehen, als ich alles gesagt habe, was sich in mir aufgestaut hat, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Welt aufgehört hat, sich zu drehen, als ich Avery geküsst habe.

Geräusche fangen erneut an, in meinen Ohren zu klingeln, ich kann den Boden unter mir spüren, kann die klimatisierte Luft fühlen, wie sie über meine Haut streicht. Das Leben geht weiter.

Auch meins.

Auch ohne Mutter.

Ich nehme Averys Hand und folge ihr aus dem Krankenhaus.


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